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Olaf Maaß: Die Soziale Arbeit als Funktionssystem der Gesellschaft

Cover Olaf Maaß: Die Soziale Arbeit als Funktionssystem der Gesellschaft. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2009. 200 Seiten. ISBN 978-3-89670-918-9. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.
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Thema

Das Buch nähert sich vor dem Hintergrund der Systemtheorie nach Niklas Luhmann einer Grenzbestimmung der Sozialen Arbeit. Diese Grenzen sind gesetzt durch unterschiedliche Definitionsansätze, welche unterschiedliche Funktionen Sozialer Arbeit bestimmen. Die Arbeit greift die mittlerweile schon klassische Frage auf, ob und unter welchen Bedingungen Soziale Arbeit als Funktionssystem der modernen Gesellschaft beschrieben werden kann.

Autor und Hintergrund

Olaf Maaß studierte Soziale Arbeit an der Hochschule Neubrandenburg. Promotion an der Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften der Universität Jena. Die Vorliegende Arbeit beruht auf der Dissertation „Die Soziale Arbeit als Funktionssystem der Gesellschaft? – Eine systemtheoretische Analyse“, welche 2007 von der Friedrich-Schiller Universität Jena angenommen wurde. Derzeit stellvertretende Leitung der Sozialen Dienste Frauenfeld (CH).

Aufbau

Der Band ist in zwei große Abschnitte unterteilt:

  1. Teil eins thematisiert die Grundbegriffe der Systemtheorie nach Luhmann und stellt die funktional differenzierten gesellschaftlichen Bedingungen dar, in denen Soziale Arbeit als Sozialsystem „funktioniert“.
  2. Im zweiten Abschnitt erfolgt die Anwendung dieser theoretischen Grundlagen auf die Frage der Systembildung Sozialer Arbeit, wobei die Bedingungen der Systembildung beschrieben werden und, wiederum mit Bezugnahme auf die Systemtheorie, die Operation des Systems, seine binäre Codierung, das symbolisch generalisierte Kommunikationsmedium der Sozialen Arbeit, die Kontingenzformel, die Nullmethodik, die organisatorische Sicherheit, der symbiotische Mechanismus und die Programmebene des Systems beschrieben werden.

Abschnitt eins

Maaß führt im ersten Abschnitt grundlegend in die Gedankenwelt Luhmanns ein. Systemdifferenzierung, Beobachtung (als grundlegender Leitbegriff der Systemanalyse), Kommunikation als Grundlage aller sozialen Prozesse, die binäre Codierung (als grundlegende Struktureinheit gesellschaftlicher Prozesse), Komplexität von Codierungen (als Wechselwirkung zwischen den Codierungen, als „Programme“), Funktionssysteme (Systeme die über die binäre Codierung ihre Operationen leiten), Adressabilität (als Zusammenhang zwischen psychischen und Umweltsystemen), das Schema Inklusion/Exklusion (als „individuell attribuierte Einschränkung von Verhaltensmöglichkeiten“) werden grundlegend, ausführlich und mit entsprechenden Quellenangaben versehen definiert. Zentral ist in diesem Abschnitt das abschließende Unterkapitel „Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien“. Kommunikation verläuft demnach über eine generalisierende Verwendung bestimmter Medien, die dadurch einen symbolischen Gehalt bekommen (etwa: Macht, Geld, Liebe, Kunst, Wahrheit). Dadurch erhalten diese Medien gleiche Eigenschaften und Strukturen und werden so vergleichbar. Dem Leser muss die „Qual“ dieser Lektüre dringend empfohlen werden: auch wenn die Grundlagen der Systemtheorie hart erarbeitet sein wollen: sie sind Voraussetzung für die Analyse des Systems der Sozialen Arbeit im zweiten Abschnitt. Ohne (ungefähre) Kenntnis der systemtheoretischen Grundlagen, können die Inhalte dort, kaum nachvollzogen werden.

Abschnitt zwei

Maaß wendet im zweiten Kapitel die theoretischen Überlegungen und Konzepte für das Funktionssystem „Soziale Arbeit“ an, und folgt damit den systemtheoretischen Ausführungen Luhmanns, etwa zu „Die Wirtschaft der Gesellschaft“, „Die Wissenschaft der Gesellschaft“, oder „Das Erziehungssystem der Gesellschaft“. Er generiert auf dieser Grundlage mehrere Thesen welche sich mit den spezifischen Funktionsaufgaben und Definitionen befassen.

  1. Soziale Arbeit ist nicht in der Lage alle anfallenden Ungleichheitslagen (also alle sozialen Probleme) die entstehen, bearbeiten zu können. Sie ist zur Selektion gezwungen. Im Zuge der Auswahl von bearbeitbaren Problemlagen bedient sie sich eines Schemas, das relevante Funktionsausfälle (wieder: soziale Problemlagen) von weniger relevanten filtert, wobei die Bestimmung der Relevanz von der sozialarbeitsinternen Disposition im Hinblick auf „spill-over-Effekte“ (Übertragungseffekte) abhängt.
  2. Soziale Arbeit zentriert sich (neben dem Leitmotiv der Fürsorglichkeit) um ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium, das Maaß als „sozialarbeiterischer Anspruch“ benennt. Sein Ansatz ist, den „Gedanken der sozialarbeiterischen Bemühungen auf das grundsätzliche Fundament eines Rekurrierens auf Ansprüche zu stellen. Nicht allein die finanzielle Absicherung, auch die Notwendigkeit der sozialpädagogischen Familienhilfe, die Drogenarbeit … mit einem Wort: jegliche sozialarbeiterische Aktivität und mit ihr deren Kommunikation, … beruht darauf, dass sie durch Ansprüche und als Anspruch deklariert sein muss, soll sie systematisch erbracht werden und Erwartungsstrukturen im Hinblick auf Unterstützung ausbilden“ (91). Dadurch werden, so Maaß auch Unterscheidungen zwischen Laien- und Nachbarschaftshilfe und professioneller Sozialer Arbeit möglich, da erstere eben nicht mit einem Anspruch versehen werden können. Entsprechend haben sich die Dienstleister Sozialer Arbeit an solchen Ansprüchen ausgerichtet, da ihre Aktivitäten „von den öffentlichen Leistungsträgern nur dann honoriert werden, wenn sich die Tätigkeit auf Ansprüche zurückführen lassen“ (92).

Anhand dieser zwei Thesen ergeben sich weiterführende Fragestellungen, welche in der Diskussion um die vorliegende Publikation aufgegriffen werden müssen: Wenn Soziale Arbeit den Gegenstand ihrer Bemühungen selektiert, also durch Einschluss/nicht Einschluss wiederum Exklusion betreibt, wäre zunächst zu benennen, welche Problemlagen (und in Folge: welche Personen, Gruppen) von Hilfeangeboten Sozialer Arbeit ausgeschlossen werden. Das von Maaß formulierte Konstrukt „Anspruch“ als symbolisches Kommunikationsmedium ist nachvollziehbar und stimmig. Wenn die Orientierung an Ansprüchen und die Ausrichtung Sozialer Arbeit an solchen Anspruchsbedingungen erfolgt, ist zu hinterfragen, wie sich andere zentrale Leitmotive sozialer Arbeit, (sozialer) Gerechtigkeit, Passung, Teilhabe etc. dazu verhalten, bzw. verändern. Wenn die Orientierung an Anspruchsvoraussetzungen erfolgt und damit ein technokratisches Moment eingeführt wird, besteht generell die Gefahr einer Zurücksetzung anderer Leitmotive. Die systemische Analyse Maaß´ böte hier die Chance nach einer „Lückensuche“: für welche Problemlagen und deren Lösung bestehen keine Anspruchsvoraussetzungen, wie wären diese zu definieren und in einem zweiten Schritt entsprechend umzusetzen? Dabei geht es dann auch um die Anwendung von Kategorien des Rechtssystems, welche Maaß als einerseits grundlegend (169), andererseits als nicht ausreichend (172) beschreibt. Soziale Arbeit lebt (auch) durch die Interpretation rechtlicher Grundlagen, vor allem in den Bereichen, in denen eindeutige Auslegungen noch nicht erfolgt sind.

Der Autor konzentriert sich in seiner Analyse auf das Medium „Anspruch“, das als Voraussetzung für die Anwendung von Hilfeprogrammen und Sozialer Arbeit generell fungiert. Andere symbolische Kommunikationsmedien wie Fürsoglichkeit und Hilfe werden eingeführt. Die Chance weitere Kommunikationsmedien wie Passung (zwischen Individuum und Gesellschaft), oder Gerechtigkeit aufzugreifen, wurde leider nicht genutzt, bzw. nicht vertieft.

Zielgruppe und Diskussion

Als Dissertationsschrift wendet sich die vorliegende Publikation vornehmlich an wissenschaftlich interessierte Leser. Durch die Zentrierung der Systemanalyse um den Begriff, um das Medium „Ansprüche“ ergibt sich darüber hinaus für alle mit praktischer Sozialer Arbeit Befasste eine theoretische Reflektionsfigur, welche die Möglichkeit bietet, Strukturen von Hilfeleistung und Arbeitszusammenhängen zu hinterfragen. Damit ist das Buch ein Gewinn für alle, die ihre sozialarbeiterische Praxis kritisch hinterfragen wollen. Für Ausbildungszwecke wird das Buch weniger geeignet sein, da die Ausführungen, auch im hinführenden ersten Teil, ein beachtliches Abstraktionsniveau aufweisen, welche kaum durch geeignete Praxisbeispiele erläutert werden.

Dem im Umgang mit Luhmanns Systemtheorie Ungeübten muss dringend die Verwendung eines Glossars (etwa: Krause, D.: Luhmann-Lexikon. UTB, Stuttgart 2005) empfohlen werden. Die Komplexität und das Abstraktionsniveau des Theoriegebäudes, der Theorietechnik und der dazu entwickelten Sprache führt sonst leicht zu Verwicklungen und Ungenauigkeiten, welche den analytischen Schatz, den Maaß hier hebt, trüben.

Fazit

Diese Buch ist eine Zumutung. Es mutet dem Leser zu, sich in die Theoriewelt der Systemtheorie nach Luhmann einzudenken und diese Grundlagen auf den Gegenstand, auf das System Soziale Arbeit anzuwenden. Maaß macht es dem Leser nicht leicht, ihn auf dieser Entdeckungsreise zu begleiten. Die zentralen Begriffe werden theoretisch begründet und erläutert. Das Verständnis erleichternde Beispiele und Erläuterungen werden vom Autor kaum angeboten. Der Kontext der vorliegenden Arbeit ist eben der einer wissenschaftlichen Qualifikationsarbeit und nicht die Publikumsorientierung. Auch aus diesem Grund ist dem Buch eine weite Verbreitung zu wünschen: in der Anwendung der hier angebotenen Analyse für die Reflexion.


Rezensent
Dr. phil. Gernot Hahn
Dipl. Sozialpädagoge (Univ.), Sozialtherapeut
Klinikum am Europakanal Erlangen Forensische Ambulanz
Homepage www.gernot-hahn.de
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Zitiervorschlag
Gernot Hahn. Rezension vom 24.10.2009 zu: Olaf Maaß: Die Soziale Arbeit als Funktionssystem der Gesellschaft. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2009. ISBN 978-3-89670-918-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7930.php, Datum des Zugriffs 17.10.2017.


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