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Anke Kerschgens: Die widersprüchliche Modernisierung der elterlichen Arbeitsteilung

Cover Anke Kerschgens: Die widersprüchliche Modernisierung der elterlichen Arbeitsteilung. Alltagspraxis, Deutungsmuster und Familienkonstellation in Familien mit Kleinkindern. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 257 Seiten. ISBN 978-3-531-16368-0. 34,90 EUR.
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Thema

Das Thema „Arbeitsteilung“ zwischen den Geschlechtern ist gesellschaftspolitisch seit mehreren Jahrzehnten mit dem Ziel der Gleichstellung sozialpolitisch bedeutend. Arbeitsteilung wird dabei einerseits durch (äußere) Faktoren wie ungleiche Entlohnung, Muster von Erwerbskarrieren, steuerliche Regelungen, gesellschaftliche Bilder oder Kinderbetreuungsmöglichkeiten institutionell präformiert. Vereinbarkeit von Arbeit und Familie ist daher nicht bloß ein privates, sondern ein strukturell und gesellschaftlich angelegtes Thema. Untersuchungen dazu sind breit gefächert und nehmen ihren Ausgangspunkt von unterschiedlichen theoretischen, disziplinspezifischen und methodischen Zugängen. Sie zeigen, dass für Frauen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf orientierungsleitend geworden ist, während die Männer den Familienbereich noch immer weitgehend delegieren. In der vorliegenden Studie wird das Thema psychoanalytisch-orientiert angegangen und in die Betrachtung der Arbeitsteilung die (unbewusste) Konstitution der familialen Beziehungsstruktur sowie die Haltung zum Kind mit einbezogen. Die Praxis der Arbeitsteilung wird als triadisch aufgefasste elterliche Beziehungsfigur untersucht, d.h. die Auffassung eingebracht, dass die Aufteilung der Familienarbeit durch die inneren Bindungsmuster beider Elternteile an das Kind, aber auch durch Vorstellungen von Mütterlich- und Väterlichkeit mitbestimmt werden (12).

Aufbau und Inhalt

Nach einer kurzen Einleitung (erster Teil) werden im zweiten Kapitel zunächst Forschungsergebnisse zur geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung vorgestellt. Insbesondere werden sie unter dem Gesichtspunkt von Wandel bzw. Kontinuität im Verhältnis von Erwerbsarbeit und familialer Reproduktionsarbeit betrachtet. Es wird auf die doppelte Vergesellschaftung von Frauen, aber auch auf empirische Ergebnisse rund um Forschungen zu „neue Väter“ eingegangen. Danach werden fallrekonstruktive Untersuchungen zur Arbeitsteilung vorgestellt, die gemeinsam haben, dass latent strukturierte (Deutungs-) Muster in den familialen Beziehungsstrukturen im Mittelpunkt stehen. Die Autorin verdeutlicht bereits in diesem Zusammenhang ihre Annahme einer hinter der bewussten Reflexion liegenden Konstitution des Alltagshandelns, die an psychoanalytische Auffassungen von Interaktionsdynamiken anschlussfähig ist. Aus dieser Perspektive, darauf verweist die Autorin, lässt sich die lebensgeschichtlich entstandenen Bindungs- und Autonomiekonstruktionen zwischen den Eltern (und gegenüber dem Kind) untersuchen und dadurch Prozesse der Arbeitsteilung erklären. Dabei distanziert sie sich sowohl von einem ausschließlichen Bezug auf Objektbeziehungstheorien als auch auf die eine frühkindliche Genese der Geschlechtsidentität; sie werden nur als Hintergrund für die triadische Konstruktion gesehen. Damit präzisiert die Autorin auch die Zielsetzung ihrer Arbeit, die unbewusste triadische Familienkonstellationen und die alltagspraktischen Arbeitsteilungen zu rekonstruieren (45).

Im dritten Kapitel wird zunächst näher der Begriff des Deutungsmusters expliziert, welcher zwischen gesellschaftlichen und subjektiven Strukturen angesiedelt ist. Deutungsmuster sind mental nicht präsent, stellen aber kollektive Orientierungsfolien dar. Sie werden in Lebensentwürfen wirksam, etwa im Muster der „Mutterliebe“ oder der „Väterlichkeit“ und können empirisch rekonstruiert werden. Während das „Unbewusste“ in der Psychoanalyse deutlich gefasst werden kann, ist es bei Deutungsmustern nicht so klar konturiert.

