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Johannes Jungbauer: Familienpsychologie kompakt

Rezensiert von Dr. Anne-Kathrin Mayer, 14.04.2010

Cover Johannes Jungbauer: Familienpsychologie kompakt ISBN 978-3-621-27681-8

Johannes Jungbauer: Familienpsychologie kompakt. Beltz Psychologie Verlags Union (PVU) (Weinheim) 2009. 177 Seiten. ISBN 978-3-621-27681-8. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 47,60 sFr.
Mit Online-Materialien
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Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-621-28144-7 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.

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Thema und Zielgruppe

Bei der Familienpsychologie handelt es sich um ein vergleichsweise junges, hinsichtlich seiner Eigenständigkeit allerdings nicht unumstrittenes psychologisches Fachgebiet. Es stützt sich vorrangig auf Theorien der Entwicklungs- und Sozialpsychologie und greift in seinen Anwendungsbezügen auf Elemente der Klinischen und Pädagogischen Psychologie zurück. Im Zuge der Neugestaltung sozialwissenschaftlicher Bachelor- und Masterstudiengänge finden sich nunmehr Bestrebungen, familienpsychologischen Inhalten höheren Stellenwert beizumessen und die Familienpsychologie sogar als eigenständiges Ausbildungsfach zu etablieren.

Vor diesem Hintergrund entstand das vorliegende Lehr- und Arbeitsbuch, das auf der themengleichen Vorlesung des Autors an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Aachen basiert. Es eignet sich für Studierende unterschiedlicher sozialwissenschaftlicher Studiengänge, insbesondere der Sozialpädagogik/Sozialen Arbeit, Psychologie und Pädagogik, sowie Lehramtskandidatinnen und -kandidaten.

Autor

Johannes Jungbauer ist Diplom-Psychologe und Professor im Lehrgebiet Psychologie an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Aachen. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte liegen in den Themengebieten Belastungs- und Bewältigungsforschung, Angehörigenforschung, qualitative Forschungsmethoden, Gesundheitsprävention, psychologische Beratung, Training und Supervision.

Aufbau

Das Lehrbuch umfasst 13 Kapitel, ein Glossar wichtiger Begriffe der Familienpsychologische, Hinweise zu den über die Website des Beltz-Verlags bereit gestellten Online-Materialien sowie Literatur- und Sachwortverzeichnis.

Um den Stoff adressatengemäß aufzubereiten, werden verschiedene didaktische Mittel eingesetzt: Jedes Kapitel beginnt mit einem knappen Pre-Organizer, der eine erste inhaltliche Orientierung liefert, und endet mit einer Zusammenfassung. Zur Illustration der Inhalte werden neben Abbildungen und Fotos in jedem Kapitel reale Fallbeispiele aufgeführt, die zur Reflexion des Stoffes und zum Transfer in die Erfahrungswelt der Studierenden anregen sollen. Zur Lernkontrolle und Vertiefung finden sich am Kapitelende Denkanstöße und Prüfungsfragen sowie jeweils eine Praxisübung, bestehend aus einer Fallvignette und zugehörigen Arbeitsaufgaben.

Inhalt

Die ersten drei Kapitel des Bandes liefern eine Einführung in das Themengebiet.

Unter der Überschrift "Grundlagen der Familienpsychologie" verdeutlicht Kapitel 1 unterschiedliche Sichtweisen und Definitionen des Begriffs "Familie" und erläutert den Stellenwert der Familienpsychologie als wissenschaftliche Disziplin.

In Kapitel 2 wird als theoretische Grundlage der Familienpsychologie die Familiensystemtheorie vorgestellt, wobei auch auf allgemeine Grundannahmen systemischen Denkens und die Ideen des Konstruktivismus eingegangen wird.

Kapitel 3 nimmt demgegenüber aus entwicklungspsychologischer Perspektive insbesondere in die Idee der Familienentwicklungsaufgaben in den Blick.

In den Kapiteln 4 bis 7 werden einzelne dyadische Beziehungen innerhalb des Familiensystems (Eltern-Kind-Beziehungen, Paarbeziehungen, Geschwisterbeziehungen) betrachtet.

Kapitel 4 thematisiert den Übergang von Paaren zur Elternschaft, wobei sowohl biologische Prozesse von Schwangerschaft und Geburt geschildert werden als auch psychologische Anforderungen und Veränderungen, die sich auf Seiten der "frisch gebackenen" Eltern in der Folge des Übergangs ergeben.

Die bindungstheoretischen Grundlagen der Beziehung zwischen Eltern und Kindern werden in Kapitel 5 erläutert; hier werden unterschiedliche Bindungsstile und –qualitäten dargestellt und praktische Implikationen der einschlägigen Forschungsbefunde (z.B. für die außerfamiliäre Betreuung von Kleinstkindern oder die Trennungs- und Scheidungsberatung) verdeutlicht.

Der historische und ontogenetische Wandel von Geschwisterbeziehungen steht im Fokus von Kapitel 6; hier wird auch auf Beziehungen zwischen Halb- und Stiefgeschwistern eingegangen. Darüber hinaus werden Fragen nach der Bedeutung von Geschlecht und Altersabstand für die Geschwisterbeziehung sowie nach dem Einfluss der Geschwisterposition auf die spätere Entwicklung thematisiert.

Kapitel 7 beschäftigt sich mit "Paarbeziehungen" und geht auch hier auf den historischen Wandel dieses Beziehungstyps, die Entwicklung von Paarbeziehungen sowie auf psychologische Theorien der Partnerwahl und Partnerschaft ein.

In Kapitel 8 greift der Autor das vergleichsweise neue und bislang in einschlägigen Lehrbüchern kaum beachtete Thema der "Regenbogenfamilien" (gleichgeschlechtliche Paare mit leiblichen Kindern oder Pflegekindern) auf und diskutiert diese besondere Familiensituation vor dem Hintergrund einschlägiger Forschungsbefunde und familienpsychologischer Überlegungen.

Die Kapitel 9 bis 11 befassen sich mit krisenhaften Familiensituationen, deren Hintergründen, Bewältigungsprozessen und professionellen Interventionsmöglichkeiten.

Über Verbreitung, Bedingungen, Ursachen und Folgen von "Häuslicher Gewalt" informiert Kapitel 9.

Das Kapitel 10 thematisiert den Prozess von "Trennung und Scheidung" und seine möglichen Auswirkungen auf die (Ehe-)Partner und die Kinder.

In Kapitel 11 schließlich werden "Sterben, Tod und Trauer" zunächst aus biologischer und soziokultureller Sicht dargestellt, um anschließend die Perspektive der Familienangehörigen zu beleuchten und auch hier Bezüge zu familienpsychologischen Theorien aufzuzeigen.

In den letzten beiden Kapiteln werden schließlich familienpsychologische Interventionskonzepte behandelt.

Kapitel 12 liefert eine knappe, aber anschauliche Einführung in das Denken und die Methoden und Techniken der systemischen Familientherapie.

Auf Maßnahmen zur Elternbildung und zum Elterntraining wird in Kapitel 13 eingegangen. Nach einer allgemeinen Begründung des Bildungs- und Unterstützungsbedarfs von Eltern werden vier ausgewählte Programme (z.B. das Prager Eltern-Kind-Programm PEKiP und das "Triple P" Positive Parenting Program) näher vorgestellt.

Diskussion

Ungeachtet der Frage, ob die Familienpsychologie tatsächlich ein so aufstrebendes eigenständiges Fachgebiet darstellt, wie vom Autor in seinem Vorwort postuliert, handelt es sich um eine Disziplin innerhalb der Psychologie, die sich auf zahlreiche theoretische Ansätze aus verschiedenen anderen Disziplinen stützen kann und diese Gewinn bringend miteinander verknüpft. Wer auf die oftmals hochkomplexen anwendungspraktischen Fragen dieses Gebiets fundierte Antworten geben will, benötigt daher ein umfangreiches Theoriewissen aus Entwicklungs- und Sozialpsychologie sowie Klinischer Psychologie, aber auch weit reichende Kenntnisse über geeignete Interventionsmethoden.

Es kann nicht das Ziel eines kompakt gehaltenen Einführungsbandes in ein Themenfeld sein, dieses Wissen in seiner gesamten Breite vermitteln zu wollen. Entsprechend realistisch formuliert auch Johannes Jungbauer seinen Anspruch, indem er seinen Band als "leicht verständliche und praxisnahe Einführung" bezeichnet und zur Vertiefung auf einschlägige Lehrbücher verweist.

Diese Einführung in die Familienpsychologie ist ihm, so sei – das Fazit vorwegnehmend – bilanziert, insgesamt hervorragend gelungen. Aus der Fülle relevanter und interessanter Theorien und Anwendungsaspekte des Themengebiets greift der Band wichtige Gesichtspunkte auf und stellt diese in vereinfachter und komprimierter, gleichwohl zumeist noch hinreichend differenzierter Form dar. Der Stoff erscheint didaktisch sehr sorgfältig aufbereitet: Eine klare und nachvollziehbare Grundstruktur der Kapitel mit "Pre-Organizer", Text, Zusammenfassung und Praxisbeispielen erleichtert die Orientierung im Text. Jeweils zwei bis drei ausgewählte kommentierte Literaturhinweise am Ende der Kapitel regen zur vertiefenden theoretischen Beschäftigung mit dem Stoff an; die realistischen Praxisübungen, Prüfungsfragen und Denkanstöße fördern die aktive Auseinandersetzung mit dem Gelernten. Lösungshinweise zu den Praxisübungen finden sich in den Online-Materialien, die außerdem (unter anderem) eine kommentierte Sammlung interessanter Web-Links zu jedem Kapitel, eine Liste der weiterführenden Literatur und eine Übersicht einschlägiger Angebote zur Elternbildung enthalten. Durch zahlreiche Fotos, Schaubilder und Übersichtsgrafiken, Tabellen und fett gedruckte Zwischenüberschriften ist der Band zudem optisch ansprechend und übersichtlich gestaltet.

Fazit

Mit dem vorliegenden Band ist dem Autor ein anschauliches, verständliches und dennoch theoretisch höchst fundiertes Einführungsbuch in die Familienpsychologie gelungen. Das kompakt präsentierte Fachwissen ist didaktisch hervorragend aufbereitet und vor allem dank zahlreicher Beispiele und Fallvignetten sehr gut in der Alltagswelt verankert und daher leicht nachvollziehbar. Auf diese Weise dürfte es ausgezeichnet gelingen, das Interesse von Studierenden der Sozial- und Bildungswissenschaften an dem attraktiven Forschungs- und Praxisfeld zu wecken.

Rezension von
Dr. Anne-Kathrin Mayer
Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID), Trier
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Es gibt 23 Rezensionen von Anne-Kathrin Mayer.

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Zitiervorschlag
Anne-Kathrin Mayer. Rezension vom 14.04.2010 zu: Johannes Jungbauer: Familienpsychologie kompakt. Beltz Psychologie Verlags Union (PVU) (Weinheim) 2009. ISBN 978-3-621-27681-8. Mit Online-Materialien. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7992.php, Datum des Zugriffs 02.07.2022.


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