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Manfred Prenzel, Ingrid Gogolin u.a. (Hrsg.): Kompetenzdiagnostik

Cover Manfred Prenzel, Ingrid Gogolin, Heinz-Hermann Krüger (Hrsg.): Kompetenzdiagnostik. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. 216 Seiten. ISBN 978-3-531-15495-4. 29,90 EUR.

Reihe: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft - Sonderheft - 8.
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Hintergrund

Nicht erst seit PISA wird an Stammtischen wie im nationalen und internationalen Kontext der Erziehungswissenschaften gleichermaßen intensiv über Kompetenz und Prozesse der Aneignung von Kompetenz beim Lernen diskutiert. Ein elementares Kennzeichen der Erörterungen im wissenschaftlichen Bereich ist, dass es zu kurz gegriffen wäre, Lernen im Sinne einer Aneignung von Wissen automatisch gleichzusetzen mit der anschließenden Fähigkeit, dieses Wissen (erfolgreich) anzuwenden, gegebenenfalls auch in anschließenden und anderen Bereichen des entsprechenden Lern-/Handlungsfeldes. Entsprechende (aus dem psychologischen und linguistischen Feld adaptierte) Fragestellungen sind außerordentlich wichtig für die Konzeption pädagogischer Prozesse, da lediglich auf der Basis eines adäquaten Modells von Kompetenz beziehungsweise der Aneignung von Kompetenz angemessene pädagogische Konzeptionen möglich erscheinen. Der Umstand, dass es der Praxis nach wie vor in vielen Fällen angemessene Modellvorstellungen von kognitiven, motivationalen und gegebenenfalls metakognitiven Komponenten des Lernens beziehungsweise des Kompetenzerwerbs ermangelt, lässt auf eine nach wie vor wenig effiziente pädagogische Praxis schließen.

Das in Rede stehende Sonderheft der Zeitschrift für Erziehungswissenschaft gibt einen Einblick in aktuelle Fragestellungen, informiert aber auch über den gegenwärtigen Stand der Forschungen und der Forschungszusammenhänge rund um das Thema Kompetenzdiagnostik. Die in diesem Sonderheft diskutierten Fragestellungen sowie die Einblicke in den gegenwärtigen Forschungsstand der Kompetenzdiagnostik sind jedoch auch für die Sozialpädagogik und den Sektor der Elementar- und Hortpädagogik hoch bedeutsam, werden doch auch in diesen Feldern entsprechende Diskurse um die Gestaltung und Evaluation von Kompetenzentwicklungsprozessen geführt. Auch in der Sozialpädagogik sowie in der EHP treten Fragen der Entwicklung von Adressaten sozialer Arbeit sowie Bildung in der frühen Kindheit in den Vordergrund der theoretischen und praxisrelevanten Sondierungen von »Wirkung« beziehungsweise »Erfolg«. Und auch im sozialen Sektor sprechen wir von der »Kompetenz« erziehender Adressaten ebenso wie von der Kompetenz der erziehenden Sozialpädagogen sowie der professionellen Elementar- und Hortpädagogik.

Autoren

Dieses Sonderheft der Zeitschrift für Erziehungswissenschaft ist herausgegeben von Manfred Prenzel (Universität Kiel), Ingrid Gogolin (Universität Hamburg) sowie Heinz-Hermann Krüger (Universität Halle). Die für diesen Sammelband gewonnenen Autoren sind durchweg ausgewiesene Experten aus dem Bereich der Erziehungswissenschaften.

Inhalt

Die Beiträge sind in vier Abschnitte gegliedert. Im ersten Abschnitt »Kompetenzbegriff« referieren Eckhard Klieme und Johannes Harting »Kompetenzkonzepte in den Sozialwissenschaften und im erziehungswissenschaftliche Diskurs«.

Im Abschnitt »Kompetenzmodelle« lesen wir zunächst einen Beitrag von Marcus Hammam, Titan Hoi Phan sowie Horst Bayruber zu »Experimentieren als Problem lösen: Lässt sich das SDDS-Modell nutzen, um unterschiedliche Dimensionen beim Experimentieren zu messen?« Frank Achtenhagen und Martin Baethge schreiben zu »Kompetenzdiagnostik als Large-Scale-Assessment im Bereich der beruflichen Aus- und Weiterbildung«, Heinz Reinders erörtert »Diagnostik jugendlichen Kompetenzerwerbs durch außerschulischer Aktivitäten«.

Im folgenden Abschnitt, der sich auf das Thema »Kompetenzentwicklung« konzentriert, widmet sich Sabine Weinert der »Kompetenzentwicklung und Kompetenzstruktur im Vorschulalter«. Im Anschluss hieran erörtern Kristina Reiss, Aiso Heinze und Reinhard Pekrum »Mathematische Kompetenz und ihre Entwicklung in der Grundschule«, bevor Doris Edelmann und Rudolf Tippelt ihre Einschätzungen zu »Kompetenzentwicklung in der beruflichen Bildung und Weiterbildung« darlegen. Im Abschnitt, der der »Erfassung von Kompetenzen« vorbehalten ist, referieren Detlef Leutner, Jens Fleischer, Christian Spoden und Joachim Wirth »Landesweite Lernstandserhebungen zwischen Bildungsmonitoring und Individualdiagnostik« sowie Andreas Frey und Timo Ehmke zu »Hypothetischer Einsatz adaptiven Testens bei der Überprüfung von Bildungsstandards«.

Im letzten Abschnitt »Anwendungen« ist ein Aufsatz von Hartmut Ditton zu »Kompetenzdiagnostik bei Übergangsentscheidungen« zu lesen, bevor Tina Seidel und Manfred Prenzel mit ihrem Aufsatz »Wie Lehrpersonen Unterricht wahrnehmen und einschätzen. Die Erfassung pädagogisch-psychologischer Kompetenzen mit Videosequenzen« diesen Sammelband beschließen.

Diskussion

Die Beiträge sind durchweg als hoch kompetent und hoch informativ für jeden an der Kompetenzmessung beziehungsweise Kompetenzdiagnostik interessierten Leser anzusehen. Im Zusammenhang mit Kompetenz und Kompetenzerwerb in der sozialen Arbeit ist unter anderem der Beitrag von Eckhard Klieme und Johannes Harting spannend, in welchem die Sozialwissenschaftlichen Wurzeln und Hintergründe des Kompetenzbegriffs aufgearbeitet werden und eine für die empirischen Wissenschaften anschlussfähige Konzeption vorgeschlagen wird. Darüber hinaus werden wichtige Brücken geschlagen zu dem Bereich der Konstruktion anspruchsvoller und angemessener Messmodelle und -instrumente. Die Autoren geben in diesem Zusammenhang auch einen Ausblick auf aktuelle Forschungsthemen und skizzieren die Vorteile unterschiedlicher Modelle zur Messung von Kompetenzen. Der Beitrag von Frank Achtenhagen und Martin Baethge ist insoweit lesenswert, als er zeigt, welche Anforderungen/Standards bei der Kompetenzbestimmung und beim Vergleich von Ansätzen im Bereich der beruflichen Aus- und Weiterbildung zugrundezulegen sind, welche Anstrengungen mittlerweile auch auf EU-Ebene zu einer Bestimmung von Wirkungen und zu einem Vergleich mittlerweile unternommen werden, aber auch welche Grenzen und noch zu lösende Forschungsfragen bei einem solchen Unterfangen vor uns liegen. Von Bedeutung unter anderem für die soziale Arbeit sind in diesem Artikel die Darlegung der immensen Relevanz von Zielstellungen und die entsprechende Operationalisierung bei der Bestimmung der Wirkung sowie den Vergleich von Berufsbildungskonzepten. Insbesondere für die offene Arbeit im Bereich der Jugendhilfe interessant ist die von Heinz Reinders vorgenommene umfassende Sichtung von Literatur zu Studien, die sich mit der Diagnostik jugendlichen Kompetenzerwerbs durch außerschulische Aktivitäten beschäftigen. Der Autor referiert eine große Zahl an diesbezüglichen Untersuchungen und eingesetzter Instrumente. Er kommt dabei zu dem Schluss, dass die Diagnostik des Kompetenzerwerbs von Jugendlichen über außerschulische Aktivitäten keine umfassenden Neuentwicklungen erfordert. Er empfiehlt für die Entwicklung neuer Diagnostik, bereits existierende Skalen zur Validierung zu integrieren. Für den Bereich der Elementar- und Hortpädagogik wichtig dürfte schließlich der Beitrag von Sabine Weinert zur Kompetenzentwicklung und Kompetenzstruktur im Vorschulalter sein. Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass es trotz fehlender globaler Zusammenhänge enge lokale Verbindungen zwischen kognitiv-konzeptuellen Fortschritten und Wortschatzerwerb gibt, die »teilweise sogar enger sind als jene innerhalb der sprachlich-lexikalischen oder innerhalb der kognitiv-konzeptuellen Entwicklung«. Diese Zusammenhänge werden von der Autorin als »bedeutsam für die Rekonstruktion der Erwerbsdynamik wie auch für Überlegungen für gezielte Förderungen des einen oder des anderen Bereichs« (S. 99) angesehen. Aus entwicklungspsychologischer Perspektive präsentiert die Autorin in ihrem Beitrag darüber hinaus auch interessante Befunde zum Erwerb bereichsspezifischer Lernmechanismen und hiermit verbundener qualitativer Entwicklungsveränderungen sowie zu entwicklungstypischen Veränderungen in den Beziehungen zwischen verschiedenen Fähigkeits- und Fertigkeitsbereichen.

Fazit

Dieses Sonderheft ist als wesentlicher Beitrag zur erziehungswissenschaftliche Diskussion um Kompetenzdiagnostik in verschiedenen pädagogischen Feldern anzusehen. Die Beiträge fassen den aktuellen Stand der Forschung gut zusammen und geben Ausblick auf noch zu untersuchende Problembereiche. Die oben genannten hervorgehobenen Beiträge geben wichtige Impulse auch für die Sozialpädagogik sowie die Elementar- und Hortpädagogik.

Als Lektüre ist dieser Sammelband allen an Kompetenzdiagnostik interessierten Praktikern im Bereich der Pädagogik sowie der sozialen Arbeit und der Elementar- und Hortpädagogik zu empfehlen. Ebenso stehen die Artikel für fundierte Beiträge zur aktuellen wissenschaftlichen Diskussion um die Dimensionierung und die Diagnostik von Kompetenz.


Rezension von
Prof. Dr. Harald Christa
Professor für Sozialmanagement an der Evangelischen Hochschule Dresden mit Schwerpunkt Sozio-Marketing, Strategisches Management, Qualitätsmanagement/ fachliches Controlling.
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Zitiervorschlag
Harald Christa. Rezension vom 15.08.2009 zu: Manfred Prenzel, Ingrid Gogolin, Heinz-Hermann Krüger (Hrsg.): Kompetenzdiagnostik. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. ISBN 978-3-531-15495-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7926.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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