Norbert Seel, Dirk Ifenthaler: Online lernen und lehren
Rezensiert von Dr. Jutta Pauschenwein, 21.01.2010
Norbert Seel, Dirk Ifenthaler: Online lernen und lehren.
UTB
(Stuttgart) 2009.
288 Seiten.
ISBN 978-3-8252-3288-7.
D: 24,90 EUR,
A: 25,60 EUR,
CH: 42,90 sFr.
Reihe: UTB M (Medium-Format).
Thema
In diesem Studienbuch geht es um „das pädagogische Potential der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien“. Jedes neue technische Medium nährt die Hoffnung, dass es die Lehre revolutionieren würde. Doch immer wieder stellt sich heraus, dass das neue Medium alleine keine pädagogischen Probleme lösen kann. Psychologische Gesetzmäßigkeiten gelten vorerst einmal unabhängig vom verwendeten Medium. In diesem Buch werden psychologische, organisatorische und technische Bedingungen für eine Lehre mit neuen Medien diskutiert und Chancen, Möglichkeiten und Grenzen online zu lehren und online zu lernen dargestellt.
Autoren
Norbert M. Seel, Prof. Dr. leitet das „Institut für Erziehungswissenschaft“ und die Abteilung „Lernforschung und Instructional Design“ der Universität Freiburg im Breisgau. Sein Schwerpunkt in der Forschung sind die psychologischen Grundlagen des Lernens und Lehrens sowie das didaktische Design von Lernumgebungen.
Dirk Ifenthaler, Dr. ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl „Lernforschung und Instructional Design“ der Universität Freiburg im Breisgau.
Aufbau
Das Buch beginnt mit der „Ausgangssituation“, daran schließen sich die vier Kapitel „Online-Lernen“, „Psychologische Voraussetzungen des Online-Lernens“, „Online-Lehren“ und „Technische Voraussetzungen des Online-Lernens und Lehrens“ an. Das Abschlusskapitel „Die Zukunft des Online-Lernens und Lehrens hat bereits begonnen“ rundet das Buch ab.
Inhalte
- Im Kapitel „Ausgangssituation“ setzen sich die Autoren mit dem Computer als Lernmedium sowie mit den Begriffen des Online-Lernens und e-Learning auseinander. In den 90-Jahren wurde Computer-Literacy zu einer gefragten Kompetenz und multimediale Lernmaterialien fingen an Bedeutung zu gewinnen. Heute spielen computergestützte Informations- und Kommunikationstechnologien eine wichtige Rolle in formalen und informellen Bildungskontexten.
- Im zweiten Kapitel setzen sich die Autoren mit dem Begriff des Online-Lernens auseinander und präsentieren Forschungsergebnisse zur Verwendung von Multimedia, Fernsehen und Video in Lernszenarios. Der Begriff Online-Lernen umfasst Lernen mit multimedial aufbereiteten Materialien und die Verwendung telekommunikativer Technologien. Unter dem provokanten Titel „Multimedia-Forschung heute: Willkommen in der Vergangenheit“ stellen die Autoren kurz Theorien der Multimedia-Forschung vor, kritisieren jedoch, dass sich diese Forschung nur auf „einen engen Bereich der audio-visuellen Redundanz konzentriert“ und die Untersuchungsszenarien selbst recht einfach konzipiert sind. Im Gegensetz dazu können ältere Untersuchungen zur Nutzung audio-visueller Materialien wichtige Hinweise zu multiplen Lernsystemen geben. Ein wirksamer Einsatz eines Audio- und Videokanals in einem Lernszenario sollte einen Kanal in den Vordergrund stellen, während die Informationen im anderen Kanal redundant sind und den Lernprozess unterstützen.
- „Psychologische Voraussetzungen des Online-Lernens“ werden im dritten Kapitel diskutiert und bilden die theoretische Basis des Buches. Bei den kognitiven Voraussetzungen von Online-Lernenden unterscheiden die Autoren zwischen auditorischen, visuellen und kinästhetischen Typen. Darüber hinaus können die Lernenden Präferenzen für visuelle oder verbale Aufgaben haben und lieber feldabhängig oder feldunabhängig lernen. Sollen alle diese unterschiedlichen Vorlieben berücksichtigt werden, stellt das hohe Anforderungen an das Online-Lernen. Des Weiteren haben die Lernenden unterschiedliche Schemata und mentale Modelle zur Verfügung, die beim Lernen eine zentrale Rolle spielen. Computer-Literacy und Multimedia-Literacy sind nützliche Kompetenzen von Online-Lernenden. Online-Lernen als Form der Fernlehre braucht bei den Lernenden die Fähigkeit der Selbstorganisation und ein gutes persönliches Wissensmanagement. Anregende multimediale Lernaufgaben und Kontexte können die Motivation für das Online Lernen steigern. Telekommunikative Technologien ermöglichen mittels asynchroner oder synchroner Kommunikation eine soziale Interaktion zwischen den Lernenden und zwischen Lernenden und Lehrenden.
