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Manfred Hülsken-Giesler: Der Zugang zum Anderen

Cover Manfred Hülsken-Giesler: Der Zugang zum Anderen. Zur theoretischen Rekonstruktion von Professionalisierungsstrategien pflegerischen Handelns im Spannungsfeld von Mimesis und Maschinenlogik. V&R unipress (Göttingen) 2008. 495 Seiten. ISBN 978-3-89971-373-2. 62,00 EUR.

Reihe: Pflegewissenschaft und Pflegebildung - 3.
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Thema

Hartmut Remmers gibt eine Schriftenreihe beim Universitätsverlag Osnabrück heraus, die mit „Pflegewissenschaft und Pflegebildung“ überschrieben ist. Die Studie von Manfred Hülsken-Giesler erscheint als Band 3 in dieser Reihe, in der theoretisch ambitionierte und äußerst kritische Promotionsarbeiten zur Pflegewissenschaft veröffentlicht werden. Üblicherweise sind diese Arbeiten trocken und schwer zu lesen. Das ist hier nicht der Fall. Wer Interesse an grundsätzlichen Fragen der Pflegewissenschaft hat, wer einsteigen möchte in die Professionalisierungsdebatte und wer historische und philosophische Exkurse schätzt, dem sei die Lektüre des Buches sehr empfohlen.

Worum geht es? Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Szentifizierung, Ökonomisierung und Technisierung der Pflege stellt sich Manfred Hülsken-Giesler die Frage: Wie kann ein Zugang zum Anderen möglich werden? Und zwar ohne dass das Proprium des pflegerischen Handelns ignoriert oder verraten, sondern vielmehr ein professionelles pflegerisches Handeln begründet wird.

Es ist klar, dass zur Beantwortung dieser Frage weit ausgeholt werden muss. Und das tut der Autor in äußerst eloquenter und leserfreundlichen Art und Weise. Hilfreich ist, dass die komplexe und dichte Argumentation durch Zwischenbetrachtungen und Zwischenbilanzen immer wieder zusammengefasst und auf die Fragestellung bezogen wird.

Aufbau und Inhalt

Das Buch (495 Seiten!) umfasst zwei große Teile.

Der Teil 1 trägt die Überschrift: „Der Zugang zum Anderen im Modus der elementaren Vielfalt“. Er besteht aus zwei Unterkapiteln (2. Der Zugang zum Anderen im Kontext von Sprache, Körper und Leib und 3.: Mimesis und der Zugang zum Anderen). Zunächst geraten Sprachfähigkeit und körperlich-leibliche Seinsweise des Menschen als anthropologische Universalien geraten in den Blick. Ist die Erschließung des Krankheitserlebens über Sprache und Körper mit prinzipiellen Verkürzungen verbunden, „so gerät ein erweitertes Körperverständnis sowie ein leibtheoretisch begründetes Vermögen … in den Mittelpunkt der Untersuchung“ (S. 155). Hierzu wird der Mimesisbegriff historisch entfaltet und für die Pflegepraxis fruchtbar gemacht (Unterkapitel 3). Der Autor sieht insbesondere im mimetischen Vermögen der Pflegenden (hermeneutischer Zugang über Berufserfahrung, körperlich-sinnlichen Empfinden und Verstehen, Verständnis für die Erfahrungswelt des Erkrankten, d.h. „Mimesis an das Lebendige“) eine Möglichkeit für den Zugang zum Anderen. Dieser (verstehende) Zugang wird als „Korrektiv gegenüber dem instrumentellen Zugriff auf das Andere“ (S. 155) angesehen. Darüber hinaus beinhaltet ein kritisches und nicht affirmatives Mimesisverständnis auch den Einbezug der institutionellen Rahmenbedingungen einer zweckrational ausgerichteten Pflegearbeit im technisierten Medizinbetrieb.

Der Teil II thematisiert den „Zugang zum Anderen im Modus der operationalisierten Komplexität“. Dieser Teil ist in vier Unterkapitel gegliedert (5.: Technik-Maschine-Mimesis, 6.: Maschinisierung der modernen Krankenhausarbeit, 7: Maschinisierung der Pflege: Computerisierung und Professionalisierung und 8: Befunde und Konsequenzen). Zu Beginn wird die Technikentwicklung historisch nachgezeichnet und der Maschinisierung der modernen Welt beschrieben. Manfred Hülsken-Giesler interessiert sich vor allem für die Frage, welche Auswirkung die Technik, insbesondere im Hinblick auf die Anpassung des Menschen an die Maschinenarbeit, hat. Die Konsequenz lautet wie folgt: Die Anpassung an die Technik bzw. die „Maschinisierung“ der Pflege ist nicht gleichzusetzen mit einer einfachen instrumentellen Nutzung, sondern impliziert spezifische Aneignungsweisen. Die Maschine muss vom Benutzer sinnlich, pragmatisch, letztlich auch zwangvoll angeeignet werden. Wesentlicher Impuls dafür ist dafür ist ihr „stabilitätsstiftender Charakter“, ihr „utopischer Überschuss“ letztlich die durch die Maschine ermöglichte „gezielte Einpassung an die gewohnten lebensweltlichen Bedingungen“ (S. 215). „Die einzelne dingliche Maschine gerät auf diese Weise zum Ausgangspunkt der mimetischen Aneignung einer Maschinenlogik, die die menschliche Wahrnehmung und Interpretation von Mensch und Welt sowie das gesellschaftliche Handeln wesentlich prägt“ (S. 215). Mimesis an die Maschine ist „Mimesis an das Tote, die letztlich in einer Teilnahmslosigkeit, Mitleidslosigkeit und Gefühlskälte (Kursiv im Original, H.B.) gegenüber der Vielfalt des Lebens mündet“ (S. 217). Wichtig, dass der Autor von einem breiten Begriff von „Maschinisierung“ der Pflege ausgeht. Es geht dabei nicht nur um die einzelnen Maschine als Werkzeug, Instrument, sondern um die Übernahme einer bestimmten Handungslogik: „Die Maschinisierung der Pflege vollzieht sich durch die strikte Einhaltung einer Logik der antizipierenden Reflexion des Handelns als Voraussetzung der Herstellung computergerechter Schnittstellen zwischen pflegerischem Handeln und maschineller Datenverarbeitung. Unterbrechen Pflegende die vorab getätigte Reflexion, also etwa den definierten Zusammenhang einer konkreten Pflegediagnose mit entsprechenden Pflegergebnissen und Pflegeinterventionen, in dem sie z.B. situative, einzelfallgebundene Faktoren in ihr pflegerisches Handeln mit einfließen lassen, ist dieses Handeln nicht mehr systematisch mit den vorab definierten und legitimierten Algorithmus abzubilden, also maschinell nur unter erhöhtem Aufwand zu verarbeiten“ (S. 367).

Nach diesen technikkritischen Erörterungen wird der Fokus auf die konkrete Pflegearbeit im stationären Krankenhausbereich gelenkt. Gezeigt wird anhand einer Vielzahl von Beispielen, wie technische Innovationen die Wahrnehmung, den Blick, die Perspektive der Pflegenden beeinflussen – und zwar in Richtung einer technisch-instrumentellen „Behandlung“ von Patienten. Bedrohlich ist, dass „statt eines kontextuell gebundenen Sinnverstehens … die Mimesis an die auf Distanz und Abstraktion zielende Maschine zur Grundlage des pflegerischen Handelns (gerät).“ (S. 278). Der Einsatz von Computern, die Einführung von Assessments in der Pflege, die Pflegediagnostik als fachliche Vereinheitlichung – all dies dient letztlich der Kontrolle und Beherrschbarkeit von Pflegesituationen und Pflegeleistungen. Die Unterwerfung unter die Imperative von „kybernetisch-systemisch-konstruktivistisch“ geprägten Managementkonzepten entpuppt sich als Falle für eine echte Professionalisierung der Pflege. Und zwar aus mehreren Gründen. Zwei seien genannt:

  1. Die wichtige Frage nach der (inhaltlichen) Qualität pflegerischen Handelns (oder der „guten Pflege“) wird überhaupt nicht mehr ins Zentrum gerückt, denn „Pflege wird im kybernetisch-systemischen Prozess einer Maschine faktisch gleichgesetzt in dem Sinne, dass nicht die Qualität oder der Inhalt der im System produzierten Information relevant ist, sondern allein das Wie (Kursiv im Original, H.B.) der internen und externen Kommunikation. Nicht die Qualität des pflegerischen Handelns selbst erweist sich damit als entscheidendes Kriterium der gesellschaftlichen Legitimation, sondern die Art und Weise der internen und externen Kommunikation der geleisteten Arbeit“ (S. 325). Die Folgen für die Praxis sind fatal, denn im Blick steht primär die dokumentierte Qualität, nicht die tatsächlich erbrachte Qualität. Das Problem dieser paper-pencil-compliance ist in der Praxis bekannt – und wird unter der Hand auch schlichtweg zugegeben.
  2. Für die Akzeptanz und Legitimation pflegerischen Handelns werden „ausschließlich maschinenlogisch begründete Argumentationen (Messbarkeit, Quantifizierbarkeit, Steuerbarkeit etc.) akzeptiert und das „nichtprofessionalisierte Begründungslogiken“ entwertet“ (S. 395). Grundlegend ist die Kritik am Qualitätsmanagement, wofür ein vom Autor angeführtes ausführliches Zitat von Ulrike Greb (2003) stehen soll: „Wenn es die Pflegenden selbst sind, die die Messbarkeit der Pflegequalität postulieren und die Zertifizierung von Heimen und Pflegestationen auf die Spitze treiben, dann dienen sie dem institutionellen Zwang in einer Weise, die sie zugleich von ihm entlastet. Und mehr noch leisten die Erfüllung solcher `Plansolls`: Indem das Qualitätsmanagement auf Seiten der Praxis zum Kern und zur Legitimation des Professionalisierungsprozesses wird, dient es, unter dem Deckmantel von Emanzipation (Kursiv im Original, H.B.) der kollektiven Selbsttäuschung, es wird zur Ideologie“ (S. 396).

