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Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie, William R. Beardslee (Hrsg.): Hoffnung, Sinn und Kontinuität

Cover Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie, William R. Beardslee (Hrsg.): Hoffnung, Sinn und Kontinuität. Ein Programm für Familien depressiv erkrankter Eltern. dgvt-Verlag (Tübingen) 2009. 198 Seiten. ISBN 978-3-87159-619-3. 19,00 EUR.

Reihe: Fortschritte der Gemeindepsychologie und Gesundheitsförderung - Band 19. Originaltitel: Hope, meaning and continuity.
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Thema

Das Empfinden von „Hoffnung, Sinn und Kontinuität“ ist ein zentraler Faktor psychischen Gesundbleibens unter schwierigen Bedingungen. Kinder, in deren Familien ein oder beide Elternteile psychisch erkrankt sind, wachsen unter erschwerten Bedingungen auf. Wie kann die psychische Gesundheit dieser Kinder hinsichtlich einer solchen Risikobedingung präventiv gefördert werden? Obwohl diese Frage schätzungsweise zwischen 200.000 und 500.000 minderjährige Familienmitglieder allein in Deutschland betrifft, gibt es einen Mangel in der Praxis erprobter Präventionsprogramme. Das vorliegende, aus dem US-amerikanischen übertragene Programm ist auf die Arbeit mit Familien ausgerichtet, die durch eine depressive oder bipolare affektive Störung eines Elternteils belastet sind. Kinder depressiver Eltern weisen statistisch ein erhöhtes Risiko auf, selbst depressiv zu erkranken. Das spezifisch erhöhte Risiko hängt mit unterschiedlichen Typen von Risiken zusammen, die durch komplexe Wechselwirkungen miteinander verknüpft sind. Zur Geltung kommen biologisch-genetische, psychosoziale und interaktive Faktoren. Ausgangspunkt des hier dargestellten Programms ist die Erfahrung, dass das spezifische Risiko der betroffenen Kinder systematisch und effektiv durch Prävention beantwortet werden kann.

Entstehungshintergrund

Unter dem Titel „Hope, Meaning and Continuity: A Programm for Helping Families When Parents Face Depression” wurde das US-amerikanische Präventionsprogramm zwischen 1994 und 2001 unter der Leitung von William R. Beardslee entwickelt. Prof. Dr. Beardslee leitete als Facharzt für Psychiatrie und Kinder- und Jugendpsychiatrie eine klinische Verlaufsstudie am Children Hospital Boston, in der über einen Zeitraum von 10 Jahren 275 Kinder aus ca. 140 Familien mit mindestens einem depressiv erkrankten Elternteil untersucht wurden. Als wesentliches Ziel des Präventionsansatzes beschreiben die Autoren, „die psychologisch und psychiatrisch Tätigen dabei zu unterstützen, vorhandene elterliche Kapazitäten zur Versorgung der Kinder zu verbessern“.

Aufbau und Inhalte

Der erste Teil des Manuals beschreibt das methodische Vorgehen und zentrale Befunde, auf denen die Entwicklung des Präventionsprogramms basiert. Zu Beginn wurde systematisch nach entwicklungspsychopathologischen Risiko- und Schutzfaktoren der betroffenen Familien und ihrer Kinder gefragt.

Auf dieser Grundlage wurden zwei Präventionsprogramme entwickelt und in einer Pilotphase verglichen, welche relevanten Veränderungen die Eltern in beiden Gruppen beschrieben. Ein psychoedukatives Basisprogramm zur Unterweisung betroffener Eltern wurde mit einem stärker individualisierten, therapeutisch ausgerichteten Programm verglichen. Das therapeutisch orientierte Vorgehen erwies sich als effektiver, sowohl in der Pilot- wie in einer ausgeweiteten Probephase, in der die Programme auch auf ein anderes, sozial stärker belastetes Milieus übertragen wurden.

Das ausgewählte Präventionsprogramm beschreiben die Autoren in Teil 2 des Bandes. Das Programm wurde sowohl in Ein-Eltern-Familien eingesetzt als auch in Familien, in denen zwei Elternteile anwesend waren, wenn mindestens ein Elternteil Episoden affektiver Störung erfahren hatte und mindestens ein Kind zwischen 9 und 15 Jahren in der Familie lebte. Das Manual ist darauf ausgelegt, dass es von Personen unterschiedlicher helfender Berufe angewendet werden kann. Die Autoren umschreiben die Intervention als eine „intensive, psychoedukative. Familienzentrierte Kurzzeitinterventiin mit nachfolgenden Langzeit-Follow-Up„: Die initiale Intervention selbst soll üblicherweise in einer intensiven Phase mit ca. sechs Sitzungen durchgeführt werden. Die Follow-Up-Phase beinhaltet mindestens eine Sitzung nach einem halben Jahr und die Zusage, dass der Helfer erreichbar bleibt und bei Bedarf weitere Termine anbieten wird.
Familien, in denen ein Elternteil eine schwere psychische Erkrankung erlebt, werden auch über die Akutphase hinaus in ihrem Vertrauen in die eigene Bewältigungsfähigkeit nachhaltig verunsichert. Das Programm soll helfen, diese Verunsicherung zu thematisieren und blockierte familiäre Ressourcen wieder zu aktivieren. Die Intervention beschäftigt sich „vor allem mit den Hoffnungen und Zukunftsträumen von Familien sowie damit, wie diese Hoffnungen und Träume durch das Auftreten einer schweren psychischen Erkrankung beeinträchtigt wurden“. Zentrale Fragen sind „die Gedanken der Eltern über ihre Kinder, ihre Hoffnungen für deren Zukunft und die Gefährdung dieser Hoffnungen durch das Auftreten der Krankheit“.

