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Özkan Ezli , Dorothee Kimmich u.a. (Hrsg.): Wider den Kulturenzwang

Cover Özkan Ezli , Dorothee Kimmich, Annette Werberger (Hrsg.): Wider den Kulturenzwang. Migration, Kulturalisierung und Weltliteratur. transcript (Bielefeld) 2009. 407 Seiten. ISBN 978-3-89942-987-9. 28,80 EUR.

Reihe: Kultur- und Medientheorie.
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Kulturelle Grenzziehungen, Festungen und Brückenbauten

Der nationale und internationale Diskurs über eine eigentlich menschheitsgeschichtlich normale und selbstverständliche Tatsache, nämlich dass Menschen, seit es sie gibt, wandern, ihre Lebens- und Wohnorte wechseln – auch vielfältigen Gründen – also in ein (fremdes) Land einwandern, aus dem Heimatland auswandern, wird nach wie vor von der Position eines „Mir san mir“ aus geführt; was bedeutet: Jemand, der sich in einem anderen Land niederlassen will, gilt als „Minderheit“, als „Einwanderer“, der sich in der „Mehrheitsgesellschaft“ einordnen und an die gesellschaftlichen Normen und Regeln anpassen muss, will er hier bleiben! Dabei wird der an sich selbstverständliche Prozess der Kulturalisierung, dass Menschen, die in einer Gesellschaft friedlich zusammen leben wollen, nicht selten überlagert durch die zwar nicht immer so deutlich ausgedrückte, aber doch ziemlich eindeutige Erwartung und Forderung: „Werdet so wie wir!“.

Entstehungshintergrund

Der an der Universität Konstanz etablierte kulturwissenschaftliche Forschungsverbund „Kulturelle Grundlagen von Integration“ ist dabei, ein zukunftsweisendes Modell geistes- und sozialwissenschaftlicher Forschung zu entwerfen. Auf diesem Weg haben der wissenschaftliche Mitarbeiter des Forschungsprojektes „Exzellenzcluster EXC 16“, Özkan Ezli, die Literaturwissenschaftlerin der Universität Tübingen, Dorothee Kimmich und die Slavistin Annette Werberger die Fragestellung „Kulturenzwang“ als Integrationshindernis im Zusammenhang mit der Tübingen Poetikdozentur 2008 aufgenommen und kompetente Referentinnen und Referenten zusammen gebracht. Das Wissenschaftsteam greift die Frage nach den gesellschaftlichen Bedingungen und Verfasstheiten zu den verschiedenen Migrationsaspekten auf, indem sie eine Unterscheidung von der bisherigen „interkulturellen“ Sichtweise hin zu „transkulturellen“ Analyseverfahren vornehmen (vgl. dazu auch die Rezension vom 05.01.2009 zu: Wolfgang Gippert, Petra Götte, Elke Kleinau (Hrsg.): Transkulturalität, transcript Verlag (Bielefeld) 2008. 260 Seiten. ISBN 978-3-89942-979-4. In: socialnet Rezensionen unter http://www.socialnet.de/rezensionen/7090.php). In der Spannweite der Betrachtung – Migration, Kulturalisierung, Weltliteratur – lässt sich dabei deutlich herausarbeiten, wie gegen die integrationshemmenden Erwartungen und Konzepte von Einwanderungsgesellschaften vorgegangen werden kann.

Aufbau und Inhalt

Der Ethnologe an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Thomas Hauschild, setzt sich im ersten Teil des Buches mit der aktuellen Thematik „Ehrenmord“ auseinander, indem er ethnologische, kulturelle, interkulturelle und rechtliche Erklärungsversuche heranzieht. Dabei filtert er eine Reihe von Defiziten in der theoretischen Reflexion und in der (strafrechts-) praktischen Bewertung von „Ehrenmord“, oder „Mord im Namen der Ehre“, wie dies die Menschenrechtsorganisation terre des femmes bezeichnet, heraus. In der öffentlichen Bewertung wie in der Rechtssprechung haben sich dabei relativierende, manchmal sogar Verständnis beanspruchende Einschätzungen gegenüber angeblich kulturbedingt handelnden Tätern eingestellt, was mit dem Begriff des „cultural defense“ bezeichnet wird. Doch „es gibt keinen fixierten mediterranen Ehrenkodex, der Männer dazu treibt, scheidungswillige Ehefrauen oder unternehmungslustige und modernisierte Schwestern oder Töchter zu töten“.

