socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Sxel Börsch-Supan, Marcel Erlinghagen u.a. (Hrsg.): Produktivität in alternden Gesellschaften

Cover Sxel Börsch-Supan, Marcel Erlinghagen, Karsten Hank, Hendrik Jürges, Gert G. Wagner (Hrsg.): Produktivität in alternden Gesellschaften. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Stuttgart) 2009. 157 Seiten. ISBN 978-3-8047-2545-4. 24,00 EUR, CH: 40,80 sFr.

Reihe: Altern in Deutschland - Band 4. Nova acta Leopoldina - N.F., Nr. 366 - Band 102.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema und Herausgeber

Der vorliegende Band 4 setzt sich mit der „Produktivität in alternden Gesellschaften“ auseinander, der von Axel Börsch-Supan (Mannheimer Forschungsinstitut Ökonomie und demografischer Wandel)/Marcel Erlinghagen (Institut Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen)/Karsten Hank/Hendrik Jürgens und Gert G. Wagner (nähere Angaben zu Letzteren sind nicht angezeigt) heraus gegeben wurde. Dieser Band dokumentiert die Tagung „Produktivität, Wettbewerbsfähigkeit und Humankapital in alternden Gesellschaften“ und fand im Jahr 2006 statt. Er enthält Beiträge aus makroökonomischer Perspektive bezüglich nicht monetärer Aspekte der Produktivität (S. 8).

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in zehn Kapitel unterschiedlicher Länge untergliedert. Das erste Kapitel „Produktivität, Wettbewerbsfähigkeit und Humanvermögen in alternden Gesellschaften“ von den oben genannten fünf Autoren verfasst, beschäftigt sich zunächst mit den makroökonomischen Auswirkungen der Alterung, denen in den einzelnen Kapiteln des Bandes detailliert nachgegangen wird. Eine zentrale Frage sei es daher, ob die Produktivität in Deutschland aufgrund der alternden Bevölkerung zurückgehen, konstant bleiben oder weiterhin wachsen wird (S. 11). Ein Problem sei auch, dass die Zahl der Erwerbsfähigen gegenüber den Konsumenten um ca. 15% zurückgehen wird, wodurch es eine primäre Herausforderung wäre, die Erwerbsquote zu erhöhen.

Börsch-Supan widmet sich im zweiten Kapitel dem Thema „Gesamtwirtschaftliche Folgen des demografischen Wandels“. Er meint, es gäbe in Deutschland insbesondere ein strukturelles Problem, weil die Anzahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter stark sinken werde, ein Problem, das sich am deutlichsten im veränderten Altersquotienten zeigen wird. Falls es so sein sollte, dass die Arbeitsproduktivität mit zunehmendem Alter geringer wird, käme zum quantitativen Problem schrumpfender Erwerbspersonen noch ein qualitatives, das der sinkenden Produktivität dazu (S. 27). Weitere Ausführungen gelten der Entwicklung auf den Kapitalmärkten und internationalen Kapitalströmen.

Produktivitätsentwicklung in einer alternden Gesellschaft – Ergebnisse von aktuellen Simulationsstudien“ ist das Thema des dritten Kapitels von Hans Fehr. Er verdeutlicht, wie die individuelle Arbeitszeit in eine „Effizienzeinheit“ umgerechnet wird, die dann einheitlich entlohnt werde, um unterschiedliche Produktivitäten der Arbeitnehmer berücksichtigen zu können. Studien würden die Rendite eines zusätzlichen Bildungsjahres auf 6 bis 10% beziffern. Die Produktivitätskurve verlaufe bei Hochschulabsolventen deshalb steiler als bei Arbeitnehmern ohne Studium, wobei das Maximum in der Regel einige Jahre vor dem Rentenzugang läge (S. 45). Im Folgenden werden Simulationsexperimente zum Zusammenhang zwischen Lebenserwartung, Fertilität und individueller Humankapitalbildung dargestellt, die zeigen, dass jeder Einzelne künftig mehr in die Bildungsanstrengungen investieren muss, wobei das nicht notwendig mit einer höheren ökonomischen Wachstumsrate korrelieren müsse.

Axel Börsch-Supan, Ismail Düzgün und Matthias Weiss sind die Autoren des nächsten Kapitels mit der Überschrift „Alter und Produktivität – eine neue Sichtweise“. Der Anteil älterer Erwerbstätiger werde im Jahr 2035 bereits ein Viertel betragen, so dass es einen Reformdruck auf die gesetzliche Rentenversicherung gäbe, das Renteneinstiegsalter anzuheben, was zu einer zusätzlichen Alterung der Erwerbstätigen führen würde (S. 54). Im Beitrag wird die Produktivität in Arbeitsgruppen gemessen, wie davon auszugehen sei, dass ein älterer Mitarbeiter sich in seiner Wertschöpfung eher im Gesamtergebnis eines Arbeitsteams repräsentiert. Zwei Ergebnisse werden herausgestellt: 1. Wenn Alters- und Erfahrungseffekt überlappend betrachtet werden, zeige sich kein Unterschied, d.h. Arbeitsgruppen seien in jedem Durchschnittsalter gleich produktiv. 2. Die Arbeitsproduktivität nehme bei altersgemischten Teams eindeutig ab, weil in ihnen mehr Fehler unterlaufen würden.

Im Kapitel sechs „Rechtliche Antworten auf die alternden Gesellschaften“ von Friso Ross und Christina Walser werden die rechtlichen Instrumentarien, die in Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden zur Verfügung stehen, verglichen. Obgleich die Beschäftigungsrate Älterer in der EU bei den 55 – 65 - Jährigen gering ist, Männer sind zu 44%, Frauen zu 35% beschäftigt (2006), gäbe es seit 2000 einen Aufwärtstrend (S.64). Der Beitrag greift deshalb die rechtliche Ausgestaltung der Arbeitsmarktintegration auf. In allen betrachteten Ländern hätte ein Umdenken in die richtige Richtung stattgefunden, das beträfe insbesondere gewährte Zuschüsse an Arbeitgeber, obgleich letztere geringe Möglichkeiten hätten, ältere Mitarbeiter zu entlassen. Deshalb werde sich die betriebliche Förderung viel stärker der Gesundheit widmen müssen, wozu auch die Motivationsförderung gehöre.

Kapitel sieben von Franz - Xaver Kaufmann verfasst, greift das Thema „Altern der Bevölkerung und gesellschaftliche Dynamik“ auf. Er geht vom Begriff der gesellschaftlichen Dynamik aus, der sich auf den grundlegenden sozialen Wandel, also auf die Veränderung von sozialen Strukturen, Institutionen und Einstellungen beziehe. Wäre ein Nachlassen dieses sozialen Wandels zu diagnostizieren, würden Risiko-, Innovations- und Anpassungsbereitschaft sinken (S. 94). Auf demografische Prozesse bezogen, bedeute ein Rückgang der Bevölkerung eine Dämpfung wirtschaftlicher Wachstumspotentiale.

Es folgen zwei Kapitel mit 37 Seiten in englischer Sprache. In einem solch aufwändigen Band wie diesen, wäre es angebrachter gewesen, für Leser, die teilweise nicht über detaillierte englische Sprachkenntnisse verfügen, diese zu übersetzen. Das achte Kapitel von Eva-Maria Kessler „Experience Enlargement: Age Differences and Development Chances across Adulthood and Old Age” setzt sich mit der Problematik auseinander, dass es in modernen Gesellschaften notwendig wäre, das individuelle Erfahrungsrepertoire an sich schnell wandelnde Umweltbedingungen anzupassen, damit mit den Veränderungen Schritt gehalten werden könne. Insofern könnte eine Erweiterung der Fähigkeiten und Erfahrungen nur erfolgreich sein, wenn die personellen und Umweltbedingungen übereinstimmten (S. 123).

Prouctive Aging and Volunteering in the United States – Conceptual, Political, Empirical, and Policy Issues“ ist der Titel des folgenden Kapitels, das von Francis G. Caro verfasst wurde. Es wird zunächst ein Überblick über produktives Altern und das ehrenamtliche Engagement Älterer gegeben. Es wird dieses in verschiedenen produktiven Bereichen diskutiert, wobei davon auszugehen ist, dass diese Arbeit eine wichtige Ressource für viele Kommunen in den Vereinigten Staaten sei.

Marcel Erlinghaben und Karsten Hank sind die Autoren des letzten und damit zehnten Kapitels „Ehrenamtliches Engagement und produktives Altern“. Ältere würden sich zwar nicht häufiger als Erwerbstätige engagieren, aber sie würden die größte Wachstumsgruppe ausmachen. Es lasse sich ein räumliches Muster in Ehrenämtern von älteren Menschen verdeutlichen, das die Mittelmeerländer mit einer relativ geringen Beteiligung ausweise, Deutschland, Belgien, Frankreich, Österreich und die Schweiz bildeten eine zweite Gruppe mit ca. 9 bis 15% Freiwilliger und Schweden, Dänemark und die Niederlande mit einem hohen Aktivitätsniveau von teilweise über 20%. Insgesamt aber gehe es nicht darum, ältere Menschen zugunsten Dritter auszubeuten, sondern ihnen durch aktive Teilnahme an gesellschaftlichen Aufgaben eine Verbesserung der eigenen Lebensqualität zu ermöglichen (S. 156).

Fazit

Der Band 4 der Reihe „Altern in Deutschland“ bezieht sich speziell auf die Betrachtung von Faktoren der Produktivität älterer Menschen einerseits im Erwerbsleben und andererseits im ehrenamtlichen Engagement. Infolge dieser Spezifizierung gelingt es, tiefgründig die angegebene Problematik zu bearbeiten. Der Sprachstil ist, obgleich es sich um einen Sammelband verschiedener Autoren handelt, relativ homogen und gut verstehbar. Einen Wermutstropfen bilden die zwei in englischer Sprache verfassten Kapitel, die in einer deutschen Ausgabe m. E. nicht angebracht sind.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
E-Mail Mailformular


Alle 133 Rezensionen von Gisela Thiele anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 26.01.2010 zu: Sxel Börsch-Supan, Marcel Erlinghagen, Karsten Hank, Hendrik Jürges, Gert G. Wagner (Hrsg.): Produktivität in alternden Gesellschaften. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Stuttgart) 2009. ISBN 978-3-8047-2545-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7941.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung