Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Franz Billmayer (Hrsg.): Nachgefragt. Was die Kunstpädagogik leisten soll

Rezensiert von Prof. Dr. Birgit Dorner, 09.12.2009

Cover Franz Billmayer (Hrsg.): Nachgefragt. Was die Kunstpädagogik leisten soll ISBN 978-3-86736-120-0

Franz Billmayer (Hrsg.): Nachgefragt. Was die Kunstpädagogik leisten soll. kopaed verlagsgmbh (München) 2009. 180 Seiten. ISBN 978-3-86736-120-0. 14,80 EUR.
Reihe: Kontext Kunstpädagogik - 20
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Autor und Entstehungshintergrund

Franz Billmayer ist Professor für Kunstpädagogik an der Universität Mozarteum in Salzburg. Im März 2009 veranstaltete er eine zentrale kunstpädagogische Fachtagung zum Thema „Erwartungen, Angebote und Nachfrage an die Kunstpädagogik heute“ Der Band „Nachgefragt. Was die Kunstpädagogik leisten soll“ ist Teil 2 der von Billmayer herausgegeben Sammlung von Texten zum gegenwärtigen Fachdiskurs (Band 1, vgl. die Rezension) und zu Anforderungen, die an Kunstpädagogik heute von außen gestellt werden (Band 2). Experten aus verschiedenen Ländern, wissenschaftlichen Disziplinen und gesellschaftlichen Bereichen, Billmayer bezeichnet sie als „VertreterInnen der Abnehmer“, sollten in ihren Beiträgen beschreiben, welche Erwartungen sie an die „Dienstleistung Kunstpädagogik“, im Rahmen des Faches Kunst in Schulen stellen.

Aufbau und Inhalt

Einem kurzen Vorwort des Herausgebers schließen sich 10 Texte zu Erwartungen an das Fach Kunst in der Schule aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven an.

Wolfgang Ullrichs kunstwissenschaftlicher Beitrag zu „Der fotographische Blick als Machtgeste. Zur Arbeit von Andreas Gursky“ beschreibt in genauer Analyse die Entwicklung der Bildkomposition im Werk des zeitgenössischen Künstlers Andreas Gursky über einen Zeitraum von etwa 25 Jahren. Sein didaktisches Anliegen ist es aufzuzeigen, welchen Einfluss der eigene künstlerische und besonders der materielle Erfolg auf die Gestaltung der Bildwerke hat. Leider sind die Reproduktionen der Arbeiten Gurskys in schlechter Qualität und extrem klein, sodass die Argumentation nur begrenzt über die Bilder nachvollziehbar wird.

Der Erziehungswissenschaftler Ferdinand Eder geht der Frage nach „Was erwartet die Pädagogik von der Kunst?“ Im ersten Teil seines Beitrags beschreibt Eder die lange gemeinsame Geschichte Kunst und Pädagogik, um dann auf die derzeitige Situation der Fächer ästhetischer Bildung an Schulen zu sprechen zu kommen. Er konstatiert dem gegenwärtigen Verhältnis von Kunst und Pädagogik im schulischen Kontext eine Zwiespältigkeit, es oszilliert zwischen theoretisch-deklarativer Hochschätzung einerseits und institutioneller Abwertung, Instrumentalisierung und Verbannung der Fächer ästhetischer Bildung wie Kunst und Musik aus dem schulischen Alltag andererseits. Im zweiten Teil seines Textes stellte Eder die mögliche Rolle von Kunst im Prozess der Persönlichkeitsentwicklung und den Erwerb von Schlüsselkompetenzen über eine Bildung durch Kunst, eine Didaktik der Kreativität und eine Didaktik der kulturellen Literacy dar.

Die Paradoxie technischer Bilder“, also ihre Eigentümlichkeit Dinge zu zeigen, die es eigentlich gar nicht zu sehen gibt, nimmt der Medien- und Kommunikationstheoretiker Frank Hartmann in den Blick. Aufgrund der Wichtigkeit technischer Bilder in den Kommunikationsmedien in unserer derzeitigen visuellen Kultur, fordert Hartmann von schulischem Unterricht die angemessene Ausbildung einer „Visual Literacy“, also eine spezifische Medienkompetenz diesem Phänomen adäquat begegnen zu können.

