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Christoph Butterwegge, Michael Klundt (Hrsg.): Kinderarmut und Generationengerechtigkeit

Rezensiert von Prof. Dr. Manfred Liebel, 12.08.2003

Cover Christoph Butterwegge, Michael Klundt (Hrsg.): Kinderarmut und Generationengerechtigkeit ISBN 978-3-8100-3731-2

Christoph Butterwegge, Michael Klundt (Hrsg.): Kinderarmut und Generationengerechtigkeit. Familien und Sozialpolitik im demografischen Wandel. Leske + Budrich (Leverkusen) 2003. 2., durchgesehene Auflage. 244 Seiten. ISBN 978-3-8100-3731-2. 18,50 EUR.
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Einführung in das Thema

Kinderarmut in Deutschland ist binnen weniger Jahre zu einem vieldiskutierten Thema geworden. Auch die Sozialwissenschaften haben sich des Themas angenommen, und es ist dazu eine Reihe mehr oder minder profunder Schriften erschienen. In ihnen besteht Übereinstimmung, dass - welches Konzept von Armut den Untersuchungen auch immer zugrunde liegt - die Armut von Kindern in Deutschland alarmierende Ausmaße angenommen hat und dass sie - wie Christoph Butterwegge anmerkt - "die am weitesten verbreitete, bedrückendste und brisanteste Armutsform darstellt" (S. 226).

Inmitten eines der reichsten Länder der Erde wachsen heute erheblich mehr Kinder und Jugendliche als noch vor wenigen Jahren in materieller Not und/oder unbefriedigenden Wohn- und Lebensverhältnissen auf. Im "Ersten Armuts- und Reichtumsbericht" (2001) der rot-grünen Bundesregierung wird offiziell bestätigt, "dass die Sozialhilfequote der Kinder überdurchschnittlich hoch ist, dass sie um so höher ist, je jünger die Kinder sind, und dass sie im Zeitverlauf zugenommen hat" (Bericht, S. 78).

Kerngedanken des Buchs

Das Verdienst des hier besprochenen Buches besteht nicht darin, dass es neue Daten präsentiert, sondern dass es auf einige Schieflagen und blinde Flecken in der politischen und sozialwissenschaftlichen Debatte zur Kinderarmut aufmerksam macht und dass es zeigt, wie sehr sie materiellen Interessenlagen privilegierter Bevölkerungsgruppen und ideologischen Voreingenommenheiten geschuldet sind. Es wird in dem Buch deutlich, dass es schon lange nicht mehr - wie noch der Kohl-Regierung 1998 anlässlich der Präsentation des 10. Kinder- und Jugendberichts - darum geht, die Kinderarmut zu leugnen oder klein zu reden, sondern darum, wie und in welchen Kontexten sie in der Gesellschaft verortet und über sie verhandelt wird. Das Buch konzentriert sich dabei auf die Bereiche der Sozial- und Familienpolitik.

In den beiden ersten Teilen des Sammelbandes wird auf prägnante Weise herausgearbeitet, wie eng die Debatte um Kinderarmut implizit verwoben ist mit den Kontroversen um ein angemessenes Verständnis von Gerechtigkeit. Das traditionelle Verständnis von Verteilungs- und Bedarfsgerechtigkeit, das bis in die jüngste Zeit unbestrittene Grundlage des bundesdeutschen Sozialstaats war, wird unter dem Eindruck der "neoliberalen Denke" (Jürgen Peters, IGM) quer durch die im Bundestag vertretenen politischen Parteien heute in Frage gestellt und, wo immer es politisch durchsetzbar scheint, auf den Müllhaufen der Geschichte ausgesondert. An seiner Stelle werden unter Verweis auf die scheinbar unbeeinflussbare Weltwirtschaft ("Globalisierung"), die "Marktgesetze" und die "knappen Kassen" neue "Gerechtigkeits"-Formeln zum "Umbau des Sozialstaats" bemüht und kräftig über die Medien propagiert. Sie sollen in der Bevölkerung den Eindruck vermitteln, dass sie über ihre Verhältnisse lebe und nicht umhin komme, den Gürtel enger zu schnallen. Eine dieser Formeln ist die der Leistungsgerechtigkeit, eine andere - damit verwobene - die der Generationengerechtigkeit.

