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Lucia Dahinden u.a. (Hrsg.): Mythos Coaching

Cover Lucia Dahinden u.a. (Hrsg.): Mythos Coaching. Was bringts? Orell Füssli Verlag (Zürich) 2009. 207 Seiten. ISBN 978-3-280-05314-0. 32,90 EUR.
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Thema

Der erste Satz des Vorwortes der Herausgeber lautet: „Noch ein Buch zum Thema Coaching – ist das wirklich nötig?“ Da bleibe ich zum ersten Mal hängen: Warum meinen Autoren oder Herausgeber eigentlich so oft, dass sie sich dafür entschuldigen müssen, noch ein Coachingbuch zu schreiben? Ist es vorstellbar, dass ein Buch so beginnt: „Noch ein Buch zum Thema Mathematik – ist das wirklich nötig?“? ist es vorstellbar, dass ein soziologisches Buch so beginnt? Aber aus der Coachingliteratur der letzten zwei bis drei Jahre könnte ich eine ganze Reihe von Titeln nennen, die mit dieser Wendung anfangen. Was macht diesen Unterschied aus? Meine Vermutung ist, dass sich Coaching seiner selbst noch nicht sicher ist. Coaching versteht sich noch nicht als ein komplexes Fachgebiet, dem wissenschaftliches Denken adäquat wäre. Anders als in der Paralleldisziplin Supervision hat Coaching noch nicht den „tree of science“ (Hilarion Petzold) abgearbeitet und sich in einem umfassenden Sinn der eigenen Metatheorien, der real explikativen („middle range“) Theorien, der Praxeologie, der Praxis und der Methodik vergewissert. Deshalb ist es noch nicht selbstverständlich, dass an diesem Baum viele Blätter Platz haben, dass manche Blätter welken und andere nachwachsen. Es wäre gut, ein solches Verständnis des Faches zu übernehmen und dann eigene und fremde Beiträge zu schätzen. Und wenn wir zudem Coaching als System verstehen, bedeutet jeder neue Beitrag eine neue Perspektive, die die Interaktion anreichert und sowohl zum Lernen im System als auch zum Lernen des Systems beiträgt. Die Notwendigkeit eines neuen Buches muss, wenn es solche neuen Perspektiven mit sich bringt, nicht eigens begründet werden. Schon gar nicht mit einem Satz, der schlicht falsch ist: „Doch auf Fragen: ‚Was passiert eigentlich im Coaching? Was kann ich erwarten? Wir funktioniert dies oder jenes?‘ gibt es noch kein Buch.“ (Seite 9) Hingewiesen sei auf das Handbuch von Rauen, das von Migge oder auch das jüngst erschienene Bändchen von Ute Simon-Adorf: Was Sie schon immer über Coaching wissen wollten. (Vgl. Rezension) Dafür jedenfalls hätte es kein neues Buch gebraucht! - Die AutorInnen des in der Schweiz erschienenen Bandes sind alle erfahrene Coaches mit unterschiedlichem Ausbildungshintergrund und aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern, aber mit einem deutlichen Schwerpunkt im Business-Coaching.

Aufbau und Inhalt

Die Beiträge des Bandes sind in mehrere Kapitel zusammengefasst. Ein erstes fragt: „Was ist Coaching? Was ist es nicht?“ und nimmt die Frage mit dem Beitrag von Marius Neukom und Bernhard Grimmer auf: „Coaching oder Psychotherapie? Psychotherapie und Coaching?“ Die beiden Fachpsychologen für Psychotherapie mit Zusatzausbildungen in Coaching und Organisationsentwicklung verdeutlichen Unterschiede und Berührungspunkte von Coaching und Psychotherapie.

Das zweite Kapitel ist dem Thema „Business Coaching“ gewidmet und richtet den Blick auf „Executives“, also (höhere) Führungskräfte. Der thematische Bogen reicht von grundlegenden Fragen des Executive Coaching über die spezielle Situation von Frauen in Führungspositionen und ihren privaten Lebenssituationen bis zur Frage nach der Kategorie Sinn im Führungshandeln.