Bazon Brock, Philosoph und Kunsthistoriker, thematisiert eloquent bar jeglichen Bezugs zur Kunstpädagogik in „Barocke Evidenzkritik in der Filmavantgarde des Werner Nekes“ das Phänomen der gezielten Täuschung des menschlichen Auges, der Herstellung von Illusion im Barock und im Avantgarde-Film.

Der Philosoph Konrad Paul Liessmann postuliert völlig unzeitgemäß in „Vom Nutzen des Schönen. Angebot und Nachfrage in der ästhetischen Erziehung“, dass der Gegenstand ästhetischer Erziehung nur dass Schöne sein könne. Das Nützliche, nicht das Hässliche, sei das eigentliche Gegenteil des Schönen. Daraus folgernd sieht er den Wert ästhetischer Erziehung nur dann als gegeben, wenn sie sich nicht ausschließlich über Nützlichkeitsbestrebungen definiert, sich also nicht an Nützlichkeitskriterien wie das den Bildungsdiskurs prägende Ziel der „Beschäftigungsfähigkeit“ orientiert, sondern sich auf die Autonomie des Bereiches des Ästhetischen besinnt.

Gerade als Interessensvertreter der Wirtschaft hält Klaus Schedler den Ruf nach immer mehr Praxis- und Anwendungsbezug in den schulischen Curricula für problematisch, als erstes Ziel von Bildung nennt er die Selbstverwirklichung. In seinem Beitrag „Kunst im Spannungsfeld von Beruf und Berufung. Erwartungen der Wirtschaft an das Verhältnis von Gewerbe und Kunst“ stellt er die Bedeutung von Kunst als Beitrag zum Innehalten und zur kritischen Selbstreflexion heraus.

Werner Pichler formuliert „Eckpunkte eines zeitgemäßen kunstpädagogischen Unterrichts aus Sicht der ArbeitnehmerInneninteressensvertretung. Erfahrungen, Projekte, Aktivitäten“. Die Grundlage seiner Thesen bilden kunstpädagogische Projekte der österreichischen Arbeiterkammer im Bereich der außerschulischen Bildungsarbeit mit jungen Erwerbstätigen. Zentrales Bildungsziel ist für ihn soziale Inklusion und Teilhabe über den Erwerb sozialer und kommunikativer Kompetenzen durch kunstpädagogische Projektarbeit. Als weitere Lernfelder hierbei zeigt Pichler Kreativität, Selbsterfahrung, Handlungsbereitschaft, die Freude am eigenen Tun, Wertschätzung ästhetischer Vielfalt und die Entwicklung von kulturellem Bewusstsein und kultureller Toleranz auf. Auf der für ihn unzweifelhaften Bildungswirksamkeit von Kunstpädagogik gründet dann seine abschließende Forderung nach Kunstunterricht auch an berufsbildenden Schulen.

Peter Simlinger streicht in „Sprache und Kommunikation, Kreativität und Gestaltung, Kunst und/oder Design. Besser: Informationsdesign“ die Bedeutung des Informationsdesigns als Wissenstransfer heraus, indem durch Informationsdesign Informationen sinnlich wahrnehmbar und verständlich gemacht werden. Der Bezug zur Kunstpädagogik beziehungsweise das Verhältnis von Informationsdesigns und Kunstpädagogik bleiben dabei allerdings sehr im Vagen.

Philippe Viallon bekräftigt in „Die W-Fragen der Bildanalyse“, die in Billmayers Bänden schon wiederholt angeklungene Forderung, dass die Schaffung von Bildverständnis in der heutigen Bilderflut eine wichtige Aufgabe schulischer Bildung sei. Hierzu stellt er für schulischen Bildunterricht ein Raster zur wissenschaftlichen Analyse von Bildern vor als Alternative zur aus seiner Sicht üblichen subjektiven Interpretation von Bildern. Desweiteren diskutiert er die Frage, welchem Fach die Aufgabe der Bild-Bildung vorrangig zugeordnet werden soll und wie sichergestellt wird, dass diese Aufgabe auch bewältigt werden kann bzw. bewältigt werden will.

