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Louis W. Sander, Gherardo Amadei u.a. (Hrsg.): Die Entwicklung des Säuglings [...]

Cover Louis W. Sander, Gherardo Amadei, Ilaria Bianchi (Hrsg.): Die Entwicklung des Säuglings, das Werden der Person und die Entstehung des Bewusstseins. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2009. 370 Seiten. ISBN 978-3-608-94525-6. 39,90 EUR, CH: 65,00 sFr.

Originaltitel: Living Systems, Evolving Consciousness, and the Emerging Person.
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Thema

Dieses Buch widmet sich in erster Linie den Entwicklungsprozessen in den ersten drei Lebensjahren. Im weitesten Sinne ist es ein Sammelband, weil es erstmals in deutscher Sprache die Forschungsergebnisse L. W. Sanders über die Jahrzehnte seines Forschens hinweg zusammenfasst und anhand ausgewählter Artikel dokumentiert. Sander gehört zu den „Klassikern“ der Kleinkindforschung. Er steht in der Tradition der Psychoanalyse, hat sie jedoch für den Bereich der Kleinkinder eigenständig weiter entwickelt. Er stützt sich dabei auf eine hohe Zahl empirischer Daten aus von ihm durchgeführten Langzeitstudien. Er versucht vor diesem Hintergrund die Entstehung von Individualität und Persönlichkeit als das Produkt eines in Entwicklung begriffenes Systems, das sich in einem stetigen Umwandlungsprozess befindet, zu erläutern.

Ziel

Dieses Buch stellt eine umfassende Zusammenschau der Forschungsergebnisse L.W. Sanders im Bereich der Kleinkindforschung dar.

Es richtet sich in erster Linie an alle an der gegenwärtigen wie auch vergangenen Säuglings- und Kleinkindforschung Interessierten. Es stellt nicht nur bedeutende Aspekte des Lebenswerkes Sanders vor, sondern ist durchaus geeignet in die spezifischen Fragestellungen und Forschungsdesigns dieses Forschungsbereiches hinzuführen.

Inhalt und Aufbau

Dieses Buch gliedert sich entlang der Forschungsergebnisse Sanders in drei Kapitel.

Das erste Kapitel stellt die Ergebnisse der Untersuchung von Kind-Bezugsperson-Systemen im Laufe der ersten drei Lebensjahre vor. Bezogen auf die Daten aus der 1954 begonnenen Langzeitstudie zu Mutter-Kind-Interaktionen erkennt Sander eine regelmäßige Prozesshaftigkeit und formuliert vor diesem Hintergrund Grundprinzipien des Prozessverlaufs, die jedes lebende System bestimmen.

Im zweiten Kapitel widmet sich weitgehend jenen Forschungen Sanders, die der Frage der frühen Entstehung von Persönlichkeit im Sinne eines beginnenden sich seiner selbst bewusst werden nachgehen. Er stellt dies dabei in den Kontext von Fürsorgeverhalten und den Auswirkungen auf das fitting-together zwischen Säugling und Bezugsperson und entwickelt in der Folge das Konzept des Rekognitionsprozesses.

Das abschließende dritte Kapitel repräsentiert weitgehend den Versuch Sanders das Lebenswerk auf einer Metaebene zu deuten, zusammen zu fassen und weiter zu entwickeln. Lesenswert sind hierzu insbesondere die im 12. Kapitel bislang unveröffentlichten Überlegungen Sanders, die sich auch ethischen Fragestellungen widmen.

Diskussion

Eine begrüßenswerte und durchweg gelungene Veröffentlichung, die es versteht, die Entwicklung des Forscherlebens Sanders nicht nur zu dokumentieren, sondern auch den geneigten Leser für diesen Forschungsbereich zu interessieren.

Dieses Buch richtet sich dennoch an eine klar definierte Leserschaft, die neben dem grundsätzlichen Interesse an Entwicklungsprozessen in der frühen Kindheit und darüber hinaus auch eine Reihe einschlägiger Vorbildung voraussetzt.

So sollte man zunächst grundsätzlich mit den Grundpositionen der psychoanalytischen Theorie im Allgemeinen und der Entwicklungstheorie im Speziellen sehr vertraut sein.

Sanders Werk steht im Kontext einer vielfältigen, häufig psychoanalytisch geprägten Kleinkindforschung des 20. Jahrhunderts. Deren Positionen zu kennen und sich damit auch bereits wissenschaftlich auseinander gesetzt zu haben, erleichtert es dem Leser sicherlich, den Forschungsergebnissen und Analysen Sanders zu folgen und sich selbst konstruktiv damit auseinander zu setzen.

Fazit

Angesichts der derzeitigen gesellschaftspolitischen und fachwissenschaftlichen Diskussion um eine angemessene Kleinkindpädagogik in Deutschland kommt dieses Werk zur rechten Zeit. Vermag es doch der mitunter mehr polemisch geführten Auseinandersetzung den Hinweis zu geben, sich wieder verstärkt auf die vorhandenen Erkenntnisse und Forschungsergebnisse zu konzentrieren. Nur diese Bemühen um eine Verwissenschaftlichung und der damit einher gehenden Objektivierung kann zu einer Entfaltung einer angemessenen Kleinkindpädagogik in den entsprechenden Einrichtungen führen.


Rezension von
Prof. Dr. Helmut Lechner
Hochschule München
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Zitiervorschlag
Helmut Lechner. Rezension vom 12.05.2010 zu: Louis W. Sander, Gherardo Amadei, Ilaria Bianchi (Hrsg.): Die Entwicklung des Säuglings, das Werden der Person und die Entstehung des Bewusstseins. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2009. ISBN 978-3-608-94525-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8017.php, Datum des Zugriffs 25.09.2021.


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