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Peter Förster: Junge Ostdeutsche auf der Suche nach der Freiheit

Rezensiert von Prof. Dr. Hartmut M. Griese, 30.06.2003

Cover Peter Förster: Junge Ostdeutsche auf der Suche nach der Freiheit ISBN 978-3-8100-3452-6

Peter Förster: Junge Ostdeutsche auf der Suche nach der Freiheit. Eine systemübergreifende Längsschnittstudie zum politischen Mentalitätswandel vor und nach der Wende. Leske + Budrich (Leverkusen) 2002. 357 Seiten. ISBN 978-3-8100-3452-6. 35,00 EUR.
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Autor, Entstehungshintergrund und Überblick

Das Buch von Peter Förster bilanziert in gut lesbarer Form die relevanten Ergeb­nisse und Erkenntnisse der sog. 'Sächsischen Längsschnittstudie'. Dabei handelt es sich um eine in ihrer methodischen Anlage einzigartige Längsschnittstudie, die systemübergreifend seit 1987 (zuerst DDR, dann 'Wende' und schließlich Ost­deutschland) bei einer identischen Population (junge Ostdeut­sche zwischen da­mals 14. und zuletzt 27. Lebensjahr) umfangreiche standardisierte Befragun­gen vorgenommen und auch qualitative Daten erhoben hat und diese ausführlich do­kumentiert und interpretiert. Kurzum: Eine empirische Studie, die auf Grund ihrer methodischen Konzeption (Panel) und gewissenhaften Durchführung und Auswertung sowie ihren hochinteressanten und für die politisch Verantwortli­chen in diesem Lande bedeutungsvollen Erkenntnissen mehr Aufmerksamkeit in der wissenschaftlichen und politisch-medialen Öffentlichkeit verdient hätte - aber Peter Förster ist "abgewickelter" (exkludierter) Ostdeutscher, ehemals Mit­be­gründer und Abteilungsleiter des Ende 1990 "abgewickelten" Zentralinstituts für Jugend­forschung (ZIJ, gegründet 1966) in Leipzig.

Glücksfall Längsschnittdatenerhebung mit 16 Untersuchungswellen

Es liegt zwar mittlerweile ein riesiger, nahezu unübersichtlicher Berg an Daten und Erkenntnissen aus der sog. Transformationsforschung vor, und "Wende und Vereinigung gehören zu den am besten dokumentierten Ereignissen in der jüngs­ten deutschen Geschichte" (Vorwort, S. 7), die Studie von Förster unterscheidet sich je­doch m.E. gegenüber allen anderen Erhebungen nicht nur konzeptionell-methodisch, sondern wohl auch in ihrer Form und in ihren Ergebnissen. Denn:

Förster beschreitet hochengagiert, sich tendenziell, aber sympathisch mit der Studie und der Population fast identifizierend, den nur zu selten began­genen "Königsweg" der Sozialforschung. Seine "sys­temübergreifenden Längs­schnitt­stu­die", die er zu Recht als "Glücksfall sozial­wissenschaftlicher Forschung" bezeich­net (so wie überhaupt die "Wende" als wohl größtes sozialwissenschaft­liches Experiment zu bezeichnen ist), ist durch "zwei Besonderheiten" zu cha­rak­terisieren: In mittlerweile 16 (!) "Untersuchungswellen" von 1987 bis 2002 wurde jeweils die gleiche Population erfasst, so dass "bemerkenswerte Verän­de­rungsprozesse ihrer Mentalität und Lebenslagen über einen längeren Zeitraum hinweg dokumentiert werden", und der Untersuchungszeitraum umfasst das Auf­wachsen, Leben, Denken und Handeln in zwei unterschiedlichen Systemen. Es gibt keine zweite vergleichbare (Jugend-)Studie in Deutschland.

Zu Beginn der Erhebung 1987 wurden 1281 SchülerInnen der Geburtsjahrgänge 1972/ 73 der Bezirke Leipzig und Karl-Marx-Stadt aus 72 Klassen bzw. 41 Schu­len erfasst. Die­se Jahrgangsgruppe bzw. Kohorte hatte letztmalig vor der "Wende" die zehnklassige polytechnische Oberschule vollständig durchlaufen und war bis zum 16. Lebensjahr "DDR-sozialisiert". Nach dem vorläufigen Ab­schluss der Untersuchung im Frühjahr 1989 (Schulende nach der 10. Klasse) er­klärten sich 587 dazu bereit, an weiteren Erhebungen teilzunehmen, wovon dann letztlich "wendebedingt" (Umzug etc.) noch 485 Probanden übrig blieben. An der 14. Erhebungswelle 2000 nahmen noch 398 teil, das sind 82 % - eine er­staunlich hohe Zahl über 10 Jahre hinweg (2002 waren es 417 ! vgl. unten), die zeigt, dass sich auch die Pro­­bandInnen mit "ihrer" Studie identifizier(t)en. Das Geschlechterverhältnis der jeweiligen Stichproben ist in etwa ausgegli­chen.

Ausgewählte Ergebnisse

Auf den immerhin 357 Seiten kann man etliche hochinteressante Ergebnisse her­auslesen; der Autor entschuldigt sich zwar für die Menge der Ta­­bellen und Graphiken (im Anhang sind noch mal 23 Seiten "ergänzende Tabellen und Ab­bildungen", S. 317-346), aber die Fülle der Prozess-Daten und relevanten Er­kennt­nisse ist schier unerschöpflich und wäre eine sprudelnde Quelle für Sekun­däranalysen. Es ist daher schwer, sich auf wenige Erkenntnisse zu kon­zentrieren und eine Auswahl zu treffen. Ich muss es dennoch tun.

Erwähnenswert erscheint mir zu aller erst, dass sich "Arbeitslosigkeit" (bzw. Angst vor/ Erfahrung mit Arbeitslosigkeit) wie ein roter Faden zur Erklärung von (Veränderungen von) Mentalitäten, Einstellungen und Perspektiven gera­dezu aufdrängt. Kein anderes Merkmal (ausgenommen die klassischen Merk­male "Geschlecht" und "Bildung") schlägt sich in den Daten derlei vehement nieder. Weiter ist von Bedeutung, dass die "hohe Abwanderung" der jungen Menschen in die alten Bundesländer zur Jahrhundertwende keineswegs beendet ist (S. 26). Erschreckend (hier muss wohl normativ argumentiert werden) ist die "gravieren­de Veränderung" sowie der "massive Rückgang des politischen Be­wusstseins" und Interesses der Panelmitglieder (S. 33).

Die sog. "Wende" "führte bei sehr vielen Panelmitgliedern zu einer ungewöhn­lichen Häufung von kritischen Le­bens­ereignissen, nicht selten zu einem Schock" (S. 47). "Wende" und "Einheit" werden zwar überwiegend begrüßt, bejaht und "positiv bewertet" und "nur eine Minderheit wünscht die früheren politischen Verhältnisse zurück" (S. 54), aber der überwiegende Teil der Befragten ist schwach bis stark "unzu­frieden mit dem neuen politischen System" - dabei las­sen sich, wie bei vielen anderen Daten auch, "deutliche Unterschiede zwischen männlichen und weibli­chen Teilneh­mern erkennen": "Die weiblichen Teilneh­mer bejahen die Wende fast durchgän­gig signifikant weniger häufig" (S. 55).

Ins­gesamt wird das neue politisch-ökonomische System "mehrheitlich skeptisch oder kritisch betrachtet" (S. 87), was sich auch in einer "anhaltenden Distanz ge­genüber den demokratischen Parteien" (S. 98) niederschlägt. "Weniger als 10 % der Teilnehmer trauen dem jetzigen Gesellschaftssystem im Jahr 2000 eine Lö­sung der dringenden Menschheitsprobleme zu bzw. sehen in ihm das einzige menschenwürdige Gesellschaftsmodell der Zukunft, rund 60 % zweifeln daran, etwa ein Drittel äußert sich ambivalent" (S. 116). Der Prozess des "Identitäts­wandels vom DDR-Bürger zum Bundesbürger (erweist sich) als ein sehr lang­wie­riger Prozess mit teilweise unerwarteten Tendenzen" (S. 117). An "sozialis­tische Ideale" glaubt im Jahr 2000 "reichlich die Hälfte" - "diese Ideale finden zu­neh­­­mend Zuspruch", vor allem bei Frauen (!), waren aber "eine Zeitlang ver­drängt" (S. 132).

