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Fritz B. Simon (Hrsg.): Vor dem Spiel ist nach dem Spiel

Cover Fritz B. Simon (Hrsg.): Vor dem Spiel ist nach dem Spiel. Systemische Aspekte des Fußballs. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2009. 192 Seiten. ISBN 978-3-89670-692-8. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.
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Anlass

Das Buch ist aus Anlass des 20. Geburtstages seines Verlages gemacht worden. Der Carl-Auer-Systeme Verlag ist dem systemischen Denken verpflichtet. Also suchte man nach einem exemplarischen Gegenstand, um die systemische Begrifflichkeit daran zu beweisen. Man fand ihn im „Fußball“. Warum? „Alles gesellschaftlich Wesentliche kann am Beispiel Fußball beobachtet und studiert werden.“ (S. 15) Und an anderer Stelle: Fußball ist „eine Kompaktversion der Gesellschaft“. (S. 109) – Man staunt nicht schlecht: Fußball ist das ideale „Versuchstier“ der modernen Systemtheorie!

Autorenschaft

13 sozialwissenschaftliche Systemtheoretiker schreiben also über Fußball und Gesellschaft, darunter Dirk Baecker, Norbert Bolz und Hans Ulrich Gumbrecht.

Der Herausgeber, Fritz B. Simon, ist Professor für Führung und Organisation an der Privatuniversität Witten/Herdecke. Er lässt von sich veröffentlichen: „24 Bücher“ publiziert, „in 10 Sprachen übersetzt“; zudem „240 wissenschaftliche Fachartikel“. Die buchhalterische Genauigkeit beeindruckt. Chapeau!

Sprachspiele

Die fachterminologischen Folterwerkzeuge werden präsentiert. Fraglich, was damit in den Griff und auf den Begriff zu bringen ist. Das liest sich dann so: Tore „fallen“ nicht einfach im Fußball, sondern es ist die „Kraft der Perturbation“, die „das Runde ins Eckige befördert“. (S. 131) Mannschaften „bilden“ sich nicht einfach, Mannschaften „emergieren“. (S. 75) „Emergenz“ soll in diesem Zusammenhang heißen, dass Mannschaftlichkeit aus dem „Zusammenspiel von Zusammenspiel“ (S. 66) hervorgeht. Das ist ein Ton, der sich durch das gesamte Buch zieht: „Spielregeln sind dazu da sind, das Spiel zu regeln“ (S. 119) und: „Fußball überlebt, solange Fußball gespielt wird.“ (S. 92) – Dieser naseweise Gestus des Tautologischen täuscht Überlegenheit vor, wo Dürftigkeit herrscht.

Herbergerismen

Der Name Herberger, Josef „Sepp“ Herberger, fällt in dem Buch mindestens so oft wie der Name Luhmann, Niklas Luhmann. Auf S. 115 wird Herberger sogar als „früher Systemtheoretiker“ ausgemacht, „auch wenn er das selbst nicht wusste.“ (ebd.) Wieder einmal weiß die Systemtheorie mehr! Leider finden wir im Literaturverzeichnis keinen einzigen Hinweis auf Herberger, während Luhmann mit 10 Titeln vertreten ist. Dabei hat Herberger viel publiziert, und seine Schriften sind leicht zugänglich. Hätte man Herberger tatsächlich „studiert“ und nicht nur vom Hörensagen zitiert, wäre man noch auf ganz andere „Herbergerismen“ (so der Name in der zeitgenössischen Literaturwissenschaft) gestoßen als diejenigen, die im Buch viel zu oft wiederholt werden („Der Ball ist rund“; „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ etc.) So erfahren wir also leider nicht, wie der systemtheoretische Reim auf den Satz „Fußball ist auch das, was er nicht ist“ lautet. Zum Literaturverzeichnis ist noch zu sagen, dass zuerst auffällt, wer und was alles fehlt: Keine Spur von den Autoren Dunning, Bausenwein, Gebauer, Haldas, Hortleder, Morris, Valdano et. al. Das heißt aber auch: Die Beiträger des Buches sind unterinformiert über den Stand der sozialwissenschaftlichen und sozialphilosophischen Fußball-Diskussion.

Erkenntnisgewinne

Sachdiagnostisch ist der Band durchweg zweifelhaft. Wir lesen, „dass eine Mannschaft, die den Ball hat, sich unterscheidet von einer Mannschaft, die den Ball nicht hat.“ Das wird begrifflich aufgeblasen und „binäre Codierung des Fußballspiels“ genannt (S. 56) Es wird behauptet, die „Faszination des Fußballspiels“ (für wen?) sei im „Moment des Übergangs in binär codierten Situationen“ am größten (S. 60), das heißt in jenen Sekunden, in denen der Ball „unterwegs“ ist und weder der einen noch der anderen Mannschaft „gehört“. Man vergisst zu berücksichtigen, dass der Ball zu keinem Zeitpunkt des Spiels einer Mannschaft „gehört“. Im Fußball ist Ballbesitz Diebstahl, deshalb verlangt die Regel, dass der Ball immer „frei“ zu bleiben habe. Auch dem Spieler, der ihn am Fuß führt, „gehört“ der Ball nicht. Mit Füßen kann man, anders als mit Händen, keine Besitzansprüche stellen. Insofern ist das gesamte Fußballspiel ein „Spiel ohne Ball“. Man zitiert Fußballtrainer Volker Finke, der gesagt hat, bei der Fußball-Europameisterschaft 2008 habe mit Spanien „die beste Mannschaft gewonnen, was ganz selten ist.“ (S. 96) – Warum gewinnen nur ganz selten die Besten? Stimmt das? Ist es also im Fußball von Nachteil, „gut“ zu sein? Die Turniererfolge der deutschen Rumpelfüßler legen diese Vermutung nahe. Aber wo bleibt die Analyse der Dialektik von Maximum und Optimum dazu? Fehlanzeige. „Die Mannschaft ist der Star“ (S. 91), so wird uns Lesern suggeriert, sei der Leitsatz des „postheroischen Fußballs“ unserer Zeit, der den „heroischen Narzissmus“ (S. 133) von gestern abgelöst habe. Natürlich adelt es den analytischen Geist, wenn er einen Paradigmenwechsel zu erkennen versteht. – Aber wo denn, bitte? Redet heute niemand von Ronaldo, Ribéry und Messi? Reden alle nur noch von Real, Bayern und Barca? Ist die Mannschaft der Star oder macht nach wie vor der Einzelne den Unterschied? Wiederholt wird behauptet, das Fußballspiel brauche keine verbale Sprache, um zu gelingen. Norbert Bolz schreibt gar, Fußball sei „sprachunbedürftige Weltverständigung“ (S. 22). – Warum klagen dann Trainer darüber, in der Mannschaft werde „zu wenig miteinander gesprochen“; man müsse „mehr kommunizieren“, auf dem Platz gehe es „zu ruhig“ zu? Auch das „blinde Verstehen“, von dem viele Autoren des Bandes träumen, also die Automatismen des Spiels, muss man sich kommunikativ erarbeiten, und zwar in sehr redundanten Trainingseinheiten. Im übrigen befassen sich die letzten 30 Seiten des Buches allein mit der „Sprache des Fußballs“. Das ist ziemlich viel für einen Sport, der der Sprache gar nicht bedarf.

Wo bleibt das Positive?

Das Buch ist an vielen Stellen eine schöne Blödelei. Wir erfahren, dass es einen Unterschied macht, ob man einen Ball tritt oder einen Hund und dass Tore „geschossen“, aber nicht „erschossen“ werden. (S. 39) Wir erfahren, dass „durch die Mittellinie das Spielfeld geteilt wird“ (S.45) und Luca Toni von Bayern München nach dem Spiel gegen Werder Bremen am 10. Februar 2008 auf die gleiche Art gen Himmel blickte wie Johannes der Täufer auf dem Gemälde von Guido Reni von 1635. (S. 100) Natürlich ist ein Sammelband, in dem Norbert Bolz vertreten ist, immer auch eine Fundgrube an Aphorismen; Bolz formuliert elegant, Beispiel: „Männer sind Jäger, die man nicht mehr braucht. Und deshalb brauchen sie den Fußball.“ (S. 17)

Fazit

Kann man, ernsthaft, vom Fußball etwas für andere Bereiche des Lebens lernen? Camus hat es behauptet, Wittgenstein auch, neuerdings sogar der Ratzinger-Papst. Aber die kommen in der Anthologie nicht vor. Sehr schön und einzigartig hierzu im Buch: Reinhard K. Sprengers Beitrag über die Spielregeln des Fußballs und die Spielregeln in der Wirtschaft. Allein dieser Beitrag macht vieles wett. Ein gedankliches und stilistisches Glanzstück!

Ansonsten bleibt festzuhalten, dass Systemtheoretiker nicht selten meisterhafte Tautologen sind, die ein Faible für Kalauer haben.


Rezension von
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 21.11.2009 zu: Fritz B. Simon (Hrsg.): Vor dem Spiel ist nach dem Spiel. Systemische Aspekte des Fußballs. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2009. ISBN 978-3-89670-692-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7983.php, Datum des Zugriffs 05.04.2020.


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