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Matthias Junge: Kultursoziologie

Rezensiert von PD Dr. Andreas Langenohl, 31.10.2009

Cover Matthias Junge: Kultursoziologie ISBN 978-3-8252-3299-3

Matthias Junge: Kultursoziologie. Eine Einführung in die Theorien. UTB (Stuttgart) 2009. 220 Seiten. ISBN 978-3-8252-3299-3.
Reihe: UTB M (Medium-Format)
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Thema

Matthias Junges Anliegen ist ein knapper Überblick über kultursoziologische Theorien seit dem 19. Jahrhundert. Da die Kultursoziologie für den Autoren nicht mit anderen bereichsspezifischen („speziellen“) Soziologien vergleichbar ist, weil sie keinen eindeutig bestimmbaren und unumstrittenen Gegenstandsbereich aufweist, baut er sein Buch auf einer Diskussion der verschiedenen Möglichkeiten der Bestimmung des Kulturellen auf, bevor er summarisch auf rezente und gegenwärtige kultursoziologische Theorien eingeht.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist ansprechend ausgelegt. Neben dem Fließtext finden sich tabellarische und grafische Darstellungen, Kästen und Randhinweise, die das Auffinden wichtiger Argumente erleichtern. Nach einer grundsätzlichen Problematisierung des Kulturbegriffs und seiner soziologischen Nutzbarmachung (1) stellt der Autor frühe Ansätze kultursoziologischen Denkens des 19. Jahrhunderts vor (2), geht dann auf empirische Trends in der Bedeutung von Kultur im 20. Jahrhundert ein (3) und entwirft eine Genealogie der Kultursoziologie (4), stellt Talcott Parsons‘ Gesellschaftstheorie als einflussreichste Theorieinnovation des 20. Jahrhunderts vor (5) und reiht daran anschließend verschiedene Kulturtheorien aus der Soziologie und unmittelbar benachbarten Diskursen (6). Ein abschließendes Kapitel stellt die vorgestellten Theorien in tabellarischer Form zusammen.

(1) Die grundsätzliche Prekarität des Kulturbegriffs in der Soziologie wurzelt dem Autor zufolge in dem Sachverhalt, dass der Kulturbegriff, wenn er analytisch nützlich sein soll, nur in kontrastivem Sinne gebraucht werden kann, dass aber zugleich kein Konzept existiert, das als direkter Kontrastbegriff dienen könnte. Soziologische Versuche, Kultur mit Natur, Gesellschaft, Individuum etc. gegenüberzustellen, haben sich theoriegeschichtlich als Sackgassen erwiesen. Der Autor optiert daher dafür, „Kultur“ als einen abstrakten Oberbegriff für die empirische Vielfalt kultureller Erscheinungen anzusehen (S. 21).

(2) In einem knappen Abriss (S. 23-26) geht der Autor auf frühe Ansätze kultursoziologischen Denkens ein, insbesondere auf K. Marx, E. Durkheim, G. Simmel und M. Weber.

(3) Noch kürzer fallen Bemerkungen zu „empirische[n] Trends der Kulturentwicklung“ (S. 27-29) aus. Dieses Kapitel ist verzichtbar, da diese „Trends“ nicht unabhängig von den sie diagnostizierenden Theorieentwürfen dargestellt werden sollten, zumindest nicht in einem Theoriebuch. Es wäre besser gewesen, sie in die nachfolgende Darstellung der einzelnen Theorieansätze einfließen zu lassen und somit in ihrer theoretischen Rahmung deutlicher sichtbar zu machen.

(4) Die vom Autor auf fünf Seiten (S. 31-35) entworfene Genealogie kultursoziologischer Theoriebildung unterscheidet zwischen fünf aufeinander folgenden Phasen, die durch je unterschiedliche Haupttheoretiker und Querbezüge zwischen ihnen gekennzeichnet sind. Der Autor stellt wichtige AutorInnen einander gegenüber, indem er ihre Bezüge auf die Klassiker der ersten Phase (Durkheim, Weber, Marx und Simmel) sowie auch auf spätere TheoretkerInnen untersucht. Diese Darstellung vermittelt einerseits einen Überblick über die Differenzierung und die Cluster-Bildung kultursoziologischer Theorien. Andererseits ist sie nicht in jedem Punkt vollständig (der Bezug Bourdieus auf Weber fehlt etwa) und neigt dazu, durch die Ausblendung einiger wichtiger Theoretiker aus der Darstellung (etwa A. Schütz‘, P. Bergers, T. Luckmanns, H. Garfinkels) den Eindruck einer starken Verinselung der kultursoziologischer Strömungen zu erzeugen.

(5) Ein eigenes Kapitel wird Talcott Parsons als einer Art Wasserscheide kultursoziologischer Theoriebildung im 20. Jahrhundert gewidmet, weil Parsons die erste umfassende soziologische Systemtheorie vorlegt, Kultur als eigenes System mit einer eigenen Logik ansieht und dieses System als primäres Ordnung stiftendes Merkmal der Gesellschaft identifiziert: „Das Kultursystem ist insgesamt der Schlüssel zur Integration von Sozial- und Persönlichkeitssystem.“ (S. 40) An dieser Theoretisierung arbeiten sich die ihm folgenden Entwürfe ab: „Mit der Abgrenzung gegenüber dem Verständnis von Kultur bei Parsons beginnt die Öffnung der Kultursoziologie für ein stärker die Inhomogenität, Inkonsistenz und Widersprüchlichkeit kultureller Erscheinungen beachtendes und betonendes Verständnis von Kultur.“ (41)

(6) Das folgende Kapitel ist dementsprechend in Unterabschnitte gegliedert, die „Entwicklungen kultursoziologischen Denkens nach Parsons“ (S. 43) behandeln. Dabei werden die Unterabschnitte teilweise einzelnen TheoretikerInnen gewidmet (E. Goffman, J. Habermas, N. Luhmann, P. Bourdieu, G. Schulze, S. Lash, Z. Bauman und M. Archer), teilweise dienen sie der Darstellung kultursoziologisch relevanter Strömungen oder folgen anderen Ordnungskriterien. Während beispielsweise bei Goffmann die Abgrenzung von Parsons einen gewissen Stellenwert in der Darstellung einnimmt, ist ein anderer Unterabschnitt der „Kultur der Postmoderne“ als einer die Moderne problematisierenden Strömung und ein weiterer den Cultural Studies als einem politisierten Randparadigma der Soziologie gewidmet, während der Unterabschnitt „Kultur als Praxis“ bestimmte kultursoziologische Ansätze als Auseinandersetzungsformen mit der Konfrontation von Struktur und Handlung einführt.

Diskussion

Positiv hervorzuheben ist die Verständlichkeit und Kompaktheit der Darstellung. Man kann die rund 100 Textseiten rasch bewältigen und sich in wichtige kultursoziologische Theorien einlesen. Daher vermittelt das Buch einen hohen subjektiven Orientierungswert. Der Problemaufriss zu Beginn des Buchs – Kultur ist ein kontrastiver Begriff ohne unmittelbaren Kontrastbegriff – ist instruktiv und anregend.

Jedoch überwiegen die der Darstellung abträglichen Aspekte. Sie ist vor allem hinsichtlich der Genealogien kultursoziologischer Ansätze unterkomplex. So fehlt etwa die Ethnomethodologie, die für die Absetzbewegung von Parsons‘ Funktionalismus extrem wichtig gewesen ist. Postkoloniale Theorie wird als Weiterführung der Cultural Studies bezeichnet (S. 103), während sie tatsächlich aus der Colonial Discourse Analysis, nichtwestlichen Theoriedebatten und dem europäischen Poststrukturalismus hervorging. Weitere Hinweise auf gegenwärtige Einflüsse aus anderen Disziplinen, zum Beispiel der Kulturanthropologie oder politischen Theorie, fehlen. Die Phänomenologie von Schütz und die Wissenssoziologie Bergers und Luckmanns, J. Alexanders Entwurf einer Cultural Sociology, die Soziologie der Kritik L. Boltanskis, L. Thévenots und È. Chiapellos, die Anerkennungstheorie A. Honneths und die Debatte um die Bedeutung von Kultur und Geschichte in der gegenwärtigen Makrosoziologie vermisst man ebenfalls.

Weiterhin werden die kultursoziologischen Ansätze oft einfach nebeneinander gestellt, ohne dass ihre wechselseitigen Kritiken oder ihre historisch-intellektuellen Kontexte erwähnt würden. In Kapitel 6 etwa fehlen wichtige Querverweise zwischen den Unterabschnitten, die deutlich machen würden, wie sich die Strömungen zueinander verhalten und gegeneinander positionieren. So wäre es hilfreich gewesen zu erwähnen, dass Bourdieus Praxistheorie eine Auseinandersetzung mit postmodernistischen Strömungen in der Soziologie beinhaltet, dass der Neo-Institutionalismus eine Absetzbewegung von funktionalistischen Theorieparadigmen vollzieht oder dass Luhmann eine letztendlich kulturalistische Reformulierung von Parsons‘ Systemfunktionalismus betreibt. Gleiches gilt für die fast gänzlich fehlende Bezugnahme auf „Schulen“ innerhalb der Soziologie, die für die Selbstdefinition des Fachs enorm wichtig waren, etwa (Struktur-/System-)Funktionalismus, symbolischer Interaktionismus etc. Die Darstellung der Praxistheorie der Kultur verschweigt Bourdieus Praxeologie.

Redaktionell fällt negativ ins Gewicht, dass es keinerlei Hinweise auf weiterführende Literatur oder auf Debatten gibt, die im Buch (aus welchen Gründen auch immer) nicht behandelt werden. Bei der Leserin kann so ein falscher Eindruck von Vollständigkeit und Geschlossenheit der Theoriedebatten zurückbleiben.

Fazit

Das Buch vermittelt einen unmittelbaren Einblick in Themen der kultursoziologischen Theorie. Gleichzeitig ist es, selbst als Einführung, sehr reduktionistisch. Einige wichtige Theorieströmungen fehlen. Die Konzentration auf AutorInnen als Hauptordnungsmerkmal der Darstellung bewirkt den Eindruck eines Theorievoluntarismus in der Kultursoziologie, zumal Hinweise auf Disziplinen übergreifende Debatten und auf zeitgeschichtliche Zusammenhänge selten sind.

Rezension von
PD Dr. Andreas Langenohl
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Es gibt 1 Rezension von Andreas Langenohl.

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Zitiervorschlag
Andreas Langenohl. Rezension vom 31.10.2009 zu: Matthias Junge: Kultursoziologie. Eine Einführung in die Theorien. UTB (Stuttgart) 2009. ISBN 978-3-8252-3299-3. Reihe: UTB M (Medium-Format). In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7977.php, Datum des Zugriffs 14.08.2022.


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