Der an der niederländischen Universität Tilburg lehrende Geisteswissenschaftler Levent Tezcan diskutiert Subjektivierungsstrategien in der Integrationspolitik, die er „Operative Kultur“ nennt; dahingehend, dass Kultur im Zusammenhang mit Integrationsanlässen und –problemen bei Menschen mit muslimischer Religionszugehörigkeit als Religion übersetzt wird. Die überwiegend unter der Sicherheitsdispositive diskutierten Integrationskonzepte bei Menschen islamischen Religiosität, von den gouvernementalen Bemühungen, in einer „Islam-Konferenz“ einen integrationsförderlichen Diskurs zustande zu bringen, bis hin zu zivilgesellschaftlichen Vereinbarungen, lassen hoffen, „dass die Idee des Islam einerseits institutionell gebunden wird, sich jedoch auch andererseits inhaltlich weiter öffnen könnte“.

Valentin Rauer, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Konstanz über „Norm und Symbol“ beim Projekt „Kulturelle Grundlagen von Integration“ forscht, nennt seinen Beitrag: „Kulturelle Grenzziehungen in integrationspolitischen Diskursen deutscher Printmedien“. Dazu stellt er die Ergebnisse einer Untersuchung von deutschen Tageszeitungsartikeln in den Jahren 1995 bis 2004 vor. In seinem Differenzierungsraster unterscheidet er dabei die Kategorien: Politische Forderungen, politische Kommentare, performative Aktionen und Aussagen Dritter. Interessant bei der Analyse ist, dass sich in den journalistischen Beiträgen (und damit auch vorgefunden Meinungen) in den Bereichen „Integration“, „Staatsbürgerschaft“ und „Glaubensfrage/Islam“ ganz unterschiedliche Grenzziehungen zeigen: Die kulturell dublizierbare Grenze im Integrationsdiskurs. Die auf Zwang gründende Grenze im Staatsbürgerdiskurs. Die laizistisch-fundamentale Grenze im Islamdiskurs.

Der am Bielefelder Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung arbeitende Soziologe Jörg Hüttermann entwirft eine „Soziogenese einer kulturalisierten Einwanderungsgesellschaft“. Indem er kulturhistorisch die jeweiligen Welt- und Menschenbilder vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis heute in der deutschen Gesellschaft nachzeichnet – vom geobotanischen Kultur- und Menschenbild, über das paternalistische „Platzanweiser/Gastarbeiter“ – Denken, bis hin zu den zögerlich angenommenen „Dialogakteuren“– macht er gleichzeitig deutlich, dass die sich abzeichnenden Rangordnungs- und Ressourcenkonflikte in der Einwanderungsgesellschaft sich unversöhnlich kulturalisieren.

Martin Zillinger, am Forschungskolleg „Medienumbrüche“ der Universität Siegen tätig, berichtet über Formen von transnationaler Öffentlichkeit bei marokkanischen Migranten, wenn sie alljährlich in Urlaub von Europa in ihr Heimatland zurück kehren und sich dabei, mit dem Daheimgebliebenen und institutionalisierten Sufi-Bruderschaften ihrer Identität versichern: „Über Trance, Kulturalisierung und Macht in Marokko und der marokkanischen Migration“.