Jugend kann als zuverlässiger "Seismograph" für gesellschaftliche Ent­wicklung angesehen werden. "Immer weniger Panelmitglieder (verbinden) ihre eigene Zu­kunft mit Ostdeutschland" (S. 157) - der Trend nach Westen hält an, während bereits "knapp ein Drittel übergesiedelt" ist! "Die Panelmitglieder haben sich zwar mit der neuen Gesellschaft mehr oder weniger arrangiert, aber sie engagie­ren sich nicht für sie" (S. 183) - das politische Interesse an Staat, Parteien und Gesellschaft geht faktisch gegen Null! "Die (mittlerweile, H.G.) im Westen lebenden TeilnehmerInnen (sind) häufiger sehr zufrieden mit ihrem Le­ben als ihre Altersgefährten im Osten (22 % gegenüber 12 %)" (S. 188), und die "mehr oder weniger in der Bundesrepublik âangekommenenÕ ... sind psychisch signifi­kant weniger belastet als vor allem jene, die sich noch vorwiegend als DDR-Bürger fühlen" (S. 209).

Insgesamt "überwiegt ... ein positiver, bejahender Blick auf das Leben - trotz bestehender Probleme und Schwierigkeiten" (S. 214) - "Du hast keine Chance, nutze sie"? "Arbeitslosigkeit" entpuppt sich bei den untersuchten Jahrgängen als "prägende Generationserfahrung" (S. 228). Die Erfahrungen mit der neuen "Demokratie" werden tendenziell negativ dargestellt (Meinung sagen kön­nen, Interesse der Politik an der Meinung der Jugend, "erhebliche Defizite im Erle­ben sozialer Gerechtigkeit", "Unzufriedenheit mit dem politischen Sys­tem", als "Deutscher zweiter Klasse" behandelt zu werden, "abnehmende Zu­kunfts­zu­versicht für Ostdeutschland").

Es zeigen sich Hinweise auf eine Art "Langzeitwirkung der DDR-Sozialisation" (S. 243) in Bezug auf "erhebliche Nachwirkungen politischer Erziehung und Bildung" (S. 248) - allerdings erst "im Zusammenspiel mit aktuellen Erfahrun­gen und Beobachtungen" (ich will das mal DDR-revival nennen oder: Das über den "Kapitalismus" Gelernte wird plötzlich Realität). Es gilt aber auch: "Je bes­ser die Kenntnisse im Fach Staats­bürgerkunde waren, um so positiver ist nach der Wende die Einstellung gegen­über Ausländern" (S. 254)!

Westsender und "Westkanäle" dienten vielen zur politischen Information - über den Einfluss der (Massen-)Medien insgesamt (als dominante Sozialisa­tions­­in­stanz neben der peer group im Jugendalter!) ver­rät die Studie ansonsten nichts (ein Mangel, den Förster selbst benennt).

"Der Anteil von Ausländern in Ostdeutschland ... wurde erheblich überschätzt, von den jungen Frauen noch mehr als von den jungen Männern" (S. 278) - wohl Folge unverantwortlicher Presseberichte?! - aber "von Ausländerablehnung als einem 'Erbe' der politischen DDR-Sozialisation kann keine Rede sein" (S. 280). Aus­länderfeindlichkeit hat dagegen mehr mit negativen aktuellen Erfahrungen mit und in dem neuen Gesellschaftssystem, mit Zukunftspessimismus, Bildungs­ni­veau und Existenzängsten zu tun.

Bei fast allen Ergebnissen schlägt ein überaus starker Geschlechtsunterschied durch, wodurch sich auch ein eigener "Exkurs" anbietet (vgl. unten), der von der bekannten Frauenforscherin Uta Schlegel (eben­falls ehedem ZIJ) verfasst ist.

Überblick über Aufbau und Inhalte

Ein Blick auf die 13 Kapitelüberschriften gibt Hinweise auf Inhalt und auf rele­vante thesenartige Erkenntnisse:

"Ein Blick zurück" (S. 33ff) (im Zorn?), "Ja zur Wende und zur deutschen Ein­heit" (S. 47ff), "Skepsis und Kritik gegenüber dem jetzigen Gesellschaftssystem" (S. 87ff), "Schon Bundesbürger, aber noch DDR-Bürger" (S. 117ff), "Viele glauben an sozialistische Ideale, zweifeln aber an ihrer Verwirklichung" (S. 131ff), "Gesellschaftliche Krisen dämpfen persönliche Zukunftszuversicht" (S. 145ff), "Lebensorientierungen im Wandel" (S. 161ff), "Trotz bisher unbekann­ter Ängste: Das Leben ist schön!" (S. 185ff), "Einflussfaktoren des politischen Mentalitätswandels" (S. 215ff), "Exkurs I: Ausländerfeindlichkeit - Erbe der DDR-Sozialisation?" (S. 275ff), "Exkurs II: Weibliche Entscheidungszwänge und politische Distanz" (von Uta Schlegel) (S. 289ff).

Die wesentlichsten Ergebnisse und Erkenntnisse aus der Sicht des Autors wer­den sodann in 14 Thesen mit ausführlichem Erklärungstext ("Zusammenfassung und Ausblick" - S. 303 bis 315) nochmals präzise und stringent dargeboten (so­zu­sagen die Kurzfassung für Schnellleser, wovon ich aber auf Grund der Fülle der hochinteressanten Einzeldaten und -erkenntnisse abraten will).

Als kleines "Schmankerl" serviert Förster als Nachtisch ein "Postscriptum: Keine Zukunft in Ostdeutschland?!", die "neuesten Ergebnisse der 15. Unter­suchungs­welle vom Januar 2002" (S. 347 - 357), die zusätzlich auf die Folgen des "11. Septembers 2001" reagiert bzw. "insbesondere zu politischen Einstel­lungen und zur Zukunftszuversicht" interessante Daten liefert. 354 Panelmitglie­der beteilig­ten sich trotz kurzfristiger Termine, 54 % davon weiblich; das durch­schnittliche Alter betrug mittlerweile 28,6 Jahre; 80 Probanden leben mittler­wei­le in den alten Bundes­län­dern! Die wichtigsten Erkenntnisse lauten: "Zukunfts­ängste nehmen wieder zu" (S. 349), vor allem bei Frauen; die "Zufriedenheit mit der Militärpolitik der Bundesrepublik" geht zurück (S. 348); die meisten (68 %) "fühlen sich als Bundesbürger, ohne jedoch ihre Verbundenheit mit der DDR auf­gegeben zu haben" (S. 351); "nach wie vor (bestehen) Zweifel an der Zu­kunfts­fähigkeit des jetzigen Gesellschaftssystems" (S. 352) und es bleibt die Grundtendenz: "Keine Zukunft im Osten!" (S. 354) - letztere Aussage wäre auch ein passender (empirisch belegter) Titel, denn "geradezu schockierend sind die neuesten Daten zur Zukunftszuversicht für Ostdeutschland!" (S. 355).

Für die "16. Welle dieser Längsschnittstudie, die im April 2002 begann" haben sich (letzter Satz, S. 357) "bis zum Redaktionsschluss ... bereits 417 junge Frau­en und Männer beteiligt" - der wohl einzig "positiv" zu nennende Anstieg im Kon­text der Studie und ihrer oftmals schockierenden Ergebnisse.

Fazit

Der Titel das Buches hat mich als ein­ziges geärgert, zumal die Studie klar belegt, dass "Freiheit" zumeist nur mit "Reisefreiheit" assoziiert wird, weniger mit demokratischen Freiheiten oder "Meinungsfreiheit". Die Mehr­heit der Panelmitglieder (43 % zu 41 %) ist 2000 der Meinung: "Freiheit nützt nichts, wenn man keine Arbeit hat" (S. 110) - "Für sie ist Freiheit eine Illusion" (S. 114); "Ohne Arbeit keine Freiheit" (S. 307) - diese Auffassung von etwa der Hälfte der Panelmitglieder hätte einen treffende­ren Titel für die äußerst interessante und informative Studie ergeben, der ich vie­le Leser, vor allem in politisch-öffentlich verantwortlichen Stellen, wünsche.

Rezension von
Prof. Dr. Hartmut M. Griese
Leibniz Universität Hannover, Philosophische Fakultät, Institut für Soziologie und Sozialpsychologie.
ISEF-Institut (Institut für sozial- und erziehungswissenschaftliche Fortbildung
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Zitiervorschlag
Hartmut M. Griese. Rezension vom 30.06.2003 zu: Peter Förster: Junge Ostdeutsche auf der Suche nach der Freiheit. Eine systemübergreifende Längsschnittstudie zum politischen Mentalitätswandel vor und nach der Wende. Leske + Budrich (Leverkusen) 2002. ISBN 978-3-8100-3452-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/803.php, Datum des Zugriffs 05.10.2022.


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