Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Anna Opel: Familienpolitik als Gleichstellungspolitik

Rezensiert von Ute Wellner, 13.02.2010

Cover Anna Opel: Familienpolitik als Gleichstellungspolitik ISBN 978-3-941201-38-5

Anna Opel: Familienpolitik als Gleichstellungspolitik. Der lange Weg zu einer egalitären Arbeitsteilung. Verlag Dashöfer GmbH (Hamburg) 2009. 56 Seiten. ISBN 978-3-941201-38-5. 27,75 EUR.
Reihe: Arbeitsrecht und Personal - Familie und Beruf
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema und Aufbau

Die Entwicklung der Familienpolitik hin zu einer egalitären Arbeitsteilung wird in diesem Buch nachgezeichnet. Es umfasst 7 Kapitel.

1. Einführung

Wir brauchen eine Geburtenrate von 2,1 Kindern um den Bestand unserer Gesellschaft zu sichern. In Deutschland hatten wir über Jahre nur eine Geburtenrate von 1,3 Kindern zu verzeichnen. Deutschland war damit das Schlußlicht in der EU. Der Generationenvertrag ist seit langem im Schwanken begriffen. Die Lösung ist einfach: mehr Kinder müssen geboren werden. Was sind die Gründe, dass Familien sich für nur ein Kind oder Paare sich gegen Kinder entschieden haben? Wer ist schuld? Diejenigen die Kinder austragen können, und das sind die Frauen. Sie haben sich zunehmend von ihrer traditionellen Rolle abgewandt und dem Berufsleben zugewandt. Siehe hierzu die Diskussion in den Medien z.Bsp. das Eva-Prinzip. Das erscheint konsequent angesichts der gesellschaftlichen Realität wie Existenzsicherung und instabiler Ehen.

Im Westen der Republik ist häufig berufliche und gesellschaftliche Gleichstellung für Frauen nur zu erreichen, wenn sie sich für ein Leben ohne Kind entschieden haben und entscheiden. In der ehemaligen DDR sah das aufgrund volkswirtschaftlicher Erfordernisse und der geschaffenen günstigen Rahmenbedingungen für Eltern besser aus. Die "nüchterne " Betrachtungsweise von gut ausgebildeten noch ostsozialisierten Frauen: es wäre dumm die so erworbenen besseren Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten durch Teilzeitarbeit wieder zu verlieren. Im Westen nimmt mit einem höheren Bildungsstand der Frauen die Kinderzahl grundsätzlich ab. Anders im Osten und in den nordischen Ländern. Ein solcher Zusammenhang ist dort nicht zu beobachten. Nur die werdenden Mütter sind auch dort älter. Deutschland tut sich schwer mit einer konstruktiven Analyse seines demografischen Problems. Das bekam auch die damalige Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (11.2005) anfangs zu spüren. Heute wird von einem "Erfolgsmodell" gesprochen. Etwas weiteres hat sich in den Jahren verändert, Kinder gehören nicht automatisch mehr zum Leben dazu. Inzwischen entscheiden Paare sich bewusst für ein Kind oder Kinder. Die Entscheidung wird für jedes weitere Kind neu getroffen.