- Das vierte Kapitel „Online-Lehren“ widmet sich einzelnen Elementen der Online-Lehre. Als „vierte Generation des Fernstudiums“ wird die Verknüpfung des programmierten Unterrichts (der Computer lehrt) mit dem Netzwerk-Ansatz (der Computer als Kommunikationsmedium) bezeichnet. An vielen Hochschulen gibt es bereits Angebote der Online-Lehre, sogenannte „Cybercampuses“ bieten Informationen, Möglichkeiten der Kommunikation und interaktive Räume. Prozessmodelle des Instruktionsdesigns, die auf lernpsychologischen und systemtheoretischen Ansätzen basieren, können die Ausgangsbasis für die Entwicklung multimedialer Lernumgebungen bilden. Computersimulationen motivieren Lernende, sich aktiv an der Lösung von Problemen zu beteiligen und Entscheidungen zu treffen. Pädagogische Agenten können Lernende erfolgreich in ihrem Lernprozess begleiten, wenn sie glaubwürdig und authentisch handeln.
- Im Kapitel 5 „Technische Voraussetzungen des Online-Lernens und –Lehrens“ werden die Eigenschaften von Content-Management-Systemen, Lernplattformen und virtuellen Umgebungen umrissen. Content-Management-Systeme ermöglichen durch ein komplexes BenutzerInnen- und Rechteverwaltungssystem gezielten Zugriff auf Materialien für viele BenutzerInnen, wobei die Materialien in einer Datenbank verwaltet werden. In Lernplattformen sind die Materialien in Kursen angeordnet, die auch Kommunikationswerkzeuge und Evaluationswerkzeuge einschließen. Virtuelle Umgebungen ermöglichen die Interaktion mit einer computersimulierten Umgebung, besonders sinnvoll ist das etwa bei gefährlichen Lernaufgaben (etwa der Flugsimulator).
- Das Buch schließt mit dem Kapitel „Zukunft des Online-Lernens und Lehrens“, hier schildern die Autoren aktuelle Trends und entwickeln Zukunftsszenarien. Während Web1.0 statische Informationen darbot und Web2.0 benutzerInnengenerierte Inhalte erlaubt, sollte „Web3.0“ basierend auf Konzepten des semantischen Netzes die Fragen der Benutzerinnen und Benutzer verstehen und maßgeschneiderte Informationen liefern. Bausteine dieses „Web3.0“ existieren bereits. Anwendungen zu Edutainment, die unterhaltsames Lernen und Lehren ermöglichen, werden sich ausweiten, meinen die Autoren. In alternativen Realitätsspielen („alternate reality games“) vermischen sich fiktive und reale Ereignisse, wobei Blogs, Videos, Bilder, Telefonate, eMails, ... zum Einsatz kommen können. Die ersten 5000 Tage des Internet sind vorüber, schreiben die Autoren, in den nächsten 5000 wird sich das Internet weiter rasch verändern, wobei künstliche Intelligenz eine Rolle spielen wird.
Diskussion
Die Autoren verfolgen mit ihrem Buch den Ansatz, die neuen Medien und ihre pädagogische Nutzung auf Basis der langen Tradition der Fernlehre zu diskutieren. Online-Lernen hat die pädagogischen Vorteile, unabhängig von Zeit und Ort stattfinden zu können und ein individuelles Lernen zu ermöglichen. Zudem stehen den Lernenden ExpertInnen und LernpartnerInnen weltweit zur Verfügung. Allerdings besteht die Gefahr, aus Begeisterung über diese Vorteile und durch die rasch fortschreitende Technologie die Gesetzmäßigkeiten des menschlichen Lernens zu vergessen. Aus diesem Grund geben die Autoren einen Überblick über viele psychologische Lerntheorien und Modelle, die mit Online-Lernen und Multimedialem Lernen in Zusammenhang stehen und überprüfen diese bezüglich ihrer Aussagekraft.
Hervorzuheben ist, dass das Buch aktuelle Entwicklungen im Bereich des Online-Lernens aufgreift und vorstellt. Über die Nutzung von Lernplattformen hinaus geben die Autoren Einblick in das Potential pädagogischer Agenten, intelligenter Tutorieller Systeme und bringen so den LeserInnen neue Aspekte einer technologieunterstützten Lehre nahe.
Besonders gut gefällt mir das letzte Kapitel über die Zukunft des Online-Lernens, in dem Autoren über modellierte Lernumgebungen hinausgehen, sich kurz mit Web2.0 und Web3.0 auseinandersetzen, um sich mit Angeboten des Edutainment auseinanderzusetzen. Eine spielerische Herangehensweise an komplexe Probleme könnte einen weiteren spannenden Ansatz für Lernprozesse bieten.
Fazit
In dem Buch „Online lernen und lehren“ setzen sich die Autoren fundiert mit der psychologischen und didaktischen Basis des Online-Lernens auseinander. Unterschiedliche psychologische Konzepte werden kritisch diskutiert und ihre Nützlichkeit für Online Lernprozesse hinterfragt. Die Komplexität von Lernprozessen und die Vielfältigkeit der Eigenschaften von Lernenden werden dabei immer wieder hervorgehoben. Insbesondere das letzte Kapitel mit Vermutungen über die Zukunft des Online-Lernens ist spannend zu lesen!
Rezension von
Dr. Jutta Pauschenwein
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