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Sonja Ernst: Gewalt unter erwachsenen männlichen Inhaftierten [...]

Rezensiert von Prof. Dr. jur. Dr. phil. Christoph Nix, 07.12.2009

Cover Sonja Ernst: Gewalt unter erwachsenen männlichen Inhaftierten [...] ISBN 978-3-8300-3571-8

Sonja Ernst: Gewalt unter erwachsenen männlichen Inhaftierten in deutschen Justizvollzugsanstalten. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2008. 453 Seiten. ISBN 978-3-8300-3571-8. 88,00 EUR.
Schriftenreihe Criminologia - Band 2.

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Thema

Sonja Ernst hat eine empirische Untersuchung über Gewalt in Justizvollzugsanstalten (JVA) in den Mittelpunkt ihres Forschungsinteresses gestellt. Dies aktuell zu tun, aber immer und wiederholt, insbesondere auch nach den schweren Gefängnisskandalen der 60er Jahre, aber auch nach Foltervorwürfen der 70er Jahre in Vollzugsanstalten ist ein hehres Ziel.

Übergriffe von Gefangenen an Mitinsassen werden in keinerlei Gesamtstatistik publiziert. Hin und wieder werden in den Medien Zwischenfälle aufgearbeitet, aber selten findet eine objektive Berichterstattung statt. Als Arbeitshypothese gelten Ernst die Forschungsarbeiten von Karger (1998), Kury (2002) und Preusker (2003), sie erhebt die Hypothese, dass psychische- und physische Gewalt im Strafvollzug keineswegs ein seltenes Ereignis sei.

Inhalt

Die Verfasserin hebt insbesondere auf die Angleichungsprämisse in § 3 StVollzG. ab, wonach schädlichen Neigungen im Freiheitsentzug entgegengewirkt werden sollen. Zugleich hofft sie auf die sozialpädagogische Relevanz des § 71 Strafvollzugsgesetzt.

Sonja Ernst setzt sich zunächst mit den verschiedenen Phänomenen von Gewalt auseinander, anfänglich etwas unkritisch mit dem Gewaltbegriff als extreme Form der Aggression (Seite 23), später weitet sie diesen Gewaltbegriff doch auf direkte psychische oder subtile physische Gewalt aus (Seite 27) und orientiert sich an der Dogmatik des Strafgesetzbuches, den § 241 (Bedrohung), § 253 (Erpressung) aber auch dann den Körperverletzungsdelikten bis hin zum Totschlag.

Obwohl Gewaltbereitschaft unter jugendlichen, kriminellen Mädchen zugenommen hat, lässt sich doch feststellen, dass Gewalt im Strafvollzug ein Männerproblem bleibt, denn auf eine weibliche Tatverdächtige aus dem Bereich der Gewalt kommen neun männliche, so Petersen (2004), diese Hypothese macht sich die Autorin zu eigen.

Um ins Zentrum der Gewalt zu gelangen beschäftigt sich Sonja Ernst auch mit dem, was wir als subkulturelle Milieus beschreiben, geht durchaus kritisch mit der derzeit herrschenden Haftraumgröße um. Die Überbelegung bleibt ein Dauerskandal im deutschen Strafvollzug. Ernst hebt hervor, dass 1878 die verbindliche Festlegung der Zellengröße durch den Verein der Strafanstaltsbeamten auf eine Breite von 2,2m und 3,8m Länge festgelegt wurde. Betrachtet man damit eine Haftraumgröße von 8,36 qm, so wird man darüber entsetzt sein, dass in den Haftanstalten diese Mindestgröße, die auch für Schäferhunde reichen soll, keinesfalls eingehalten wird. Die Überfüllung der Haftanstalten, die Durchmischung mit verschiedenen Tätergruppen, die Prinzipien, wenn Gewalt sich untereinander halten würde, sie nicht nach außen ginge, gehören zum vorherrschenden Instrumentarium der Gewaltbewältigung in den Haftanstalten selbst.

Diskussion

Die Sprache der Autorin ist kühl, eher von der empirischen Sozialforschung geprägt und weniger von einem reformerischen, humanistischen Wärmestrom. Die Ergebnisse zu den Bedingungen der JVA im geschlossenen Vollzug lässt keine Planfaktoren erkennen, es lässt sich nicht verhehlen, dass im geschlossenen Vollzug eine grundsätzlich höhere Gewaltbereitschaft und Subkultur vorhanden ist.

Betrachtet man die individuellen Faktoren der Inhaftierten im geschlossenen Vollzug, so lässt sich nicht leugnen, dass auch hier Gewalttäter wieder neueGewalt reproduzieren. So stellt sich die Frage wieweit die die Einstellung zur Gewalt letztlich signifikant für neue gewalt im Strafvollzug ist.

Wird sie vom Täter selbst bagatellisiert, oder wird er gar damit identifiziert, ist außerdem die Gewalttoleranz durch das Anstaltspersonal und die Anstaltsleitung groß, so finden wir richtige Gewaltzentren, ähnlich der amerikanischen Verhältnisse.

Die Autorin formuliert, (Seite 327/328) „da sich im Rahmen dieser Studie auch ein signifikanter Zusammenhang zwischen der mutmaßlichen Strafe… und der eigenen Einstellung zur Gewalt zeigt, so kann der Schluss gezogen werden, dass diese Zusammenhänge durch gezielte Versuche der JVA, die Einstellung der Inhaftierten zur Gewalt zu verändern, beeinflusst werden können.“

Folgt man weiterhin der Phänomenologie, so haben wir höhere Gewaltbereitschaft bei Alkoholikern und Drogensüchtigen, insbesondere auch, wenn es zu Konflikten kommt bei Fragen der Beschaffung, der illegalen Beschaffung im Strafvollzug, der Rückzahlung von Geldern etc. Interessant ist die Frage der sozialen Beziehung von Gefangenen, die Autorin stellt fest, dass die Sozialkontakte von Gefangenen zu Personengruppen außerhalb der Justizvollzugsanstalt einen signifikanten Zusammenhang zu Gewalt oder nicht Gewalt herstellt. Insbesondere Inhaftierte, welche regelmäßig Kontakt zu ihren eigenen Kindern haben, gaben seltener an Körperverletzungstäter zu sein (Seite 31).

Vielleicht mutet diese ganze Arbeit mit über 400 Seiten als zu umfangreich an, betrachtet man die Ergebnisse, aber insbesondere die Sozialraumtheorie, dass gewaltbereiter ist, wer isolierter, schlechte Kontakte, keine feinfühligen Verwandtschaftsbeziehungen mehr aufweist, macht doch deutlich, dass Strafvollzug dringender Veränderung bedarf. Öffnung, Transparenz, Entwicklung menschlicher Verkehrsformen scheinen noch immer das beste Mittel zu sein gegen Gewalt im subversiven Milieu.

Fazit

Natürlich könnte man kritisch sein, die Autorin ist es selbst (Methoden/Kritik S. 352), ob Selbstbefragung, ob nicht verdeckte Beobachtung angezeigter gewesen wären, aber wer will die heute noch finanzieren können. Ein Beleg der ideenreiche Anhang graphischer Korellation und ausführlichster Tabellenarbeit rundet diese Arbeit ab. Es wäre der Verfasserin zu wünschen gewesen einen Verlag zu finden, der dieses Buch kostengünstiger vertreibt. Der Preis von 88€ ist bei einem Paperbackband in billigster Aufmachung nicht zu rechtfertigen. In soweit wird dieses Buch sicherlich einzig in öffentlichen Bibliotheken zu finden sein und nur bei wenigen Speziallisten und Lehrstuhlinhabern.

Rezension von
Prof. Dr. jur. Dr. phil. Christoph Nix
Intendant Theater Konstanz
Professor an der Universität Bremen
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Es gibt 8 Rezensionen von Christoph Nix.

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Zitiervorschlag
Christoph Nix. Rezension vom 07.12.2009 zu: Sonja Ernst: Gewalt unter erwachsenen männlichen Inhaftierten in deutschen Justizvollzugsanstalten. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2008. ISBN 978-3-8300-3571-8. Schriftenreihe Criminologia - Band 2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7973.php, Datum des Zugriffs 05.12.2022.


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