socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Detlef Aufderheide, Martin Dabrowski (Hrsg.): Internetökonomie und Ethik

Cover Detlef Aufderheide, Martin Dabrowski (Hrsg.): Internetökonomie und Ethik. Wirtschaftsethische und moralökonomische Perspektiven des Internets. Duncker & Humblot GmbH (Berlin) 2009. 267 Seiten. ISBN 978-3-428-13045-0. 68,00 EUR, CH: 115,00 sFr.

Reihe: Volkswirtschaftliche Schriften - H. 556. E-Book: 978-3-428-53045-8 (€ 62,-); Print & E-Book: 978-3-428-83045-9 (€ 82,-).
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Im vorliegenden Herausgeberwerk befassen sich Autoren verschiedenster Fachrichtungen mit ethischen und moralischen Implikationen des Internets. Dabei werden hauptsächlich wirtschaftliche Perspektiven, welche in diesem Zusammenhang von Bedeutung sind, betrachtet.

Entstehungshintergrund

"Internetökonomie und Ethik" veröffentlicht die Ergebnisse einer disziplinübergreifenden Tagung, welche im Dezember 2007 in der Akademie Franz Hitze Haus (Münster) stattfand. Die Veröffentlichung reiht sich als nunmehr sechste Erscheinung in die seit 1996 fortgeführte Reihe "Normen, soziale Ordnung und der Beitrag der Ökonomik" ein, welche aus einer andauernden Kooperation zwischen der Katholisch-sozialen Akademie Franz Hitze Haus und der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Münster hervor ging.

Aufbau

Das Buch ist in sechs inhaltliche Abschnitte gegliedert, wobei zu den einzelnen Themen jeweils drei Beiträge - ein Vortrag und zwei Koreferate - enthalten sind. Behandelt werden dabei folgende Themen:

  1. Die Frage nach den Möglichkeiten und Notwendigkeiten eines sensiblen Umgangs mit Informationen im Internet. Hierzu finden sich Beiträge von Karsten Weber, Alexander Filipovi und Eric Christian Meyer.
  2. Aloys Prinz befasst sich mit dem Sinn und Unsinn von Software-Patenten. Koreferate hierzu stammen von Florian Bien und Stefan Knooths.
  3. Die Gefahren von Zensur und Kontrolle im Zusammenhang mit dem Internet behandeln Christoph Lütge als Hauptreferent sowie Karsten Giese und Jürgen Pelzer als Korreferenten.
  4. Unter dem Stichwort "Der gläserne Mensch" beschäftigt sich Stefan Klein exemplarisch mit Implikationen der RFID-Technologie. Frank Pallas und Klaus Wiegerling waren hier Korreferenten
  5. Welche Probleme entstehen, wenn elektronischer Handel auf der Basis von Vertrauen abläuft, ist die Frage, mit der sich Hansueli Stamm befasst. Mathias Erlei und Michael Florian ergänzen seine Ausführungen zum Thema.
  6. Mit den verschiedenen Perspektiven des Digital Divide befassen sich schließlich in genannter Reihenfolge Johannes J. Frühbauer, Thorsten Riecke und Balthas Seibold.

Inhalt

In dieser inhaltlichen Zusammenfassung sollen die Hauptargumente der einzelnen Beiträge kurz dargestellt werden.

Der erste inhaltliche Bereich befasst sich mit dem groben Thema der Informationsfreiheit und seinen Implikationen in Bezug auf die sich immer stärker ausdehnende Erhebung personenbezogener Daten zur elektronischen Verarbeitung. Karsten Weber plädiert zunächst einmal für eine begriffliche Fassung der hier behandelten Ethik als eine Informations- an Stelle einer Internetethik. In diesem Kontext reflektiert er die Frage nach der Notwendigkeit eines Menschen- beziehungsweise Bürgerrechts auf Information. Er kommt zu dem Schluss, dass eine Informationsfreiheit nur als negatives Recht definiert sein könne und mit einem solchen ein Rückzug des Staates aus dem Leben seiner Bürger einhergehen müsse. Im ersten Koreferat führt Filipovic aus, dass eine strikte Trennung positiver und negativer Freiheiten, wie sie Weber vollzieht, nicht möglich sei und verdeutlicht in verschiedenen Bereichen die Möglichkeit die Informationsfreiheit als eine positive zu betrachten. Der zweite Korreferent, Eric Christian Meyer, verdeutlicht dagegen, dass sich nicht die Probleme in Bezug auf Informationstechnologien sondern lediglich die damit einher gehenden Transaktionskosten ändern würden.

Im zweiten Abschnitt des Buches analysiert Aloys Prinz den möglichen Nutzen von Softwarepatenten und gleichsam einhergehende Nachteile solcher. Auf der Grundlage einer eingehenden Analyse der ursprünglichen Absicht hinter der Vergabe von Patenten und der gewandelten Voraussetzungen im Zusammenhang mit Software kommt er zu dem Ergebnis, dass die Vergabe von entsprechenden Patenten Innovationen eher hemmen würde und deshalb bestenfalls darauf zu verzichten sei. Florian Bien stellt die Annahmen von Prinz im Zusammenhang mit der aktuellen Rechtsprechung dar und verweist auf die Problematik der Stellung der Patentvergabestellen. Stefan Knooths kritisiert dagegen eine Sonderstellung von Software in Bezug auf ihre Patentierbarkeit. Er spricht sich für eine klarere Regelung der selben aus.

Nachdem er die Entwicklung der Kritik des Internets dargestellt hat, illustriert Christoph Lütge anhand des Aufbaus des Internets zunächst die theoretischen Möglichkeiten dieses zu zensieren. Er konkretisiert seine Ausführungen am Beispiel Chinas und kommt zu dem Ergebnis, dass eine Zensur letztendlich nur schwer möglich sei und deren Verhinderung auch von nicht politischer Seite vollzogen werden könnte. Im Gegensatz dazu macht Karsten Giese deutlich, dass die von Lütge so hoch eingestufte Notwenigkeit einer angemessenen Reputation von betroffenen Unternehmen nicht ausreicht um diese davon abzuhalten sich staatlich initiierter Zensur zu verweigern. Er schätzt die politische Vormachtstellung der jeweils relevanten Staatsapparate wesentlich bedeutsamer ein, als dies Lütge tut. Jürgen Pelzer verweist zudem auf einen weiteren Aspekt der Thematik ‚Zensur im Internet‘, indem er verdeutlicht, dass sich ein Großteil der Internetnutzer in Deutschland selbst zensiert, da diese nur auf einen Bruchteil der Möglichkeiten - oftmals lediglich auf ein bis zwei Quellen, zurück greifen, wenn sie online sind. Er kommt zu dem Schluss, dass hier eingreifend dringend die Medienkompetenz der Bevölkerung (er bezieht sich hier konkret auf Schulen) gefördert werden müsse.

Der folgende inhaltliche Abschnitt des Buches beleuchtet die verhältnismäßig neue Technologie der RFID (Radio Frequency Identification)-Technik und deren mögliche Folgen. Stefan Klein erläutert an konkreten Beispielen in welcher Form die Technik zum Einsatz kommen könnte oder bereits kommt. Er wirft im Anschluss die Frage nach dem Preis für eine Technik zur Erhöhung der Sicherheit auf. Er durchleuchtet die Verhältnismäßigkeit einer Kritik an einer einzelnen Technik, welche sich in eine ganze Palette vergleichbarer Verfahren einreiht sowie nach der Mündigkeit der Bürger in Anbetracht immer komplexer werdender Strukturen und Systeme. Resultierend aus seinen Annahmen spricht sich Klein schließlich für eine Re-Institutionalisierung der Technikfolgenabschätzung und die Diskussion neuer Entwicklungen aus ethischer Perspektive aus. Frank Pallas kritisiert an diesem Ansatz zunächst die Basis konkreter Anwendungsmöglichkeiten, da auf diesem Weg niemals alle (auch zukünftig möglichen) Entwicklungen erfasst würden. Weiterhin stellt er fest, dass eine Technikfolgenabschätzung bereits in ausreichendem Maße etabliert und deren Ausbau deshalb nicht nötig sei. Darüber hinaus merkt Pallas an, dass die Diskussion um das Thema Datenschutz bereits seit 20 Jahren stagniere. Als Lösung schlägt er die Einbeziehung anfallender Transaktionskosten vor. Klaus Wiegerling betrachtet die RFID-Technik im Kontext des Verlustes von Privatheit. Er verweist auf die ursprüngliche Aufgabe von Technik, den menschlichen Alltag zu erleichtern und fragt nach der Möglichkeit eine ethische Bewertung dieser und vergleichbarer Technologien zu institutionalisieren. Darüber hinaus verdeutlicht er auch für die Wirtschaft erkennbare Nachteile der neuen Möglichkeiten.

Hansueli Stamm befasst sich im fünften und vorletzten inhaltlichen Bereich mit der "Entstehung von Vertrauen beim elektronischen Handel" (S.187). Er definiert Vertrauen in diesem Zusammenhang als Verhaltenswahrscheinlichkeit eines Gegenübers und beschreibt damit einhergehende Probleme als Informations- oder Kommunikationsprobleme. Diese seien im Rahmen von elektronischem Handel besonders gravierend, da hier eine Authentitäts-Identitäts-Lücke entstehen würde. Als Lösungsansätze schlägt er zum einen eine Digitale Signatur, zum anderen die Bewertung der Reputation von Käufern und Verkäufern als Rückversicherung vor. Letztere illustriert er am Beispiel des Online-Versandhändlers Ebay. Matthias Erlei verweist im Anschluss auf zwei Probleme von Stamms Ausführungen: So werde zum einen die Digitale Signatur nur sehr selten genutzt. Zum anderen weise auch das Reputationssystem von Ebay nach wie vor Lücken auf. Michael Florians Kritik setzt dagegen schon wesentlich früher an. Er verdeutlicht die Problematik einer verkürzten Definition von Vertrauen, auf welche Stamm zurückgreife.

Der letzte Bereich von "Internetökonomie und Ethik" befasst sich mit dem so genannten "Digital Divide", also einer entstehenden und sich weiter ausdehnenden Informationskluft zwischen verschiedenen Gruppen der Bevölkerung. Johannes J. Frühbauer beleuchtet die Thematik von zwei Seiten. Zunächst befasst er sich mit der ungleichen Verteilung von Informationszugängen innerhalb Deutschlands. In Bezug auf die Möglichkeiten der Überwindung der Informationskluft diskutiert er, ebenso wie Weber im ersten Beitrag, das Recht auf Information. Er betrachtet hier aber die entgegen gesetzte Richtung dieses Rechts: nicht die Freiheit persönliche Informationen (nicht) preiszugeben, sondern das Recht (nicht persönliche) Informationen zu erhalten. Schließlich betrachtet Frühbauer die Bedeutung des Digital Divide aus globaler Perspektive und illustriert diese anhand der Beispiele des Informationszugangs in Afrika sowie Lateinamerika. Thorsten Riecke verweist in seinem Koreferat ebenso wie bereits Pelzer in einem früheren Beitrag auf die Notwenigkeit der Medienkompetenzförderung, welche, seiner Meinung nach, zumindest innerhalb Deutschlands zu einer effektiveren und schnelleren Überwindung der sozialen Ungleichheit in Bezug auf den Zugang zu und die Verfügbarkeit von Informationen führen würde als dies die von Frühbauer vorgeschlagene Umsetzung eines Rechts auf Informationen könnte. Zu guter Letzt verdeutlicht Balthas Seibold, dass an Stelle eines Digital Divide besser von verschiedenen Klüften zu sprechen sei. Er nennt hier den "Access Divide" als Problem des Zugangs zum Internet durch mangelnde technische Grundausstattung, den "Learning Divide" als Problem fehlender Ausbildung zur Vermittlung von internetrelevanter Fähigkeiten, den "Innovation Divide", welche das Problem betrifft, dass durch fehlende Ausbildungen ("Learning Divide") die rasanten technischen Sprünge im Bereich der Internettechnologie nicht nachvollzogen werden können, sowie den "Language" und den "Content Divide", welche verdeutlichen, dass aufgrund sprachlicher Barrieren den meisten Menschen in den betroffenen Regionen, der größte Teil des Internets verschlossen bleibt, während es gleichzeitig an regionalen Inhalten mangele.

Diskussion

"Internetökonomie und Ethik" stellt in anschaulicher Form elementare Aspekte der aktuellen Diskussion rund um das Internet dar. Dabei ist insbesondere die Aufteilung der sechs inhaltlichen Bereiche in jeweils ein Referat und zwei Koreferate als gelungener Aufbau hervorzuheben, da auf diese Weise ein multi-perspektivischer Zugang zu den verschiedenen thematischen Schwerpunkten gewährleistet wird. Der Anspruch der Herausgeber die behandelten Probleme unter ihren ökonomisch relevanten Gesichtspunkten ethisch zu bewerten und einzuordnen kommt jedoch an einigen Stellen zu kurz. So gehen beinahe alle Beiträge nicht über ein unvermeidliches Mindestmaß an ökonomischer und technologischer Perspektive hinaus. Auch eine vertiefte Betrachtung der Problematiken aus ethischer Sicht ist in einigen Kapiteln nur rudimentär vorhanden. Vielmehr stellt sich der Herausgeberband als eine kritische Bewertung in Bezug auf Informationstechnologie aktuell relevanter Trends dar, der zur vertiefenden Beschäftigung mit den einzelnen Themen anregt.

Fazit

Das hier vorgestellt Buch stellt übersichtlich und multiperspektivisch aktuelle Entwicklungen im Internet und der Informationstechnologie dar. Es eignet sich besonders, um sich einen Überblick über ethisch bzw. moralisch kritisch zu betrachtende Themen in diesem Bereich zu verschaffen.

Für Leser, welche bereits in den oben aufgeführten Diskursen stehen und die vertiefte wirtschaftliche und/oder ethische Einordnung der Beiträge interessiert, finden in dem Werk nur bedingt neue Aspekte. Allen anderen Lesern sei dieses Buch aufgrund seiner leicht verständlichen und anschaulichen Darstellung jedoch empfohlen.


Rezension von
Jane Fleischer
M.A., Institut für Medien und Bildungstechnologie Universität Augsburg
und
Prof. Dr. Klaus Bredl
Homepage www.imb-uni-augsburg.de/digitale-medien/team
E-Mail Mailformular


Alle 2 Rezensionen von Jane Fleischer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jane Fleischer/Klaus Bredl. Rezension vom 22.06.2010 zu: Detlef Aufderheide, Martin Dabrowski (Hrsg.): Internetökonomie und Ethik. Wirtschaftsethische und moralökonomische Perspektiven des Internets. Duncker & Humblot GmbH (Berlin) 2009. ISBN 978-3-428-13045-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7982.php, Datum des Zugriffs 30.10.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung