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Helmut Fend, Fred Berger u.a. (Hrsg.): Lebensverläufe, Lebensbewältigung, Lebensglück

Cover Helmut Fend, Fred Berger, Urs Grob (Hrsg.): Lebensverläufe, Lebensbewältigung, Lebensglück. Ergebnisse der LifE-Studie. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 482 Seiten. ISBN 978-3-531-15352-0. 39,90 EUR.
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Thema

Das Buch gibt einen Überblick über ausgewählte Ergebnisse der LifE-Studie, einer längsschnittlichen Befragung junger Menschen im Übergang vom Jugend- zum Erwachsenenalter. Diese Altersphase wurde in der entwicklungspsychologischen Forschung bisher nur unzureichend berücksichtigt, obwohl sie eine bedeutsame Zeit der Weichenstellung darstellt. In Kooperation der Universitäten Zürich, Konstanz und Münster gelang es, eine der umfangreichsten prospektiven Entwicklungsstudien im deutschsprachigen Raum überhaupt durchzuführen. Ziel der Autoren ist es, die Lebensgeschichten der jungen Menschen aus verschiedenen Blickwinkeln zu beschreiben und zu erklären. Insbesondere sollen jugendspezifische Risiko- und Schutzfaktoren einer gelingenden Bewältigung dieser Transition identifiziert werden.

Autoren

Die Autoren sind als ausgewiesene Experten durch zahlreiche Publikationen im Bereich der Jugendforschung bekannt und lehren am Pädagogischen Institut der Universität Zürich.

Aufbau und Inhalt

Einführend werden Konzept und Durchführung der Studie von den Herausgebern vorgestellt. Bei der LifE-Studie handelt es sich um eine Fortsetzung des Konstanzer Jugendlängsschnitts, der in den Jahren 1976 – 1984 unter Leitung von Helmut Fend an der Universität Konstanz durchgeführt wurde. Die Jugendlichen waren bei der Ersterhebung (Konstanzer Jugendlängsschnitt) zwischen 12 und 16 Jahren alt, bei der Zweiterhebung (LifE-Studie, 2002-2004) 35 Jahre. Datenbasis ist die beeindruckende Zahl von 1257 Biographien. Dazu bearbeiteten die Teilnehmer ein ausführliches Inventar, in dem sie zu ihrem bisherigen Leben und ihrer aktuellen Lebenssituation Auskunft gaben. Die Stichprobe ist als repräsentativ zu sehen, bei einer leichten Verzerrung zugunsten höherer Bildungsschichten. Die Konstanzer Jugendstudie war in Frankfurt und zwei ländlichen Gemeinden in Hessen angesiedelt, über die – wohl sehr unterschiedlichen - Wohnorte der jungen Erwachsenen bei der Wiederholungsbefragung wird nichts gesagt. Die äußerst aufwändige Suche nach den früheren Probanden führte zu einer in diesem Rahmen zufrieden stellenden Rücklaufquote von 52,8%.

Die Studie ist interdisziplinär angelegt, d. h. es werden psychologische, pädagogische wie auch soziologische Perspektiven berücksichtigt. Dies schlägt sich in dem breiten Spektrum der hier betrachteten inhaltlichen Aspekte jugendlicher Entwicklung nieder, die vier Bereichen zugeordnet werden: 1) Ausbildung und Beruf, 2) soziale Entwicklung, 3) kulturelle und politische Teilhabe sowie 4) Gesundheit. Theoretisches Fundament ist das Ressourcenmodell der Lebensbewältigung, das anschaulich erläutert wird. Die Einordnung des Modells in die Theorienlandschaft, vor allem die Herleitung des Modells aus Konzepten der Stresstheorie bzw. der Entwicklungspsychopathologie hätte für den interessierten Leser etwas ausführlicher ausfallen dürfen.

Das Buch gliedert sich in vier Abschnitte, den Inhaltsschwerpunkten der LifE-Studie folgend:

  1. „Wege in den Beruf und in die ökonomische Selbständigkeit“,
  2. „soziale Entwicklung und Verselbständigung von der Adoleszenz ins frühe Erwachsenenalter“,
  3. „Wege zu politischer und kultureller Teilhabe“ sowie
  4. „psychosoziale Entwicklung und Lebensbewältigung“.

Diese vier Abschnitte sind sehr unterschiedlich umfangreich, schwanken zwischen 155 Seiten im ersten und 50 Seiten im letzten Teil. In jedem Abschnitt werden zentrale Inhalte aus dem jeweiligen Themenbereich behandelt, die weitgehende Einblicke in die jugendliche Erfahrungs- und Erlebniswelt liefern. Insgesamt werden sehr wichtige aktuelle Inhalte behandelt, die den Lebensalltag der heutigen jungen Generation widerspiegeln, wie z. B. die Bedeutung jugendlicher Arbeitslosigkeit oder die Folgen einer Scheidungserfahrung für die eigene Partnerschaft. Neben den traditionellen Schwerpunkten der Jugendforschung wie Berufsfindung oder Auszug aus dem Elternhaus finden auch sehr spezifische innovative Themen Beachtung, wie z. B. die Bedeutung von Auslandsaufenthalten für die Einstellung gegenüber Ausländern, die das Wissensspektrum erweitern. Die Inhalte der einzelnen Unterkapitel – im Sinne exemplarischer Analysen - werden in einem Vorblick kurz umrissen. Hierbei hätte die Auswahl noch genauer erläutert werden können. Warum werden beispielsweise Ergebnisse zum Übergang zur Elternschaft nicht berichtet, obwohl dieser als eine der zentralen Entwicklungsaufgaben des frühen Erwachsenenalters anzusehen ist und als ein wesentliches Kriterium „gelingenden Lebens“ (S. 456) explizit angeführt wird?

Diskussion

Die Autoren haben sich mit der Suche nach Risiko- und Schutzfaktoren der „gelingenden“ Lebensbewältigung einer großen Herausforderung gestellt. Allein die begriffliche Klärung dieses derart komplexen Konstruktes im Grenzbereich zwischen Klinischer und Entwicklungspsychologie gestaltet sich äußerst schwierig. Anfänglich wird gelingende Lebensbewältigung im Sinne „der sozial und beruflich erfolgreichen sowie persönlich befriedigenden Lebensführung“ (S. 21) definiert. In der abschließenden Diskussion greift Fend das Anliegen noch einmal auf, indem er das reichhaltige Datenmaterial hinsichtlich solcher Einflussfaktoren auf die psychische Gesundheit beleuchtet. Psychische Gesundheit wird an dieser Stelle spezifiziert als „Ich-Stärke im Sinne der individuellen Fähigkeit, sich selbst positiv zu sehen, an die Gestaltbarkeit des Lebens zu glauben und sich nach Misserfolgen schnell erholen zu können“, S. 443).

Fend hebt die sozialen Beziehungen als Entwicklungskontext von psychischer Gesundheit hervor, insbesondere die subjektiv wahrgenommene Anerkennung Jugendlicher durch die Familie, Freunde und Lehrpersonen. Wie in vielen Aspekten sind auch hier geschlechtsspezifische Effekte nachweisbar: für die jungen Frauen ist die Anerkennung durch Erwachsene bedeutsamer, für junge Männer dagegen jene durch Peers. Dabei ergaben sich auch überraschende Ergebnisse, z. B. dass für junge Männer eine funktionierende Partnerschaft mehr Einfluss auf ihre persönliche Zufriedenheit und Stärke hat als die berufliche Karriere.

Das Buch ist verständlich geschrieben und ansprechend aufgemacht. Abbildungen, Tabellen und textliche Hervorhebungen lockern den Text auf. Positiv zu bewerten sind die Zusammenfassungen bzw. Diskussionen am Ende der einzelnen Unterkapitel, die das Wesentliche noch einmal auf den Punkt bringen und einen Ausblick liefern. Die anfänglichen Einleitungen sind in ihrem Umfang und Aufbau äußerst heterogen. Wünschenswert wären kurze Einführungen der vier Abschnitte gewesen, um den Leser an den jeweiligen Themenbereich heranzuführen und den Bezug der Kapitel zueinander zu verdeutlichen.

Zielgruppe und Fazit

Zielgruppe sind in erster Linie Psychologen, Soziologen, Pädagogen und andere Experten, mit entsprechenden Vorkenntnissen, die sich speziell für diese Lebensphase interessieren. Das breite Spektrum an Inhalten ermöglicht dem Leser, sein Wissen über die Entwicklung im Übergang vom Jugend- zum frühen Erwachsenenalter zu vertiefen. Die Lektüre ist sehr empfehlenswert, um sich mit aktuellen Erkenntnissen der modernen Jugendforschung vertraut zu machen, die auch für Präventionsmaßnahmen und Bildungspolitik relevant sind. Schließlich liefert die Studie wichtige Impulse für zukünftige Forschung und Theoriebildung für diese bedeutsame Übergangsphase im Leben junger Menschen.


Rezension von
PD Dr. Christiane Papastefanou
Privatdozentin an der Universität Mannheim (Lehrstuhl Erziehungswissenschaften) im Bereich Entwicklung- und Familienpsychologie sowie Psychotherapeutin für Erwachsene, Kinder und Jugendliche in eigener Praxis in Ludwigshafen


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Zitiervorschlag
Christiane Papastefanou. Rezension vom 15.10.2009 zu: Helmut Fend, Fred Berger, Urs Grob (Hrsg.): Lebensverläufe, Lebensbewältigung, Lebensglück. Ergebnisse der LifE-Studie. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-531-15352-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7876.php, Datum des Zugriffs 19.06.2021.


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