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Nadine Szafranski: Jugendalkoholismus und Suchtprävention

Rezensiert von Arnold Schmieder, 17.08.2009

Cover Nadine Szafranski: Jugendalkoholismus und Suchtprävention ISBN 978-3-631-57977-0

Nadine Szafranski: Jugendalkoholismus und Suchtprävention. Prävention in der Sozialarbeit. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2009. 140 Seiten. ISBN 978-3-631-57977-0. 26,90 EUR.
Europäische Hochschulschriften - Reihe 11, Pädagogik - Band 981.

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Thema

Jugendalkoholismus eignet sich nicht unbedingt als Lückenbüßer im medialen Sommerloch, war aber in letzter Zeit neben der angeblich verrohenden Wirkung von Videospielen und Gewaltprävention ein Problemfeld, dem sich die Massenmedien in gewohnter Oberflächlichkeit zugewendet haben. Die besorgt warnende Attitüde dabei ist Ausdruck des Leitspruchs nicht nur der Yellow Press: only bad news are good news. Die veröffentlichte Diplomarbeit von Nadine Szafranski ist kein Buch zum Medienereignis, wie angesichts der verwissenschaftlichten Handreichungen zum Thema zu befürchten wäre. Die Verfasserin unterscheidet trennscharf und plausibel zwischen Jugend- und Erwachsenenalkoholismus, unterfüttert ihre Beschreibungen mit empirischem Material und entfaltet die Trias aus Umwelteinflüssen, Persönlichkeitsstruktur und spezifischer Wirkung des Suchtmittels, was so neu nicht ist, hier aber als Argumentationsbasis dient, um in Anlehnung vor allem an Quensel über Kritik an geläufigen Präventionsstrategien einen neuen Ansatz zu favorisieren, der für die Eindämmung süchtiger psychischer Fehlentwicklung bei Jugendlichen viel versprechend zu sein scheint. Insofern ist hier auch nicht der gebetsmühlenartige Zungenschlag über defizitäre Persönlichkeitsstrukturen von Jugendlichen insbesondere aus depravierenden Milieus fortgeschrieben; vielmehr klingt im Desiderat einer „Verbesserung der Risikokompetenz“ über Stärkung der „Fähigkeit des Jugendlichen zu einem selbstbestimmten Handeln“ (S. 118) jener humanistisch-pädagogische Impetus einer Menschen-Bildung an, der quer zu einer ungeschminkten Verwertungslogik steht, welcher Kinder und Jugendliche ganz allgemein in kontrollgesellschaftlich ausgerichteten Institutionen ausgesetzt sind.

Inhalt

Dieser über den engeren Horizont des Phänomens Jugendalkoholismus hinaus gehenden Thematik nähert sich die Verfasserin implizit an, wenn sie über handwerklich saubere Begriffsbestimmungen und definitorische Abgrenzungen skizzenhaft typische wie aktuelle Probleme und Konflikte der Lebensphase Jugend umreißt, um auf dieser Folie den Alkoholkonsum und –missbrauch bis in den Bereich des Jugendalkoholismus materialreich darzustellen. Mit allgemein theoretischen Ansätzen ist die Autorin vertraut, setzt sich aber nicht weiter kritisch damit auseinander, sondern favorisiert einen Erklärungszugang über „Hinterfragen der Motive und Ursachen des Jugendalkoholismus“ (S. 11f). Tatsächlich gelingt ihr da eine Begriffsbestimmung, die es ihr erlaubt, eine Klammer über die Vielfalt der heterogenen Zielgruppen zu legen, die präventiver Aufmerksamkeit bedürfen. Gerade wo sie die historische Entwicklung der Suchtprävention in den Blick nimmt, um die Defizite etablierter Konzepte aufzuzeigen, wäre eine dringende Anschlussdiskussion um den Zusammenhang der Erscheinungsformen süchtigen Verhaltens und gesellschaftlicher Entwicklung geboten, und zwar nicht nur, aber auch in Bezug auf Jugendliche und deren lebensweltlichen und autodestruktiven Selbstheilungsversuche, wobei der Alkoholkonsum und Drogenkarrieren als zu überwachende (im Sinne Foucaults) Bewältigungsstrategien zu betrachten sind. So weit geht die Autorin nicht, kritisiert aber kenntnisreich Einwände, Probleme und Annahmen der Suchtprävention, was sie für die Praxis der Jugendhilfe, in der sie tätig ist, fruchtbar machen will. Sie weiß um Grenzen der Suchtprävention und entwickelt gleichwohl deren Zukunftsaufgaben, wobei dem Bundesmodellprojekt „HaLT“ („Hart am Limit“) ihre abschließende Aufmerksamkeit gilt, einem Modell, das auf das angeblich neuere Phänomen des „binge drinking“ reagiert, des hohen und darum nicht, wie behauptet, unkontrollierten Alkoholkonsums in begrenzter Zeitdauer, eines ‚Koma-Saufens‘.

