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Martina Baumann, Dorothea Bünemann: Musiktherapie in Hospizarbeit und Palliative Care

Cover Martina Baumann, Dorothea Bünemann: Musiktherapie in Hospizarbeit und Palliative Care. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2009. 190 Seiten. ISBN 978-3-497-02107-9. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 45,50 sFr.
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Thema

Sterben, Sterbebegleitung, menschlicher und würdiger Umgang mit Sterbenden – das sind Themen, die in der Öffentlichkeit zunehmend und kontrovers diskutiert werden. In diesem Buch geht es um die betroffenen Menschen in der akuten Situation und den Trost, der ihnen durch Musik zuteil werden kann.

Schwerstkranke Menschen im Hospiz oder auf einer Palliativstation leiden oft darunter, dass ihre letzten Tage vorwiegend von der medizinischen Technik und dem Aufrechterhalten der nötigsten körperlichen Funktionen geprägt sind. In diese belastende Umgebung sind aber auch die Angehörigen und das Pflegepersonal mit einbezogen. Die Autorinnen sprechen von ihrer Arbeit mit Musik vor musiktherapeutischem Verständnis als Teil von Palliative Care – davon, wie sie Widerstände im klinischen Alltag auflösen, Angehörige und Pflegepersonal einbinden – welche Kraft und Freude mithilfe von Musik, wenn auch oft nur für kurze Augenblicke, erweckt werden kann, und sich damit die Lebensqualität aller entscheidend verbessert. Eindrucksvoll wird gezeigt, wie sich das Bedürfnis nach Spiritualität und Sinnhaftigkeit von allen Beteiligten musikalisch aufgreifen und trostspendend bearbeiten lässt.

Autorinnen

Martina Baumann, Musikerin, Musiktherapeutin und Hypnotherapeutin arbeitet in Palliative Care der Universitätsklinik in Heidelberg, in einer psychosomatischen Klinik und in der Weiterbildung.

Dorothea Bünemann, Dipl.Psychologin, Dipl. Gerontologin, Musiktherapeutin und Gestalttherapeutin arbeitet psychotherapeutisch in verschiedenen klinischen Institutionen in Heidelberg, in eigener Praxis und in der Weiterbildung.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in 8 Kapitel, die jeweils mehrere Unterpunkte beinhalten.

  1. Sterben, Tod und Trauer in der Musik
  2. Symptomatik und Leiden unheilbar erkrankter Menschen
  3. Palliative Care und Musiktherapie
  4. Musiktherapie im institutionellen Zusammenspiel
  5. Die „Holy Seven“ - die 7 musiktherapeutischen Bausteine
  6. Besondere Menschen
  7. Spiritualität und Musiktherapie
  8. Hilfreiche innere Haltungen

In Kapitel 1 wird ausgeführt, welche Fülle von Beispielen es in der gesamten Musikliteratur gibt, vor allem im Bereich der (Volks-) Liedkunst, und wie dort Sterben, Tod und Trauer thematisiert und bearbeitet wird.

Kapitel 2 beschäftigt sich mit der Symptomatik und dem Leiden sterbender Menschen aus medizinischer und psychologischer Sicht. Besonders berücksichtigt wird dabei das traumatische Erleben einer unheilbaren Krankheit und deren Auswirkungen auf die erkrankten Patienten.

Kapitel 3 ist der Pallitative Care gewidmet, der Welt der Hospize und Palliativstationen. Deutlich wird hier das Ziel der Palliative Care, eine möglichst hohe Lebensqualität bis zum Tod zu erhalten. Dies führt in das Thema des Buches ein; dabei bringen der Autorinnen ihre persönlichen Erfahrungen mit der Bedeutung der Musik für diese Lebensinseln ein, die sie u.a. im Rahmen des Forschungsprogramms „Netzwerk achtsame Sterbekultur“ der Universität Heidelberg erarbeitet haben.

In Kapitel 4 folgt die Eingliederung von Musiktherapie in den institutionellen Rahmen. Spezifische Fragen thematisieren die therapeutische Grundhaltung und die Bedeutung der Teilnahme der Musiktherapeutin am interdisziplinären Team: Gerade in diesem sensiblen und existentiellen Bereich ist der bewusste Austausch mit allen Beteiligten unumgänglich, damit Resonanz in der Begegnung von Mensch zu Mensch gelingen kann. Nur daraus entstehen die Grundlagen für musiktherapeutische Behandlungsaufträge.