Auf die im Abschnitt 7.6 formulierten Folgerungen für eine professionalisierte Pflegepraxis sei kurz eingegangen. Erwähnt werden 11 interessante Punkte (u.a. „Mitleid als Konzept“, „Soziale Kälte“, „Zur Frage der Verantwortung“, etc.). Der erste und der letzte Aspekte scheinen mir besonders bedeutsam. Zu Beginn wird eine Herausforderung für die pflegewissenschaftliche Forschung benannt, nämlich angesichts des maschinenlogischen Denken (und Handelns) „nicht nur zu untersuchen, welche Metaphern in der Pflege Verwendung finden. Ebenso dringlich ist zu fragen, welche Metaphern nicht mehr vorkommen und damit zu klären: „Wo wird das Eigene der Pflege (un-)sichtbar?“ (S. 390). Auch der zuletzt Aspekt der „Korrektive“ provoziert die Nachdenklichkeit des Lesers. Es wird betont, dass die Aneignung der Maschinenlogik „keineswegs zu einer vollständigen Abkoppelung der Handlungskoordinierungen von den konkreten Verständigungsleistungen der Akteure führen muss. Vielmehr ist davon auszugehen, dass die maschinenlogische Perspektive in Konkurrenz zu weiteren Sinndeutungen tritt und damit die Aufgabe darin besteht, die verschiedenen Möglichkeiten der Situationsdeutung zu koordinieren“ (S. 403). Balance halten (Wagner), Perspektivenübernahme (Remmers) oder Anerkennung (Honneth, Friesacher) sind die Stichworte, die zum Schluss fallen. Das finde ich wichtig, fällt aber als Alternative zur radikalen Kritik ab.

Fazit

Eine theoretisch hoch anspruchsvolle Arbeit, welche den Finger in die Wunde legt. Sie ist ein Beitrag zum Verständnis dafür, warum die Professionalisierung der Pflege nicht vorankommt und in welchen Fallstricken sie gefangen ist. Die Analyse ist, wie bei vielen grundlegend kritischen Arbeiten, brillant. Die Alternativen und Optionen sind aber insgesamt schwach. Das hat mich an die Arbeiten von Ulrich Bröckling erinnert, dem Manfred Hülsken-Giesler in seiner (auch) an Foucault geschulten Kritikschärfe verwandt ist. Bröckling (2007) kommt am Ende seines Buchs zum „unternehmerischen Selbst“ zur Gretchenfrage, nämlich zu den Kritikoptionen. Er nennt sie „Fluchtlinien oder die Kunst, anders zu sein“ (Bröckling 2007, 283-297). Erwähnt werden drei Strategien, um sich dem Zugriff einer allumfassenden neoliberalen (Selbst-)Mobilisierung zu entziehen: Depression, Ironisierung und passive Resistenz. Das ist zuwenig, und da müsste noch mehr kommen. Aber was? Vielleicht hat, und das ist nicht ironisch gemeint, Manfred Hülsken-Giesler aufgrund seiner Erkenntnisse, bessere Antworten.

Literatur

Bröckling, U. (2007). Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. Frankfurt a. Main: Suhrkamp


Rezensent
Prof. Dr. Hermann Brandenburg
Lehrstuhl für Gerontologische Pflege , Fakultät für Pflegewissenschaft, Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar
Homepage www.pthv.de
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Zitiervorschlag
Hermann Brandenburg. Rezension vom 15.10.2009 zu: Manfred Hülsken-Giesler: Der Zugang zum Anderen. Zur theoretischen Rekonstruktion von Professionalisierungsstrategien pflegerischen Handelns im Spannungsfeld von Mimesis und Maschinenlogik. V&R unipress (Göttingen) 2008. ISBN 978-3-89971-373-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7878.php, Datum des Zugriffs 19.10.2019.


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