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Kenneth J. Gergen, Mary Gergen: Einführung in den sozialen Konstruktivismus

Cover Kenneth J. Gergen, Mary Gergen: Einführung in den sozialen Konstruktivismus. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2009. 128 Seiten. ISBN 978-3-89670-681-2. D: 12,95 EUR, A: 13,40 EUR.
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Thema

Der Soziale Konstruktionismus ist eine Perspektive der Sozialpsychologie, die in unterschiedlichen Praxisbereichen (z.B. in der Therapie, der Supervision, der Organisationsberatung, der Didaktik) Einzug hält. Der zentrale Fokus des Ansatzes ist die Frage, wie Menschen im Kontext des gemeinsamen Handelns und Sprechens ihre Wirklichkeiten erzeugen. Dabei wird Wirklichkeit als ein Produkt sozialer Konstruktion aufgefasst – mit all den Konsequenzen, die die Auffassung für unser Denken und Handeln hat: “Die Grundidee des Sozialen Konstruktionismus erscheint ziemlich einfach, doch sie greift tief. Alles, was wir für real erachten, ist sozial konstruiert. Oder, spannungsgeladener formuliert: Nichts ist real, so lange Menschen nicht darin übereinstimmen, dass es real ist“ (S. 10; Hervorhebung im Original).

Autoren

Kenneth J. und Mary Gergen können als Protagonisten des Sozialen Konstruktionismus gelten. Besonders Kenneth J. Gergen prägte diesen Ansatz durch zahlreiche Publikationen zum Thema.[1] Er ist Professor für Psychologie am Swarthmore College und Gründer des Taos Instituts, einer Organisation, die an der Weiterentwicklung des Sozialen Konstruktionismus bezüglich unterschiedlicher Anwendungsfelder arbeitet. Mary Gergen ist emeritierte Professorin für Psychologie und Gender-Studien an der Penn State University. Ihre weiteren Forschungs- und Publikationsthemen sind Feministische Theorie und positives Altern.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in fünf Kapitel gegliedert:

Im ersten Kapitel wird „Das Szenarium sozialer Konstruktion“ präsentiert. Dabei geht es vor allem darum aufzuzeigen, wie sich soziale Konstruktion durch Sprache und Handlung vollzieht. Deutlich wird so beispielsweise eine Konsequenz des Konzeptes: der radikale Pluralismus, der auch politische Folgen haben könnte: „Konstruktionistische Ideen laden zu radikalen Pluralismus ein, damit ist eine Offenheit bezüglich vieler Wege des Benennens und Bewertens gemeint. Weil keine Grundlage existiert, auf der die Überlegenheit der eigenen Tradition gefordert werden könnte, sind wir dazu eingeladen, eine Haltung der Neugierde und des Respekts anderen gegenüber einzunehmen“ (S. 23).

Von der Kritik zur Rekonstruktion“ ist der Titel des zweiten Kapitels, in dem theoretische Modelle skizziert werden, auf die sich der Soziale Konstruktionismus bezieht: Dekonstruktion, Beziehung, Sinn, relationales Selbst, relationale Rekonstruktion der Psyche und des Verstandes. Die Kernthese lautet hier, dass „[a]lles, was wir als real, rational, wahr und wertvoll erachten, […] aus Beziehungen hervor[geht]. […] Was vorher ‚mentaler Prozess‘ genannt wurde, wird als ‚relationaler Prozess‘ neu geschaffen. Es ist das ‚relationale Selbst‘, das durch Beziehungen mit anderen entsteht“ (S. 48).

Besonders für Praktiker interessant ist das dritte Kapitel: „Soziale Konstruktion und professionelle Praxis“. Hier wird veranschaulicht, in welcher Weise der Soziale Konstruktionismus theoretische und methodische Basis sein kann und in einigen Ansätzen bereits ist, etwa in bestimmten Formen der Psychotherapie, der Organisationsentwicklung, der Didaktik und der Konfliktbearbeitung. Wesentliches Element ist hier die Kreation von Dialogen, die interaktive, organisationelle und gesellschaftliche Beziehungen prägen, aber auch dynamisieren und transformieren können.

Dass auch die empirische Sozialforschung als ein sozialer Konstruktionsprozess verstanden und mit neuen Ideen angereichert werden kann, zeigt das vierte Kapitel: „Forschung als Konstruktionspraxis“. Dass hier insbesondere qualitative Methoden präsentiert werden (etwa Diskursanalyse und Aktionsforschung), liegt auf der Hand. Allerdings reicht das konstruktionistische Plädoyer für Methodenvielfalt darüber hinaus und fordert eine grundsätzlich neue Haltung von sich oft gegeneinander abgrenzenden Wissenschaftlern: „Konstruktionistische Ideen bevorzugen Pluralismus – multiple Stimmen, Methoden und Werte. […] Mit einem solchen freischwebenden Pluralismus bereiten wir auch die Bühne für kreative Kollusionen und Kollisionen“ (S. 94).

Im letzten Kapitel, „Von der Kritik zur Zusammenarbeit“, setzen sich die beiden Autoren mit den Kritiken am Sozialen Konstruktionismus auseinander. So greifen sie etwa die Frage auf, ob das sozial-konstruktionistische Konzept nicht vor allem zu Nihilismus sowie zu einem problematischen (etwa moralischen) Relativismus führe. Diesbezüglich geht es vor allem die Frage, wie Wahrheit verstanden wird: „Wenn es ein gemeinsames Problem der meisten zurzeit existierenden Kritiken am Sozialen Konstruktionismus gibt, dann ist es ihr Festhalten an einer veralteten Sichtweise über Wahrheit“ (S. 2). Der Soziale Konstruktionismus selbst beansprucht nicht, wahr zu sein, sondern nützlich: „Aus unserer Sicht ist es ein wunderbar nützlicher Diskurs, denn er stellt eine einzigartige Einladung zu Vielstimmigkeit und Innovation bereit“ (S. 108).

Den Abschluss des Buches bildet eine kommentierte Literaturliste mit wichtigen klassischen und aktuellen Texten zum Konzept und seinen Anwendungen in unterschiedlichen Bereichen.

Diskussion

Kenneth J. und Mary Gergen schaffen es mit diesem Buch, in die zentralen Aussagen, Bereiche und Praxisfelder des Sozialen Konstruktionismus in einer spielend leichten Art einzuführen. Das Buch liest sich durchgängig sehr gut und wirkt äußerst anregend. Gründe dafür sind sicherlich die klare Sprache der Autoren, die gute Übersetzung von Karin Roth sowie die vielen passend eingestreuten Beispiele zur Veranschaulichung der praktischen Konsequenzen.

Dennoch will ich nicht verhehlen, dass ich mich über die Konstruktion der Differenz von „Konstruktivismus“ und „Konstruktionismus“, die die Autoren im Buch generieren, geärgert habe. Denn diese wird dem Konstruktivismus nicht gerecht. So schreiben Kenneth J. und Mary Gergen, dass im „Konstruktivismus […] der individuelle Geist als Ursprung der Wirklichkeitserzeugung“ gelte (S. 8, Fußnote 1). Sie unterstellen dem Konstruktivismus, dass seine „Aufmerksamkeit […] auf Individuen liegt“ und attestieren sich, dass sie die „Beziehungen als Orte der Wirklichkeitskonstruktion“ (ebd.) betrachten.

Diese Unterscheidung zwischen den beiden – vielleicht konkurrierenden Positionen – scheint mir nicht passend zu sein. Wer etwa die konstruktivistischen Arbeiten von Paul Watzlawick kennt, den Gergen und Gergen weder zitieren, noch als Grundlagenliteratur erwähnen, der weiß, dass es hier ebenfalls um soziale Prozesse geht, die Watzlawick nicht erster Linie Beziehungen, sondern eher Kommunikation nennt. So schreibt er in seinem Buch Wie wirklich ist die Wirklichkeit:[2] „[D]ie sogenannte Wirklichkeit [ist] das Ergebnis von Kommunikation“ (S. 7). So gibt es „zahllose Wirklichkeitsauffassungen […], die sehr widersprüchlich sein können, die alle das Ergebnis von Kommunikation und nicht der Widerschein ewiger, objektiver Wahrheiten sind“ (ebd.).

Zielgruppe

Das Buch eignet sich für alle, die sich einen schnellen und guten Einblick in das sozial-konstruktionistische Denken und seinen Anwendungsfeldern verschaffen wollen. Es ist so geschrieben, dass es gerade auch für Einsteiger in konstruktionistisches Denken sehr gut lesbar ist.

Fazit

Kenneth J. und Mary Gergen schaffen mit diesem Buch etwas, das nicht nur inhaltlich, sondern auch hinsichtlich der Form der Wissensaufbereitung eine sehr lesenswerte Einführung in die Welt des Sozialen Konstruktionismus bietet. Äußerst kenntnisreich und breit sowie in beeindruckend komprimierter Weise vermitteln sie das, was konstruktionistisches Denken auszeichnet: Pluralität – sowohl jene des Konzeptes selbst als auch dessen pluralitätsakzeptierende Denk- und Handlungsmöglichkeiten.


[1] Siehe beispielhaft für zwei wichtige Publikationen in Deutschland: Kenneth J. Gergen (1996): Das übersättigte Selbst. Identitätsprobleme im heutigen Leben. Heidelberg: Carl-Auer; ders. (2002): Konstruierte Wirklichkeiten. Eine Hinführung zum sozialen Konstruktionismus. Kohlhammer: Stuttgart.

[2] Paul Watzlawick (1976): Wie wirklich ist die Wirklichkeit. Wahn -Täuschung – Verstehen. München: Piper.


Rezensent
Prof. Dr. Heiko Kleve
Sozialarbeiter (Dipl. FH) und Soziologe (Dr. phil.), systemischer Berater (DGSF), Supervisor (DGSv)/Systemischer Supervisor (SG), Mediator und Case Management-Ausbilder (DGCC). Professor für soziologische und sozialpsychologische Grundlagen sowie Fachwissenschaft Sozialer Arbeit an der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozialwesen; dort auch Initiator und Leiter des Weiterbildungsangebotes „Systemische Aufstellungen – Werkstatt für systemische Lösungen"
Homepage sozialwesen.fh-potsdam.de/heikokleve.html
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Zitiervorschlag
Heiko Kleve. Rezension vom 31.10.2009 zu: Kenneth J. Gergen, Mary Gergen: Einführung in den sozialen Konstruktivismus. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2009. ISBN 978-3-89670-681-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7986.php, Datum des Zugriffs 18.02.2019.


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