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Thomas Alkemeyer, Kristina Brümmer u.a. (Hrsg.): Ordnung in Bewegung. Choreographien des Sozialen

Cover Thomas Alkemeyer, Kristina Brümmer, Rea Kodalle, Thomas Pille (Hrsg.): Ordnung in Bewegung. Choreographien des Sozialen. Neue Perspektiven der Körper- und Raumforschung. transcript (Bielefeld) 2009. 160 Seiten. ISBN 978-3-8376-1142-7. 20,80 EUR, CH: 33,90 sFr.

Reihe: Materialitäten - 10.
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Thema

Ohne Zweifel zeigen Tänze (Volks- wie Gesellschaftstänze, Ballett wie Tanztheater) und sportliche Spiele (von der Gymnastik bis zu Fußball und Fechten) geordnete und spontane (oder spontan geordnete) Bewegungen; sie können also durchaus mit dem aus dem Griechischen stammenden Begriff der Choreographie[1] gefasst werden. Die Beiträge des Sammelbandes „Ordnung in Bewegung. Choreographien des Sozialen“ gehen aus von Beschreibungen und Analysen stark körperlich bestimmter Bewegungen vor allem in Sport, Tanz und Theater, aber auch in Arbeit und Bildung; die dabei gewonnenen Erkenntnisse sind „als Bausteine für eine Theorie des Sozialen gedacht, die die sinnlich-körperlichen Dimensionen von Sozialität angemessen berücksichtigt“ (15). Dabei ist „These“ der HerausgeberInnen, dass „die (Körper-)Praktiken des Sports, des Tanzes und des Theaterspielens eine über ihren besonderen Gegenstand weit hinausreichende, allgemeine theoretische und empirische Relevanz“ haben (9).

Entstehungshintergrund

„Ordnung in Bewegung. Choreographien des Sozialen“ geht zurück auf eine gleichnamige Tagung an der Universität Oldenburg im Oktober 2006. Schon diese Tagung hatte Initiativen aufgegriffen, „Ordnung von Bewegungen als ‚Choreographien‘ zu beschreiben“ (52), und wollte „über – im weitesten Sinne – praxeologische Untersuchungen von Sport, Tanz oder Theaterspiel zunächst einen genaueren Einblick in die materialen, körperlich-sinnlichen sowie temporalen Dimensionen der praktischen Konstruktion sozialer Ordnungen und ihrer Subjekte“ erlangen; sie wollte an diesen gleichsam konkret-sichtbaren körperlichen Bewegungen und Ordnungen den Blick schulen, um ihn „dann auch auf andere, vermeintlich rein geistige Sozialbereiche und Praktiken zu richten“ (14). In dem Sammelband werden jetzt die Referate der Tagung publiziert und durch weitere Beiträge ergänzt

Aufbau und Inhalt

Der zweite Untertitel des Sammelbandes fasst den Aufbau zusammen „Körper in Sport, Tanz, Arbeit und Bildung„; er sollte ergänzt werden durch Theater, das mit einem gewichtigen Beitrag von Ute Pinkert gleich berechtigt vertreten ist und auf das auch in den anderen Texten immer wieder hingewiesen wird.

Der Band beginnt mit einer von den vier HerausgeberInnen gemeinsam verfassten, ausführlichen Einleitung („Zur Emergenz von Ordnungen in sozialen Praktiken“, 7 ff), die auch die neun Einzelartikel kurz vorstellt, charakterisiert und einordnet; der erste dieser Artikel (von Kristina Brümmer) bringt überdies eine weitere „komplettierende Hinführung zur Gesamtthematik“ (15). Zentrales Thema ist das Handeln, das Tun, ist die „Beteiligung von Räumen, Dingen und Körpern am Handeln“ (8), Beteiligung auch der „Sprache“ (7) – keinesfalls aber „mentalistisch-intellektuell“ verkürzt, sondern unter spezifischer Berücksichtigung der „körperlich-materialen Dimensionen von Subjektivität und Sozialität“ (10).

