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Franz B. Wember, Stephan Prändl (Hrsg.): Standards der sonderpädagogischen Förderung

Cover Franz B. Wember, Stephan Prändl (Hrsg.): Standards der sonderpädagogischen Förderung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2009. 256 Seiten. ISBN 978-3-497-02062-1. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 44,90 sFr.
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Thema

Die zu besprechende Publikation setzt sich mit den 2007 in Potsdam verabschiedeten Standards der sonderpädagogischen Förderung auseinander. Unterschiedliche Autoren diskutieren diese Standards kritisch. Hierbei handelt es sich, wie auf dem Klappentext rückseitig vermerkt, um namhafte Autorinnen und Autoren aus Wissenschaft und Praxis und nicht auch oder zusätzlich, wie es sich eigentlich gehören würde, um erfahrene Autorinnen und Autoren, so genannten Expertinnen und Experten in eigener Sache bzw. mit erlebter Kompetenz.

Herausgeber

Franz Wember promovierte 1985 an der Universität zu Köln mit einer Arbeit zu Piagets entwicklungspsychologischem Ansatz in der Anwendung auf die Lernbehindertenpädagogik. Er ist Professor an der Fakultät Rehabilitationswissenschaften der Technischen Universität Dortmund. Dort hat er den Lehrstuhl Rehabilitation und Pädagogik bei Lernbehinderung inne.

Stephan Prändl ist Sonderschuldirektor an der Schule für Kranke der Waldburg-Zeil Kliniken und Bundesvorsitzender des Verbandes Sonderpädagogik e. V.

Aufbau

Das Buch umfasst 13 Kapitel. Im Einzelnen sind das:

  1. Franz B. Wember: Standardisierung oder Entwicklung der sonderpädagogischen Förderung? Über Karten und Wege, die beim Gehen entstehen
  2. Franz B. Wember: Qualitätsanalyse und Standards der sonderpädagogischen Förderung
  3. Verband Sonderpädagogik e. V.: Standards der sonderpädagogischen Förderung – verabschiedet auf der Hauptversammlung 2007 in Potsdam
  4. Franz B. Wember: Individuelle Förderung – Kern der sonderpädagogischen Förderung und zentrales Instrument der Qualitätssicherung
  5. Gabriele Schumann, Manfred Burghardt, Thomas Stöppler: Zur Qualität professionellen Handelns von Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen
  6. Heike Schnoor: Die Standards sind entwickelt … aber wie werden sie hilfreich?
  7. Clemens Hillenbrand: Förderschwerpunkt Emotionale und Soziale Entwicklung: Standards ermöglichen Förderung!
  8. Reinhilde Stöppler, Susanne Wachsmuth, Erik Weber. Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung: Von der „Frühstückspädagogik“ zur Bildung
  9. Annette Leonhardt: Förderschwerpunkt Hören: Zeigt sich der Erfahrungsvorsprung eines Vierteljahrtausends?
  10. Christoph Leyendecker: Förderschwerpunkt Körperliche und Motorische Entwicklung: Bewegtes Lernen trotz behinderter Bewegung
  11. Elisabeth Moser Opitz: Förderschwerpunkt Lernen: Kritische Anmerkungen zu curriculum- und förderplanorientierten Standards und ein Plädoyer für Kompetenzmodelle
  12. Sven Degenhardt: Förderschwerpunkt Sehen: 200 Jahre Blindenbildung – 200 Jahre Diskussion von Standards für die Beschulung blinder und sehbehinderter Kinder und Jugendlicher
  13. Hans-Joschim Motsch: Förderschwerpunkt Sprache: Still-stand-ards oder zukunftstaugliche Innovation?

Inhalte

Auf der Hauptversammlung vom 16.11.2007 wurden in Potsdam vom Verband Sonderpädagogik e. V. die so genannten Standards der sonderpädagogischen Förderung vorgestellt und verabschiedet. Sämtliche Beiträge des zu besprechenden Bandes beziehen sich auf diese im dritten Kapitel vorgestellten sonderpädagogischen Förderstandards.

In diesem Kapitel werden in einem Teil A die Standards als Maßstab für die Praxis und in einem Teil B die Standards in den sonderpädagogischen Förderschwerpunkten vorgestellt.

Mich verwirren hier die verwendeten Termini technici. Haben sich die früheren Sonderpädagogen nicht vor einigen Jahren, also schon vor 2007, in Förderpädagogen umbenannt, weil der Förderung ein höherer Wert beigemessen wird als dem Besonderen? Aber vielleicht rudert man jetzt wieder zurück, weil die alten Besen immer noch besser kehren.

Es handelt sich bei den vorgestellten Standards der sonderpädagogischen Förderung um Minimalstandards. Diese können also immer weiter entfaltet werden. Frage: Wann ist das Maximum erreicht? Etwa dann, wenn die erlebte Kompetenz an der Diskussion über diese Standards beteiligt wird?

Als behinderten und sonderschulerfahrenen Rezensenten stößt mir besonders auf, wenn der Verband Sonderpädagogik e. V. behauptet das der Verband Sonderpädagogik e. V. diese Minimalstandards im Interesse von behinderten und von Behinderung bedrohten Menschen formuliert hat. „Er nimmt zugleich die Interessen der Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen wahr“ (S. 44). Mich hat keiner gefragt, obwohl ich Sonderpädagoge – also doppelt qualifiziert - und dann, als Hirnverletzter, noch zwei sonderpädagogischen Förderschwerpunkten zugehörig bin, wie Ellen Markus (1983, 25) feststellt: „Hirngeschädigte nehmen tatsächlich oder im Bewußtsein der meisten Gesunden eine Randstellung zwischen Körperbehinderten und Geistigbehinderten ein.“ Anzunehmen ist das diese Standards unter den sonderpädagogisch ausgebildeten Fachleuten gewissermaßen im Konklave ausgetüftelt und den Förder- oder Sonderschülern dann übergestülpt wurden. Das Behinderte bei der Formulierung dieser Minimalstandards ausgeschlossen waren, ist berechtigterweise anzunehmen wenn man sich die Autorinnen- und Autorenliste anschaut. Da outet sich niemand als behindert. Und es wäre hier sehr gut gewesen die erlebte Kompetenz, wie im Übrigen auch von der Selbstbestimmt Leben-Bwegung seit Jahren gefordert, an diesen Minimalstandards, gemäß der allgemeinpädagogischen und inklusiven Bemühungen, teilhaben zu lassen. Die Herausgeber müssen sich nun fragen lassen, warum das nicht geschehen ist. Die Behinderten sind hier wieder mal nur Maßnahmeempfänger, weil die Förderung von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf eine besondere Herausforderung ist, wie Karin Salzberg-Ludwig (2009) das aktuell für die Bereiche Wissenschaft und Politik feststellt.

Wir Behinderten können wirklich froh sein das wir nach den allgemeinen Bildungsstandards sonderpädagogisch gefördert werden und das wir als benachteiligte und behinderte Menschen vorbehaltlos angenommen werden. Aber scheinbar gelten diese allgemeinen Bildungsstandards nicht für jeden Behinderten, denn „ausgenommen von der Verpflichtung auf Kerncurricula und Bildungsstandards sind die Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf in den Schwerpunkten Lernen und Geistige Entwicklung“ (S. 45). Hier gehen die allgemeinen Bildungstandards dann sonderpädagogisch haarscharf an den Bemühungen um Inklusion und der von Salzberg-Ludwig geforderten Schule für alle vorbei. Hier wird ausgeschlossen.

Was sind nun die Leitperspektiven der allgemeinen Bildungsstandard mit Blick auf sonderpädagogische Förderung – und ich erlaube mir hier von einer Tautologie zu sprechen, denn derjenige der sonderpädagogisch nicht das Allgemeinpädagogische mitdenkt hat im förderpädagogischen Diskurs schon verloren und steht auf der Abschussrampe? Es sind dies:

  • Persönliche Autonomie,
  • soziale und gesellschaftliche Autonomie,
  • konsequente und ganzheitliche Qualifizierung der Heranwachsenden,
  • gezielte Unterstützung der primären und sekundären Sozialisationspartner,
  • angepasste Gestaltung der dinglichen und sozialen Umwelt und
  • umfassende Mitbestimmung auf allen Ebenen gesellschaftlicher Gestaltung.

Für die schnellen Leserinnen und Leser hat der Verband in einer Abbildung das duale Curriculum und die Aufgabenteilung in Integrationsklassen bei gemeinsamer pädagogischer Verantwortung abgebildet. Aber Vorsicht: „Unter Integration ist ein Prozess der Bildung eines Systems höherer Ordnung aus relativ selbstständigen Systemen niederer Ordnung oder Elementen zu verstehen, ‚wobei die das System konstituierenden Teilsysteme […] in wechselseitige Abhängigkeit treten, so daß ihre Selbständigkeit und Unabhängigkeit herabgesetzt wird. Je nach Ausmaß und Intensität der wechselseitigen Abhängigkeit der Teilsysteme besitzen Systeme einen höheren oder geringeren Integrationsgrad. Der Integrationsgrad ist Maß für die Strukturiertheit, Organisiertheit, Komplexität usw. eines Systems. Integration kann jedoch nicht nur auf dem Weg der Vereinigung von Systemen niederer zu Systemen höherer Ordnung erreicht werden, sondern auch durch Umgruppierung der Teilsysteme bzw. der Elemente in einem schon vorhandenen System genau dann, wenn die neue Struktur des Systems zu erhöhter Abhängigkeit der Elemente oder Teilsysteme führt. Im Prozeß der Integration resultiert sowohl eine qualitativ neue Ganzheit als auch in Abhängigkeit von den neuartigen Relationen ein qualitativ neuartiges Verhalten der Elemente und Teilsysteme. Diese realisieren neuartige Funktionen, indem bestimmte ihrer latenten Möglichkeiten aktualisiert und andere, bereits aktualisierte, unterdrückt werden. […]

Das Gegenteil von Integration ist Desintegration, worunter derjenige Prozeß verstanden wird, in dem sich im Verlaufe von Integration entstandene Systeme in ihre Teilsysteme bzw. Elemente auflösen‘“ (Rensinghoff 2007, 18 f.).

