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Silke van Dyk, Stephan Lessenich (Hrsg.): Die jungen Alten

Cover Silke van Dyk, Stephan Lessenich (Hrsg.): Die jungen Alten. Analysen einer neuen Sozialfigur. Campus Verlag (Frankfurt) 2009. 410 Seiten. ISBN 978-3-593-39033-8. D: 34,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 48,90 sFr.
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Thema

Die betrieblichen Ausgliederungspfade der 1980er Jahre bescherten der Demografie die Sozialfigur des frühverrenteten Jungen Alten. Gerontologen begrüßten die „neue Freiheit“ der Entpflichteten für Betätigungen gemäß der Aktivitätstheorie. Auf die nachberuflich in Sport, Kultur, Vereinen, Geselligkeit, Ehrenamt sowie mit Reisen und Hobby Aktiven ging ein Stimmungsgemisch aus Zustimmung, Neid und Belächlung nieder („Je oller, je doller“). Nach dem Zuruf „Well off older people“ wurden diese umtriebigen Jungen Alten „Woopies“ genannt. Die Zeit der fürsorglich betreuten Alten schien vorüber, wenn auch Geragogen Einsatzfelder witterten. Diese aktiven Neuen Alten waren aber noch nicht zu ökonomischen und gesellschaftlichen Koproduzenten ausersehen, deren Potentiale ein sich zurück nehmender Sozialstaat und eine in den jüngeren Arbeitnehmer-Jahrgängen schon schwächer besetzte Arbeitswelt für sich reklamiert hätten. Die Rufe zum produktiven Beitrag an die Alten erfolgten dann nach dem Jahr 2000 mit Frank Schirrmachers „Methusalem-Komplott“ und mit dem Fünften Altenbericht. Das ist nun für Silke van Dyk und Stephan Lessenich Anlass, in ihrem im Campus-Verlag erschienenen Sammelband „Die jungen Alten. Analysen einer neuen Sozialfigur“ nach der Berechtigung der Rekrutierung der Jung-Alten zu produktiven Beiträgen zu fragen.

Autoren

Silke van Dyk ist als Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Stephan Lessenich als Professor tätig am Institut für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Aufbau und Überblick

Der Band „Die jungen Alten. Analysen einer neuen Sozialfigur“ umfasst nach einer gerontologischen Einführung in das Thema der Jungen Alten aus dem Englischen übersetzte und genuin verfasste deutschsprachige Beiträge zur mutmaßlichen Verantwortlichkeit der Berenteten für ihr individuelles und für das gesellschaftliche Leben.

In neun kritischen, zwischen 1982 und 2003 verfassten Beiträgen aus dem angelsächsischen Raum wird die Verpflichtung der Pensionisten zum tätigen Einsatz für andere sowie zum der eigenen Gesunderhaltung förderlichen Verhalten diskutiert. Die Kritik an der aufgetanen Responsibilisierung der Jungen Alten fußt auf sozialstrukturellen, feministischen und dekonstruktivistischen Grundlegungen.

Im zweiten Teil des Sammelbandes nehmen acht jüngst verfasste deutschsprachige gerontologische Beiträge die angloamerikanische Diskussion zur Inpflichtnahme der Jung-Alten für die heimischen Gegebenheiten auf.

Die insgesamt achtzehn methodologisch stark divergierenden Beiträge des Bandes über „Die jungen Alten“ führen zur Erkenntnis, dass die Figur des zur Produktivität verpflichteten Jungen Alten bei aller möglichen, willkommenen Abwehr von Altersfeindlichkeit und Altersdiskriminierung (Ageism) folgende Gefahren zeitigt:

  • Die nicht Aktiven werden umso stärker abgewertet und könnten mit der Begründung, sie hätten ja auch anders gekonnt, Ressourcen entzogen bekommen;
  • die sozialstrukturellen Gründe für das Nicht-Aktiv-Bleiben und somit „erfolgloses Altern“ Berenteter werden nicht nachhaltig genug untersucht;
  • die Altersfeindlichkeit richtet sich von den Jung-Alten auf die Alt-(Pflege-)Alten;
  • die Orientierung im Alter ist rückwärts auf das mittlere Erwachsenenalter ausgerichtet;
  • die Ausrichtung an der noch vorhandenen, funktionablen Körperlichkeit macht eingeschränktes Alter zum Störfall;
  • kalendarische Alte leben die Illusion eines alterslosen Selbst in einem zur „Maske des Alters“ gewordenen, hinfälligen Körper.

Inhalte

In ihrem Einführungskapitel stellen Sylke van Dyk und Stephan Lessenich fest, Deutschland sei zu lange in einer Aktivität des Alters unabhängig von dessen gesellschaftlicher Produktivität verharrt, als in den USA der Altenbevölkerung die gesellschaftliche Nützlichkeit abgefordert worden wäre. Gefahren solcher Aktivierung sehen die Herausgeber aber in einer sozialstrukturell zu undifferenzierten Inpflichtnahme alter Menschen, in einer Abwertung der Pflege-Alten sowie in einer möglichen Zwangsverpflichtung der Altenpopulation durch den aktivierenden Sozialstaat.

In der angelsächsischen Gerontologie wird schon seit 25 Jahren die Forderung erhoben, alte Menschen sollten einer ernsthaften, allgemein geschätzten Beschäftigung nachgehen. Dem Beitrag David J. Ekerdts zufolge fördert Beschäftigtsein den Konsum, bildet einen Gegenpol zu Muße und bewahrt vor dem Ausstieg aus gesellschaftlichen Zusammenhängen. Vor ihrer Inpflichtnahme sei die Altenbevölkerung aber sozialstrukturell nach ihrer Diskriminierungsunterworfenheit zu vermessen, die aus der Arbeitswelt, dem Haushaltszuschnitt, der Wohnwelt, vom Staat und aus der Populärkultur kommen könnte. Stephen Katz plädiert außer für zweckhafte Aktivierungen (für andere und zum eigenen Kompetenzerhalt) auch für zweckfreie kommunikative Unternehmungen. Von der Abspaltung des seiner Altersidentität nachhängenden Selbst von seinem alternden Körper (einer „Maske des Alters“) warnt Peter Öberg und fordert eine integrative Sicht von alterndem Körper und erlebtem Leben. Für Simon Biggs und Jason L. Powells foucauldianische Analyse waren in der amerikanischen Gerontologie zu lange Medizin und Sozialarbeit Leitwissenschaften gewesen. Dadurch machte man die Altenklientel anspruchs- und hilfeheischend; dem sei jetzt bei verringerten Hilferessourcen nur durch Case-Management mit dem Einfordern privater Verantwortlichkeit zu begegnen.

Die deutschsprachigen Beiträge des Bandes „Die jungen Alten“ beginnen mit zwei sozialhistorischen Arbeiten von Gerd Göckenjan und Hans-Joachim von Kondratowitz: Entgegen der landläufigen Meinung, die Entpflichtung des Alters habe in Deutschland mit Bismarck begonnen, wird der Beginn der „neuen Freiheit“ der Alten in der Rentenreform von 1957 gesehen. Die DDR habe mit der Ausreiseerlaubnis für Rentner keinen Wert auf diese Gruppe gelegt.

Stephan Lessenich warnt angesichts der jüngsten Alten-Responsibilisierungen vor einer normativen Propagierung von Arbeitspflichten für Alte.

Eine Altersverantwortung muss für Silke van Dyk altersgemäß durchdacht eingefordert werden; sie nennt dabei Lebensarbeitszeitkonten zum Ausgleich von entgangenen Sicherungsanwartschaften durch Entlastungen in der familialen, bildungsbedingten und beruflichen Mehrfachbelastung in der jungen Elternschaft.

Der homo biograficus soll nach Barbara Pichler seine lebensbiographischen Rückgriffe in seine Gegenwartsprobleme integrieren.

Klaus R. Schroeter hält es für möglich, dass alte Menschen ihre körperliche Selbstsorge in die Lebensaufgabe integrieren.