Kapitel 5: Unter den „Holy Seven“ besprechen die Autorinnen ihr Handwerkszeug, wie Sprache und Gespräch, Lieder, Klangreisen, Improvisation, die Frage der Tonträger, oder auch Musiktherapie ohne Musik, und Musik im öffentlichen Raum. Zu letzterem gehören die Gestaltung der Atmosphäre und „das heilsame Wohnzimmer“, ein Raum für geschützte Anonymität. Dies alles wird ausführlich und anschaulich mit zahlreichen Fall- und Musikbeispielen exemplarisch, einfühlsam und persönlich ausgeführt.

In Kapitel 6 führen die Autorinnen wiederum anhand vieler Beispielen ihre methodischen Ansätze speziell in den Begegnungen mit älteren Menschen mit Kriegserinnerungen, dementiell erkrankten Menschen, und mit Künstlern, sowie mit Angehörigen dieser Betroffenen aus.

Kaptitel 7 widmet sich dem spirituellen Verständnis der Arbeit von schwerstkranken und sterbenden Menschen in der Palliative Care. Zahlreiche Fallbeispiele verdeutlichen, wie Lieder und Klänge spirituelle Erlebnisse und spirituelle Ressourcen der sterbenden Menschen, aber auch ihrer Angehörigen aktivieren und unterstützen. Deutlich wird hinter all diesen Berichten, wie man hier besonders als Musiktherapeut gefordert sind.

Im letzten 8. Kapitel beschreiben Baumann und Bühnemann ihre persönlichen acht hilfreichen Haltungen - wie „absichtsvolle Absichtslosigkeit“ oder „Im Hier und Jetzt sein“ - die den Hintergrund ihrer musiktherapeutischen Arbeit in der Begleitung dieser Menschen bilden.

In den abschließenden Gedanken verdeutlichen sie ihre Music Care genannte Arbeitsweise und ihre persönlichen Gedanken dazu.

Zielgruppe

Diese Veröffentlichung richtet sich vornehmlich an diejenigen, die mit schwerstkranken und sterbenden Menschen in Hospiz und auf Palliativstationen zu tun haben, an betroffene Angehörige, das Fach – und Pflegepersonal sowie an die Ärzte. Angesprochen werden aber auch Menschen, die sich mit dem Thema des Sterbens in seiner individuellen und umfassenden Bedeutung beschäftigen.

Diskussion

Wie ein roter Faden ziehen sich Fragen nach dem Wesentlichen von Musik durch das Buch: was zeichnet das Musikantische im Gegensatz zum Künstlerischen aus? Kann jeder Musiker in diesem Bereich tätig sein? Kann man das Musikantische therapeutisch nennen? Was hat das Musikantische mit Heilkunst zu tun?

Was kann Musik in Palliative Care bedeuten, für was steht sie? als Atmosphäre – als persönliches Geschenk – als Stimulus, Unterbrechung der Routine – als Trost, als Entspannung – oder auch für alle auf Station. Über all dem liegt eine große Verantwortung, denn in dem Anspruch, Musik auf eine Palliativstation zu bringen muss man sich vergegenwärtigen, dass Musik die Atmosphäre als Ganzes beeinflusst, da ja jeder die Musik hören kann.

Es ist ein sehr persönlich gehaltenes Fachbuch, das trotz oder gerade wegen seines persönlichen Anspruchs beeindruckt und den Leser – betroffen oder nicht, Musiktherapeut oder Angehöriger oder Pflegender – das Wesentliche, das Musik in diesem Bereich zu leisten vermag, anschaulich darstellt.

Die Autorinnen fokussieren ihren Arbeitsbericht bewusst auf die Klientel, mit dem sie es zu tun haben: auf Erwachsene aus dem europäischen Kulturraum. Das entspricht der Musik, die sie kennen und einsetzen können – vor allem dem Liedgut. Das ist keine Einschränkung sondern entspricht ihrer Professionalität und Ernsthaftigkeit, sowie dem behutsamen Respekt, mit dem sie sterbende Menschen begleiten.

Eine Kritik, dass das Buch zu wenig wissenschaftlich sei, würde ich nicht gelten lassen. Sterben, der Umgang mit Sterbenden, das eigene Erleben lassen sich nicht evaluieren. Denn hier ist jeder auf sich geworfen.

Fazit

Dieses Buch ist jedem zu empfehlen, der sich mit diesen Themen aktiv auseinander setzt oder auseinandersetzen muss – es bereichert.


Rezension von
Dr. sc. mus. Monika Nöcker-Ribaupierre
Dipl. Musiktherapeutin DMtG, Vice President der International Society for Music in Medicine ISMM.
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Zitiervorschlag
Monika Nöcker-Ribaupierre. Rezension vom 03.03.2010 zu: Martina Baumann, Dorothea Bünemann: Musiktherapie in Hospizarbeit und Palliative Care. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2009. ISBN 978-3-497-02107-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8012.php, Datum des Zugriffs 16.10.2021.


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