Dabei wird mitgedacht, dass „die verschiedenen Handlungsträger bereits etwas in das unmittelbare setting einbringen – entweder als in der räumlich-gegenständlich-technischen Ordnung ‚objektivierte‘ Geschichte oder als in den Akteuren ‚inkorporierte‘ Geschichte, das heißt – in der Terminologie Bourdieus – als Habitat und Habitus“ (14). Auf Bourdieu wird auch sonst immer wieder Bezug genommen: auf seine „Analysen des ‚praktischen Sinns‘“ (13) wie auf seinen Spielsinn: „Als Ergebnis der Spielerfahrung, also der objektiven Strukturen des Spielraums, sorgt der Sinn für das Spiel dafür, dass dieses für die Spieler subjektiven Sinn, d.h. Bedeutung und Daseinsgrund, aber auch Richtung, Orientierung, Zukunft bekommt“ (zitiert S. 76 f).

Gleichsam als zweite Einleitung legt Kristina Brümmerihre “Überlegungen zu einer interdisziplinären Systematisierung“ (21 ff) unter dem Stichwort „Praktische Intelligenz„vor: „eine nur begrenzt bewusstseinsfähige und formalisierbare, emotional regulierte, praktische Intelligenz, die sozial erlernt sowie hochgradig körperbezogen ist“ (22). Als Motto wird wiederum Bourdieu zitiert: „Ich glaube, dass neben dem Tanz der Sport einer der Bereiche ist, in dem sich das Problem des Verhältnisses von Theorie und Praktik wie auch das von Sprache und Körper am schärfsten stellt“ (21). „Die Sportspiele und der Kampfsport“, folgert Brümmer, „dramatisieren somit Anforderungen an das Handeln und Entscheiden, denen wir auch im Alltag z.B. beim Autofahren in dichtem Verkehr … begegnen“ (22).

In ihrem weit gespannten, gelungenen Überblick verweist die Autorin auf „traditionelle Handlungstheorien“ aus Soziologie (Weber, Schütz), Psychologie und Sportwissenschaft; sie benennt alternative Wissensformen (etwa die neuere Hirnforschung, aber auch Pascal: „Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt“, 28); sie geht ein auf Management und Arbeitssoziologie sowie auf die Expertiseforschung. Unter Bezug auf Dreyfus/Dreyfus und Bromme erläutert sie: Experten handeln „im Rückgriff auf ein professionelles Wissen, das sich durch praktische Erfahrungen im Feld entwickelt, in einverleibter und impliziter Form vorliegt sowie hochgradig verdichtet und fallspezifisch strukturiert ist. Dieses ermöglicht dem Könner ein unmittelbares Verstehen einer Vielzahl an Problemsituationen und ein intuitives Reagieren auf diese, ohne vorher ausgiebig und analytisch nachdenken zu müssen“ – eine „reflection-in-action“ (Schön 2005) oder „besonnene Rationalität“ (Dreyfus/Dreyfus 1988) (29).Brümmer berührt dann „Theorien zum Musizieren“ (vergl. Anmerkung 1) und nennt Merleau-Ponty als „wichtigste Referenzquelle“ für „Grundannahmen der soziologischen Praxistheorie“ (32 f); dabei verweist sie wiederum auf den „Bourdieuschen Praxissinn“ und zitiert Praktiken, die, so Bourdieu, „objektiv geregelt und regelmäßig sind, ohne das Ergebnis von Regeln zu sein …und … rückblickend durchaus zweckmäßig erscheinen“ (33).

Dann folgen „Alternative Wissensformen in der Bewegungswissenschaft“ (implizites Wissen im Sport, Intuitionen im Sport, Bewegungsgefühl, 33 ff) und Hinweise auf das „ökologische Affordanzkonzept“ (39). Brümmer schließt ihre umfassende interdisziplinäre Systematisierung ab mit Bemerkungen zur „Relevanz des Zusammenhangs bewegungswissenschaftlicher und praxissoziologischer Forschung“ (40 ff) und zu Forschungsdesideraten (43 f). -

„Bewegungen“, so Larissa Schindler in “Beschreiben einer Bewegungsordnung“ (51 ff) „sind neben der äußerlichen Erscheinung eines Körpers sein zentrales Interaktions- und Selbstdarstellungsmedium“ (51). Sie untersucht die „Vermittlung von Bewegungswissen in einem Mainzer Kampfkunstverein“ und durch eine „Mainzer Flamenco-Tanzlehrerin“ (52); sie „weist hin auf „Probleme der Versprachlichung von stummem Wissen„; allerdings: „Im praktischen Tun der Trainings- und Tanzstunden … werden Bewegungsordnungen verhältnismäßig problemlos beschrieben und vermittelt … Man lernt, indem man zusieht und nachmacht, und man vermittelt, indem man zeigt“ (53 f). Tröstlich für Lehrende und Lernende Goffmans Bemerkung, dass „Schnitzer oder Versager ohne größeren Schaden und mit belehrender Wirkung eintreten können“ (62). -

