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Robert Dempfer: Das Rote Kreuz

Cover Robert Dempfer: Das Rote Kreuz. Von Helden im Rampenlicht und diskreten Helfern. Deuticke (Wien) 2009. 317 Seiten. ISBN 978-3-552-06092-0. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 38,90 sFr.
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Autor

Der ehemalige Journalist Robert Dempfer ist Leiter der Abteilung für Gesellschaftspolitik beim Österreichischen Roten Kreuz.

Thema

Das Rote Kreuz, 1863 gegründet, ist die größte und bekannteste Hilfsorganisation der Welt. 100 Millionen Freiwillige und 500 000 hauptamtliche Mitarbeiter zählt die Organisation weltweit. Robert Dempfer, selbst seit vielen Jahren für das Rote Kreuz tätig, beschreibt in seinem Buch Selbstverständnis, Strategien, Geschichte und Praxis dieses Global Player. Das Spektrum der Themen reicht vom Gründungsmythos in Solferino bis zu den Herausforderungen, denen sich die Rotkreuz-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter heute stellen.

Aufbau

Das Buch ist in drei Kapitel gegliedert.

Der erste Abschnitt “Die Manager der Menschlichkeit” beschreibt die Entwicklung des Roten Kreuzes von seiner Gründung über die Herausforderungen im Ersten Weltkrieg, das Rote Kreuz unter Hitler bis hin zu den “modernen Kriegen” und der humanitären Welt nach 9/11.

Im zweiten Teil, gegliedert in „Die Praktiker der Hilfe“, „Die Vordenker der Hilfe“ und „Die Popstars der Hilfe“ stellt Dempfer exemplarisch Menschen vor, die sich für das Rote Kreuz engagieren: Rettungsfahrer, Notfallsanitäter, IKRK-Delegierte und Kriegschirugen kommen hier ebenso zu Wort wie die Pop-Stars der Hilfe: Bernhard Kouchner („Der Freibeuter der Hilfe“), heute französischer Außenminister, der als Arzt viele Einsätze für das Rote Kreuz mitgemacht hat und die Charity-Schickeria: Bob Geldorf und Bono. „„Volksrepublik Bono“ oder was verstehen Rockstars von der Welt?“, so lautet die Kapitelüberschrift

Der letzte Teil „Einstiegswege für neue Helferinnen und Helfer“ bietet für alle, die sich praktisch engagieren wollen. einen Überblick über humanitäre Hilfsorganisationen. Hier findet man dann auch noch Zweckdienliches übers Spenden und über „Gütesiegel – Zeichen für Vertrauen“.

Der Anfang

Der Gründer des Roten Kreuzes ist ein Schweizer Nationalheld und eine globale Ikone der Humanität. Dass Henry Dunant das Rote Kreuz begründet hat, entspringt einem Zufall. Auf der Suche nach Unterstützung für seine kaufmännischen Aktivitäten in Nordafrika reist er im Jahr 1859 dem französischen Kaiser auf das Schlachtfeld in der Nähe von Solferino nach, doch aus dem Handel wird nichts.

Dafür wird er Zeuge des ersten modernen Kriegs in Europa. Im Einsatz sind nicht nur Heere, sondern auch Eisenbahnen und Telegrafen. Mehr als 40 000 Verwundete und Sterbende schreien um Hilfe. In seiner Broschüre „Eine Erinnerung an Solferino“, die ein Bestseller wird, beschreibt er das Grauen, das sich vor ihm auftut und in ihm reift die Idee für ein Vorhaben, das bis zum heutigen Tag als „Grosstat für die Menschlichkeit“ (Victor Hugo) gilt: die organisierte neutrale und unparteiliche Hilfe im Krieg, geleistet allein nach dem Mass der Not. Schon in Friedenszeiten sollen unabhängige, freiwillige Hilfsgesellschaften gegründet werden, deren Helfer im Krieg die Verwundeten pflegen. Sie sollen durch ein internationales Abkommen neutralisiert und geschützt werden, das ihnen den Zugang zu den Kriegsopfern aller Seiten gestattet. Nur zwei Jahre später, am 17. Februar 1863, gründet Dunant mit vier weiteren Genfer Bürgern das Komitee der Fünf, die Keimzelle des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz. Das Erkennungszeichen des Roten Kreuz wird die farblich «umgekehrte» Flagge der Schweiz, der Heimat von Henry Dunant.

