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Ulrich Schindler (Hrsg.): Die Pflege demenziell Erkrankter neu erleben

Cover Ulrich Schindler (Hrsg.): Die Pflege demenziell Erkrankter neu erleben. Mäeutik im Praxisalltag. Vincentz Verlag (Hannover) 2003. 136 Seiten. ISBN 978-3-87870-300-6. 14,80 EUR.
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Zur Thematik und Vorgeschichte des Buches

Wieder erscheint ein Buch über den Umgang mit Demenzkranken in der stationären Altenhilfe mit einem relativ neuen Konzept - "Mäeutik". Bei der Mäeutik handelt es sich um eine niederländische Variante des Konzeptes Validation, wobei nur geringe Unterschiede im Bereich der Begriffe und des Einsatzes der Methoden und "Techniken" festzustellen sind.

Abweichend vom Titel werden auch Beiträge über den so genannten personenzentrierten Ansatz von Tom Kitwood und seiner Erhebungstechnik "Dementia Care Mapping" (DCM) und Ausführungen über Sexualität bei alten Menschen veröffentlicht.

Alle Beiträge sind als Referate auf den seit 1997 jährlich stattfindenden Tagungen des Altenzentrums St. Josef in Sassenburg (NRW) gehalten worden. Wann jedoch die Autoren referierten, wird in der Publikation nicht angegeben.

Inhalt

Elf Beiträge sind in dieser Veröffentlichung enthalten, die in vier Abschnitte unterteilt ist.

Der erste Abschnitt "Erlebnisorientierte Pflege - Mäeutik" beinhaltet folgende Beiträge: Ulrich Schindler (Sozialarbeiter und Heimleiter von St. Josef) beschreibt die Gründzüge der erlebnisorientierten Pflege (Mäeutik).Cora von der Kooij (Krankenschwester, Historikerin und zugleich "Begründerin" der Mäeutik) stellt die "Methode des gefühlsmäßigen Wissens" ihres Ansatzes dar. Ulrich Schindler referiert über die Auswirkungen dieses Ansatzes in seiner Einrichtung. Cora von der Kooij und Almut Meyenburg (Altenpflegerin und Heimleiterin in Hannover) berichten über den Versuch, mäeutische Ansätze in einem gerontopsychiatrischen Pflegeheim in Hannover einzuführen.

Der zweite Abschnitt befasst sich mit der Themenstellung "Wünschen und Ängsten begegnen" und enthält folgende Beiträge: Cora von der Kooij referiert über die Sexualität und Intimität bei alten Menschen unter besonderer Berücksichtigung der Lebensverhältnisse im Heim. Christine Sowinski (Krankenschwester und Diplom-Psychologin) geht in ihrem Beitrag "Grenzüberschreitungen bei der Intimpflege" verstärkt auf die Aspekte Scham, Entblößung und das Ekelgefühl ein. Ute Schmidt-Hackenberg (u. a. Aktivierungs- und Maltherapeutin) berichtet von ihren Erfahrungen mit den Erinnerungen alter Menschen über ihre sexuellen Kontakte in ihrer Jugend, die sie in einem Heim am Fuße der schwäbischen Alb gemacht hat.

Der dritte Abschnitt "Die Wahrnehmung vertiefen" umfasst zwei Referate: Christian Müller-Hergl (Altenpfleger und Diplom-Theologe) beschreibt in seinem Beitrag "Dementia Care Mapping" u. a. sein Verständnis von Demenz und das von ihm propagierte Verfahren DCM. Prof. Dr. Ursula Koch-Straube (Diplom-Pädagogin und Dozentin an der Ev. FH Bochum) erläutert in ihrem Beitrag "Verwirrtheit als Antwort auf unbewältigte Lebenssituationen" ihre Vorstellungen und Ansichten über das Verhalten Demenzkranker im Heim.

Der vierte Abschnitt "Das Besondere pflegerischen Handelns" besteht aus 2 Beiträgen: Christian Müller-Hergl stellt in seinem Beitrag "Die Herausforderung sozialer Beziehungen" wesentliche Elemente des Konzeptes von Kitwood dar. Monika Erben (Diplom-Theologin und Dozentin an einer Altenpflegeschule) beschreibt in ihrem Beitrag "Das "Eigentliche" der Pflege" ihre Eindrücke und Empfindungen über die Interaktionen im Heim.

Kritische Würdigung

Ein weiteres Buch über den Umgang mit Demenzkranken, das dem Rezensenten geradezu Unbehagen einflößt, wenn er sich die Ideen, Konzepte und ihre Auswirkungen auf die Praxis zu vergegenwärtigen versucht. Dieses Unbehagen wird im Folgenden begründet.

Das Ansatz der Mäeutik

Bei der Mäeutik handelt es sich, wie bereits weiter oben ausgeführt, um eine niederländische Variante der Konzeption Validation (Zur Validation siehe die Rezensionen des Rezensenten hierüber in www.socialnet.de - März 2002). Die vier Stadien der Desorientierung von Naomi Feil heißen im Konzept der Mäeutik "Bedrohtes Ich", "Verirrtes Ich", "Verborgenes Ich" und "Versunkenes Ich", sehr ähnlich sind auch die stadienspezifischen Zuordnungen wie Verhalten, Reaktionen etc..

Nach dem Konzept der Mäeutik wissen die Pflegekräfte intuitiv, was sie im Umgang mit Demenzkranken zu tun haben, es wird ihnen nur nicht bewusst. Zur Bewusstwerdung der Intuition und zur Reflexion und Verbalisierung jedoch benötigen sie die Mäeutik.

In diesem Ansatz sind jedoch zwei gravierende Fehler enthalten:

  1. Die Pflegekräfte lassen sich beim Umgang mit Demenzkranken von ihrer Intuition, ihrem Einfühlungsvermögen und ihrer Sensibilität leiten, wie Untersuchungen und Erfahrungsberichte aus den Heimen immer wieder bestätigen. Das Konstrukt der "unbewussten Intuition" ist damit empirisch widerlegt.
  2. Intuition basiert auf Dispositionen und impliziten Erfahrungen. Wenn hingegen die Wahrnehmungen, Beurteilungen und Verhaltensweisen der Pflegekräfte nach dem Modell der Mäeutik ausgerichtet werden, kann kein intuitives Verhalten mehr entstehen, auf das die Mäeutik andererseits so viel Wert legt.

Der Kitwood'sche Ansatz

Christian Müller-Hergl referiert einige Kerngedanken des Kitwood'schen Ansatzes, die einer Kommentierung bedürfen:

Abgeleitet von einem sozialphilosophischen Konstrukt des "Selbst" oder "Personsein" sieht der Autor in der Diagnostizierung eines Menschen als "Alzheimer-Patienten" eine "einseitige Positionierung mit sozialen Folgen" (Seite 84). Plädiert wird hingegen für ein "ganzheitliches Modell der Demenz", das davon ausgeht, das folgende Faktoren gleichberechtigt die Demenz erklären können: "die neurologische Veränderung, die Persönlichkeit, die Biografie, die Gesundheit und die Sozialpsychologie." (Seite 114).

Dieser "multifunktionale Ansatz" entspricht zwar nicht dem Erkenntnisstand der Demenzforschung, wonach jede krankhafte Verhaltenssymptomatik auf pathogene hirnphysiologische Abbauprozesses zurückgeführt werden kann. Somit besteht ein Kausalzusammenhang zwischen den degenerativen Prozessen bestimmter Hirnareale und den entsprechenden Korrelaten im Wahrnehmen, Verhalten und Reaktionsweisen der Demenzkranken.

Gefährlich für die Pflege Demenzkranker wird der Kitwood'sche Ansatz, wenn Müller-Hergl die täglich in den Heimen angewandten Ablenkungs- und Beruhigungsstrategien bei wahnhaften Verkennungen ("Mitgehen", "Mitwirken") als falsches Vorgehen diskreditiert, ohne gleichzeitig effektivere Umgangsformen anbieten zu können.

Fazit

Im Vorwort weist der Herausgeber auf den Anspruch des Buches hin, "Informationen, Tipps und Anregungen für die tägliche Praxis" vermitteln zu wollen. Davon kann jedoch leider keine Rede sein. Die hier offerierten Ansätze der Demenzpflege enthalten eklatante Gefahrenpotentiale und Elemente der Qualitätsminderung für die Pflege in den Heimen, so dass von einem Einsatz dieser Modelle abgeraten werden muss.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 27.05.2003 zu: Ulrich Schindler (Hrsg.): Die Pflege demenziell Erkrankter neu erleben. Mäeutik im Praxisalltag. Vincentz Verlag (Hannover) 2003. ISBN 978-3-87870-300-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/794.php, Datum des Zugriffs 14.11.2019.


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