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Ulman Lindenberger, Jürgen Nehmer u.a. (Hrsg.): Altern und Technik

Cover Ulman Lindenberger, Jürgen Nehmer, Elisabeth Steinhagen-Thiessen, Julia Delius, Michael Schellenbach (Hrsg.): Altern und Technik. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Stuttgart) 2009. ISBN 978-3-8047-2547-8.

Altern in Deutschland, Band 6. Nova Acta Leopoldina N.F. Bd. 104.
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Thema und Autoren

Band 6 aus der neunbändigen Ausgabe „Altern in Deutschland“, der erst später als alle anderen acht Bände fertig gestellt wurde, steht unter der Thematik „Altern und Technik“ und setzt sich mit dem technischen Fortschritt im Allgemeinen und den modernen Informationstechnologien im Besonderen auseinander. Obgleich das Vorurteil, ältere Menschen könnten sich mit neuen technischen Lösungen nicht anfreunden, weit verbreitet ist, möchte dieser Band die „Technologie als Freundin ...“ (S. 11) betrachten.

Herausgeber dieses Bandes sind Prof. Dr. U. Lindenberger, der am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin tätig ist, Prof. Dr. J. Nehmer, Technische Universität Kaiserslautern, Prof. Dr. E. Steinhagen-Thiessen von der Forschungsgruppe Geriatrie der Charite Berlin, Dr. J. Delius, die am Forschungsbereich Entwicklungspsychologie am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin beschäftigt ist und M. Schellenbach, der ebenfalls an der letzt genannten Einrichtung beschäftigt ist.

Aufbau

Das Buch ist nach einem Vorwort und einer Einführung in vier weitere inhaltliche Teile mit Unterkapiteln unterschiedlicher Länge untergliedert. Die „Einführung“ ist von den Herausgebern des Bandes gemeinsam verfasst und gibt einen Überblick über die einzelnen Kapitel.

1. Gesundes Altern

Es schließt sich Teil eins an, der mit dem Titel „Gesundes Altern“ überschrieben ist und drei Kaptitel enthält.

Das erste von U. Lindenberger/M. Lövden, M. Schellenberger/Shu-Chen Li und A. Krüger widmet sich der Thematik „Psychologische Kriterien für erfolgreiche Alterstechnologien aus Sicht der Lebensspannenkognition“. Die Autoren gehen davon aus, dass alte Menschen durch flexibel unterstützende Technologie die Kontrolle über bestimmte Aspekte ihres Alltagslebens an ein Gerät abgeben können, um über andere Dinge weiter direkte Kontrolle ausüben zu können (S. 18). Ausgehend vom Modell des erfolgreichen Alterns als Koordination von Selektion, Optimierung und Kompensation (Baltes 1987 und 1997) untersuchen sie, unter welchen Bedingungen Verhalten mit Hilfsmitteln weniger Ressourcen beansprucht als Verhalten ohne Hilfsmittel.

Mit dem Titel „Förderung kognitiver Aktivität im Alter: Internet-basierte Trainingsprogramme“ ist das zweite Kapitel dieses Schwerpunktes überschrieben. Verfasser sind F. Schmiedek/C. Bauer/M. Lövden/A. Brose und U. Lindenberger. Sie erläutern zunächst die Prinzipien kognitiver Trainingsprogramme und die Absichten, die damit verfolgt werden. Es zeigte sich unter Laborsituationen, dass die kognitive Leistungsfähigkeit sowohl bei jüngeren als auch bei älteren Personen verbessert werden konnte, bei letzteren sogar nachhaltiger.

Das letzte Kapitel unter dem Schwerpunkt „Gesundes Altern“ setztsich mit der „Entwicklung altersgerechter Fußgängernavigationssysteme“ auseinander und wurde von M. Schellenbach/M. Lövden/J. Verrel/A. Krüger und U. Lindenberger verfasst. Sie konnten nachweisen, dass assistierende Navigationstechnologien viel versprechende Unterstützungen für ältere Menschen in der Doppelaufgabensituation des Gehens und Navigierens geben können, wobei die Leistung durch einen virtuellen Führer besser war als mit der Verwendung einer Übersichtskarte, weil sich die höheren kognitiven Anforderungen in einer größeren Gangunregelmäßigkeit zeigten (S. 61 ff).

2. Prävention und Rehabilitation von Krankheit im Alter

Der zweite Teil des Bandes ist der Thematik der „Prävention und Rehabilitation von Krankheit im Alter„gewidmet.

Der zweite Teil beginnt mit einem ersten Kapitel „Elektronische Notfallüberwachung: Sensorbasierte Erfassung und Prävention von kritischen Gesundheitszuständen“, das von J. Nehmer/ M. Becker/T. Kleinberger und S. Prückner verfasst wurde. Die Autoren gehen davon aus, dass es sinnvoll sei, den Weg in die notwendige Unterbringung in einem Altenpflegeheim nicht mehr weiter zu verfolgen und stattdessen in elektronische Lebensassistenzsysteme zu investieren, die ein langes und unabhängiges Leben in häuslicher Umgebung ermöglichen. Sie beschreiben die Architektur, die Anwendung und die Funktionen eines Notfallüberwachungssystems, das innerhalb eines Projektes der Europäischen Union konzipiert wurde.