2. Geburtenrate und Gleichstellung: Kontexte

  1. Wo gibt es Ansatzpunkte für politische Maßnahmen? Die Entscheidung für Kinder ist zwar grundsätzlich eine sehr individuelle und natürlich sehr private, aber sie wird im Rahmen oder im Hinblick auf ein Lebensmodell getroffen, dass sich die zukünftigen Eltern für sich vorstellen können. Insoweit spielen konkrete Bedingungen und Regularien eine wichtige Rolle. Die deutsche Arbeitswelt zeichnet sich nicht durch Familienfreundlichkeit aus. Konkrete Bedingungen und Regularien sind daher Ansatzpunkte für die zu führenden Diskussionen. Inzwischen sind Elterngeld, Elternzeit und Partnermonate eingeführt und die Betreuungsangebote für unter Dreijährige Kinder werden ständig ergänzt.
  2. Arbeit schafft Arbeit. Studien zeigen, dass eine hohe Erwerbsbeteiligung von Frauen zu Wohlstand und steigender Geburtenrate führt.
  3. Ein Umdenken ist erwünscht. Zuerst sollen bei den Vätern durch die gemeinsame Erfahrung in der Betreuung ihrer Kinder gegenseitiges Verständnis gefördert und die praktische Identifikation mit dem Lebensbereich Familie gelebt werden. Danach wird sich langfristig der gewünschte Effekt "ein Umdenken" auch bei den Arbeitgebenden einstellen. 12% Väter haben einen Antrag auf Elternzeit gestellt, meist für die berühmten zwei zusätzlichen Partnermonate.
  4. Der Betreuungsbedarf muss weiter beziffert werden. "Quality time" zu leben ist noch Zukunftsmusik für Paare.
  5. Das Ernährermodell ist ein Auslaufmodell.

3. Grundzüge der Familienpolitik im europäischen Vergleich

Die Autorin stellt das schwedische und das französische Modell im Vergleich zu Deutschland vor. In Schweden stehen die Interessen der einzelnen Individuen innerhalb der Familie im Vordergrund. In Frankreich ist Familienpolitik Mütterpolitik. Der Anteil der Vollzeit arbeitenden Mütter ist in Frankreich höher als in Schweden, dies hat mit der dort üblichen 35-Stunden-Woche für alle zu tun. Die kürze Wochenarbeitszeit für Mütter und Väter bewirkt ein ausbalancierteres Verhältnis zwischen den Geschlechtern und hat den erstrebenswerten Effekt der geringeren Lohnungleichheit zwischen Frauen und Männern. Für Anna Opel eignet sich das schwedische Model als Vorbild für Deutschland.

4. Auf dem richtigen Weg: Neue Familienpolitik in Deutschland

Zuerst ein Blick in die Vergangenheit, in der die Maßnahmen und Vorschläge der Familienminister- und Ministerinnen eher einem zahnlosen Tiger glichen: Entscheidung für den gesetzlichen Anspruch auf einen Kindergartenplatz für die drei - bis sechsjährigen Kinder (siehe die Jahre 1992 bis 1996). Doch was nutzt es, wenn nicht ausreichend Plätze real vorhanden sind. Gleichzeitig gibt es ein Erziehungsgeld i.H. Von DM 600 bzw. € 300 und den dreijährigen Erziehungsurlaub, die de facto zu der Entscheidung vieler Mütter führen doch zu Hause zu bleiben. Deutschland verhaftet trotz Wiedervereinigung im traditionellen Familienbild und ist auch im europäischen Vergleich in einer Aussenseiterrolle: weiter auf der letzten Position! Zu beobachten ist zudem eine massive Zunahme von Teilzeitarbeit.

Der politische Handlungsbedarf wurde vollends sichtbar mit dem im Jahr 2006 veröffentlichten Siebten Familienbericht, der die desolate Situation für eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf etc. umfangreich darstellte. Notwendige Veränderungen muss es danach zudem im Sozial-und Steuerrecht geben. Die zu erwartenden Auswirkungen auf die spätere Rentensituation der Mütter zeigte dringendes politisches Handeln an. "Es geht also um eine Familien- und Sozialpolitik die sich nicht ausschließlich auf die Situation von Müttern konzentriert, sondern die eine möglichst gerechte Verteilung von Rechten und Pflichten beider Geschlechter im Auge behält.", so Anna Opel. Hier verweist die Autorin ergänzend auf einen sehr lesenswerten Beitrag von Sabine Berghahn.

5. Bilanz aus Erfahrungen mit Elterngeld und Vätermonaten

Was ist neu am Elterngeld das zum 1.1.2007 in Kraft getreten ist? Ein knapper aktueller Überblick. Interessant die Wirkung, ebenso wie die viel beschrieenen Vätermonate die eigentlich Partnermonate heissen. Die zitierte Erhebung des Statistischen Bundesamtes gibt Aufschluss über das "neue" Entscheidungsverhalten der Elternpaare. Nur zwei Zahlen dazu: 12 Monate Elterngeld ist die Regel. In 84 Prozent der Fälle beantragen es die Mütter. Die zweite Zahl: Die Hälfte der Mütter bekommt nur den Mindestbetrag von € 300. Der Grund sind geringfügige Beschäftigungsverhältnisse und Minijobs im Vorfeld. Zu den Vätermonaten gibt es anschauliche Praxisbeispiele und die Aussage, dass die Väter überwiegend im Rahmen der Partnermonate das Kind versorgen. Dies war der Grund für die Partnermonate nachträglich eine gesetzliche Mindestdauer einzuführen.

6. Sicht der Arbeitgeber

Die Praxisbeispiele von Oliver T., Stefan P., Björn J., Roland K. und Mara L. machen deutlich welches Handicup - hier vorrangig den Vätern - von arbeitgebender Seite bzw. den Kolleginnen- und Kollegen in den Weg gelegt wird. Nur die B-Note für Elternzeitler. Das Verständnis für den Wunsch nach Vereinbarkeit und Verantwortung im Umgang mit der Geschlechterfrage unterscheidet sich durchaus ob man im Öffentlichen Dienst oder in der Privatwirtschaft sein Geld verdient. Aber Tendenz zum Umdenken ist sichtbar, wenn vielleicht auch erst theoretisch. Anna Opel hat sicher Recht, wenn sie sagt, dass der Wille in den Unternehmen zum Umdenken und die Bereitschaft entscheidend sein dürften, die für den familiären Bedarf ihrer Angestellten erforderlichen Maßnahmen zu finden und dann ideenreich umzusetzen. Hilfreich können das im Bundesministerium entwickelte Papier " Zehn gute Gründe für Familienfreundlichkeit" wirken und Überlegungen im Rahmen von corporate social responsibility. Die Anerkennung der Lebenssituation ihrer Mitarbeitenden kann unter dem Damoklesschwert des demografischen Wandels und einem nachweislichen Fachkräftemangel für Arbeitgebende eine Lösung sein.

7. Was noch zu beachten ist…

Und zum Schluss was noch zu beachten ist als Checklisten:

  1. Argumente sammeln
  2. Verhandlungen mit dem Arbeitgeber erfolgreich führen, und
  3. was Berater und Beraterinnen raten sollten.

Das Buch wird ergänzt durch eine Literaturliste und Nennung von Stiftungen die zum Thema arbeiten, vorneweg die Gemeinnützige Hertie Stiftung mit dem audit "berufundfamile".

Diskussion und Fazit

Eine weitere Broschüre zum Thema Vereinbarkeit. Wieder mal mehr Familie als Gleichstellung. Es gibt nichts wirklich Neues für Frauen (Menschen) die im Thema sind. Wer sich einarbeiten will und innerhalb kürzester Zeit ein Rundum-Paket z.B. für eine Podiumsdiskussion benötigt, für den ist das Büchlein gut geeignet. Der Preis von € 29,75 schreckt sicher Interessierte ab und ist m.E. zu hoch. Ich hatte beim zweiten Querlesen der Broschüre die Anfangsseiten bereits in der Hand.

Rezension von
Ute Wellner
Juristin und Mediatiorin,freiberuflich tätig in Personaltraining, Fortbildung und Mediation. Arbeitsschwerpunkte: Arbeits- und Gleichstellungsrecht, Diskriminierung am Arbeitsplatz (sexuelle Belästigung, Mobbing, AGG)

Es gibt 21 Rezensionen von Ute Wellner.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Ute Wellner. Rezension vom 13.02.2010 zu: Anna Opel: Familienpolitik als Gleichstellungspolitik. Der lange Weg zu einer egalitären Arbeitsteilung. Verlag Dashöfer GmbH (Hamburg) 2009. ISBN 978-3-941201-38-5. Reihe: Arbeitsrecht und Personal - Familie und Beruf. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7901.php, Datum des Zugriffs 17.08.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht