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Christian Scholz, Volker Stein (Hrsg.): Bologna-Schwarzbuch

Cover Christian Scholz, Volker Stein (Hrsg.): Bologna-Schwarzbuch. Deutscher Hochschulverband (Bonn) 2009. 202 Seiten. ISBN 978-3-924066-89-5. 21,00 EUR.
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Thema

Die Publikation setzt sich mit den Auswirkungen des Bologna-Prozesses auseinander, der auf nationaler Ebene zu umwälzenden Hochschulstrukturreformen geführt hat. Besonderes Augenmerk gilt dabei den durch den Bologna-Prozess verursachten Problemen. Dieser wird sowohl in seiner Gänze, als auch im Einzelnen, in seinen Zielen und in seiner Umsetzung kritisiert.

Entstehungshintergrund

Der Deutsche Hochschulverband will durch das Bologna-Schwarzbuch Bologna-Kritikern ein Forum geben, deren Stimme seinem Eindruck nach durch ein Konglomerat hochschulpolitischer Interessen bisher nicht zu Wort gekommen sind.

Aufbau und Inhalte

Zunächst findet sich ein Vorwort des Präsidenten des Deutschen Hochschulverbandes und eine Einführung der Herausgeber.

Der erste Teil des Sammelbandes „Blick in die Vergangenheit: Systemfehler“ will den Reformbestrebungen schon zu Beginn inhärente Mängel aufzeigen. Es soll in der Rezension exemplarisch eine Auseinandersetzung mit drei der neun Aufsätzen dieses Teiles erfolgen.

  1. Matroschka-Bolognese als Massenvernichtungswaffe von Christian Scholz. Analog zu der russischen Zusammensteckpuppe werden fünf Komponenten hervorgehoben, wobei der Bologna-Prozess die äußere Hülle abgibt. Weitere Komponenten sind die Hochschulneugliederung, die externe Evaluation, die Steigerung der Bürokratie und die Einführung von Studiengebühren. In der Konsequenz dieser Komponenten ergeben sich Hochschulleitungen, denen mehr Machtbefugnisse eingeräumt werden und Politiker als Gewinner, Hochschullehrer, deren Bedingungen sich verschlechtern und Unternehmen, die mit niedriger qualifizierten Absolventen rechnen müssen, als Verlierer. Insbesondere Verlierer sind jedoch nach Ansicht des Autors, der Professor der Betriebswirtschaftslehre ist, die Studierenden, die für schlechte Studienbedingungen nun vermehrt auch noch Gebühren bezahlen müssten.
  2. Akkreditierung als rechtlicher Systemfehler von Joachim Lege. Der Autor ist Jura-Professor und legt in diesem sehr informativen Aufsatz dar, dass Akkreditierungsagenturen bei ungeklärter Rechtsnatur letztlich öffentlich-rechtlich handeln. Daher müssten den dem Schein nach privaten Agenturen eigentlich Hoheitsgewalt übertragen werden. Auch mit der Definierung der Agenturen als Stiftungen hätte eine solche Übertragung stattfinden müssen. Damit dürften Hochschulen nicht zur teuren Akkreditierung ihrer Studiengänge verpflichtet werden, was de facto aber geschieht.
  3. Dienstleistungsprimat als Autonomiedemontage von Andrea Liesner. Die Autorin ist Professorin der Erziehungswissenschaft und fokussiert die Transformation des Bildungsbereichs zu einem Dienstleistungssektor. Auf diskursiver Ebene (Diskurs-Begriff im Sinne Foucaults) erfolgt durch eine unternehmerische Sprache auf Subjektebene eine Übernahme der ökonomisch ausgerichteten Zielvorstellungen. Auf studentischer Seite ergibt sich damit eine gewisse Janus-Köpfigkeit der Forderung nach selbstorganisierten Lernen, je nach dem, ob es selbstgesteuert im Sinne einer Ausrichtung an privat vollzogenen Kosten-Nutzen-Kalkülen erfolgt und somit der allgemeinen Stoßrichtung entspricht, oder ob es Alternativen eröffnet. Der Lernweg im Studium ist von der Tendenz her aber durch Bologna eher vorstrukturiert und normalisiert worden. Das von Liesner konstatierte Dienstleistungsprimat wirkt sich auf Seite der Lehrenden in leistungsabhängigen Gehältern und in einer Forschung aus, die sich an der Möglichkeit der Beschaffung von Drittmitteln orientieren muss.

Der zweite Teil „Blick in die Gegenwart: Problememeruptionen“ beschäftigt sich nun mit den tatsächlichen Folgen des Bologna-Prozesses in seiner konkreten Ausgestaltung. Auch hier sollen wieder drei von neun Aufsätzen exemplarisch herangezogen werden.

