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Peter Dürrmann (Hrsg.): Besondere stationäre Dementenbetreuung

Cover Peter Dürrmann (Hrsg.): Besondere stationäre Dementenbetreuung. II. Pflege und Kosten. Vincentz Verlag (Hannover) 2005. 320 Seiten. ISBN 978-3-87870-613-7. 24,80 EUR, CH: 43,50 sFr.
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Zur Thematik des Buches

Die Pflege und Betreuung Demenzkranker ist mittlerweile zur entscheidenden Aufgabe der Pflegeheime geworden. Während noch vor ca. 10 Jahren das Dogma der integrativen Versorgung Demenzkranker zusammen nicht Nicht-Demenzkranken zumindest in Deutschland galt, sind in anderen Ländern (u. a. Skandinavien, Großbritannien und die Niederlande) neue Wege eingeschlagen worden. Das zentrale Konzept besteht hierbei in der Homogenisierung der Bewohnerschaft. Dieses Prinzip erlaubt die Schaffung von demenzspezifischen Raum- und Milieustrukturen und besonderen Pflege- und Betreuungsstrategien (u. a. biografische Ausrichtung und angepasste Tagesstrukturmodelle mit klientelspezifischen Betreuungs- und Aktivierungsangeboten). Es entstehen somit regelrecht demenzeigene "Lebenswelten", die meist zur Verbesserung des Wohlbefindens und der Lebenszufriedenheit beitragen.

In dem vorliegenden Buch werden Erfahrungen mit diesem Ansatz der Homogenität der Bewohnerschaft aus zwei Pflegeheimen in Niedersachsen dargestellt.

Bei dem Autor handelt es sich um den Heimleiter und vermutlich auch Betreiber zweier privatgewerblicher Pflegeheime, der von Beruf Erzieher und Sozialpädagoge ist.

Inhalt

Die Veröffentlichung ist in fünf Abschnitte und 15 Kapiteln unterteilt. Zusätzlich sind sieben Fachbeiträge als Ergänzung angefügt.

In Abschnitt 1 (Erfahrungen aus der Praxis, Seite 15 - 94) werden in drei Kapiteln wesentliche Erfahrungen aus den Einrichtungen und Handlungsempfehlungen zur Versorgung Demenzkranker in der stationären Altenhilfe wiedergegeben. Der Autor beschreibt zu Beginn die Raumgestaltung und Möblierung, wobei er hier ähnlich wie Erwin Böhm die positiven Auswirkungen einer lebensgeschichtlich ausgerichteten Raumausstattung (u. a. "Gelsenkirchener Barock") anführt. Des Weiteren wird die Bedeutung der Wohnküchen als ein Ort der Gesellung und Aktivierung für Demenzkranke beschrieben und die Bedeutung einer "Badekultur" mit eigener Bademeisterin (1/2 Stelle) betont. In den folgenden Handlungsempfehlungen wird besonders auf die Einzugs- und Aufnahmeverfahren, die Personalsituation, die Zusammenarbeit mit den Ärzten und Aspekte der Sturzprophylaxe eingegangen. Des Weiteren führt der Autor aus, dass die so genannte "Integrative Validation" ein "unverzichtbarer Bestandteil" der Arbeit darstellt und dass bewusst auf Ablenkungen und Lügen verzichtet wird (Seite 51).

In Abschnitt 2 (Grundlagen der Dementenbetreuung, Seite 95 - 143) werden in fünf Kapiteln aktuelle Inhalte der augenblicklichen Fachdiskussion über die Demenzpflege reflektiert. Zu Beginn erläutert der Autor seine Vorstellung über das "Normalisierungsprinzip", wobei er u. a. auch auf die Sachzwänge der Heime als Institution mit bestimmten Strukturprinzipien verweist. Des Weiteren werden u. a. Aspekte wie die erhöhte Mortalität in den Heimen, Freiheitsentziehende Maßnahmen, Medikamentenmissbrauch und Dekubitusprävalenz erörtert. Ausführlich analysiert der Autor kritisch die so genannten "Hausgemeinschaften" u. a. auch unter den Gesichtspunkten der Kosten. Zum Schluss des Abschnittes werden Fragen des Managements u. a. im Sinne einer angemessenen Ausbildung der Heimleitungen angeschnitten.

Abschnitt 3 (Pflege und Kosten, Seite 145 - 223) beinhaltet in zwei Kapiteln vor allem Kosten- und Finanzierungsfragen im Kontext der Pflegeversicherung. Zu Beginn werden aus der eigenen Erfahrung so genannte "Kostenfresser" wie z. B. Handtuch- und Waschlappenschwund sowie die Lösungsstrategien angeführt. Im folgenden Kapitel steht die Leistungsqualitätsvereinbarung im Mittelpunkt der Ausführungen, wobei besonders die Kostenaspekte eingehend thematisiert werden. Das so genannte "Hamburger-Modell" oder die so genannte "besondere Dementenbetreuung" (erhöhter Personalschlüssel bei Demenzkranken mit Verhaltensauffälligkeiten), die auch in den Heimen des Autors praktiziert wird, wird erläutert und zugleich gerechtfertigt. Die Fragen der Einschätzung der Leistungen in der Pflege und deren angemessene Entlohnung nehmen in der Darstellung einen breiten Raum ein. So vertritt der Autor z. B. die Ansicht, dass Tarifverträge auf Dauer eine Gefährdung für die Unternehmen werden (Seite 179) und dass "gute, engagierte Kräfte" mehr als bloß "teilnahmenbereite" Mitarbeiter verdienen sollten (Seite 217). Was wiederum den "engagierten" Mitarbeiter ausmacht, wird jedoch nicht ausgeführt. Darüber hinaus teilt der Autor seine Ansichten u. a. über verschiedene Punkte wie Härtefall als neue Pflegeklasse, Personalbemessungssysteme und das Qualitätssicherungsgesetz mit.