Die Sitzungen selbst werden durch das Manual inhaltlich skizziert und ihre Bedeutung für das Präventionsanliegen erläutert. Viel Wert wird darauf gelegt, eine günstige, ressourcenaktivierende Haltung der Helfer gegenüber den betroffenen Eltern zu fördern. Zu Beginn der ersten Sitzung wird darauf hingewiesen, dass das Präventionsprogramm eine psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung der Eltern oder Kinder weder ersetzen kann noch will, bei Bedarf aber eine Behandlung vermittelt wird. Die ersten beiden Sitzungen finden nur mit den Eltern statt. Für die Durchführung stehen semistrukturiertes Interviewleitfäden zur Verfügung.

Die Fragebögen und Interviewleitfäden des Manuals sowie Literaturhinweise sind im Anhang enthalten, wobei das Copyright für die Durchführungsmaterialien nicht formal freigegeben ist.
Am Anfang der ersten Sitzung steht die Rekonstruktion der depressiven Indexepisode: möglicherweise auslösende Stressoren, die Phänomenologie der Störung, ihre Behandlung und der Verlauf werden besprochen. In der zweiten Sitzung stehen zunächst die psychoedukative Betrachtung der krankheitsspezifischen Erfahrungen, dann die elterliche Sicht auf die Kinder, deren erlebte Stärken, Schwächen und mögliche kindbezogene Sorgen der Eltern im Fokus. Die dritte Sitzung erfolgt als halbstrukturiertes Interview nur mit dem Indexkind. Die Einzelsitzung ist auf psychoeduaktives Wissen über die miterlebte Störung, die Thematisierung der spezifischen krankheitsbezogenen Erfahrungen und mögliche eigene Erkrankungsängste bezogen. Die Einzelsitzung mit dem Kind wird nicht durch einen vorherigen Familientermin vorbereitet. Die erste Familiensitzung erfolgt im fünften Termin. Hauptziel ist, ein gemeinsames Verständnis der elterlichen Erkankung zu erarbeiten. Der Familientermin wird in der vierten Sitzung mit den Eltern vorbereitet, wenn die mit dem Kind stattgefundene Einzelsitzung nachbesprochen wird. Der Schlusstermin der Interventionsphase im sechsten Termin findet mit den Eltern statt und zielt darauf ab, eine günstige Einstellung auf zukünftige Herausforderungen zu unterstützen.

Am Follow-Up-Treffen nach sechs Monaten können die Kinder auf Wunsch der Eltern teilnehmen. Ein Leitfadeninterview dient der Klärung der aktuellen familiären Situation und der Beurteilung erlebter spezifischer Veränderungen seit der Teilnahme am Präventionsprogramm. Wichtiges Ziel des Treffens ist, an die zugesicherte Verfügbarkeit des Interventionsleiters zu erinnern.

Fazit

Das Präventionsprogramm ist solide aufgebaut und erprobt. Der Ansatz und die Durchführung sind im positiven Sinne „einfach“. Die Gesprächsleitfäden sind direkt auf die Auseinandersetzung der Eltern und der Familie mit der erlebten psychischen Erkrankung ausgerichtet. Konzeptionell zu diskutieren wäre, ob die Kinder breiter in die Termine hätten einbezogen werden können. Allerdings ist die klare Ausrichtung auf die Eltern ein Teil der direkten, unkomplizierten Struktur des Manuals. Ganz sicher ist es wünschenswert, dass betroffene Familien an dem Programm teilnehmen können. Den präventiven Auftrag des Manuals können am ehesten psychosoziale Helfer übernehmen, die belastete Eltern in ihrem Erziehungsauftrag unterstützen können, auch wenn eine manifeste psychische Störung derzeit nicht vorliegt. Im deutschen Versorgungssystem werden Helfer mit diesem Auftrag im Rahmen der öffentlichen und freien Jugendhilfe tätig, beispielsweise als Sozialpädagogische Familienhelfer oder in Psychologischen Beratungsstellen. Das Manual ist sehr geeignet, die Zusammenarbeit mit den betroffenen Eltern in diesem Rahmen zu unterstützen.


Rezension von
Dr. Christian Brandt
Psychologischer Psychotherapeut, Diplom Soziologe,
Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie Weinsberg
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Zitiervorschlag
Christian Brandt. Rezension vom 29.10.2010 zu: Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie, William R. Beardslee (Hrsg.): Hoffnung, Sinn und Kontinuität. Ein Programm für Familien depressiv erkrankter Eltern. dgvt-Verlag (Tübingen) 2009. ISBN 978-3-87159-619-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7894.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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