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Peter Löcherbach, Hugo Mennemann u.a. (Hrsg.): Case Management in der Jugendhilfe

Cover Peter Löcherbach, Hugo Mennemann, Thomas Hermsen (Hrsg.): Case Management in der Jugendhilfe. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2009. 216 Seiten. ISBN 978-3-497-02095-9. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 36,50 sFr.
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Thema

Case Management hat sich in den zurückliegenden zwei Dekaden auch in der Bundesrepublik schrittweise zum festen methodischen Grundelement der Sozialen Arbeit entwickelt. Hierzu liegt eine Reihe von Veröffentlichungen vor, die sich grundlegend mit dem Ansatz auseinandersetzen, unter anderem auch von Peter Löcherbach, der aus erster Herausgeber dieses Bandes adressiert ist (so zum Beispiel Peter Löcherbach, Wolfgang Klug, Ruth Remmel-Fassbender und Wolf Rainer Wendt (Hrsg.): Case-Management. Fall- und Systemsteuerung in Theorie und Praxis, 2005, vgl. die Rezension, zwischenzeitlich auch als 4. akt. Aufl. 2009 erschienen, Wolf Rainer Wendt und Peter Löcherbach (Hrsg.): Case Management in der Entwicklung. Stand und Perspektiven in der Praxis, 2006, vgl. die Rezension, ferner z. B. auch: Michael Ewers und Doris Schaeffer (Hrsg.): Case Management in Theorie und Praxis, 2005, vgl. die Rezension). Mit dem vorliegenden Band erfolgt eine Spezialisierung für den Bereich der Kinder- und Jugendhilfe. Es drängt sich die Frage auf, was diese spezielle Betrachtung rechtfertigt.

Herausgeber

Dr. Peter Löcherbach lehrt Sozialarbeitswissenschaften als Professor an der Katholischen Fachhochschule Mainz, Dr. Hugo Mennemann ist Professor an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen und Dekan des Fachbereichs Sozialwesen der Abteilung Münster und Dr. Thomas Hermsen nimmt eine Professur am Fachbereich Soziale Arbeit an der Katholischen Fachhochschule Mainz wahr.

Aufbau und Inhalt

Case Management sei, so lässt uns der Ernst Reinhardt Verlag wissen, „in der Kinder- und Jugendhilfe mit der Erwartung verbunden, dass eine familienorientierte Versorgung angemessen und wirksam erfolgt. Theorieanforderungen und Praxiserfahrungen stehen dabei in einem Spannungsfeld zueinander.“ Beiden Aspekten versucht der Band Rechnung zu tragen, um der aktuellen Stand zum Case Management und dessen Implementierung in der Kinder- und Jugendhilfe nachzuzeichnen:

  • Theorieanforderungen und Praxiserfahrungen: Was Case Management im Feld der Kinder- und Jugendhilfe leisten soll und kann und wie sich Case Management und Hilfeplanung gem. § 36 Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII) koppeln lassen, steht im Mittelpunkt der Erörterung der ersten beiden Kapitel, für die Wolf Rainer Wendt (einführende Überlegungen, S. 10 - 25) sowie Peter Löchtermann und Thomas Hermsen (theoretische Überlegungen, S. 26 – 55) verantwortlich zeichnen. Erfahrungen mit der Einführung des Case Managements stellen Ines Lehn-Speckesser (Jugendamt der Stadt Gütersloh) und Beate Tenhaken (Jugendamt der Stadt Greven) dar (S. 87 – 123), Anforderungen an eine das Case Management unterstützende Softwaregestaltung skizzieren Markus Poguntke-Rauer, Friedrich Wilhelm Meyer und Hugo Mennemann (S. 154 – 178).
  • Angemessenheit und Wirksamkeit: „Assessment im Case Management und sozialpädagogische Diagnostik“ diskutieren Sabine Ader, Peter Löcherbach, Hugo Mennemann und Christian Schrapper (S. 56 – 83). Die Praxisberichte von Lehn-Speckesser und Tenhaken werden ergänzt um die Resultate einer Studie (Forschungsprojekt CM4JU), die (unter Förderung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung) zwischen 2005 und 2008 die Einführung von Case Management in acht Jugendämtern Nordrhein-Westfalens und in Rheinland-Pfalz (im Bereich der erzieherischen Hilfen) evaluierte (S 124 – 153). Abschließend werden durch die Herausgeber (auch kritische) Aspekte (und damit auch einige „Gefahren“, S. 188) einer Standardisierung von Hilfen durch Case Management diskutiert (S. 179 – 189).

Ein Literaturverzeichnis, das die zentrale Literatur zum Case Management insgesamt abbildet, rundet den Band ab. Zahlreiche Abbildungen und tabellarische Darstellungen (z. B. der „Standardverlauf“ des Hilfeplanprozesses im Allgemeinen Sozialdienst, wie er sich für die Softwaregestaltung dargstellt, S. 156ff, oder die Übersicht „Case Management als strukturbildendes Element für die Fallsteuerung im Jugendamt“, S. 53f) erhöhen die Übersichtlichkeit, Lesbarkeit und Verständlichkeit der einzelnen Abhandlungen.