Bourdieu hatte schon gewarnt: „Alles weist darauf hin, dass der Handelnde, sobald er über seine Praxis nachdenkt und sich damit sozusagen theoretisch in Positur wirft, keine Chance mehr hat, die Wahrheit seiner Praxis und vor allem die Wahrheit des praktischen Verhältnisses zur Praxis zu formulieren; die wissenschaftliche Fragestellung verführt ihn, gegenüber seiner eigenen Praxis einen Standpunkt einzunehmen, der nicht mehr der des Handelns ist, ohne deswegen der Standpunkt der Wissenschaft zu sein“ (84 f) – Theoretisieren also gleichsam als Stolperstein. Jedenfalls weisen mehrere Aufsätze des Sammelbandes auf diese Schwierigkeit hin; Christiane Berger und Sandra Schmidtzitieren sie am Ende ihres Beitrags “Körperwissen und Bewegungslogik. Zu Status und Spezifik körperlicher Kompetenzen“ (65 ff). Sie gehen aus von „Tanz- und Turnbewegungen“ (65), wenden sich mit der Tanzwissenschaft „gegen ein Wissen…, das dynamische Vorgänge über statische Konzepte zu fassen versucht“ (Klein 2007) und hoffen mit Brandstetter (2007): „Tanz würde dann die Grenzen dessen, was wir für Wissen und Wissenschaft halten, verschieben und damit unser Verständnis von Wissen selbst in Bewegung setzen“ (hier zitiert S. 66).

Kritische Blicke gelten der Sportwissenschaft („Nur in einigen wenigen Veröffentlichungen wird in jüngster Zeit der Bewegung Vorrang vor dem Körper eingeräumt“, 68), ein Seitenblick dem Tango argentino (70). Wie stark das „Körpergedächtnis“ und das „menschliche Bewegungsgedächtnis, das sogenannte prozedurale Gedächtnis“ (71) wirken, zeigen – gleichsam im Gegenbild des Verlernens - die intensiven Bemühungen des Choreographen William Forsythe, der „versucht, das Bewegungsgedächtnis seiner Tänzer weitestmöglich zu unterlaufen, die bekannten Muster zu durchbrechen“, um „so das Bewegungsspektrum zu erweitern“ (72). Denn auch das „empfindsame Instrument“ Körper (Mabel Todd 2001), der „responsive body“ (Novack 1990) sind „erworben und damit zwangsläufig historisch und kulturell beeinflusst“ (76), sind eingebunden in Geschichte und aus dieser Geschichte nur mit Mühe zu lösen. In diesem Zusammenhang problematisieren die Autorinnen die Kategorie „Sinn“ und weisen hin auf dessen „kulturelle Bedingtheit“ (78 ff): Was meint etwa heute „die ‚logische‘ Entwicklung einer Barrenübung“, was bedeutet ein „Salto während eines Fußballspiels“ (80), wie weit reicht „neben dem technischen Verstehen der Bewegung … ein affektives Verstehen“ (82)? „Letztlich gilt es“, so die Autorinnen etwas überraschend, „das Verhältnis von Bewegen und Denken zu klären. Handelt es sich um ein Konkurrenzverhältnis, um ein gegenseitiges Intensivieren oder ist beides ineinander verschränkt und läuft gleichzeitig ab?“ (86). -

Melanie Haller untersucht „Kontingenz und Intersubjektivität im Tango Argentino“ unter der Überschrift „Bewegte Ordnungen„(91 ff). Sie spricht von „strukturierter Improvisation“ (97) und erläutert: „Das Gelingen einer gemeinsam produzierten beweglichen Ordnung wird beim Tanzen subjektiv als ‚dialogische‘ Erfahrung wahrgenommen„; es wird auch als „Verschmelzung“ bezeichnet (102). Dabei „wird jeder einzelne Schritt von den Tanzenden intersubjektiv ausgehandelt; ein Tanz entsteht so im wahrsten Sinne des Wortes Schritt für Schritt“ (102). -