Kapitel zwei dieses Teils des Bandes ist mit dem Titel „Virtuelle Rehabilitation und Telerehabilitation der oberen Extremität: Ein geriatrischer Überblick“ überschrieben. Die Autoren sind M. Gövercin/I. M. Missala/M. Marschollek und E. Steinhagen- Thiessen. Sie versuchen, einen systematischen Überblick über klinische Studien zur Durchführbarkeit von virtueller Rehabilitation (VR) und Telerehabilitation (TR) bei der Wiederherstellung der oberen Extremität nach einem Schlaganfall zu geben. Dem Überblick zufolge sind VR- und TR-Ansätze umsetzbar, aber die Wirksamkeit konnte nicht klar herausgearbeitet werden, so dass die Autoren empfehlen, weitere kontrollierte Studien durchzuführen (S. 95).

3. Trens: Altern in 20 Jahren

Ein dritter Teil „Trends: Altern in 20 Jahren“ setzt sich im ersten Kapitel von A. Krüger/A. Schmidt und J. Müller mit der Thematik „Zukunftsperspektiven allgegenwärtiger Computer für ältere Menschen“ auseinander. Der Begriff „allgegenwärtiger Computer“ meint, dass die Aufmerksamkeit des Anwenders nicht durch die Nutzung des Computers gebunden sein, sondern die Einfachheit der Bedienung im Vordergrund stehen sollte. Das Design assistierender Systeme, die beispielsweise durch den Computer realisiert werden können, sollten eine positive Ressourcenbilanz sicherstellen, d.h. die Aufmerksamkeit oder Zeit, die investiert werden muss, sollte geringere Ressourcen erfordern, als sie potentiell freisetzen kann (S. 121). Der Sinn solcher assistierender Systeme muss es sein, dass diese mit den Nutzern wachsen, von ihnen lebenslang lernen, damit das mit dem Altern einhergehende Nachlassen der kognitiven Fähigkeiten kompensiert werden kann.

„Überwachung von Schläfrigkeit mittels EEG- basierter MEMS- Biosensortechnologien“ ist das zweite Kapitel, das von Wissenschaftlern aus Taipei C-W. Chang/Li-W. Ko/F-C. Lin/T-P. Su/T-P Jung/C-T. Lin und J-C. Chou geschrieben wurde. Die Elektroenzephalographie (EEG) wird zur Beobachtung kognitiver Zustände insbesondere zur Überprüfung von Schläfrichkeitszuständen bei Kraftfahrern eingesetzt, um gefährlichen Unfällen vorbeugen zu können. Auf die detaillierten Ausführungen zur Herstellung und Prüfung von Trockenelektroden, die heute zum Einsatz kommen, hätte im Beitrag verzichtet werden können, weil sie für den thematischen Bezug kaum relevant sind.

4. Beispiele aus Wirtschaft und Industrie

Der vierte Abschnitt des sechsten Bandes „Beispiele aus Wirtschaft und Industrie“ besteht aus zwei Kapiteln.

Das erste „‚Ambient Assisted Living‘ im CareLab“ von B. DE Ruyter/E. Zwartkruis-Pelgrim und E. Aarts stellt Ansätze technischer Assistenzsysteme vor, die assistierende Funktionen für ältere Menschen ermöglichen, wenn deren Unabhängigkeit gefährdet ist (S. 147). Es wird zur Verdeutlichung ein so genanntes „CareLab“ etabliert, das einer Zweizimmerwohnung für Senioren ähnelt, um die interessanten Unterstützungspotentiale nachzeichnen zu können. „Awareness“ - Systeme seien in der Lage, Alltagsaktivitäten von Älteren in automatisierten Tagebüchern aufzuzeichnen, die ihren weit entfernt wohnenden Kindern erlauben, sich der Tätigkeiten der Mutter oder des Vaters zu vergewissern. Es fragt sich, ob solche Systeme geeignet sind, die direkte Kommunikation zu ersetzen.

Im zweiten und damit letzten Kapitel des Bandes “Mobilitätsassistenz im ‚Bremen Ambient Assisted Living Lab‘ (BAALL)“, das von den Autoren B. Krieg_Brückner/T. Röfer/H. Shi und B. Gersdorf verfasst wurde, werden intelligente Lösungen für einen Rollstuhl und für einen Rollator vorgestellt, die es dem älteren Menschen erlauben, sicher an ihr gewünschtes Ziel und zurück zu finden. Des Weiteren wird ein Modell des assistierten Wohnens in Bremen nahe gebracht. Solche Ansätze seien geeignet, lange, wenn nicht sogar lebenslang, in der eigenen Wohnung leben zu können, weil beispielsweise „intelligente Möbel“ für eine Unterstützung älterer Menschen im Alltag sorgen.

Fazit

Der vorliegende Band 6 setzt sich mit technischen Unterstützungssystemen für Ältere im Alltag auseinander und ermöglicht sehr interessante Einsichten in die vielfältigen technischen Lösungen, die es älteren Menschen zunehmend gestatten, ihre Unabhängigkeit und damit ihr gewünschtes autonomes Wohnen zu bewahren. Wie ein roter Faden zieht sich diese thematische Vision durch den gesamten Band, indem darauf verwiesen wird, dass ausgehend vom Konzept der Koordination von Selektion, Optimierung und Kompensation für ein erfolgreiches Altern auf zukünftige technische Assistenzsysteme gesetzt werden kann.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 20.09.2011 zu: Ulman Lindenberger, Jürgen Nehmer, Elisabeth Steinhagen-Thiessen, Julia Delius, Michael Schellenbach (Hrsg.): Altern und Technik. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Stuttgart) 2009. ISBN 978-3-8047-2547-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7943.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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