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Gabriele Moos, Wolfgang Klug: Basiswissen Wohlfahrtsverbände

Cover Gabriele Moos, Wolfgang Klug: Basiswissen Wohlfahrtsverbände. UTB (Stuttgart) 2009. 179 Seiten. ISBN 978-3-8252-3267-2. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 42,90 sFr.

Reihe: UTB M (Medium-Format).
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Thema und Herausgeber

Das Lehrbuch „Basiswissen Wohlfahrtsverbände“ gibt einen Überblick über die sechs deutschen Spitzenverbände hinsichtlich ihres Selbstverständnisses, der Organisation, des Leistungsprofils u.a. und verdeutlicht den gewichtigen Beitrag, den sie in der Sozialwirtschaft leisten. Die Autoren sind Gabriele Moos, Professorin an der FH Koblenz, RheinAhr – Campus Remagen und Wolfgang Klug, Professor an der FH Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt. Die Zielgruppe der Publikation sind Studierende der Studiengänge Soziale Arbeit, Sozialmanagement, Sozialwirtschaft sowie Interessenten und MitarbeiterInnen in den Wohlfahrtsverbänden.

Aufbau

Das Buch ist in sechs Kapitel unterschiedlicher Länge untergliedert. Im ersten Kapitel „Begriffseinführung“ werden zunächst wichtige Begriffe geklärt wie „Sozialwirtschaft“, „Non-Profit-Sektor“, Wohlfahrtspflege oder Subsidiarität, um nur einige zu nennen.

Das zweite Kapitel „Sozialpolitische Rahmenbedingungen der Produktion sozialer Dienstleistungen“ thematisiert anfangs die Konzeptionen des Sozialstaates im Wandel und stellt den zentralen liberalen Wert als den der Freiheit dar, von dem sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Konzept der „Sozialen Marktwirtschaft“ ableitet. Gegenwärtige Ziele der Sozialpolitik Deutschlands gingen vom Sozialstaatsprinzip aus. Die Sozialstaatsklausel sichere dem Bürger ein menschenwürdiges Dasein und eine angemessene Beteiligung am allgemeinen Wohlstand zu (S. 34).

Im dritten Kapitel „Wohlfahrtsverbände: Geschichte, Selbstverständnis, Organisation und Leistungsprofil“ werden die sechs Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege (Arbeiterwohlfahrt - AWO, Deutscher Caritasverband – DCV, Paritätische Gesamtverband – DPVW, Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland – DW, das Deutsche Rote Kreuz – DRK und die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden – ZWST) vorgestellt. Diese sind in der Rechtsform eines eingetragenen Vereins aus Gründen des fachlichen Erfahrungsaustauschs und des Lobbyings organisiert (S. 41). Im Folgenden werden die Aufgaben und das Selbstverständnis, die Bedeutung und die Leistungsprofile der einzelnen Spitzenverbände näher charakterisiert.

Das vierte Kapitel ist dem Thema „Die europäische Diskussion um die Zukunft der Wohlfahrtsproduktion“ vorbehalten. Eine historische Betrachtung der europäischen Sozialpolitik verdeutlicht, dass die nationalen Gestaltungsspielräume zugunsten europäischer Dimensionen immer enger werden. Innerhalb der EU komme dem europäischen Gerichtshof besondere Bedeutung zu. So wäre es durch ein Urteil unumgänglich, die Dienstleistungsfreiheit des Europäischen Binnenmarktes anzuerkennen, indem jeder Versicherte in jedem EU Mitgliedsland soziale Dienstleistungen in Anspruch nehmen könne, für die die individuelle Versicherung zahlen müsste. Der Wunsch, die sozialen Dienstleistungen innerhalb der EU zu vereinheitlichen, würde an den verschiedenen konkurrierenden Sozialstaatsmodellen scheitern. So gäbe es ein „nordisches Sicherungssystem“ (Norwegen, Finnland, Schweden), das auf die Rolle des gerechtigkeitsorientierten Staates setze (Leistungen werden direkt an Kinder vergeben, um sie möglichst unabhängig von den Eltern zu machen), ein „angelsächsiches Modell“ (Irland, England), das auf die Selbstverantwortung des Einzelnen ziele und ein „kontinentaleuropäisches“ (Deutschland, Frankreich, Österreich), indem das verpflichtende Versicherungsprinzip zur individuellen Absicherung Grundaspekt sei. Weiterhin wird die spezifische Rolle der Wohlfahrtsverbände innerhalb der EU diskutiert, wobei die Auszüge aus europäischen Dokumenten so allgemein erscheinen, die eine für alle Länder verbindliche Lösung erschweren dürfte (S. 79).