In dem Beitrag von Fritz Böhle und Dirk Fross geht es um „Erfahrungsgeleitete und leibliche Kommunikation und Kooperation in der Arbeitswelt“ (107 ff). Aus Arbeitssoziologie und -psychologie übernehmen sie die Unterscheidung „zwischen einer handwerklich geprägten vornehmlich teamartigen Kooperation, bei der eine unmittelbare Zusammenarbeit besteht, und einer industriellen, technisch vermittelten ‚gefügeartigen Kooperation‘ (Popitz, Littek)“ (107). Während es bei einer „wissenschaftliche Betriebsführung“ um „Trennung sowie hierarchische Zuordnung von planend-dispositiver, geistiger und ausführender, körperlicher Arbeit“ geht (108), versucht eine „erfahrungsgeleitete Kooperation und Kommunikation“ (110) eine „Berücksichtigung nicht exakt beschreibbarer und definierbarer Gegebenheiten“ und bezieht sich „auf ein gemeinsames Erfahrungswissen“ (111), das auf ein gegenstandsbezogenes, sinnlich-spürendes Wahrnehmen zurückgreift. „Gerade in der Berücksichtigung nicht exakt beschreibbarer und definierbarer Gegebenheiten liegt der besondere Vorteil dieser Kommunikation (vergl. Böhle/Bolte). Einen besonderen Ausdruck findet dies in der sog. ‚empraktischen Kommunikation‘. … Bei einem ‚empraktischen Sprechen‘ handelt es sich nicht immer um ganze Gesprächssequenzen, sondern oft nur um frei stehende Äußerungen, die in einen praktischen Kontext eingebunden sind“ (111). Mit Überlegungen dieser Art wird, so die Autoren, „das vorherrschende Verständnis von Arbeit als ein planmäßig-rationales Handeln ergänzt und modifiziert“ (112).

Im Folgenden referieren Böhle / Fross ausführlich den Kieler Philosophen Hermann Schmitz und seinen Gegenentwurf zur „dominanten europäischen Intellektualkultur (Schmitz)“ (113); sie beschreiben dann „soziale Interaktion im Rahmen personenbezogener Dienstleistungen wie der Pflege“ (122). „Verhältnis und gemeinsames Tun von Pflegekräften und Pflegebedürftigen sind dabei wesentlich durch die Dimensionen und Kategorien des eigenleiblichen Spürens bestimmt. Haltung, Stimme, Blick und Bewegungen etc. der Pflegebedürftigen werden von den Pflegekräften unwillkürlich in ihren leibbezogenen Qualitäten spürend wahrgenommen„; auch in diesem Fall sind Arbeitsabläufe ähnlich wie bei einem „Kammerorchester oder einer Jam Session … nicht vollständig ex ante organisiert (Schubert/Rammert)“ (123 – wieder also ein Beispiel aus der Musik!). -

Unter der Überschrift „Körper im Spiel“ behandelt Ute Pinkert „Choreographien des Sozialen als Gegenstand des Theater und der performativen Sozialforschung“ (127 ff). Mit ihrer „Fragestellung, unter welchen Bedingungen Theater als Arbeit mit und an der Choreographie des Sozialen begriffen werden kann“, bewegt sie sich von Beginn an auf der Vergleichsebene Theater/Gesellschaft; sie sieht in „der Theaterästhetik Bertolt Brechts … ein Modell für eine ästhetisch soziologische Praxis“ (127). Damit bezieht sie sich auf eine Theaterarbeit, „die in besonderem Maße die Beziehung zwischen sozialem Alltag und Theaterkunst reflektiert und bearbeitet und dabei explizit und implizit auf soziologische Kategorien und Denkweisen Bezug nimmt“ (129).

Ausgangspunkt der Überlegungen ist die gute alte Aristotelische Tradition („Theater … ist Nachahmung menschlicher Handlungen“, 128), ergänzt durch Brecht, welcher schon den Beobachtungsprozess begreift als „einen Akt der Nachahmung, welcher zugleich ein Denkprozess ist“ (132). „Für ihn war Theater ‚immer ein Abbild der Welt‘, in dem Schauspieler zeigen, ‚wie sich Menschen unter bestimmten Umständen benehmen‘ (Brecht)“ (130). Wichtig in diesem Zusammenhang sein Begriff der „Haltung“ (bei Bourdieu Habitus!): „Haltung erscheint als etwas, was die Beziehung der Person zur Welt bestimmt und sich demzufolge in all ihren Aktionen niederschlägt“ (130). Mit Brechts eigenen Worten: „unsere haltungen kommen von unseren handlungen, unsere handlungen kommen von der not“. Und noch ein schönes Brecht-Zitat: „Es wird oft vergessen, auf wie theatralische Art die Erziehung des Menschen vor sich geht. Das Kind erfährt, lange bevor es mit Argumenten versehen wird, auf ganz theatralische Art, wie es sich zu verhalten hat. Es lacht mit, wenn gelacht wird, und weiß nicht warum. … Es sind theatralische Vorgänge, die den Charakter bilden. Der Mensch kopiert Gesten, Mimik, Tonfälle. Und das Weinen entsteht durch Trauer, aber es entsteht Trauer auch durch das Weinen“ (131). „Die Choreographie der Bühnenhandlung im Brechtschen Theater“, so die Autorin, „wäre damit als eine Art verkörperte Soziologie zu beschreiben“ (133).