Für Mone Spindler stellt sich die Frage, ob die sich erweiternde gesundheitliche Prävention in und für das Alter in Diagnostik und Medikation von den gesetzlichen Kassen getragen wird oder vom alten Menschen selbst bezahlt werden muss

Diskussion

Der Band zum Jungen Alter von Silke van Dyk und Stephan Lessenich ist ein Stück gerontologischer Zukunft. Die zunehmende Zahl der Alten legt künftig ihre stärkere Heranziehung zu Selbst- und Fremdverantwortung nahe. Gefahren und Grenzen auf diesem Weg des aktivierenden Wohlfahrtsstaats werden vielfältig aufgezeigt.

Zu dem vor allem in den USA weit fortgeschrittenen empowerment alter Menschen dank Erfolgen in der geriatrischen Forschung hätte man gern noch mehr gewusst. Offenbar wollten die Herausgeber des Bandes dieser als anti-ageing misszuverstehenden Überwindung von Alterseinschränkungen nicht zuviel Raum geben, also nahmen sie keinen dezidierten Beitrag über die Fortschritte in der Alterns-Überwindung auf, sondern referieren dazu nur. So unterbleibt in ihrem Band auch die hier wichtige Diskussion zwischen Kompensations- und Medikalisierungstheorem angesichts des demographischen Wandels, wie hier überhaupt nur sozialwissenschaftlich-gerontologisch und mit keinem Beitrag genuin geriatrisch geschrieben wird.

Für die Studie „Successful Aging“ von John W. Rowe und Robert L.Kahn von 1998 ist man auf ihre Referierung in der Arbeit von Martha B. Holstein und Meredith Minkler angewiesen. Von den molekularbiologischen Erfolgen der „American Academy of Anti-Ageing Medicine“ („A4M“ – die vier „A‘s“ kann man auch im Deutschen bilden mit „Medizin der Amerikanischen Akademie zur Alters-Abwehr“) erfahren wir nur im Beitrag von Mone Spindler. Besser hätte man Originalbeiträge über dieses „Neue schöne Alter“ an den Anfang des Bandes gestellt. Dann wären die hauptsächlich kritischen Beiträge verständlicher zu lesen. Denn erst, wenn man den Popanz selbst gut kennt, versteht man, warum und wie auf ihn eingeschlagen wird.

Ob die deutsche Gerontologie zulange darauf verzichtet hat, wie im Band behauptet, Produktives einzufordern, steht dahin. Die seit 1980 angesonnenen Betätigungen als Seniorenexperte, Ehrenamtler, Paten-Großeltern, Besuchsdienstleistende, Geschichtswerkstattschreiber und Biografie-Autor widerlegen das eigentlich ebenso wie die Ansätze von Thomas Klie und Klaus Dörner zum Engagement im zivilgesellschaftlichen, Dritten Sektor.

Für die Schwierigkeit der Lektüre des Bandes mag folgender Satz stehen (Seite 284): „Solcherart polit-ökonomische Kritik an der spezifischen Form der Dekommodifizierung, das heißt der sozialpolitisch gewährten Entmarktlichung des Alters im deutschen Sozialstaat bedeutet nun keineswegs, dass eine derart fundierte Position blind wäre für die Fallstricke auch der in den letzten Jahren sich vollziehenden Tendenz zur (Re-)Kommodifizierung bislang nicht genutzter Erwerbspotenziale – von Älteren ebenso wie von Frauen“. Wir verstehen wenigstens: Wir befinden uns auf dem schmalen Grat zwischen Austeilen und Einfordern, zwischen Gewähren und Verlangen.

Fazit

Der Band „Die jungen Alten“ bewegt sich auf einem schmalen Pfad zwischen die Freiheit im Alter ermöglichender Alimentierung und Einklagen von Solidarität. Die Entscheidung zwischen Austeilen von Wohltaten und Appell an Verantwortung kann nicht mehr die Wissenschaft, sondern muss die Politik fällen. Der Band gibt hierzu wichtige Fingerzeige.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 23.01.2010 zu: Silke van Dyk, Stephan Lessenich (Hrsg.): Die jungen Alten. Analysen einer neuen Sozialfigur. Campus Verlag (Frankfurt) 2009. ISBN 978-3-593-39033-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8001.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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