Bis zu diesem Zeitpunkt ist der Genfer Bürger Dunant vor allem durch religiösen Eifer und unternehmerischen Aktivismus aufgefallen, in Genf mit seiner calvinistischen Tradition nichts Ungewöhnliches. 1852 schon hatte der Enthusiast den Christlichen Verein Junger Männer (CVJM), der heute über 45 Millionen Mitglieder zählt, gegründet. Auf die Gründung des Roten Kreuzes 1863 folgt 1864 die Verabschiedung der ersten Genfer Konvention „betreffend die Linderung des Loses der im Felddienst verwundeten Militärpersonen“, der weitere Konventionen folgen werden und die alle heute die Basis des humanitären Völkerrechts und die Grundlage der Rotkreuz-Arbeit darstellen.

1867 allerdings beginnt für Dunant eine private Tragödie, die sein weiteres Leben bestimmen wird. Dunants Unternehmungen gehen bankrott, das Genfer Zivilgericht spricht ihn schuldig. Gustave Moynier, sein Partner, aber auch Konkurrent im Roten Kreuz, zwingt ihn zum Rücktritt. Dunant wird schließlich aus dem Komitee ausgeschlossen. Den Rest seine Lebens ist Dunant auf der Flucht vor den Gläubigern, Jahrzehnte wie von Erdboden verschwunden. Seine letzten Lebensjahre verbringt er verhärmt und verarmt in dem kleinen Ort Heiden in der Schweiz. Im Jahr 1901 wird ihm gemeinsam mit Frédéric Passy, dem Gründer der französischen Friedensgesellschaft, der Friedensnobelpreis verliehen, eine sehr späte Genugtuung.

Neue Kriege und neue Krieger

Aus den bescheidenen Anfängen auf einem italienischen Schlachtfeld des 19. Jahrhunderts ist, so Robert Dempfer, eine gewaltige Hilfsindustrie geworden: ausdifferenziert, arbeitsteilig, hochspezialisiert. Parallel zu den Maßnahmen der Hilfe haben sich aber auch die Methoden verbessert, mit denen Menschen immer unsäglicheres Leid zugefügt wird. Bürgerkriege und kriegerische Auseinandersetzungen erinnern in manchen Regionen der Welt an die Schilderungen des Dreißigjährigen Kriegs.

Die in den Genfer Konventionen vorausgesetzten Konflikte und Kriegshandlungen zwischen einzelnen Staaten und Bündnisses werden immer seltener. Bereits Mitte der neunziger Jahre, so Dempfer, lange vor dem 11. September 2001 und dem „Krieg gegen den Terror“, spricht Cornelio Sommaruga, der damalige Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, öffentlich von zuvor unbekannten Erlebnissen und Erfahrungen seiner Delegierten. Nicht nur von „neuen Kriegen“ ist dabei die Rede, sondern auch von „neuen Kriegern“. Ihnen bedeuten die Genfer Konventionen nichts. Sie schiessen auch auf die Helfer des Roten Kreuzes. Ihre Opfer sind vor allem Zivilisten, die sie foltern, verstümmeln, vergewaltigen, töten. Menschen, Kinder wie Alte, sind für die „neuen“ Krieger nicht mehr als Freiwild, gegen das sie mit unvorstellbarer, roher Gewalt vorgehen. Rwanda, Sierra Leone, Bosnien sind die Schauplätze dieser „neuen Krieg“. Den Bürgerkrieg auf dem Balkan bezeichnet Dempfer als Zäsur: Der Begriff der „humanitären Krise“ kommt hier auf.

Aus den neunziger Jahren geht die humanitäre Bewegung - und an exponiertester Stelle das Rote Kreuz - angeschlagen hervor. Mittlerweile werden die Strukturen der Hilfsindustrie und das Helfen als Prinzip in den „modernen“ Bürgerkriegen insgesamt infragegestellt, wie etwa von Linda Pohlmann in ihrem Buch „Die Mitleidsindustrie“, insbesondere wenn Hilfe dazu führt, Leiden zu verlängern und die Täter zu begünstigen. Doch war die Gründung des Internationalen Roten Kreuzes durch Henry Dunant unter dem Eindruck des Schlachtfelds von Solferino, so Herfried Münkler, „von vornherein darauf begründet, das moralische Paradox allen Kampfgeschehens nicht auflösen zu wollen, sondern es auszuhalten.“ (S. 75). Und selbst die Kritiker bleiben die Antwort auf das Dilemma schuldig: Ist Nicht-Helfen die Lösung?

Die Praktiker der Hilfe

Der vorliegende Band will das Rote Kreuz erkennbar machen, die für das Rote Kreuz typische Diskretion durchbrechen, indem es über die Menschen spricht, die sich seiner Idee verschrieben haben: „Sie wollen Menschen dienen, aber keinem System; das Opfer versorgen, aber genauso den Täter; die Initiative ergreifen, aber keine Partei; der Not gehorchen, aber nicht dem König; Nationen achten, aber keine Grenzen. Die Geschichten der Henry und Henriette Dunants von heute sind voll von Triumphen, aber auch von Fehlschlägen, die in ihrem Geschäft umso bitterer sind, weil sie Menschen betreffen, deren Schicksal ohnehin kaum jemanden interessiert… Getrieben von nüchterner Leidenschaft oder dem 'Zorn der Zeit' (Peter Sloterdijk), haben sie sich 'einer Mission verschrieben, von der sie wissen, dass sie nie ein gutes Ende nehmen wird' (Hans Magnus Enzensberger“. (S. 16f.)

Wie die Helferinnen und Helfer versuchen, diese Absurdität in der Praxis aufzulösen, dazu läßt Dempfer sie selbst zu Wort kommen: Den Notfallsanitäter Dieter Kramer ebenso wie die Flüchtlingshelferin Charlotte Lindsay, den Kriegschirugen Robin Coupland, und auch die Vorkämpferin gegen die Folgen des Klimawandels, Madeleen Helmers. „Die Rotkreuz-Helfer sind keine Pazifisten, und sie misstrauen aus Erfahrung allen Utopien von einer Welt ohne Krieg…Nicht Krieg ist verboten. Sondern Unmenschlichkeit im Krieg… Hinter den Paragrafen der Genfer Konvention steckt eine jahrtausendealte Tradition: Keine Kultur kommt ohne Vorkehrungen aus, die den Menschen vor dem Menschen schützt.“ (S. 167f.)

Es ist kein Zufall, dass Hans Magnus Enzensberger, dessen eigenes Buch über das Rote Kreuz unter dem Titel „Krieger ohne Waffen“ erschienen ist, und der in Dempfers Band zu Wort kommt, ein „Hausheiliger“ vieler Rotkreuzler ist. „In seinem Werk finden sie die Unterstützung, die ihnen der Zeitgeist verwehrt. Auch Hans Magnus Enzensberger geht es nicht (mehr) um allgemeine Weltverbesserung sondern um die hartnäckige Verteidigung von Minimalstandards der Zivilisation. Auch er mißtraut der unverbindlichen Rhetorik von Absichtserklärungen und einer Selbstüberschätzung, die glaubt, für alles Verantwortung übernehmen zu können. (“Ein Lump ist, wer mehr verspricht, als er halten kann!“). Auch er hält große Stücke auf die Handlungsbereitschaft einzelner Personen, die präzise dort Verantwortung übernehmen, wo sie die Dinge entsprechend ihren Kräften und Fähigkeiten auch tatsächlich zum besseren wenden können“ (S. 204). Damit sei, so Dempfer auch viel über das Selbstverständnis des Roten Kreuzes gesagt.“(S. 204)