In diesem Zusammenhang behandelt Pinkert ausführlich Brechts Begriff des Gestus und die besondere Praxis seiner Lehrstücke. „Kernstück der Lehrstücke ist der Einsatz des Körpers als Medium sinnlicher Erkenntnis sozialer Prozesse. Dies wird ermöglicht durch die anthropologische Fähigkeit des Körpers, wie ein Speicher zu funktionieren, der Wahrnehmungs- und Denkweisen sowie Gefühle an körperliche Zustände bindet. Innere Haltungen sind damit untrennbar mit bestimmten äußeren Körperhaltungen, -bewegungen und -spannungen verbunden und stellen sich ein, wenn der Körper diese Haltungen und Bewegungen ausführt, wie sie umgekehrt zu diesem äußeren Ausdruck drängen (vergl. Bourdieu)“ (135)[2]. Ähnlich wird im „Szenischen Spiel“ (Ingo Scheller) gearbeitet: „Im Gegensatz zur Suche nach wirkungsvollen theatralen Umsetzungsmöglichkeiten im Theaterspiel wird im ‚szenischen Spiel‘ der Prozess der Rollenerarbeitung in den Mittelpunkt gestellt“ (137). Bei Pinkert stehen diese Bemerkungen in dem Unterkapitel „Action research“ (136 ff); sie weist darin hin auf ein 1997 nur sehr knapp beschriebenes Projekt, bei dem „mit Hilfe dieses Verfahrens in spezifischer Weise ‚soziale Situationen in ihrer sozialen Dynamik‘ (Scheller/Nitsch)“ erschlossen werden sollten. „In Verbindung mit qualitativen Methoden wurde das ‚szenische Spiel damit“, so Pinkert, „zur Grundlage eines multidimensionalen Forschungsdesigns“ (137). Und optimistisch fährt sie fort: „Vor dem Hintergrund neuerer Entwicklungen einer Performative Social Science erscheinen die Erprobungen von Ingo Scheller und Wolfgang Nitsch als ein wertvoller Impuls“ (138). -

Szenen des Lernens“ (141 ff) „beim Break- und Streetdance-Training in einer Berliner Jugendeinrichtung“ werden sorglich beobachtet und beschrieben von Birgit Althans, Daniel Hahn und Sebastian Schinkel. Zwar „kann Lernen als ein eigentlich nicht beobachtbarer Prozess begriffen werden, in welchem Wissen inkorporiert wird“ (141), immerhin aber lassen sich in dem beobachteten Training sehr deutlich „Ordnungen zwischen Konzentration und Zerstreuung von Aufmerksamkeit“ (144) erkennen, lassen sich „Fixierung und Lenkung von Aufmerksamkeit“ als „eine andere Art der Herstellung von Ordnung“ bezeichnen. „Erziehung kann dementsprechend als ein Prozess der Bündelung und Ausrichtung von Aufmerksamkeit zu bestimmten pädagogischen Zielen und Zwecken mit Strategien der Minimierung von ‚Störungen‘ begriffen werden“ (146). Das Break- und Streetdance-Training changiert „zwischen Übung, Zerstreuung und Spiel … inmitten des Unterrichts wird immer wieder herumgealbert, einander geneckt und ‚gefrotzelt‘. … In der Figur des Trainers … überlagern sich für die Beobachter unterschiedliche Bilder pädagogischer Anleitung, wie die eines Lehrers, ‚Vortänzers‘, ‚großen Bruders‘, ‚Animateurs‘ und ‚Dompteurs‘“ (147).

Beobachten lässt sich auch, wie „sich die Jungen von der Musik mitreißen lassen und ihre Bewegungen ‚ausschmücken‘ – bis hin zu von der Gruppe nahezu abgekoppelten, eigenwilligen Bewegungssequenzen. Im Verlauf des Trainings emergieren immer wieder Situationen ‚kreativer Unordentlichkeit‘ … Situationen des Spiels“ (153); diese „bewegliche Ordnung zwischen Disziplin und Spiel-Atmosphäre“ (157) wird von Althans, Hahn, Schinkel mit Bezug auf Sutton-Smith (und mit Hinweisen auf Volker Schuberts Konzeptionen einer „pädagogischen Atmosphäre“) interpretiert. Dabei ist Aufmerksamkeit „nichts, was latent, als Potential, vorhanden ist und sich dann zu bestimmten Zeitpunkten realisiert, sondern was in jedem Augenblick da ist und neu ausgerichtet, gelenkt werden muss“ (157), also auch „kein gleichsam ‚natürlich‘ gegebenes Phänomen, sondern … zutiefst historisch strukturiert und in spezifischer Weise mit Machtdispositionen verbunden“ (158). Ergänzt werden die Ausführungen durch vier kleine Fotos aus der Video-Dokumentation.

Abschließend zitieren die Autoren aus George Steiners meisterhaftem Essay „Der Meister und seine Schüler“ (2003): „Der Meister, der Pädagoge wendet sich an den Intellekt, an die Vorstellungskraft, das Nervensystem, das tiefe Innere seines Zuhörers. Beim Unterricht von körperlichen Fertigkeiten, von Sport und musikalischen Darbietungen, wendet er sich an den Körper. Ansprache und Aufnahme, das Psychische und das Physische sind überhaupt nicht voneinander zu trennen (man beobachte eine Ballettklasse bei der Arbeit)“ (hier zitiert S. 158 f). -

Auch Thomas PillesOrganisierte Körper. Eine Ethnographie des Referendariats“ (161 ff) beruht auf sorglichen Beobachtungen (hier im Rahmen eines Dissertationsprojekts). Beobachtet wird, „wie die konkrete Welt beschaffen ist, in der die Referendare tätig sind, welche Angebote ihnen von der Organisation Schule gemacht werden und welche Rolle beispielsweise Mentoren, Seminarleiter, Schüler und Artefakte für die Ausbildung eines dem setting der Schule adäquaten Lehrerhabitus spielen“ (162); dabei werden insbesondere „Prozesse betrachtet, in denen Referendare einen bestimmten Umgang mit Unterrichtsstörungen erlernen“ (163). Sie zeigen, so der Autor, „dass die Novizen durch die ‚Kräfte des Referendariats‘ systematisch dazu aufgefordert werden, sich etablierter organisationstypischer Gesten und Routinen zu bedienen“ (163 f) – in der Terminologie von Bourdieu eine „Habitustransformation“ (164).

Was die Referendare eigentlich lernen sollen, wird zumeist nur vage umschrieben (Blick, Gespür, Gefühl für die Situation); es „scheint sich um eine spezifische Könnerschaft zu handeln, die sich nicht ohne Probleme verbalisieren lässt“ (165). Trotzdem aber lernen die Referendare, „das ‚Spiel‘ des Unterrichts zu lesen und bekommen allmählich ein Gefühl dafür, was passend und was eher unangebracht sein könnte“ (165); sie „lernen, ihren Körper auf bestimmte und wieder erkennbare Weise zu gebrauchen“ (172). „Im Zusammenspiel mit dem räumlich-materiellen setting des Klassenraums“ gelingt es, „allmählich an die Routinen der Schüler anzukoppeln“ (174); „es entstehen ‚Momente des Spielflusses‘, die von den Akteuren augenscheinlich unmittelbar als sinnvoll erfahren werden“ (173). „Mit der Einverleibung der Bedingungen des Feldes geht, so lässt sich im Anschluss an Bourdieu formulieren, die Ausbildung eines praktischen Glaubens an die Ordnungen, Hierarchien und Regeln des Spiels einher“ (173).

Pille geht knapp auch auf die Formung der Schüler durch das schulische Setting ein und schließt mit einigen durchaus kritisch gemeinten und kritisch zu nehmenden Bemerkungen: „Über die Formung ihrer Körper werden sie (die Referendare) unbemerkt in die ‚sozialen Spiele‘ der Schule hineingezogen. Durch die erfolgreiche Übernahme körperlicher Dispositionen und ihre Einbindung in die Praktiken des Feldes, verlieren die Referendare zunehmend ihre Distanz zur Organisation und damit den kritischen Blick für deren herrschende Ordnungen und Regeln. Die Ausbildung der ‚professionellen Mitarbeiter‘ scheint gerade deshalb so effizient zu sein, weil sie in mimetischen Praktiken von Körper zu Körper erfolgt, ohne dabei den Umweg über Ratio oder Vernunft zu nehmen“ (177). -

Markus Rieger-Ladich interpretiert mit seinen „Lektionen in symbolischer Gewalt“ (179 ff) die im Jahr 2000 in deutscher Übersetzung erschienene Autobiographie von James Salter „Verbrannte Tage“. Darin beschreibt der amerikanische Autor Erinnerungen an seine Militärzeit und damit „Subjektivierungspraktiken …, durch die nicht nur männliche Identitäten erzeugt werden, sondern eben auch Loyalität zu denjenigen Institutionen, die als Inkarnation patriarchaler Herrschaft gelten müssen“ (180); sie bringen Salter dazu, „sich genau jene Handlungsmuster anzueignen, die er zu Beginn seiner militärischen Ausbildung nicht zuletzt wegen ihrer unverhohlenen Brutalität verachtet“ (192). Damit, so Rieger-Ladich, „scheint sich Bourdieus These zu bestätigen, dass soziale Gruppen ‚ihr kostbarstes Vermächtnis dem Körper anvertrauen, der wie ein Gedächtnis behandelt wird‘“ (188). Und noch einmal Bourdieu: „Vollendet wird der männliche Habitus (besser wäre wohl: „dieser“ männliche Habitus) nur in Verbindung mit dem den Männern vorbehaltenen Raum, in dem sich, unter Männern, die ernsten Spiele des Wettbewerbs abspielen“ (181). Gefährlich dabei ist, dass es einer solchen ‚Erziehung‘ gelingt, „Eigenschaften sozialer Natur so zuzuschreiben, dass sie als Errungenschaften natürlicher Natur erscheinen“ (Bourdieu, hier 188).

Erfahrungen wie die von Salter „scheinen den Verdacht zu erhärten, dass etwa auch der Zugang zum akademischen Feld und die Formierung wissenschaftlicher Subjekte über durchaus vergleichbare Praktiken organisiert wird“ – ähnlich wie die von Pille beschriebenen „organisierten Körper … des Referendariats“ (s.o.). Jedenfalls wäre, so Rieger-Ladich, „nach Maßnahmen zu fahnden, die geeignet wären, alternative Formen der Vergemeinschaftung zu stärken, neue Formen der Kooperation zu erproben, und die Entwicklung nicht-hegemonialer Formen der Männlichkeit zu unterstützen“ (193).

Diskussion

Der Sammelband über „Körper in Sport, Tanz,“ Theater, „Arbeit und Bildung“ (fast so etwas wie ein ausführlicher Bourdieu-Kommentar oder eine Bourdieu-Konkretisierung) hält, wenn auch nicht in jedem einzelnen Beitrag, insgesamt überzeugend die Balance zwischen intelligenter Theoretisierung und genauer Deskription – zwischen präzisen Beobachtungen und klugen (teilweise zu weit ausgreifenden) Analysen. Körperliche Ordnungen werden in den unterschiedlichsten Bereichen herausgearbeitet und damit eingängige Formulierungen wie „Ordnung in Bewegung“ oder „Choreographien des Sozialen“ mehr als gerechtfertigt. Das ist nicht umstürzend und kein neues Paradigma, sondern ein spezifischer Blick auf Wirklichkeit, der unsere Realitätserkenntnis erweitert und vor allem unsere Aufmerksamkeit in einer besonderen Weise schärft und schult. Damit wird zum Beispiel, so Böhle / Fross, „das vorherrschende Verständnis von Arbeit als ein planmäßig-rationales Handeln ergänzt und modifiziert“ (112); die Erkenntnisse, so zeigt sich, sind also durchaus brauchbar „als Bausteine für eine Theorie des Sozialen …, die die sinnlich-körperlichen Dimensionen von Sozialität angemessen berücksichtigt“ (15). „Angemessen berücksichtigt“ – der Sammelband tritt also (nicht nur im Vorwort) bescheiden auf, schreit nicht gleich modisch ein neues Paradigma aus; er nennt und kennt zwar alle die „turns“ (practical, performative, body, spatial, somatic turn – nicht zu vergessen die kognitive Wende – 11, 22, 24, 67 usw.), behauptet aber selbst kein werbewirksames Alleinstellungsmerkmal, sondern stellt, seriös und bescheiden, „Bausteine“ bereit. Dabei werden nicht alle wichtigen Kernbereiche gleichmäßig herangezogen: Körperliches in der Sprache, in Stimme und Musik tauchen nur beiläufig auf; Raum und Gegenstand (Architektur) werden so gut wie gar nicht behandelt.