„Kein Mensch kann ohne seine Zustimmung glücklich sein“ – mit diesem Satz, der Mark Twain zugeschrieben wird, eröffnet Alexander Milz die Reihe der Beiträge unter der Überschrift „Life Coaching“ und fragt nach der Motivation, trotz Widrigkeiten zum Leben und zur Arbeit Ja zu sagen. Das Thema „Performance-Angst“ (vulgo Lampenfieber) behandelt Reto Wyss und gibt damit einen Einblick in die Coachingarbeit bei Angstsymptomatik. Thomas Mahler schließlich weist auf die Bedeutung „innerer Fitness“ hin und skizziert den Weg dahin.

Die speziellen Fragestellungen eines betriebsinternen Coachings behandelt das Kapitel „Coaching im Unternehmen“. Carmen Dall‘Osto schreibt aus der Perspektive einer Human-Resources-Verantwortlichen über den Umgang mit der Rollenkumulation, Patrizia Mondini schildert anhand der Initiative „Coaching for Leaders“ bei der Credit Suisse den Aufbau eines eigenen Coachingpools und die dafür maßgeblichen Kriterien.

Die „Schweizer Coachingmarkt-Studie“ stellt ein eigenes Kapitel dar. Sie hat den Schweizer Coachingmarkt in den Jahren 2003 – 2008 erforscht und ein ungebremstes Wachstum in diesem Beratungsformat festgestellt.

Ausbildung von Coaches“ ist der Gegenstand des nächsten Kapitels, das drei Beiträge umfasst. Willem Lammers, Leiter des Ausbildungsinstitutes ias in Bad Ragaz, beschreibt die zentralen Kompetenzfelder von Coaches. Eric Lippmann, Leiter des Masterlehrgangs am Institut für Angewandte Psychologie in Zürich, stellt das Kompetenzmodell dieses Lehrgangs dar und fragt danach, welche Schritte in Richtung einer weiteren Professionalität das Fach Coaching gehen wird. Und Werner Herren schließlich, der Leiter des Kurszentrums Aarau und Pionier der Coachingausbildung in der Schweiz, stellt die dortige Ausbildung dar und legt den Akzent darauf, dass Coaching mehr eine Weiterbildung als eine Ausbildung ist. Die KursteilnehmerInnen verstehen Coaching als Ergänzung zu anderen Kompetenzen, über die sie in ihren verschiedenen Professionen verfügen.

Werner Vogelauer, Autor verschiedener grundlegender Werke zum Thema Coaching, schreibt das Nachwort zu dem Band unter dem Titel „Die Welt ist vercoacht! – Ist die Welt wirklich vercoacht?“, in dem er nach Sinn und Unsinn des wild wuchernden Bindestrich-Coachings fragt: Familien-Coaching, Finanz-Coaching, Moving-Coaching, Job-Coaching oder auch Selbst-Coaching. Da ist Rückbesinnung nötig auf das, was Coaching eigentlich ist.

Der Anhang enthält einen ausführlichen Überblick über die AutorInnen,, eine tabellarische Übersicht über die Themen der Buchbeiträge, Tipps und eine Checkliste für die Evaluation von Coaches sowie einige nützliche Internetadressen.

Diskussion

Das Buch hat den Charakter eines „Tages der offenen Werkstatt“: Die 18 AutorInnen geben einen Einblick in ihre Arbeit als Coaches. Die Beiträge sind, auch wenn grundlegende Themen behandelt werden, Praxisberichte. Wer sich in erster Linie mit der Theorie von Coaching beschäftigen möchte, muss zu einem anderen Buch greifen. Vielleicht ist es der Praxisorientierung geschuldet, dass man sich gelegentlich etwas mehr Tiefe in Fragestellungen und Antworten wünschen würde. Mir ging es schon beim ersten Beitrag (Coaching oder Psychotherapie? Psychotherapie und Coaching?) so. Feststellungen wie „Sowohl beim Coaching als auch in einer Psychotherapie spielt die Beziehung zwischen den Beteiligten eine bedeutende Rolle“ (Seite 13) haben so wenig Neuigkeitswert, dass man ohne weiteres auf sie verzichten könnte. Dann wird „fokaltherapeutisch“ an „bewusstseinsnahen“ Themen gearbeitet, das ist aber, eben weil „bewusstseinsnah“ keine Psychotherapie, sondern Coaching. Als wesentliche Unterschiede zwischen Coaching und Psychotherapie werden genannt: Coaching findet in einem kürzeren Zeitrahmen statt und zielt darauf ab, dass der Klient spezifische Anforderungen in seinem Beruf besser bewältigen kann, während Psychotherapie Veränderungen, die die ganze Person betreffen, anstrebt. Bei beiden handelt es sich um zwei verschiedene Interventionsformen, wobei Coaching die höhere Akzeptanz hat. Das reicht mir als Grenzlinie nicht aus!

Aber ganz sicher ist es so, dass man die Beiträge in „Mythos Coaching“ auch als Gesprächsimpulse verstehen kann und muss. Sie beenden keine Debatte, sie stoßen sie an. Und ich bin recht sicher, dass das in jedem Fall spannende Debatten würden, denn alle Autorinnen sind hochkompetent in ihrem jeweiligen besonderen Arbeitsfeld. Jede Leserin und jeder Leser würde eine solche Debatte an einer anderen Stelle beginnen, mit einem anderen in dem Band vertretenen Coach. Da ich selber in der Ausbildung von Coaches tätig bin, ist es kein Zufall, dass ich zuerst an der Unterscheidung von Psychotherapie und Coaching hängenbleibe: Das ist eine wichtige Grenzziehung für Menschen, die Coaches werden, und sie müssen diesen Grenzverlauf kennen um zu wissen, was man von ihnen erwartet und was sie selbst zu leisten imstande sind. Und apropos Ausbildung: Eben hat ein Ausschuss der Deutschen Gesellschaft für Coaching (DGfC) sich damit befasst, welche Ausbildungsstandards er für Ausbildungsinstitute festschreiben möchte. Im Zentrum dieser Standards stehen, wie auch in den Beiträgen in diesem Band, die Kompetenzfelder, die in der Ausbildung bearbeitet werden sollen. Jeder Ausbildungsanbieter muss angeben können, welche Kompetenzen er bei seinen Ausbildungsteilnehmern in den jeweiligen Feldern entwickeln möchte, und was die Indikatoren einer solchen Entwicklung sind. Die Beiträge von Lammers und Lippmann sind eine Bestätigung eben dieser Entscheidung, sie sind umso gewichtiger, als es sich bei den Autoren um Menschen handelt, die die Professionalisierung von Coachingweiterbildungen seit Jahren erfolgreich voranbringen. Ein weiterer meiner Berührungspunkte mit dem Buch: die „Bindestrich-Coaches“. Der genannte DGfC-Ausschuss hat sich auch die Entscheidung getroffen, ab sofort keine Ausbildungszertifikate mit solchen Bindestrichen mehr auszustellen. Es wird kein Zertifikat „Familien-Coach“, „Senioren-Coach“, „Gesundheits-Coach“ etc. mehr geben, sondern nur das Zertifikat „Coach“. Die Vielfalt der Bindestriche entwertet letztlich die Berufsbezeichnung „Coach“, und das sollte eine bislang gut akzeptierte Profession tunlichst vermeiden.

Zielgruppe

Wer wird ein solches Buch zur Hand nehmen? Führungskräfte, könnte ich mir vorstellen, die sich einen Überblick über Möglichkeiten, Arbeitsbereiche und Arbeitsweisen von Coaching verschaffen möchten. Aber auch Coaches, die vielleicht bisher nur Erfahrungen in einem bestimmten Segment sammeln konnten und gern einen Blick über den Zaun anderer Bereiche werfen möchten. Und Menschen, die sich für eine Coachingweiterbildung interessieren und das Spektrum des Faches kennenlernen möchten. Die alle werden von der Aufsatzsammlung nicht enttäuscht werden. Wer vertiefte fachinterne theoretische Auseinandersetzungen führen will, sollte eher zu anderen Publikationen greifen.

Fazit

Eine interessante und anregende Sammlung!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 05.10.2009 zu: Lucia Dahinden u.a. (Hrsg.): Mythos Coaching. Was bringts? Orell Füssli Verlag (Zürich) 2009. ISBN 978-3-280-05314-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7897.php, Datum des Zugriffs 21.07.2019.


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