Helene Karmasin legt in ihrem Artikel „Produkte und Produktverpackungen als Botschaften“ aus der Perspektive qualitativer Marktforschung eindrucksvoll dar, inwiefern Produkte und ihre Verpackungen ein reichhaltiges Material zur Analyse unserer Gesellschaft darstellen. Konsumenten kaufen Verpackungen als Gesellschaftsmitglieder, die bestimmte Codes eingeübt haben und kennen, einer bestimmten Gruppe angehören und bei denen spezifische Zeichenprozessen bestimmte Lebensgefühle auszulösen genauso wie sie ihre Sehnsüchte, Defizite und ihre kulturellen Ideale ansprechen. In ausgefeilten Untersuchungen mit unterschiedlichsten methodischen Herangehensweisen ermittelt die qualitative Marktforschung für den Kauf von Produkten relevante Zeichensysteme. Produktdesign bedient sich der Ergebnisse qualitativer Marktforschung, um zielgruppenspezifisches Design und damit gut Verkaufbares zu entwickeln. Kunstpädagogik hat die Aufgabe hier aufklärend tätig zu sein.

Es schließt sich ein Nachtrag mit drei Artikeln zu Band 1 „Angeboten. Was die Kunstpädagogik leisten kann“ an, der der Materialfülle dieses Bandes trotz der unzweifelhaften Qualität der Texte nicht viel Neues hinzufügen kann.

Diskussion

„Nachgefragt“ verfolgt einen spannenden Ansatz, interessierte Nicht-KunstpädagogInnen zu befragen, was Kunstpädagogik in der Schule eigentlich leisten soll. Die Antworten der VetreterInnen unterschiedlichster Disziplinen bleiben allerdings heterogen sowohl was ihren Bezug zur Kunstpädagogik, ihre Relevanz für den fachinternen Diskurs ausmacht wie auch hinsichtlich ihrer generellen Qualität.

Die einzelnen Beiträge nehmen die Kunstpädagogik und das Fach Kunst an Schulen mit unterschiedlicher Intensität in den Blick. Manche Texte wie die von Wolfgang Ullrich, Bazon Brock oder Peter Simlingger erfreuen sich der Nabelschau der Erkenntnisse der eigenen Disziplin und scheinen den Auftrag, Forderungen an die Kunstpädagogik zu stellen über weite Strecken oder ganz zu vergessen.

Auf den Nachtrag zu Band 1 hätte durchaus verzichtet werden können, allein die kompakte Zusammenstellung und die Kommentierung der Tagung von Marie-Luise Lange möchte man nicht missen.

Manche Forderungen der „AbnehmerInnen“, wie die nach mehr „Bildunterricht“, decken sich mit Themen des internen Diskurses der Disziplin der Kunstpädagogik. Deutlich zeigt sich aber auch, dass viele Aspekte des disziplininternen Diskurses kaum oder gar nicht bis zu den „AbnehmerInnen“ vordringen. Das mag zwar zunächst normal erscheinen, selten ist die interessierte Öffentlichkeit über Fachdiskurse informiert, andererseits stellt es für das „bedrohte“ Fach Kunst an Schulen eine weitere Bedrohung dar, wenn sich nicht einmal diejenigen, die sich für einen Beitrag in diesem Buchprojekt entschieden haben, über die gängigen Diskurse informiert zeigen bzw. auf sie gar nicht reagieren. Noch viel erschreckender allerdings ist, dass kaum ein/e AutorIn die eigentlichen „AbnehmerInnen“ der Kunstpädagogik wirklich in den Blick nimmt, die SchülerInnen.

Fazit

Das Buch stellt in erster Linie eine interessante, wenn auch stellenweise nachdenklich stimmende Lektüre für das Fachpublikum dar, KunstpädagogInnen in Ausbildung, Praxis und Lehre, informativer für „AbnehmerInnen ist sicher Band 1 „Angeboten. Was die Kunstpädagogik leisten kann“.

Rezension von
Prof. Dr. Birgit Dorner
Katholische Stiftungsfachhochschule München, Fachbereich Soziale Arbeit
Professorin für Kunstpädagogik in der Sozialen Arbeit
Mailformular

Es gibt 12 Rezensionen von Birgit Dorner.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Birgit Dorner. Rezension vom 09.12.2009 zu: Franz Billmayer (Hrsg.): Nachgefragt. Was die Kunstpädagogik leisten soll. kopaed verlagsgmbh (München) 2009. ISBN 978-3-86736-120-0. Reihe: Kontext Kunstpädagogik - 20. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7891.php, Datum des Zugriffs 06.10.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht