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Andrea Ebbecke-Nohlen: Einführung in die systemische Supervision

Cover Andrea Ebbecke-Nohlen: Einführung in die systemische Supervision. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2009. 120 Seiten. ISBN 978-3-89670-462-7. D: 12,95 EUR, A: 13,40 EUR.
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Thema

Kaum jemand tritt noch an und behauptet, er arbeite in der Supervision nicht systemisch. Vor zehn und erst recht vor zwanzig Jahren ging das noch. Für manche war es geradezu eine Frage eigener Identität: Man betrieb analytische oder verhaltenstherapeutische Supervision und gönnte systemischen Fragen bestenfalls einen Seitenblick. Systemiker und Analytiker konnte man schwerlich gleichzeitig sein, an die Fraktionskämpfe erinnern sich langjährige Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Supervision (DGSv) noch recht gut. Es ist zu begrüßen, dass die Zeiten der reinen Lehre und der ideologischen Auseinandersetzungen weitgehend Geschichte sind. Im Internet findet man inzwischen nicht wenige Angebote unter der Überschrift „Systemisch-analytische Supervision“. Die Literatur zu systemischer Supervision und Organisationsberatung sowie zu systemischem Coaching füllt mittlerweile manch einen Regalmeter. Das macht die fachliche Landschaft nicht übersichtlicher, und das erst recht für InteressentInnen, die sich in erster Linie einen Überblick verschaffen möchten. Hier schafft die Reihe Carl-Auer Compact Abhilfe: Auf jeweils 120 – 130 Seiten werden hier fundierte und gehaltvolle Einführungen gegeben, vor allem in systemische Arbeits- oder Therapieformen.

Autorin

Bei Carl-Auer Compact veröffentlichen mehrerer DozentInnen des Helm-Stierlin-Instituts in Heidelberg. Die Autorin Andrea Ebbecke-Nohlen ist die Erste Vorsitzende dieses Instituts. Sie ist Diplom-Psychologin, Psychologische Psychotherapeutin, Supervisorin und Lehrsupervisorin sowie Lehrtherapeutin. Am Helm-Stierlin-Institut bietet sie Ausbildungen in Systemischer Therapie/Beratung und in Supervision an.

Aufbau und Inhalt

Schon der Aufbau legt die Vermutung nahe, dass das Buch von einer guten Systematik und großer Klarheit geprägt sein wird. Nach dem Vorwort stellt das erste Kapitel die Frage: Was ist Supervision? Es werden Definitionen geboten, die verschiedenen Ausrichtungen von Supervision, die traditionell den Theorieansätzen und Arbeitsweisen psychotherapeutischer Schulen folgen, werden dargestellt. Formen und Settings werden referiert: Einzel-, Gruppen- und Teamsupervision, Fallsupervision, Leitungssupervision, interne und externe Supervision und anderes mehr. Dann werden kurz und prägnant wichtige Abgrenzungen vorgenommen: von Psychotherapie, Organisationsberatung und Coaching.

Das zweite Kapitel behandelt das Thema: „Was ist systemische Supervision?“ und erläutert die Spezifika dieses Ansatzes: Definition und Herkunft, Merkmale und Vorgehen, Funktionen im beratenen System und vor allem die konzeptionellen Grundlagen: Weltsicht (systemisch vs. Mechanistisch), Haltungen und Handlungen (Konstruktivismus), Prozessverantwortung vs. Lösungsverantwortung, Achtung der Autopoiese und Selbstorganisation von Systemen etc. Dabei arbeitet die Autorin immer wieder auch mit Tabellen, in denen sie die systemische Arbeitsweise nichtsystemischen gegenüberstellt.

Theoretische und metatheoretische Wurzeln systemischer Supervision und ihre Praxisrelevanz“ lautet die Überschrift des dritten Kapitels. Hier geht es zunächst um die systemtheoretischen Wurzeln: um Kybernetik erster Ordnung (Norbert Wiener) , um Allgemeine Systemtheorie (Ludwig von Bertalanffy), Gregory Batesons „Ökologie des Geistes“, Paul Watzlawicks Kommunikationstheorie mit ihren fünf Axiomen, die Chaostheorie von Ilya Prigogine, die Theorie sozialer System von Niklas Luhmann und schließlich die Differenztheorie von George Spencer-Brown. Die zweite theoretische Wurzel ist der Konstruktivismus mit seinen Bausteinen Kybernetik zweiter Ordnung (Heinz von Foerster), Autopoiesistheorie (Humberto Maturana/Francisco Varela), radikaler Konstruktivismus (Ernst von Glasersfeld) und sozialer Konstruktivismus (Ken Gergen). Das ganze dritte Kapitel umfasst nicht mehr als 20 Seiten, die Darstellung beschränkt sich also auf wesentliche Grundideen und -strukturen, was im Kontext einer „Einführung“ durchaus ein Gewinn ist.

Das vierte Kapitel schafft den Übergang in die Praxis unter der Überschrift: Leitideen systemischer Supervisionspraxis. Gern zitiere ich aus dem Schlussabsatz des Kapitels, weil er wichtige Sätze enthält: „Während die Theorie also die reiche Quelle der Inspiration für die Praxis darstellt, … ist die Praxis der Nährboden für den Erwerb von Erfahrungswissen, das auf die Theorie zurückstrahlt und zu ihrer Weiterentwicklung beiträgt. Theorie und Praxis befruchten sich demnach wechselseitig … Die Kunst der Anwendung muss sich der theoretischen Kenntnis hinzugesellen. Insofern erweist sich in der systemischen Supervision die systemische Praxis als eine ebenbürtige Partnerin der systemischen Theorie.“ (S. 56)

Das fünfte Kapitel beschreibt den Systemischen Supervisionsprozess am Beispiel des Erstgesprächs einer Teamsupervision: Wie komme ich an die Supervision (Empfehlung etc.)? Was erwartet/befürchtet das Team? Welche früheren Erfahrungen mit Supervision gibt es? Der/die SupervisorIn, Ziele der Supervision, Ressourcen, Spielregeln, Strukturen des Teams, Rahmenbedingungen und schließlich Evaluierung.

Das sechste Kapitel bietet nicht, wie die Überschrift vermuten lassen könnte, eine Sammlung von Methoden systemischer Supervision allgemein, sondern Akzentuierungen, welchen Zielen das reiche Methodensortiment systemischer Arbeit dient, z.B. der Steigerung oder Reduktion von Komplexität, dem Perspektivwechsel etc. (Diese Kapitel umfasst knapp zwei Seiten.)

Das siebte Kapitel befasst sich mit dem Hypothesenbilden in der systemischen Supervision. Es bietetauch ein Supervisionsbeispiel, das zeigt, wie mit einer Hypothesenrunde in relativ kurzer Zeit so viele neue Perspektiven eröffnet werden, dass die Supervisandin schnell zu einer zufriedenstellenden Lösung finden kann.

Eine klassische Arbeitsweise systemischer Supervision zeigt das achte Kapitel: Es beschreibt Zirkuläres Fragen in der systemischen Supervision, das eine klassische Ergänzung zu den Hypothesenrunden darstellt und ebenfalls das Ziel der Perspektivenanreicherung verfolgt. Hier dient eine Szene aus einem Einzelsetting als Supervisionsbeispiel.

Das Nicht-Partei-Ergreifen des/der Supervisor/in wurde früher in der systemischen Supervision als „Neutralität“ bezeichnet, heute spricht man eher von „Allparteilichkeit in der systemischen Supervision“ (neuntes Kapitel). Es ist wohl kein Zufall, dass dieses Kapitel zu den längsten des Buches gehört, denn das Gelingen oder Scheitern einer ganzen Reihe klassischer Supervisionsthemen hängt davon ab, ob der/die SupervisorIn die Allparteilichkeit strikt durchhält. Bei Konflikten ist das schon schwer genug, aber noch schwerer wird Allparteilichkeit z.B. dann, wenn es um Veränderung geht und einige der Supervisanden für die Veränderung sind, andere aber dagegen. Denn nicht selten wird ein Supervisor gerade als Veränderungsagent eingeladen. Auch hier gibt die Autorin wieder ein Supervisionsbeispiel aus einen Einzelsetting „Coach the Coach, wobei zugleich die Arbeit mit dem Orgabrett (eine Variante des in der Familientherapie bekannten Familienbrettes) vorgestellt wird.

Systemische Supervision arbeitet mit hoher Aufmerksamkeit für die Metaphern in der systemischen Supervision, von denen das zehnte Kapitel handelt. Metaphern kommen im Supervisionsprozess in unterschiedlicher Weise vor: Supervisanden bieten Metaphern an („Ich gehe in Arbeit unter“), formulieren ihr Anliegen metaphorisch („Ich möchte herausfinden, wohin die Reise geht“), und nicht zuletzt kann auch der/die SupervisorIn Metaphern anbieten, um das bisher Gesagte und Verstandene „in neue Gefäße umzugießen“ (J. Zinker). Als Supervisionsbeispiel dient eine Szene aus einer Teamsupervision.

Den Abschluss des Methodenteils bildet das elfte Kapitel: Skulpturen in der systemischen Supervision, wobei die Autorin unter „Skulpturieren“ in erster Linie die figürliche und körperliche Darstellung von Systemen im Raum versteht. (Die Gestalttherapie z.B. versteht darunter auch den körperlichen Ausdruck eines Einzelnen, der etwa ein Gefühl „zum Ausdruck bringt“). Auch die Arbeit mit Skulpturen kann Komplexität erhöhen (neue Wahrnehmungsebenen über das Verbale hinaus) oder reduzieren (im Ausprobieren lassen sich passendere und unpassendere Lösungen sortieren). Auch dieses Kapitel wird beschlossen von einem Supervisionsbeispiel.

Das zwölfte Kapitel mit der Überschrift Ethik systemischer Supervision beschließt den Band. Ebbecke-Nohlen thematisiert Ethik vor allem unter dem Aspekt der Verantwortung als eine praktische Ethik der Supervision, wobei wesentliche ethische Aussagen auch schon im ersten Teil des Buches, nämlich bei der Darstellung systemischer Grundhaltungen gemacht worden sind. Ein Literaturverzeichnis beschließt den Band.

Diskussion

Eine „praxisbezogene Einführung in die systemische Supervision“ soll der Band sein. (S. 9) Diesen Anspruch hat die Autorin in vollem Umfang eingelöst. Von den zwölf Kapiteln des Buches befassen sich drei mit der Theorie und acht mit der Praxis systemischer Supervision, ein letztes mit der Ethik. Das ist ein gutes Verhältnis, weil damit gleich mehrere Aspekte des Faches sichtbar werden, zum einen: Kein supervisorischer Ansatz kommt ohne eine solide theoretische Basis aus. Theorie ist das tragfähige Fundament, auf dem eine gute und verantwortungsvolle Praxis aufgebaut werden kann. Die wissenschaftlichen Diskurse und damit die Überprüfung der eigenen Konstruktionen und Aussagen auf ihre Konsistenz hin stellen sicher, dass Supervision nicht vom subjektiven Fürwahrhalten lebt, sondern von bewährten Theoriekonzepten. Die werden, je nach psychologischer Basistheorie, unterschiedlich sein, kommen aber überein in ihrer wissenschaftlichen Kommunizierbarkeit. Zum anderen bewahrt die Theoriekonstruktion das Traditionsgedächtnis des Faches: Es ist nachvollziehbar, woher der jeweils eigene Ansatz kommt, welche Wurzeln er hat, was ihm unterwegs zugeflossen ist, wem er sich verpflichtet weiß etc. Insofern dient auch noch die komplexeste Theorie der Markierung von Grenzen und der Reduktion von Komplexität. Drittens: die Gewichtung macht deutlich, dass Supervision ein Fach ist, in dem die Praxis den Primat hat. Wobei freilich Praxis eben dann im eigentlichen Sinn Praxis ist, wenn sie mit der Theorie gut verbunden ist, sonst wird sie zur bloßen Technik! Es ist wichtig, dass Ebbecke-Nohlen diese Verbindungslinie deutlich zeichnet, um denen den Wind aus den Segeln zu nehmen, die glauben, für Supervision müsse man in erster Linie eine Technik, also möglichst pfiffige Methoden, lernen: In der Supervision muss man in erster Linie Praxis lernen! Und schließlich viertens: wo nicht Ethik das Ganze der Supervision umfängt, hat sie eine wichtige Ebene der Selbstreflexion ausgelassen. Das wirkt sich auf ein Fach, das hauptsächlich mit Reflexionen und Metareflexionen besteht, ungünstig aus: Die Bewusstheit für das eigene Handeln ist eingeschränkt. Auch in Sachen Ethik macht die Autorin einen Schritt in die Meta-Ebene: „Systemische Ethik zeigt sich jedoch nicht nur in der Gestaltung des Supervisionsprozesses, sie wird auch erkennbar im Umgang mit dem Thema Verantwortung.“ (S. 118) Der Quellort für Verantwortung ist die Begegnung im Dialog, damit schließt Ebbecke-Nohlen an Gedanken von Buber und Levinas an. Verantwortung wird konkret relevant in der Unterscheidung von Prozessverantwortung und Lösungsverantwortung. Es ist eine Frage der Achtung gegenüber den Ressourcen und der Selbstbestimmtheit des Supervisanden, dass der Supervisor seine Verantwortung auf die Prozess“steuerung“ beschränkt. In diesem Zusammenhang wird Ethik in hohem Maße praxisrelevant in der Beratungsarbeit.

Ich finde es wichtig, dass auch kurzgefasste Einführungen alle Ebenen des Faches Supervision in den Blick bekommen, eindimensionale Darstellungen helfen niemandem. Andrea Ebbecke-Nohlen hat eine sehr hilfreiche Einführung geschrieben, der es gelingt, einen weiten Bogen um das Fach Supervision zu schlagen und eine solide Orientierung zu geben. Die so orientierten Leser/innen lädt der Band zur eigenen Weiterarbeit ein – auch erklärte Praktiker werden Lust bekommen, den einen oder anderen Aspekt ihrer Arbeit wieder einmal zu reflektieren und zu vertiefen.

Fazit

Wer sich, aus welchem Grund und in welchem Kontext auch immer, mit Supervision befasst, sollte dieses Buch anschaffen – er/sie wird es mit Gewinn lesen!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 16.01.2010 zu: Andrea Ebbecke-Nohlen: Einführung in die systemische Supervision. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2009. ISBN 978-3-89670-462-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7985.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


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