Kapitel sechs ist mit dem Titel „Aktuelle Handlungs- und Problemfelder der Freien Wohlfahrtsverbände“ überschrieben. Wohlfahrtsverbände seien Non – Profit – Organisationen, die Wohlfahrt produzierten und die Anwaltschaft für jene übernähmen, die keine Lobby haben. Die entscheidende Frage für die sozialwirtschaftlich tätigen Wohlfahrtsverbände in Deutschland sei die, wie sich das anwaltschaftliche Anliegen mit dem Unternehmenscharakter vereinbare, aus dem sich verschiedene Zielkonflikte ergeben könnten (S. 90). Es stelle sich die Aufgabe einer strategischen und normativen Neuausrichtung, wenn zwei der klassischen Wesens- und Identitätsmerkmale – Anwaltschaft und Ehrenamtlichkeit – ins Wanken gerieten. Die Entwicklung der vergangenen Jahre in den Wohlfahrtsverbänden könnten mit dem Begriff „Verbetrieblichung“ beschrieben werden, denn die Marktorientierung in der staatlichen Sozialpolitik fände ihre Entsprechung in der Angleichung der Instrumente von der Wohlfahrt dienenden Verbände an marktwirtschaftlichen Unternehmen (S. 99), wobei der Pflegebereich der Schrittmacher für die Ökonomisierung der Sozialpolitik sei. Transformationsprozesse würden sich in den einzelnen Verbänden entwickeln, um den neuen Herausforderungen Stand halten zu können.

Im letzten Kapitel „Strategische Steuerung als Managementaufgabe – Das St. Galler Managementmodell“ wird gefragt, welche Entwicklung Wohlfahrtsverbände nehmen müssten, um die notwendige Transformation erfolgreich unter Wahrung zweier zentraler Ziele – Existenzsicherung und Identitätsbewahrung – bewältigen zu können. Am Beispiel des St. Galler Managementmodell wird ein differenziertes Handlungsinstrumentarium vorgestellt. Wohlfahrtsverbände könnten nur dann in Deutschland und in Europa einen „Mehrwert“ gegenüber normalen Wirtschaftsunternehmen leisten, wenn sie das Prinzip des „Vorranges der Hilfe für arme und ausgegrenzte Menschen“ in die Tat umsetzen würden.

Fazit

Nach dem Studium dieser Publikation scheint es schon verwunderlich zu sein, warum sich die sozialwissenschaftliche Forschung so wenig mit den Wohlfahrtsverbänden und deren Rolle auseinandergesetzt hat. Insofern liegt das Verdienst dieses Büchleins insbesondere darin, eine bisher relativ stiefmütterlich behandelte Thematik aufgegriffen und bearbeitet zu haben. Vor allem die erste Hälfte der Ausführungen bis zum vierten Kapitel, die den sozialpolitischen Rahmenbedingungen und dem Selbstverständnis der Wohlfahrtsverbände gewidmet sind, ist leicht verständlich und nachvollziehbar. Kritikwürdig sind dagegen die Kapitel vier, fünf und sechs, die von der Stringenz in der Bearbeitung deutlich abfallen. Hier werden die verschiedensten Konzepte einzelner Verbände so nebeneinander gestellt, so dass eine durchgängige Logik allzu oft vermisst wird. Die ständige Überhäufung mit Zitaten wichtiger Verbandsvertreter und die teilweise zu allgemeinen und wenig aussagekräftigen Argumente in der Diskussion der Thematik erschweren das Verständnis zudem und schmälern den Lesewert erheblich.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 27.01.2010 zu: Gabriele Moos, Wolfgang Klug: Basiswissen Wohlfahrtsverbände. UTB (Stuttgart) 2009. ISBN 978-3-8252-3267-2. Reihe: UTB M (Medium-Format). In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8007.php, Datum des Zugriffs 01.05.2017.


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