Da die sonder- oder neudeutsch förderpädagogische Unternehmung parasitär in die Allgemeine Pädagogik eingreift, sich somit als Schmarotzer des pädagogischen Gedankenguts bedient, ist es verwunderlich das der Verband Sonderpädagogik e. V. ein Ineinandergreifen von pädagogischer und sonderpädagogischer Förderung als Standard festschreibt.

Auf drei Ebenen werden die sonderpädagogischen Standards formuliert und konkretisiert:

  1. auf der Ebene der Vorgaben und Ressourcen,
  2. auf der Ebene der Prozessmerkmale,
  3. auf der Ebene der Ergebnisse von Erziehung und Unterricht.

In Standard 5 werden die Standards der professionellen Lehrtätigkeit und in Standard 6 die diagnosegeleitete individuelle Förderung thematisiert.

Diskussion

Brauchen wir Standards der sonderpädagogischen Förderung, die ja eigentlich diesen Namen gar nicht verdienen, da wir schon länger von einer Förderpädagogik sprechen? Christian Lukas (2009) bringt es in seinem Kommentar zu dem, wie es nach der Schule weitergeht, dann diesbezüglich auf den Punkt. Da haben Schüler der 10. Klasse einer Wittener Realschule kurz vor ihrem letzten Schultag ihre zukünftigen Träume, Wünsche und Ziele geäußert. „Aber ganz ehrlich: Ich möchte nicht mit ihnen tauschen. Als ich meinen Abschluss machte, da konnte ich das was kommen sollte, noch recht entspannt angehen.

Niemand hatte mich während meiner Schulzeit von Leistungsstanderhebung zu Leistungsstanderhebung gehetzt. Ein kleiner Mann erklärte uns, egal was auch geschah, die Renten seien sicher. Und Pisa, das war nur eine Stadt mit einem schiefen Turm in Italien.

Wer studieren wollte, der bezahlte einen Sozialbeitrag und keine Gebühren, das Studium diente […] in erster Linie der Menschwerdung. Heute regeln selbst im Studium strikte Pläne das Lernen, für den Blick über den Tellerrand bleibt bei den engen Studienvorgaben keine Zeit.

Und eine gute Ausbildung mit Weiterbildungen und Zusatzqualifikationen ist längst kein Garant mehr für eine sichere Zukunft. Es findet sich immer eine Heuschrecke, ein Manager oder ein überambitionierter Vorstand, der selbst die größten Betriebe gegen eine Wand fährt […].

Dennoch wird heute nicht mehr fürs Leben gelernt, für die Wirtschaft wird der junge Mensch vorbereitet. Persönliche Entfaltung hat sich in den Lehrplänen mehr und mehr den Zwängen der Wirtschaftlichkeit unterzuordnen.

Eine bedenkliche Entwicklung, denn was für ein fragiles Gebilde diese Wirtschaft ist, zeigt die momentane Wirtschaftskrise. Wo für die Zukunft Gestaltung und neue Ideen gefragt wären, werden alte Strukturen (wie die Sonderpädagogik – CR) notfalls mit Steuermilliarden gerettet. Die viel beschworene Innovation, sie findet nicht statt“ (ebd.). Und genau da passen die Standards sonderpädagogischer Förderung hinein!

Fazit

Die sonderpädagogischen Standards, die der Förderung behinderter und benachteiligter Schülerinnen und Schülern dienen sollen, sind äußerst kritisch zu lesen. Es stellt sich die Frage, ob sie nicht gewissermaßen und zum Nachteil der Behinderten und Benachteiligten einen Rückschritt bedeuten, die der Inklusion diametral gegenüberstehen.

Literatur:

Lukas, Christian: Kommentar – Bedenkliche Entwicklung. In: Witten aktuell 26(Nr. 47/13.06.2009)2.

Markus, Ellen: Besondere Probleme in der Sexualerziehung bei hirngeschädigten Kindern und Jugendlichen. In: Paeslack, Volkmar: Sexualität und körperliche Behinderung. Heidelberg 1983, 25-29.

Rensinghoff, Carsten: Theoretische Überlegungen zum inklusiven Unterricht in der Sekundarstufe I einschließlich des Versuchs einer Ethik. München 2007.

Salzberg-Ludwig, Karin: Wie kommt man zur „Schule für alle“? In: perspektive21 o. J. (Heft 40/März 2009)33-44.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 11.08.2009 zu: Franz B. Wember, Stephan Prändl (Hrsg.): Standards der sonderpädagogischen Förderung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2009. ISBN 978-3-497-02062-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7950.php, Datum des Zugriffs 17.11.2018.


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