Im zweiten Teil des Buches werden „Schreibweisen“ von transkulturellen Bewegungen in Zeiten der Globalisierung diskutiert. Philipp Ostrowicz vom Deutschen Seminar der Universität Tübingen und Stefanie Ulrich, die an der Universität Konstanz eine Magisterarbeit über Feridun Zaimoğlu verfasst, geben das Interview wieder, das sie anlässlich der Tübingen Poetik-Dozentur mit dem Schriftsteller Feridun Zaimoğlu geführt haben: „Wer Augen hat, der sehe, und das Wissenswerte wird einem dann kundgetan“. Dabei geht es Zaimoğlu darum, herauszufinden: „Wie verwandelt sich Welt in Text?“. Seine Vorlesungstexte sind 2008 mit dem Titel „Ferne Nähe“ veröffentlicht worden.

Yasemin Yildiz von der US-amerikanischen Universität in Illinois geht auf das „Phänomen Kanak Sprak“ ein, indem sie „Gesellschaftskritik, Sprache und Kultur bei Feridun Zaimoğlu analysiert. Dabei zeigt sie auf, dass sich Kanak Sprak als (abgrenzendes?) Kommunikationsmittel darstellt, und gleichzeitig als Identifikationsmerkmal der (Ausgeschlossenen) gebildet hat; sie gibt „einer stattfindenden kulturellen und sozialen Transformation eine Stimme“.

Özkan Ezli setzt sich am Beispiel von Fatih Akins globalisiertem Kino mit dem Spagat „Von der interkulturellen zur kulturellen Kompetenz“ auseinander. Das klingt erst einmal irritierend; denn: Sind es nicht die Forderungen in unserer Einwanderungsgesellschaft, interkulturell denken und handeln zu lernen, die den gesellschaftlichen Perspektivenwechsel voran bringen wollen? Sind es nicht die didaktischen und zivilgesellschaftlichen Anliegen, dass die Menschen in der Lage sein sollen, interkulturelle Kompetenzen zu entwickeln? Dabei zeigt Özkan Ezli eindrucksvoll auf, dass in den Filmen von türkischen Filmemachern, die in deutscher Sprache hergestellt werden, das zum Ausdruck kommt, was Integration eigentlich will: Eine Vermittlung! So wird der „Kultur“ das zurück gegeben, was sie eigentlich von Anfang an war und was in den ideologischen Festzurrungen verloren ging: Veränderung!

Der Arabist Andreas Pflitsch, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Berliner Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, nimmt den Vorwurf aus dem Literaturbetrieb auf, dass sich Feridun Zaimoğlu bei der Veröffentlichung seines Romans „Leyla“ (2006) des Plagiats schuldig gemacht habe. Pflitsch bezeichnet dabei die Reden und Gegenreden in dieser Auseinandersetzung als „fiktive Migration und migrierende Fiktion“. Er benennt, und das ist für die Literaturkritik durchaus ein Fingerzeig, die Erzählungen und Erfahrungen der Erst-Migrantinnen und –Migranten, den Gastarbeitern also, als migrierende Fiktion, und die der Nachgeborenen in der zweiten und dritten Generation, als fiktive Migration.

Im dritten Teil wird der Versuch unternommen, die Lese- (und Kunst-) Bedeutung von „Weltliteratur“ auf die kulturelle Bedeutung von Literatur zu verweisen. Ein Interview mit dem Schriftsteller Ilija Trojanow, dem zweiten Akteur der Tübinger Poetik-Dozentur 2008, leitet das Kapitel ein. Der Titel des Interviews „Die Entrückung gebiert Ungeheuer“ zeigt auf, um was es Ilija Trojanow in seiner Schreibe geht: Über die „Macht der Sprache, von kulturellen und sprachlichen Geographien von gefundenen und erfundenen Landschaften“.

Der Potsdamer Romanist Ottmar Ette betrachtet Literaturwissenschaft als Lebenswissenschaft. In seinem Beitrag „Europäische Literatur(en) im globalen Kontext. Literaturen für Europa“ plädiert er für eine „transareale Sichtweise europäischer Literatur“. Ihm kommt es darauf an zu verstehen, „dass interlinguale Übersetzungsformen, vor allem aber translinguale Schreibprozesse im Zentrum von Untersuchungen stehen müssen, die ein neues Verständnis der europäischen Literatur als vielfach hochrückgekoppelter transarealer Gemeinschaft entwickeln und vorantreiben wollen“.

Weil die literarische Kategorisierung in nationalstaatliche Schreibe nicht mehr stimme und damit auch die Kennzeichnung der Literatur und Kultur als ethnische, sprachliche, homogene und territoriale Einheit sich überholt habe, könne man von „Weltliteratur“ in einem neuen Sinne sprechen, so Dorothee Kimmich in ihrer Auseinandersetzung mit Franz Kafka, Feridun Zaimoğlu und der Weltliteratur als „Littérature Mineure“. Weil Literatur in den Zeiten der Globalisierung „eher als Medium der Darstellung und Aushandlung von Kommunikationshindernissen und Missverständnissen im transkulturellen Dialog“ angesehen werden könne und damit die Brüche und Übersetzungsfehler markiere, müsse die Literaturbetrachtung und –forschung beachten, „in welchen Räumen, aus welchen Räumen diese Texte entstehen“.

Die Konstanzer Literaturwissenschaftlerin Nacim Ghanbari steuert eine „exemplarische Analyse des weltliterarischen Anspruchs: Sadeq Hedayats Buf-E-Kur“ (Der Kauz, 1936) bei. In der iranischen Rezeption werden die Schriften Hedayats insbesondere als der Versuch gewertet, die Literatur des Landes zu modernisieren und sie gewissermaßen aus der „literarischen Rückständigkeit“ herauszuführen.

Der Medientheoretiker von der Universität Siegen, Erhard Schüttpelz, führt den Gedanken der Kanonisierung weiter, indem er sich in seinem Beitrag mit der „Weltliteratur in der Perspektive einer Longu Durée I: Die fünf Zeitschichten der Globalisierung“ auseinander setzt. Weil „Globalisierung“ historisch verstanden werden sollte und nicht als ein „Blitz“, der auf die Erde und Menschheit hernieder fuhr, ist es sinnvoll, die verschiedenen Zeit- und Entwicklungsperioden zu betrachten und sie in den Duktus des Zusammenhangs von Migration und Weltliteratur zu bringen.

Diese Argumentationslinien ergänzt der an den Universitäten Frankfurt/M. und Leipzig tätige Afrikanist Thomas Geider mit seiner „Long Durée II“, indem er die „Ökumene des Swahili-sprachigen Ostafrika“ betrachtet. Weil die Bantusprache Swahili in der Spannweite von regionaler Verbreitung als Nationalsprache und Lingua Franca, als ethnisches und politisches Bindemittel, wie auch als literaturgeschichtlich verbindende orale und verschriftlichte Kommunikationsform zu betrachten ist, ist es notwendig, in der Literaturforschung die bisher eher vernachlässigten afrikanischen Sprachen einzubeziehen.

Fazit

„Wider den Kulturenzwang“ titeln die Herausgeber und das Autorenteam den Versuch, die historischen und aktuellen Zusammenhänge von „Migration, Kulturalisierung und Weltliteratur“ im aktuellen Diskurs zu verorten. Das ist gelungen; vor allem deshalb, weil in dem Sammelband fachspezifische (und ideologische) Grenzen überschritten werden und dabei deutlich wird, dass in der Auseinandersetzung um kulturelle, inter- und transkulturelle Lebensführungen in unser sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden Welt die Wechselseitigkeit von Leben und Fiktion untrennbar ist. „Dort, wo sie getrennt wird, kommt es zu Kulturzwängen, wird Kultur zur Ideologie des 21. Jahrhunderts“.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 10.08.2009 zu: Özkan Ezli , Dorothee Kimmich, Annette Werberger (Hrsg.): Wider den Kulturenzwang. Migration, Kulturalisierung und Weltliteratur. transcript (Bielefeld) 2009. ISBN 978-3-89942-987-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7922.php, Datum des Zugriffs 13.11.2019.


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