Im vierten Kapitel werden die Forschungsmethoden ausgeführt. Grundlage der Analysen sind zehn gruppenanalytisch orientierte Forschungsgespräche, die einer ethnohermeneutischen Interpretation (nach Bosse) unterzogen werden. Die Gruppengespräche sollen einen Übertragungsraum eröffnen, in denen Lebensentwürfe aufgrund familiärer und gesellschaftlicher Erfahrungen eingebracht werden. Die daran anschließende ethnohermeneutische Interpretation beschränkt sich nicht auf das Verstehen der kindlich szenischen Praxisfiguren. Vergleicht man die Interpretation mit der„objektiven“ Hermeneutik (Oevermann) werden nicht nur latent-strukturale Sinnstrukturen, sondern durch die Strategie des szenischen Verstehens auch der latent-unbewusste Sinn rekonstruiert.

Den im Kapitel fünf folgenden Fallrekonstruktionen wird das „Sampling“ vorangestellt: es handelt sich um Familien mit einem hohen Ausbildungsniveau (in neun der zehn Familien ist zumindest ein Elternteil Akademiker) und einen mehr oder weniger gehobenen Lebensstandard (eigenes Haus, geräumige Wohnungen). Alle Familien haben ein Kind zwischen 18 Monaten und 2 ½ Jahren, nur eine Familie hat Drillinge. Drei der Frauen waren zum Zeitpunkt des Interviews schwanger. Die Gespräche mit den Familien dauerten zwischen einer und zwei Stunden. Aus dem Datenmaterial wurden 4 Grundtypen (und ihnen ähnliche) Muster rekonstruiert:

  • Entwurf mit traditionell-hierarchischer Arbeitsteilung
  • Entwurf mit egalitärer und familienzentrierter Arbeitsteilung
  • Entwurf mit berufszentrierter Arbeitsteilung auf traditioneller Basis
  • Entwurf mit Integrationsbewegungen auf Basis traditioneller elterlicher Arbeitsteilung

Im sechsten und letzten Kapitel werden die Einzelfallrekonstruktion als typische Muster und im Hinblick auf einzelne Aspekte (Modernisierung elterlicher Arbeitsteilung, unbewusste Entwürfe sowie triadischer Balance von Autonomie und Bindung) diskutiert.

Diskussion

Die Autorin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der J.W, Goethe-Universität Frankfurt und hat mit dieser Arbeit bei Prof. Dr. Dr. Hans Bosse (Zweitbetreuung: Prof. Dr. Dr. Rolf Haubl) dissertiert. Die Arbeit zeichnet sich dadurch aus, dass sie dem idealtypischen Aufbau interpretativer Studien folgt, beginnend beim Forschungsstand bis hin zur verallgemeinerten Diskussion von Fallrekonstruktionen. Die Autorin setzt insofern originäre Akzente, als ihr Zugang im Rahmen der Forschung zur Vereinbarkeit von Arbeit und Familie noch nicht gewählt wurde. Hervorzuheben sind die gut nachvollziehbaren Fallrekonstruktionen, die neben einer Interpretation von Textstellen noch szenische Rekonstruktionen umfassen. Die Zusammenfassungen der jeweiligen Fallanalysen werden sehr gut nach der bewussten Ebene, der familiären Struktur und Dynamik, subjektiven Seite des Entwurfs, nach der Vermittlung von Autonomie und Bindung und den Deutungsmustern gegliedert.

Wenn Kritik angebracht ist, dann im Hinblick auf das beschränkte „sampling“ von Angehörigen eines Milieus mit hohen Bildungsabschlüssen, welches von Arbeitslosigkeit oder anderen sozialen Problemen wenig betroffen ist. Damit erscheint die Typenbildung kaum theoretisch „gesättigt“ zu sein und die Verallgemeinerung über Prozessstrukturen hinaus nur beschränkt möglich.

Fazit

Die ethnohermeneutisch-orientierte Untersuchung der familialen Dynamiken im Kontext geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung erbringt interessante Ergebnisse und zeugt von der Bedeutung dieses Forschungsansatzes und fallrekonstruktiver Studien insgesamt. Streckenweise sind die Argumentationen und Ergebnisse wahrscheinlich eher für den wissenschaftlichen Diskurs interessant, doch können Institutionen und (Familien-)Berater von der Sichtweise und den Erkenntnissen sicherlich Impulse für ihre Praxis erhalten.


Rezension von
ao. Univ.Prof. Dr. Gerhard Jost
Mitarbeiter am Institut für Soziologie und empirische Sozialforschung, WU, Wirtschaftsuniversität Wien, Department für Sozioökonomie.
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Zitiervorschlag
Gerhard Jost. Rezension vom 14.09.2009 zu: Anke Kerschgens: Die widersprüchliche Modernisierung der elterlichen Arbeitsteilung. Alltagspraxis, Deutungsmuster und Familienkonstellation in Familien mit Kleinkindern. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-531-16368-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8036.php, Datum des Zugriffs 06.08.2020.


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