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Barbara Niemann: Wo seid ihr denn alle? Geschichte einer Demenz

Rezensiert von Gerd Schneider, 05.11.2009

Barbara Niemann: Wo seid ihr denn alle? Geschichte einer Demenz. Amelung Verlag (Steinhagen) 2008. 131 Seiten. ISBN 978-3-9811878-4-7. 14,80 EUR.

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Autorin

Barbara Niemann, Jahrgang 1943, lebt seit 2005 als freie Autorin in Steinhagen/Westfalen. Sie studierte an der Pädagogischen Hochschule Paderborn. 1967 trat sie in den Schuldienst ein und unterrichtete die Fächer Deutsch, Englisch und katholische Religion.

Entstehungshintergrund

Zehn Jahre lang führte die Autorin Tagebuch über die Demenz-Erkrankung ihrer Mutter. Das habe ihr geholfen, schreibt sie im Vorwort, ihre Rolle als Betreuerin zu reflektieren und ihrer Mutter-Tochter-Beziehung ins Reine zu kommen.

Die Mutter verändert sich

„Ich muss mich um meine Mutter kümmern“, heißt eine der ersten Kapitelüberschrift des Buches. Und darin liegt zum einen eine Verpflichtung, aber auch ein Zwang, der künftig das ganze Leben der Tochter beherrschen wird. Der Vater, an dem sie sehr hing, ist vor einigen Jahren gestorben. Lisbeth, ihre Mutter, kam eine Weile mit dem Alleinsein gut zurecht. Einige Jahre konnte sie sich noch selbst versorgen. Die Tochter Barbara konnte ihrem Schuldienst nachgehen, brauchte sich keine Sorgen zu machen, zumal ihre Bindung an die Mutter ohnehin nicht sonderlich eng war. Doch dann zeigt sich, dass sich die Mutter langsam verändert. Wie viele Menschen, die sich in ähnlicher Situation befinden, wird das eine Weile verdrängt: Die zunehmende Vergesslichkeit, die Aggressivität der Mutter, die Abschirmung vor der Umwelt, die Unfähigkeit, mit dem Alltag zurecht zu kommen – all das könnte nur eine Alterserscheinung sein. Auch der Hausarzt vermutet Durchblutungsstörungen, eine zunehmende Diabetes. Die Krankenhausaufenthalte beginnen.

„Barbara, du packst das schon!“ macht machen ihr die Lehrerinnen und Lehrer an ihrer Schule Mut, als sie Unruhe der Kollegin bemerken. Sie versucht, in den Unterricht abzutauchen, die Gedanken an die Veränderung, die mit der Mutter vorgeht, zu verdrängen. Es geht nicht. Das „hirnorganische Psychosyndrom“ wie die Diagnose für Lisbeth lautet, zwingt zum richterlichen Beschluss, wonach die Tochter Barbara Niemann zur „vorläufigen Betreuerin bestellt wird mit dem Aufgabenkreis: Gesundheitsfürsorge, einschließlich stationärer Krankenhausaufenthalte, Bestimmung des Aufenthalts, Entscheidung über unterbringungsähnliche Maßnahmen.“

Herausforderungen

„Eingesperrt“ ist das Kapitel überschrieben, in dem der Tochter schmerzlich klar wird, das es endgültig vorbei ist mit der Hoffnung, es könne wieder „normal“ werden mit der Mutter. Jeden Tag besucht sie sie in der Gütersloher Klinik und erlebt die zunehmende Verwirrung der Mutter. Beim Reden stellt sie keine Zusammenhänge mehr her, verliert Dinge und vergisst Termine, beschwert sich über das Pflegepersonal und die Mitpatienten: „Hier laufen nur Primitivlinge herum, das reinste Panoptikum“. Je schwieriger der Umgang mit ihr wird, umso mehr ist die Mutter davon überzeugt, dass sie nicht bleiben, dass sie gesund ist und noch alles alleine bewältigen kann.“ Jeder, der als Angehöriger in ähnlicher Situation war, wird diese Szenen kennen, wenn er von dem oder der Kranken Beschimpfungen anhören muss, die ähnlich lauten, wie sie im Bericht von Barbara Niemann stehen: „Wir haben alles für dich getan, aber was tust du für mich? Du hast mich hierher gebracht und jetzt bin ich eingesperrt! Dabei musst du mir doch dankbar sein! Hol mich sofort hier raus!“

Nach Hause holen oder nicht? Ein anderes Heim? „Andere Lösungen“, so eine weiterer Abschnitt, werden ausprobiert. Schon deswegen, um die latent vorhandenen Schuldgefühle, ob auch das Richtige für die Mutter getan wurde, zu bekämpfen. Tag für Tag die gleichen Herausforderungen für die Tochter: Ich muss in ihrer Nähe bleiben, Urlaub ist nicht möglich, man kann sie nicht alleine lassen. Aber wie lange hält man das überhaupt aus? Es wird alles viel zu viel! Jeder, der einen an Demenz-kranken Angehörigen in der Familie hat, kennt das, und die Mühe, es auf Dauer auszuhalten, was mit dem Kranken geschieht, dessen gewohnte Welt immer weiter verschwindet und schließlich der Gang ins Heim unausweichlich wird.

„Hier sind doch alle schizophren!“

Lisbeth muss sich wieder in einem Altenzentrum integrieren. Das fällt ihr schwer, führt am Anfang zu Abwehr und Trotzreaktionen. Und zu einer Veränderung, die die Tochter nie erwartet hätte: Ihr Leben lang hat die Mutter sich nie etwas von ihr sagen lassen. Nun sucht sie plötzlich Zuflucht, als müsse sie sich retten vor der fremden Welt, in die sie hier gekommen ist. Wie lange hatte sich die Tochter dieses Vertrauen der Mutter gewünscht! „Hier ist jetzt dein Zuhause“ erklärt sie der Mutter. Die lässt freie Hand bei allen Entscheidungen, ja, sie, die früher so starke und beherrschende Frau, interessiert sich gar nicht dafür, was zum Beispiel mit der Auflösung ihrer Wohnung passiert. Es ist mit diesem Schritt ins Heim sozusagen das alte Leben vorbei, all die Gegenstände, Erinnerungsstücke wie Fotoalben und Gewohnheiten, die Jahrzehnte lang eine wichtige Rolle spielten – alles scheint vergessen (der Rezensent, das sei gestattet, kann dies nur bestätigen nach einer eigenen Erfahrung mit einer Angehörigen).

Es gibt in diesem Zusammenhang noch einen Aspekt, den Barbara Niemann hervorhebt: Nun, da ihre Mutter in dieser Heim-Umgebung ist, lernt sie, die Tochter andere Angehörige, überwiegend ebenfalls die Töchter der Kranken, kennen. Es werden Erfahrungen ausgetauscht. In der Cafeteria kann sie endlich mit anderen offen über ihr schlechtes Gewissen sprechen, ihre Schuldgefühle, ihre Zweifel, ob sie auch alles richtig gemacht hat mit ihrer Mutter. Man begegnet ihr mit Verständnis, denn dort sind viele Frauen in der gleichen Situation. Das schafft Erleichterung, denn die Abwehr der Mutter gegen das Heim bricht dann doch wieder durch, äußert sich in den Worten: „Hier sind doch alle schizophren!“ Die Verwirrung der Mutter, die ständig innerlich und äußerlich auf Hochtouren läuft, nimmt allerdings erneut zu; ihr Ärger über die Mitbewohner wächst, ihre Klagen ihr Sich-Nicht-Einordnen-Können. Dann das Weglaufen, das Suchen, die zunehmende Aggressionen, die sich in Angriffe gegen andere Heimbewohner zeigen.

Das Geländer an der Treppe nach unten

„Der Fall Lisbeth“ schreibt Barbara Niemann, „schwebt Tag und Nacht wie ein Damoklesschwert über mir“. Und damit drückt sie ein Grundgefühl vieler Menschen in ähnlicher Situation aus: Ein normales Leben mit Arbeit, Freizeit, Urlaub usw. ist oft nur noch schwer möglich. Da hilft es auch nur wenig, wenn eine Ärztin rät: “Frau Niemann, Sie müssen auch an sich denken. Sie können die Krankheit Ihrer Mutter nicht beeinflussen.“ In diesem Zusammenhang erinnert sich der Rezensent an die Worte eines Neurologen, der das Bild gebrauchte: Man könne als Angehöriger nur das hilfreiche Geländer an der Treppe sein, die der Demenzkranke nach unten gehen müsse.

Im Mai 2004 ist Lisbeth gestorben. Vier Jahre mussten vergehen, ehe die Autorin in der Lage war, die Geschichte der Demenz ihrer Mutter aufzuschreiben.

Fazit

Barbara Niemann erzählt linear chronologisch. Gelegentlich streut sie kursiv gesetzte kurze direkte und persönliche Anreden an die Mutter ein, die aus dem Tagebuch genommen sind. Insgesamt zeugt das schmale, schlicht und schnörkellos geschriebene Buch von der schweren Aufgabe, die ein Angehöriger, eine Angehörige übernimmt mit der liebevollen Begleitung eines an Demenz oder Alzheimer erkrankten nahestehenden Menschen. In diesem Bericht gibt es keine Hinweise auf wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema, auf medizinische Studien, Fallbeispiele oder ähnliches. Indes wird die ganze Problematik dieser Krankheit durch die zitierten Äußerungen von Ärzten und Pflegepersonal deutlich genug. Das ganze Leben wird geprägt von der Situation, als Angehöriger mit einem Demenzkranken leben zu müssen. Das geht bis über dessen Tod hinaus. So schreibt Barbara Niemann in ihrem letzten Kapitel „Rückblick“: „Es war zunähst nicht leicht, das Leben ohne die Fürsorge für meine Lisbeth weiterzuführen. Jetzt fehlte mir, was vorher oft eine Belastung war: Die Katastrophenanrufe, die häufigen Besuche im Altenzentrum oder die Herausforderungen durch die schwierigen Eigenarten meiner Mutter.“

Rezension von
Gerd Schneider
Schriftsteller, Drehbuchautor

Es gibt 21 Rezensionen von Gerd Schneider.

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ISSN 2190-9245