Die Vorteile von „HaLT“ sind, dass es ein Netzwerkansatz ist, in dem man gleichsam im Sinne von Baltasar Garcián mit der fremden Sache eintritt, um mit der eigenen Sache abzuziehen, also die (tatsächlichen oder) vermeintlichen Vorteile jugendlichen Alkoholkonsums ernst nimmt, um von da aus Impulse für einen risikoarmen Umgang zu geben. „HaLT“ bezieht die Peer-Groups ein und baut Freunde als Schutzwall gegen ein Abgleiten in ‚nassen Alkoholismus‘ auf, bezieht sich zugleich auf aktuelle Gefährdungen und jene Kids, die schon in den hochprozentigen Brunnen gefallen sind, schaut sich multifaktoriell orientiert um, unterstützt daher in allen Lebensbereichen und bemüht sich um passgenaue Lösungsangebote, was alles dazu beiträgt, jene unverzichtbare Risikokompetenz der gefährdeten oder gefallenen Jugendlichen zu entwickeln und zu stärken.

Fazit

Das Buch ist jedem zu empfehlen, der sich informieren und mehr wissen will, als ihr oder ihm als konsenstaugliches Wissensmodul von Quoten heischenden Medien oder anderen Meinungsmachern angetragen wird. Für SozialarbeiterInnen und alle, die beruflich oder ehrenamtlich mit dem Phänomen und Problem des Jugendalkoholismus konfrontiert sind, ist es eine Orientierungshilfe und schärft den Blick dafür, wie sich das ‚riskante Saufen‘ anbahnt. Wenn im Fazit scheint‘s apodiktisch konstatiert wird, eine Gesellschaft ohne süchtige Anteile sei unvorstellbar und süchtige Entartungen würden weiter zunehmen, dann kann man das zur Kenntnis nehmen und ein wenig schaudern; wenn es zudem heißt, ein generelles Negativ-Bild der Drogen stoße bei Jugendlichen auf Ablehnung, dann mag man auch das nicht für eine bahnbrechende Erkenntnis halten. Es sind wohlfeile Zitate, die verzichtbar gewesen wären. Wer auf Erklärung von Ursachen aus ist, wer wissen will, wo die Wurzeln von Sucht und Abhängigkeit liegen (um dort das Übel zu packen), was ihr Wesen ausmacht (um nicht in der Faszination der Erscheinungsformen befangen zu bleiben), wird hier weniger aufgeklärt, doch aber angeregt, für diese Frage eine Antwort zu suchen.

Rezension von
Arnold Schmieder
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Es gibt 131 Rezensionen von Arnold Schmieder.

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Zitiervorschlag
Arnold Schmieder. Rezension vom 17.08.2009 zu: Nadine Szafranski: Jugendalkoholismus und Suchtprävention. Prävention in der Sozialarbeit. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2009. ISBN 978-3-631-57977-0. Europäische Hochschulschriften - Reihe 11, Pädagogik - Band 981. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7869.php, Datum des Zugriffs 18.07.2024.


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