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Angela Tillmann: Identitätsspielraum Internet

Cover Angela Tillmann: Identitätsspielraum Internet. Lernprozesse und Selbstbildungspraktiken von Mädchen und jungen Frauen in der virtuellen Welt. Juventa Verlag (Weinheim) 2008. 231 Seiten. ISBN 978-3-7799-1320-7.

Reihe: Geschlechterforschung.
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Thema

Im Mittelpunkt des Buches stehen Nutzung und Bedeutung von „LizzyNet“: eine nicht kommerzielle Online-Community für Mädchen von 12 bis 18 Jahren, die pädagogisch betreut wird. Die Autorin untersucht – in einer qualitativen Studie – informelle Prozesse des Lernens und Praktiken einer Selbstbildung, die für die Identitätsentwürfe der Nutzerinnen wichtig sind.

Autorin

Dr. Tillmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät Erziehungswissenschaften der Technischen Universität Dresden. Vorliegendes Buch ist eine gekürzte Fassung ihrer Dissertation (2006). LizzyNet wurde von Tillmann mit entworfen und von ihr als Redakteurin ein Jahr lang betreut. Sie hat LizzyNet zudem evaluiert.

Entstehungshintergrund

LizzyNet wurde im Jahr 2000 konzipiert. Mädchen sollten angeregt werden, das Internet für sich zu entdecken – entgegen der Dominanz der Jungen. Mädchen sollten mehr repräsentiert sein, sich das nötige Wissen aneignen und die Möglichkeiten zur Kommunikation und Vernetzung kennenlernen. Dazu sollten sie unter sich sein, um bespöttelnden Kommentaren, Einmischungen oder sexuellen Belästigungen durch Jungen zu entgehen. Die Community sollte an der Lebenswelt von Mädchen ansetzen, ohne Klischees zu reproduzieren. Es galt, neue Handlungs- und Beteiligungsmöglichkeiten zu eröffnen und auf diesem Weg auch den Selbstwert zu stärken.

Aufbau

Insgesamt zählt das Buch zehn Kapitel. Es teilt sich zu etwa gleichen Anteilen in Theorie und Empirie. Weitaus am umfangreichsten ist das Kapitel „Identitätsarbeit in einer virtuellen Gemeinschaft“ (S. 98 ff.). Es umfasst 94 Seiten und stellt den eigentlichen empirischen Teil dar. Veranschaulicht wird in diesem Kapitel regelmäßig durch Zitate aus Interviews, die Tillmann mit Nutzerinnen von LizzyNet geführt hat.

Inhalte

Nach einer Vorstellung von LizzyNet und Daten zur Computernutzung von Mädchen schafft Tillmann eine breite und differenzierte theoretische Grundlage. Den Hintergrund bilden gegenwärtige gesellschaftliche Prozesse und Handlungsaufgaben des Jugendalters. Tillmann geht ein auf Gender- und Identitätstheorien, auf Erkenntnisse aus Jugend- und Mädchenforschung und auf Forschungen zu sozialen Netzwerken. Besondere Bedeutung hat ein sozialökologischer Denkansatz. Mit ihm erfasst Tillmann die Nutzung des Internets verbunden mit Bezügen zur realen Umwelt. Es entsteht die Vorstellung eines komplexen Sozialraums, der physische Orte und virtuelle Welten, der die Interaktion face-to-face und die virtuelle Kommunikation einschließt. Insofern in diesem Konzept den Medien Bedeutung für den Entwurf von Identität zuerkannt wird, gelten sie als Bereitsteller von „Identitätsräumen“.

An diesen theoretischen Grundlagen orientierten sich die Forschungsfragen, von denen Tillmann ausging: was LizzyNet (aber auch das Internet allgemein) für die Nutzerinnen bedeutet, was die Gründe der Nutzung sind, wie und was genutzt wird, was hemmt und was unterstützt. Es wurden 31 Mädchen und junge Frauen befragt. Diese qualitativen Interviews stellen den Kern der empirischen Erhebung dar. Insgesamt richteten sich Erhebung und Auswertung an der Methodologie der Grounded Theory aus.

Die Ergebnisse zeigen, dass es den Nutzerinnen wichtig ist, in LizzyNet ein Angebot nur für Mädchen zu haben, das einen Schutz nach außen bietet. Auch die pädagogische Betreuung wird geschätzt, ebenso die Lernmöglichkeiten (etwa Tutorials zur Programmierung), die teils von den Mädchen selbst entwickelt wurden. Vier Aspekte hebt Tillmann ausführlich hervor:

  1. Selbstkonstruktion“ (S. 113 ff.): Dieser Aspekt bezieht sich auf die Chancen, sich informell zu betätigen – was von den Nutzerinnen besonders hoch eingeschätzt wird. Tillmann zeigt, dass hier wesentlich Arbeit an der Identität stattfindet. Dabei unterstützen sich die Mädchen auch gegenseitig, und die Hoffnung, anerkannt zu werden, ist wichtig.
  2. Soziale Unterstützung“ (S. 138 ff.): Tillmann markiert systematisch verschiedene Dimensionen, in denen sich die Mädchen Rat holen und sich austauschen. Die Möglichkeiten hierzu werden von den Nutzerinnen ausdrücklich als wertvoll betont.
  3. Orientierung“ (S. 164 ff.): Hierbei geht es um die Entwicklung von Einstellungen und Handlungsweisen, vor allem um solche, die einen engen Bezug zur Persönlichkeit haben (z.B., was weibliche Identität betrifft). Es fallen unter diesen Punkt auch Perspektiven für die eigene Zukunft.
  4. Soziale Zugehörigkeit“ (S. 179 ff.): Die Mädchen schildern ein Gefühl der Zugehörigkeit, das sie mit LizzyNet und untereinander verbindet. Damit eine solche Zugehörigkeit entsteht, sei wichtig, dass die Plattform ermöglicht mitzugestalten.

Wie es der Grounded Theory entspricht, zentriert Tillmann ihre Erkenntnisse auf eine Kernkategorie, die möglichst viel der beobachtbaren Varianz und deren Bedingungen abdecken soll. Tillmann löst dies ein, indem sie LizzyNet – und das Internet darüber hinaus – als einen „Identitätsspielraum“ für heranwachsende Mädchen kennzeichnet. Im Wesentlichen führt sie dazu ihre bisherigen Ergebnisse unter dieser Perspektive zusammen und bindet sie an die theoretischen Grundlagen zurück.

In einem Fazit erwägt Tillmann kurz einige Schlüsse für die pädagogische Arbeit und spricht dabei besonders die Praxis von MedienpädagogInnen an. Tillmann geht auch auf den Forschungsbedarf ein sowie auf Rahmenbedingungen für Online-Communitys wie LizzyNet, die durch die Politik zu schaffen wären.

Diskussion und Bewertung

Das Buch zeichnet sich aus durch eine gut verständliche Aufbereitung der verwendeten – zum Teil anspruchsvollen – Theorie, durch eine anschauliche Empirie und durch eine nachvollziehbare eigene Theoriebildung. Durch seine besondere Lesbarkeit empfiehlt sich das Buch auch für ein breiteres Publikum, das keine spezielle Vorkenntnis mitbringt.

Aber ist dieses Buch mehr als eine Fallstudie, die sich auf eine spezifische Online-Community bezieht? Tillmann jedenfalls versteht ihre Untersuchung auch als Grundlagenforschung zu informellen Prozessen des Lernens und der Sozialisation via Internet und zu Potentialen von Online-Communitys, die medienpädagogisch betreut sind. Nach Auffassung der Autorin lassen sich die Kategorien, die sie an ihrem Material entwickelt hat, auf andere virtuelle Umgebungen abbilden, in die Jugendliche, und zwar nicht allein Mädchen, involviert sind.

Tillmann geht hierauf zwar nicht ausführlicher ein, doch lassen sich die Kategorien, die sie aus ihrem Material heraus gebildet hat, vergleichbar auch in den Resultaten anderer Studien finden, die sich mit Jugend und Internet oder dem Mediengebrauch von Jugendlichen befassen. Dies betrifft vor allem den Wunsch Jugendlicher nach Selbstausdruck und Selbstdarstellung, die Formung der eigenen Identität; dazu kommt, eine Art Bühne zu haben, auf der sich die verschiedenen Inszenierungen ausprobieren lassen.

Fazit

Die Autorin hat eine durchweg gelungene Untersuchung vorgelegt, die einmal mehr die Identitätsrelevanz der Internet-Nutzung für Jugendliche zeigt. Hier wird besonders erkennbar, welche Bedeutung ein geschützter mädchenspezifischer Raum gewinnen kann. Und mit den Ergebnissen lässt sich der Bedarf für solche Räume weiterhin gut begründen.


Rezension von
Prof. Dr. Christian Beck
Pädagogische Forschung und Lehre
Homepage www.cbeck-aktuell.de


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Zitiervorschlag
Christian Beck. Rezension vom 15.10.2009 zu: Angela Tillmann: Identitätsspielraum Internet. Lernprozesse und Selbstbildungspraktiken von Mädchen und jungen Frauen in der virtuellen Welt. Juventa Verlag (Weinheim) 2008. ISBN 978-3-7799-1320-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7918.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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