Helfer unter Hitler

Dempfer umgeht nicht die unangenehmen Themen – z.B. das schwierige Verhältnis des IKRK zu den nationalen Rotkreuz-Gesellschaften -, vor allem aber nicht das umstrittenste Thema in der Geschichte des IKRK überhaupt, sein Verhalten im Nationalsozialismus. Er konzentriert sich hier auf die entscheidende Sitzung des Führungsgremiums des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz am 14. Oktober im Genfer Hotel Metropole, auf dem es nur einen einzigen Tagesordnungspunkt gibt. Das Ergebnis: Das IKRK wird nicht öffentlich gegen den Holocaust auftreten, sondern versuchen, auf diplomatischen Wegen den Zugang zu den Zivilinternierten in den Lagern der Deutschen zu halten. Der „beschämendste Augenblick in der Geschichte des IKRK“, so der „Economist“ im Jahr 1998.

Charity-Schickeria oder die Marktschreier der Hilfe

Zur Gegenwart des Roten Kreuz gehört, man mag es bedauern oder nicht, der Betroffenheitskult der Charity-Schickeria, an ihrer Spitze Bob Geldorf und Bono („Angela Merkel gehört zu unserer Gang“), den Gutmenschen des Unkonkreten. Für nicht wenige stellen ihre grandios inszenierte Aktivitäten eine widerliche Form des Mitleidskolonialismus dar, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass sie gegen jegliche Form von Kritik resistent ist. Enzensberger: „Es folgt nichts daraus. Null.“ Nur Spektakel und ein gutes Gefühl.

Mehr noch. Selbst dort, wo viel Geld gesammelt wird, gibt es keinen zwangsläufigen Zusammenhang zwischen Sammeln für einen guten Zweck und sinnvoller Verwendung des Geldes. Der Ökonom Jeffrey Sachs, ein entschiedener Befürworter der Entwicklungshilfe, weist darauf hin, dass der Anteil der Afrikaner, die von weniger als zwei Dollar am Tag leben müssen, heute noch so hoch ist wie 1981.

Die afrikanische Ökonomin Dambisa Moyo hat mit ihrem Bestseller-Buch „Dead Aid“ vor kurzem weltweit die Diskussion darüber befeuert, ob Entwicklungshilfe mehr schadet als nützt.

Solche Zweifel bewegen die Stars überhaupt nicht. Schließlich wartet das nächste Rock-Pop-Megaereignis. Live 8, so Geldorfs Mitstreiter Neal Laeson, „hat Millionen Menschen dazu bewegt über die Armut in der Dritten Welt zu sprechen.“ Schön wäre es, aber selbst das ist nicht so sicher. „Wir haben eigentlich über die Wiedervereinigung von Pink Floyd geredet“, erklärte Live 8-Besucher Lucho aus Bristol“. (S. 260)

Fazit

Robert Dempfer hat ein äußerst lesenswertes Buch über das Rote Kreuz geschrieben. Jeder kennt das Rote Kreuz. Seine Symbole gehören zu den bekanntesten Marken der Welt. Trotzdem wissen die wenigsten, was tatsächlich dahintersteckt. Nach der Lektüre dieses Bandes, das mit großer Kennerschaft geschrieben ist, weiß man mehr. Dempfer verbindet auf höchst interessante und sympathische Weise Geschichte und Entwicklung des Roten Kreuz und die darin verwobenen großen Themen der humanitären Hilfe mit reportagenhaften Schilderungen des Engagements der einzelner Menschen, die sich für und im Roten Kreuz engagieren. Das Buch ist jedem theoretisch wie praktisch an der Arbeit des Roten Kreuzes oder humanitärer Hilfsorganisationen überhaupt Interessierten zu empfehlen.


Rezension von
Prof. Dr. Hans Langnickel
Hochschule Lausitz
Standort Cottbus
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Zitiervorschlag
Hans Langnickel. Rezension vom 15.02.2011 zu: Robert Dempfer: Das Rote Kreuz. Von Helden im Rampenlicht und diskreten Helfern. Deuticke (Wien) 2009. ISBN 978-3-552-06092-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7883.php, Datum des Zugriffs 28.05.2020.


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ISSN 2190-9245

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