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Frauke Pinkvoß: Kindeswohlgefährdung

Cover Frauke Pinkvoß: Kindeswohlgefährdung. Rechtliche Grundlagen und Orientierung für Jugenhilfe, Schule und Gesundheitswesen. Lehmanns Media GmbH (Berlin) 2009. 130 Seiten. ISBN 978-3-86541-247-8. 17,00 EUR.

Reihe: Lüneburger Schriften zur Sozialarbeit und zum Sozialmanagement - Band 7.
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Thema

Das Thema Kindeswohlgefährdung wird seit einigen Jahren mit großem politischem und medialem Interesse verfolgt. Auch in Wissenschaft und Praxis der Sozialen Arbeit zeigt sich diese Tendenz. Das sieht man u.a. daran, dass in der letzten Zeit einige Neuerscheinungen zu diesem Thema auf den Markt gekommen sind. Exemplarisch seien hier genannt:

  • Erwin Jordan (Hg.): Kindeswohlgefährdung. Rechtliche Neuregelungen und Konsequenzen für den Schutzauftrag der Kinder- und Jugendhilfe, 3. Aufl., Weinheim 2008 (vgl. die Rezension).
  • Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V. (ISS) (Hg.): Vernachlässigte Kinder besser schützen. Sozialpädagogisches Handeln bei Kindeswohlgefährdung, München 2008 (vgl. die Rezension)
  • Ute Ziegenhain, Jörg Fegert: Kindeswohlgefährdung und Vernachlässigung, 2. Aufl., München 2008 (vgl. die Rezension).

Die vorliegende Neuerscheinung von Frauke Pinkvoß, die insbesondere die rechtlichen Handlungsmöglichkeiten und -pflichten der beteiligten Arbeitsfelder Jugendhilfe, Schule und Gesundheitswesen darstellt, reiht sich hier ein.

Autorin

Frauke Pinkvoß war von 1999 bis 2006 als Erzieherin mit heilpädagogischer Zusatzqualifikation tätig. Von 2005 bis 2008 absolvierte sie ihr Bachelor-Studium im Bereich Sozialarbeit/Sozialpädagogik an der Leuphana Universität Lüneburg. Ihre Studienschwerpunkte umfassten die Bereiche Kinder- und Jugendhilferecht, Betreuung und Erziehung sowie Jugend- und Sozialberatung. Derzeit arbeitet sie im Allgemeinen Sozialen Dienst einen kommunalen Jugendamtes.

Aufbau

Im Umgang mit einer Gefährdung des Kindeswohls sind der Autorin zufolge alle Institutionen gefordert, die durch ihre Aufgaben Zugang zu den Lebensfeldern von Kindern und Jugendlichen haben. Neben den öffentlichen und freien Jugendhilfeträgern sind hier auch die Schule und das Gesundheitswesen bedacht worden. Außen vor gelassen wurden z.B. die Polizei oder auch der elementare Bildungsbereich.

Insgesamt gliedert sich diese Publikation in sechs Kapitel. Zuerst werden rechtliche Grundlagen dargelegt, die im Zusammenhang mit einer Gefährdung des Kindeswohls relevant sind.

Im nächsten Schritt werden die zentralen Begriffe Kindeswohl und Kindeswohlgefährdung erläutert und handhabbar gemacht.

Wenn es um Maßnahmen gegen Kindeswohlgefährdung geht, sieht die Autorin insbesondere die öffentliche Kinder- und Jugendhilfe als Adressatin des staatlichen Wächteramtes in der zentralen Position (s. S. 35). Folgerichtig räumt sie bei ihrer Darstellung handlungsleitender Konzepte relevanter Institutionen, die zugleich den Schwerpunkt dieser Veröffentlichung bildet, der öffentlichen Jugendhilfe den größten Raum ein. Sie geht auf den Schutzauftrag ein, der sich aus diesem Wächteramt ergibt, nennt Anhaltspunkte für eine Risikoeinschätzung und Handlungspflichten. Zudem bildet der § 1666 BGB einen besonderen Schwerpunkt. Bei der Darstellung der Konzepte in der freien Jugendhilfe werden vor allem zwei Aspekte betrachtet, die sich aus dem § 8a SGB VII ergeben: die Vereinbarungen mit freien Trägern und die dazugehörigen Handlungsabläufe zum Schutzauftrag.

Als weitere relevante Institution wird bereits im Titel des Buches die Schule genannt. Sie stellt einen wesentlichen Kooperationspartner dar, da sie in der Regel alle Kinder und Jugendlichen erreicht. Exemplarisch werden hier die Herleitung des Schutzauftrags in Niedersachsen und seine Konsequenzen beleuchtet.

Das Gesundheitswesen ist insbesondere im Hinblick auf jüngere Kinder ein entscheidender Partner im Umgang mit Kindeswohlgefährdung. Durch die Vorsorgeuntersuchungen haben Familien mit kleinen Kindern zumeist einen recht regelmäßigen Kontakt zu medizinischen Fachkräften. Auch hier werden die Herleitung des Schutzauftrags und Handlungsmöglichkeiten diskutiert.

Gerade wenn mehrere Einrichtungen und Arbeitsfelder kooperieren, ist der Datenschutz oft von besonderem Interesse. Eine rechtssystematische Übersicht gibt eine Orientierung, welche datenschutzrechtlichen Bestimmungen für die beteiligten Handlungsfelder relevant sind. Sie bildet zugleich das Fundament, auf dem Möglichkeiten des Datenaustausches und eine Forderung wie „Kinderschutz vor Datenschutz“ erst diskutiert werden können.

Im letzten Kapitel werden rechtliche Konsequenzen betrachtet, mit denen die zuständigen Fachkräfte evtl. rechnen müssen, wenn ein von ihnen betreutes Kind oder ein Jugendlicher zu Schaden kommt. Pinkvoß stellt zutreffend fest, dass gerade bei sozialpädagogischen Fachkräften die „berufsbezogene Wahrnehmung einer möglichen strafrechtlichen Ahndung … gestiegen“ ist (S. 93). Daher liegt der Schwerpunkt hier auch auf rechtlichen Konsequenzen für Mitarbeiter der Jugendhilfe.

Zielgruppe

Das Buch soll laut Verlagsangabe Fachkräften und Studierenden der Jugendhilfe, des Lehramts und des Gesundheitswesens als Orientierung dienen. Aufgrund der vorgenommenen Schwerpunktsetzungen scheint es allerdings vornehmlich für den sozialen Bereich dienlich zu sein.

Diskussion

Insbesondere in den Jahren nach dem so genannten „Osnabrücker Fall“ (vgl. Mörsberger, Restemeier 1997) zeigte sich „häufig eine z.T. grobe Unkenntnis in der sozialpädagogischen Zunft in Bezug auf wichtige rechtliche Rahmenbedingungen fachlichen Handelns und die Folgen ihrer Verletzung“ (Kreft, Weigel, in ISS (Hg.) 2008, S. 11). Dies führte u.a. zu dem Mythos, pädagogische Fachkräfte stünden immer ‚mit einem Bein im Gefängnis‘. Durch ihre rechtliche Ausrichtung kann diese Neuerscheinung helfen, Informationsdefizite aufzufüllen und diesem Mythos sachlich entgegenzutreten.

Die rechtlichen Grundlagen, die die Arbeit in Jugendhilfe, Schule und Gesundheitswesen im Bezug auf Kindeswohlgefährdung prägen, werden hier auf der Basis aktueller Literatur umfassend und durchaus auch für juristische Laien verständlich zusammengestellt. Begründet durch das Thema und die sicherlich nicht jedem gleichermaßen leicht zugängliche rechtliche Perspektive ist dieser schlanke Band dennoch keine leichte Lektüre. An manchen Stellen wäre es vielleicht ratsam gewesen, die abstrakte Darstellung der bestehenden Regelungen um praktische Erfahrungen zu ergänzen und somit anschaulicher zu machen.

So oder so bilden diese rechtlichen Grundlagen jedoch einen entscheidenden Handlungs- und Orientierungsrahmen, den jede Fachkraft, die in diesem Bereich arbeitet, kennen sollte, um ihre Rechte und Pflichten sowie die Möglichkeiten, Konsequenzen und Grenzen ihres Handelns abschätzen zu können. Deutlich aufgezeigt wird auch, dass es an rechtlichen Regelungen zumindest im sozialen Bereich kaum noch mangelt. Ein Nachbesserungsbedarf scheint hingegen bei der Evaluation der Schutzaufträge und ihrer praktischen Umsetzung zu bestehen, was hier aber nicht weiter thematisiert wird.

Der Verdienst der Autorin ist also einerseits in der Fleißarbeit der Zusammenstellung der rechtlichen Regelungen zu sehen, andererseits aber vor allem auch darin, dass sie einen interdisziplinären Ansatz wählte. Um Kindeswohlgefährdung erfolgreich vorbeugen bzw. im akuten Fall zielgerichtet intervenieren zu können, bedarf es der Zusammenarbeit der Einrichtungen und Berufsfelder, die bedingt durch ihre jeweils spezifischen Arbeitsaufträge Kontakte zu Kindern und Jugendlichen haben.

Fazit

Die Kinder- und Jugendhilfe hat in den Kooperationsbezügen mit Schulen und Einrichtungen des Gesundheitswesens oft die Funktion einer „Schaltzentrale“ (S. 9) inne. Den Rahmen ihres Handelns bilden dabei u.a. die geltenden Rechtsvorschriften. Dieses Buch kann hier insbesondere Fachkräften im Jugendhilfebereich eine Orientierung bieten und für mehr Handlungssicherheit sorgen.


Rezension von
Gesa Bertels
Soziologin (M.A.) und Diplom-Sozialpädagogin (FH), wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster
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Zitiervorschlag
Gesa Bertels. Rezension vom 30.10.2009 zu: Frauke Pinkvoß: Kindeswohlgefährdung. Rechtliche Grundlagen und Orientierung für Jugenhilfe, Schule und Gesundheitswesen. Lehmanns Media GmbH (Berlin) 2009. ISBN 978-3-86541-247-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7853.php, Datum des Zugriffs 09.07.2020.


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