Diskussion

Insgesamt bestimmt ein durchweg positiver, wohlmeinender bzw. die Einführung von Case Management in der Kinder- und Jugendhilfe erkennbar forcierender Duktus den vorliegenden Band: In der Kinder- und Jugendhilfe (es ist durchaus irritierend, dass überwiegend nur von Jugendhilfe die Rede ist) sei „ein Einstieg in das Case Management zunächst bei der Hilfeplanung nach § 36 SGB VIII erfolgt“, heißt es, indes habe sich das Handlungskonzept fortentwickelt. Zur individuellen Fallführung komme ein „Management der Fälle“, welche vorkläre, welche Maßnahmen in welcher Situation wem helfen könn(t)en und welche Entscheidungen und Vereinbarungen hierfür erforderlich seien (S. 24). Aufgabe des Case Management sei „care in the community“ und insofern Sorge und Verantwortung mit allen zu gestalten: „Schnittstellen sind zu überbrücken, Pfade zu eröffnen, ein Netz der Zusammenarbeit ist zu knüpfen und zu pflegen, das integrierte Vorgehen zu lenken, Systemlösungen sind mit informellen Möglichkeiten der Unterstützung und Selbsthilfe abzugleichen“ (S. 25), was Case Management überzeugend ermögliche.

Es mögen solche auf den ersten Blick technischen Formulierungen („Vorgehen lenken“, „Systemlösungen“ u. a.) sein, die den einen oder anderen Vorbehalt gegenüber Case Management als Sozialtechnik formulieren lassen. Bei aller (erforderlichen) Systematisierung und System(sprach)logik allerdings gelingt es den Autorinnen und Autoren doch, diese Vorbehalte aufzuweichen bzw. auszuräumen, insbesondere durch die beiden Praxisberichte aus den Jugendämtern, die auch auf die Probleme hinweisen (z. B. Grenzen der Fallzahl, Abgrenzungsbedarf gegenüber anderen Akteuren wie z. B. des Bundesagentur für Arbeit, Einschränkungen bei die Hilfen zur Erziehung überschreitendem Hilfebedarf, S. 120ff).

Case Management halten die Herausgeber „für die Implementierung im Jugendamt in besonderer Weise geeignet, da es hoch anschlussfähig an die vorhandenen inhaltlichen und formalen Ablaufprozesse ist“. Die Struktur eines Jugendamt mit seiner gesetzlichen Verankerung im KJHG unterstütze eine Fallführung durch dessen Mitarbeiter/innen, da die Fallführung an das Hilfeplanverfahren angedockt werden könne. Auch böten sich „konkrete Ansätze zum Nachweis der Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit“, und die Erkenntnisse zur Netzwerkarbeit aus dem Case Management und die Erfahrungen im Jugendamt ergänzten sich und schlössen an die der Kinder- und Jugendhilfe ja eigentümliche Sozialraumorientierung an (S. 55). Die Ergebnisse der CM4JU-Studie illustrierten zudem, dass durch Case Management höhere Wirkungen bei den jungen Menschen und „tendenziell“ auch bei den Sorgeberechtigten erzielt werden könnten; außerdem verbesserten sich die Kosten-Nutzen-Relationen, und auch die Zufriedenheit der Hilfeadressaten und der Fachkräfte sei größer (S. 153).

Zielgruppen

Entgegen der doch optimistischen Lesart, die die Autorinnen und Autoren des vorliegenden Bandes nahe legen, darf noch längst nicht davon ausgegangen werden, dass Case Management in den Erzieherischen Hilfen in den bundesdeutschen Jugendämtern dabei ist, schon zur methodischen Selbstverständlichkeit zu werden. Daher sollte sich der Band vornehmlich zunächst an Entscheidungsträger/innen in Jugendämtern richten, die es hierfür erst noch aufzuschließen gilt. Gleichermaßen geeignet ist die Veröffentlichung für Fachkräfte der Sozialen Arbeit, die ihre methodischen Ansätze anreichern und planvolles Vernetzungs- und Moderationshandeln in den Alltag einführen wollen.

Fazit

Die vorliegende Veröffentlichung klärt die aktuelle Diskussionslage und erörtert den Stand der Umsetzung von Überlegungen zu einem der Kinder- und Jugendhilfe „eigenen“ Case Management, dessen Wirkungen bezogenen auf den einzelnen Fallbezogene, organisatorische Implikationen, Optionen und durch strukturelle Hemmnisse bedingte Grenzen und Risiken. „Case Management in der (Kinder- und) Jugendhilfe“ ist dabei mehr als eine Einführung; es orientiert sich in vielen Aspekten an den Fragen der alltäglichen Umsetzung. Die Kinder- und Jugendhilfe (siehe die Eingangsfrage oben) braucht diese spezielle Betrachtung.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 29.03.2010 zu: Peter Löcherbach, Hugo Mennemann, Thomas Hermsen (Hrsg.): Case Management in der Jugendhilfe. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2009. ISBN 978-3-497-02095-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8009.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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