Insbesondere die Rede von der "Generationengerechtigkeit" hat dazu beigetragen, Gerechtigkeit heute wie ein "leeres Wort" klingen zu lassen, so der Jesuitenpater Friedhelm Hengsbach im vorliegenden Buch (S.11). Deren wachsendes Gewicht im öffentlichen Diskurs lenkt, wie die Herausgeber in der Einleitung zu Recht betonen, von einer dramatisch wachsenden Ungleichheit innerhalb aller Generationen ab. Und statt öffentlich den strukturellen Ursachen der wachsenden Armut von Kindern, die natürlich keinen halbwegs sensibilisierten Menschen unberührt lassen kann, auf den Grund zu gehen, wird sie zynischer Weise als politisch-ideologischer Hebel benutzt, um Teile der Armutspopulation, aber auch Eltern und Kinderlose, gegeneinander auszuspielen. Mehrere Beiträge in dem vorliegenden Buch belegen diesen Sachverhalt prägnant. Sie weisen damit auch auf einen vielfach naiven, weil leicht instrumentalisierbaren sozialwissenschaftlichen Umgang mit dem Thema Kinderarmut hin, der sich darin erschöpft, immer wieder neue Horrorzahlen über "arme Kinder", ihre "Verwahrlosung" und ihr Abrutschen in Drogen und Kriminalität zu beklagen.

Deshalb ist zu begrüßen, dass im dritten Teil des Sammelbandes auch einige Beiträge enthalten sind, die allzu mechanische Vorstellungen über die "Auswirkungen" und "Folgen" von Kinderarmut hinterfragen. Teilweise unter Bezug auf die sog. Resilienzforschung wird hier herausgearbeitet, dass die Frage, wie Kinder mit den Belastungen prekärer Lebenslagen und Situationen umgehen, nicht allein aus der Armut und ihren Erscheinungsformen abzuleiten ist, sondern die Kinder als handelnde und denkende Subjekte mit in den Blick nehmen muss. Die sozialwissenschaftliche Forschung zur Bewältigung von Armutslagen durch Kinder steckt in Deutschland noch selbst in "Kinderschuhen", sie ist großenteils noch immer "objektfixiert". Doch immerhin ist anzumerken, dass zeitgleich mit dem hier besprochenen Sammelband zwei Studien veröffentlicht worden sind, die etwas mehr Licht und empirische Fundamente in die Bewältigungsdebatte bringen und teilweise auch sozial- und bildungspolitische Folgerungen ansprechen.[1]

Im vierten, den Sammelband abschließenden Teil werden einige bedenkenswerte sozialpolitische, familienpolitische und pädagogische "Gegenmaßnahmen" vorgeschlagen. Angesichts der politischen Großwetterlage, wie sie zuletzt in der auf Kosten der eh schon sozial Benachteiligten und Kranken zwischen Regierung und CDU vereinbarten "Gesundheitsreform" zum Ausdruck kam, lesen sich diese Vorschläge wie Rufe von einem anderen Stern.

Fazit

Da zu hoffen bleibt, dass auch hierzulande die Menschen aus Erfahrungen lernen und sich nicht von Generation zu Generation für dumm verkaufen lassen, werden sie vielleicht wieder unversehens aktuell.


[1] Karl August Chassé, Margherita Zander, Konstanze Rasch: Meine Familie ist arm. Wie Kinder im Grundschulalter Armut erleben und bewältigen. Opladen 2003; Christoph Butterwegge, Karin Holm, Margherita Zander u.a.: Armut und Kindheit. Ein regionaler, nationaler und internationaler Vergleich. Opladen 2003

Rezension von
Prof. Dr. Manfred Liebel
Master of Arts Childhood Studies and Children’s Rights (MACR) an der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 12.08.2003 zu: Christoph Butterwegge, Michael Klundt (Hrsg.): Kinderarmut und Generationengerechtigkeit. Familien und Sozialpolitik im demografischen Wandel. Leske + Budrich (Leverkusen) 2003. 2., durchgesehene Auflage. ISBN 978-3-8100-3731-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/786.php, Datum des Zugriffs 22.05.2022.


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