Fazit

„Ordnung in Bewegung“ behandelt mit „Choreographien des Sozialen“ eine wichtige Fragestellung und untersucht die Ordnung von bewegten Körpern in unterschiedlichen Bereichen: in Sport, Tanz, Theater, Arbeit und Bildung. Die durchweg soliden Beobachtungen und eindrucksvollen Beschreibungen werden intelligent theoretisiert, überwiegend mit Rekurs auf Bourdieu. Sie behandeln zunächst Bereiche, in denen bewusst und gezielt „gemacht“ wird, also das Machen von „Ordnung“ auch intendiert ist. Kein Zweifel jedoch, dass sich Ordnungsprozesse auch ohne spezifische Intentionen abspielen; kein Zweifel auch, dass bewegte Körper auch auf anderen „Spiel„-Feldern höchst wirkungsvoll agieren.

Insofern kann die These der HerausgeberInnen durchaus bestätigt werden, dass „die (Körper-)Praktiken des Sports, des Tanzes und des Theaterspielens eine über ihren besonderen Gegenstand weit hinausreichende, allgemeine theoretische und empirische Relevanz“ (9) für eine allgemeine „Theorie des Sozialen“ haben, die sich, hoffentlich, auch für „reine“ Geisteswissenschaften als anregend erweist.


[1] Eigentlich einen „Tanz schreiben“ (choreia, auch choros – der Reigentanz; grapho – ritzen, malen, schreiben); im klassischen Griechisch „chorodidaskalia“ – die Kunst des Chormeisters (des chor-egos oder chor-agos, der den Chor ausstattete und einübte). Übrigens tanzte der Chor der griechischen Tragödie oder Komödie nicht nur, sondern sang und sprach auch. Insofern ist es verwunderlich, dass Musik und Sprache in den „Choreographien des Sozialen“ nicht eigens behandelt werden.

[2] Leider gibt es in diesem Zusammenhang einige missverständlich bzw. zu rigoros formulierte Sätze zu Auswirkungen des Lehrstücks auf Kulturpädagogik und Theaterpädagogik insgesamt. Man/Frau sollten also nicht lesen: „Die Lehrstückarbeit führte zur Ablösung des bis dahin dominanten kulturpädagogischen Paradigmas der musischen Bildung“ (135), sondern eher: Die Lehrstückarbeit war eine der Praktiken, die „zur Ablösung des bis dahin dominanten kulturpädagogischen Paradigmas der musischen Bildung“ führte; auch nicht: “ Die Lehrstückarbeit … stellte die kulturelle Bildung im Medium des Theaters konzeptionell und praktisch auf eine neue Grundlage“ (135), sondern: Die Lehrstückarbeit bereicherte oder erweiterte „die kulturelle Bildung im Medium des Theaters“. Und sicherlich auch nicht: „Die Lehrstückbewegung bildet damit die Grundlage der Theaterpädagogik, wie sie sich seitdem zu einer eigenständigen Disziplin innerhalb der kulturell-ästhetischen Bildung entwickelt hat“ (135); sondern: „Die Lehrstückbewegung bildet“ eine (oder eine wichtige) Grundlage einer bestimmten Richtung (oder von bestimmten Verfahrensweisen) der Theaterpädagogik.


Rezension von
Prof. Dr. Hans Wolfgang Nickel
Institut für Spiel- und Theaterpädagogik der Universität der Künste Berlin
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Zitiervorschlag
Hans Wolfgang Nickel. Rezension vom 27.11.2009 zu: Thomas Alkemeyer, Kristina Brümmer, Rea Kodalle, Thomas Pille (Hrsg.): Ordnung in Bewegung. Choreographien des Sozialen. Neue Perspektiven der Körper- und Raumforschung. transcript (Bielefeld) 2009. ISBN 978-3-8376-1142-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8033.php, Datum des Zugriffs 15.06.2021.


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