  1. Erfahrungen aus den Niederlanden als Warnung von Wolfgang A.Halang. Probleme in der Niederlanden ergeben sich bei der Umsetzung des Bologna-Prozesses hinsichtlich der Anerkennung der neuen Abschlüsse, der Zuweisung von ECTS-Punkten zu einzelnen Lehrveranstaltungen, der Mobilität der Studierenden und des Zwanges zur Verwendung von Englisch als Unterrichtssprache. Der Verfasser ist Professor der Informatik und war mitverantwortlich für die Akkreditierung von Informatikstudiengängen in den Niederlanden.
  2. Reformumsetzung als Irrenhaus von Wilfried Krüger. Der Autor ist Professor der Betriebswirtschaftslehre und beklagt zunächst die Angleichung mindestens der Bachelor-Studiengänge an die Standards der Fachhochschulen durch den einheitlichen Auftrag der Berufsqualifizierung. Er sieht Probleme bei der Mobilität der Studierenden, erhöhten Studienabbruchquoten und bei der studentischen Belastung durch die Verschulung und Standardisierung der Studiengänge. Die Verschulung der Studiengänge bei gleichzeitig niedrigerem Verhältnis von Lehrenden zu Studierenden führt zudem dazu, dass das Universitätsstudium zur Massenabfertigung verkommt, während an den Fachhochschulen höhere Zulassungsbeschränkungen bestehen als an den Universitäten. Klausuren können nur noch als stupides Abfragen erfolgen, da aufgrund der zu niedrigen Kapazitäten eine Elektronifizierung notwendig ist. Krüger bezieht sich bei seiner Begründung für ausbleibenden Widerstand der Professoren auf die Schweigespirale von Noelle-Naumann. Hiernach verhindert eine wahrgenommene Mehrheitsmeinung das Bekenntnis zur eigenen, gegenläufigen Ansicht. Eine Alternative stellt die „innere Kündigung“ dar. Der Autor stellt abschließend dem Bild des „Elfenbeinturms“ das des „Narrentums“ als Metapher für die derzeitigen universitären Zustände entgegen.
  3. Kostenfokussierung als Humankapital-Denkblockade von Volker Stein. Stein, Professor der Betriebswirtschaftslehre, hält die Orientierung am Humankapital-Ansatz und die Ökonomisierung des Bildungssektors grundsätzlich für richtig. Probleme ergäben sich durch Gehaltssenkungen und Autonomieverlusten im Zuge des Bologna-Prozesses. Das weniger motivierte und nicht „frisch“ ausgebildete Personal sei nicht Träger eines maximierten Humankapitals. Managementfehler würden zur „inneren Kündigung“ des Personals und Attraktivitätsverlusten der jeweiligen Hochschulen führen. Dementsprechend fordert der Autor eine konsequentere Umsetzung des an der Humankapital-Theorie orientierten Ansatzes, stellt diesen aber nicht grundsätzlich als Basis für eine Hochschulstrukturreform in Frage.

In einem dritten Teil „Blick in die Zukunft: Exemplarische Entwicklungslinien“ werden die Darlegungen der Autoren auf knappe Postulate heruntergebrochen.

Diskussion

In der Publikation machen sich die Autoren, die aus sehr unterschiedlichen Fachbereichen stammen (Professoren der Betriebswirtschaftslehre sind allerdings überproportional vertreten), über die aus ihrer Sicht verfehlten Reformen aus ihren jeweiligen Perspektiven heraus Luft. Vertreten sind sowohl – soweit feststellbar - eher an Kritischer Theorie orientierte, als auch, häufiger, konservative Stellungnahmen und Aufsätze, die eine ökonomische Ausrichtung nicht grundsätzlich, wohl aber bestimmte Aspekte der Umsetzung in Frage stellen. Interessant ist also die Einigkeit, die über politische Positionierungen und Fächergrenzen hinweg hinsichtlich der Ablehnung des Bologna-Prozesses besteht. Die von Liesner in Hinblick auf Foucault erwähnte diskursiv erfolgende Verinnerlichung von Bologna-Zielen auf Subjektebene scheint also hie und da auch auf Seiten der Professoren noch unvollständig zu sein, im Falle einer Übernahme der Humankapital-Theorie wie bei Stein jedoch eher vorauseilendem Gehorsam als einer Kritik zu entsprechen.

Fazit

Einordnungen der Stellungnahmen in sozialwissenschaftliche oder philosophische Theorien erfolgen eher sporadisch, im Ganzen lassen sich vor allem Inspirationen und Informationen aus dem Aufsatzband ziehen. In dieser Hinsicht ist die Publikation aus Sicht von Bologna-Kritikern aber sicherlich begrüßenswert und von Interesse.


Rezension von
Dr. Lena Becker
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Zitiervorschlag
Lena Becker. Rezension vom 24.10.2009 zu: Christian Scholz, Volker Stein (Hrsg.): Bologna-Schwarzbuch. Deutscher Hochschulverband (Bonn) 2009. ISBN 978-3-924066-89-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7923.php, Datum des Zugriffs 09.07.2020.


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