Im Abschnitt 4 (Pflege in der Zukunft, Seite 225 - 242) referiert der Autor u. a. seine Meinung über Personengebundene Budgets, das "Heim 2010", die Veränderungen in der Heimlandschaft und das Sozial- und Gesundheitswesen mit.

Der letzte Abschnitt (Experten zu ausgewählten Themen, Seite 249 - 319) enthält folgende Beiträge:

  • Christian Müller-Hergl: Positive Personenarbeit und DCM
  • Martina Schäufele: Der Stand der Pflegeforschung
  • Heinz-Dieter Gottlieb: Die zukünftige Praxis bei Pflegesatzverhandlungen
  • Helmut König: Die Pflegeeinrichtung als soziales Dienstleistungsunternehmen
  • Maik Hoffmann: Das Qualitätssicherungsgesetz aus Sicht eines Sozialhilfeträgers
  • Angelika Abt-Zegelin: Personalbedarfsbemessung und PLAISIR
  • Peter Udsching: Absicherung des Pflegerisikos durch den Staat?

Kritische Würdigung

Ein widersprüchliches Buch liegt hier vor, mit wenigen Lichtblicken, doch auch mit vielen Schattenseiten. Den Ausführungen ist zu entnehmen, dass jahrelange Erfahrungen in der stationären Versorgung Demenzkranker die Grundlage für die Einschätzungen und Urteile in einigen Fragen der Raum- und Milieugestaltung sind. Es sind somit die Erkenntnisse eines Praktikers. Auf der anderen Seite werden ebenso die Grenzen und Mängel aufgrund des eingeschränkten Wissensstandes offensichtlich, wie im Folgenden ausgeführt wird.

  • Die "besondere stationäre Dementenbetreuung". Der Autor propagiert den Ansatz einer speziellen Betreuung Demenzkranker (u. a. finanzieller Mehrbedarf), der nur in wenigen Bundesländern in der Altenpflege Einzug gefunden hat. Eine empirische Fundierung dieses Modells liegt bisher nicht vor, wenn nur eine Erhebung ohne weitere Kontroll- und Wiederholungsuntersuchungen offeriert wird. Selbst die angeführte Untersuchung ist bisher nicht veröffentlicht und damit kritisch überprüft worden. Bei Durchsicht der einschlägigen Fachliteratur wird jedoch evident, welche gravierenden Auswirkungen in positiver wie auch negativer Hinsicht Milieu- und Personalinterventionen auf das Verhalten Demenzkranker haben. Daher bedarf es nicht der Einrichtungen "besonderer Dementenbetreuung".
  • Die Einschätzung des Pflegepersonals. Dem Rezensenten wird deutlich, dass der Autor die Pflegenden vor allem in ihrer Funktion als Personalkosten betrachtet, wenn er seine Überlegungen über die Entbehrlichkeit der Tarifverträge und die Einführung von "leistungsgerechten" Vergütungen zu Papier bringt, die vor allem "Engagement" voraussetzen. Hiermit ist jedoch der Willkür Tür und Tor geöffnet, wenn sich ein Heimleiter anmaßt, hierüber bestimmen zu wollen. Geradezu degoutant wirken die Ausführungen, wenn der Autor unter der Überschrift "Schwachstellen und Kostenfresser" auf mehreren Seiten ausführt, mit welchen Mitteln es ihm gelungen ist, die Pflegemitarbeiter zur "Vorwäsche" der mit Kot verschmutzen Handtücher und Waschlappen zu zwingen (Drohung der Lohneinbuße) (Seite 146 - 149). Es darf mit Recht gefragt werden, ob die bloßgestellten und damit gedemütigten Pflegenden in diesem Rahmen noch ein für Demenzkranke stimulierendes Arbeitsklima gestalten können, das auf Frohsinn und Heiterkeit beruhen sollte.
  • Die Kostenaspekte. An vielen Stellen des Buches wird überlegt, wie die Einnahmen u. a. auf der Grundlage der Pflegeversicherung erhöht werden können. Ständige Höherstufung in den Pflegestufen, Härtefälle, Öffnungsklauseln und Pflegeklassen sind hierbei die vorgeschlagenen und bekannten gängigen Strategien, um gemäß der Devise "Leistung hat ihren Preis" die Einkünfte zu verbessern. Nur werden leider über die Leistungen in Holle fast keine Informationen wieder gegeben. Wenn dann zu lesen ist, dass bewusst auf den Einsatz von Ablenkungs- und Beruhigungsstrategien und den Strategien des "Mitgehens" und "Mitmachens" verzichtet wird, bleibt die Frage, wie dann mit den verschiedenen Formen des Realitätsverlustes umgegangen wird. Die angeführte "Integrative Validation" ist in diesem Zusammenhang jedoch keine wirksame Interventionsform.

Fazit

Das vorliegende Buch ist in vieler Hinsicht befremdlich. Es kommt einem vor, als ob der "kalte Hauch der Globalisierung" bereits in den Heimen Einzug gehalten hat. Das Buch kann daher nur Unternehmern empfohlen werden, die mit der Versorgung Demenzkranker eine möglichst optimale Rendite erzielen wollen. Leser, die Anregungen und neue Perspektiven in der Pflege und Betreuung dieser Bewohnergruppe erwarten, werden hingegen enttäuscht sein.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 25.10.2005 zu: Peter Dürrmann (Hrsg.): Besondere stationäre Dementenbetreuung. II. Pflege und Kosten. Vincentz Verlag (Hannover) 2005. ISBN 978-3-87870-613-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/793.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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