Iman Attia: Die >westliche Kultur< und ihr Anderes
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 27.08.2009
Iman Attia: Die >westliche Kultur< und ihr Anderes. Zur Dekonstruktion von Orientalismus und antimuslimischem Rassismus.
transcript
(Bielefeld) 2009.
232 Seiten.
ISBN 978-3-8376-1081-9.
21,80 EUR.
CH: 48,80 sFr.
Reihe: Kultur und soziale Praxis.
Das Andere als Spiegelbild des Eigenen
Was kann einer kulturellen Entwicklung und einer kritischen Reflexion der eigenen kulturellen Identität eigentlich besseres passieren, als dass Menschen die ethnozentrierte Blickrichtung umlenken und in den Spiegel schauen lassen; nicht, um die „eigene Fratze“ wahrnehmen zu können, sondern das Fremde, das vermeintlich Bedrohliche und die eigene Identität gefährdende Andere als das Eigene aufzudecken. In besonderer Weise vollzieht sich die Meinungsbildung und öffentliche Blicklenkung, objektiv oder manipulativ wahr genommen, auf den Islam als die „andere“ Kultur. Das European Monitoring Centre on Racism and Xenobobia, die Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC), warnt in aller Deutlichkeit, dass sich in vielen europäischen (Einwanderungs-)Ländern deutliche Tendenzen von „Islamophobie“, die sich in ablehnenden Einstellungen der Mehrheitsgesellschaften gegenüber Muslimen, pauschalen Abwertungen von islamischen, kulturellen Praktiken und distanzierten, bis feindlichen Verhaltensweisen gegenüber Muslimen zeigen (vgl. dazu auch: Olivier Roy, Der islamische Weg nach Westen. Globalisierung, Entwurzelung und Radikalisierung; Pantheon Verlag, München 2006, 368 S., Pb, 12,90 Euro, ISBN 3-570-55000-1).
Autorin
Die an der Berliner Alice-Salomon-Hochschule tätige Kultur- und Sozialwissenschaftlerin Iman Attia forscht im Bereich der „Diversity Studies“. Sie hat sich bereits mit einer Reihe von Statements und Reflexionen zu Wort gemeldet und ist als „Spiegelhalterin“ aufgetreten – immer auch mit der Wahrnehmung, dass im Spiegel der Andere und das Eigene zu sehen sind.
In dem vorgestellten Buch unternimmt sie einen Perspektivenwechsel in ihrer gesellschaftlichen Analyse: „Der Blick auf ’die Anderen’ dient zwar als Ausgangspunkt der Betrachtung, er wird jedoch verstanden als – symmetrisches, verschobenes, verzerrtes o.a. – Spiegelbild dessen, was als ’Eigenes’ imaginiert wird“.
Aufbau
Die Autorin gliedert ihre Analyse in drei Bereiche.
- Im ersten Teil „Kultur und Rassismus“ diskutiert die Autorin verschiedene Kulturtheorien, die in den postkolonialen Studien präsent sind – von der Orientalismusstudie Edward W. Saids, über poststrukturalistische Theorien und de-hegemoniale Posititionen, bis hin zu hegemonalen Orient- und Islamdiskursen und zur Rassismusforschung in Deutschland. Dabei wird die andere Blickrichtung deutlich: Es geht nicht darum, die Subjekte, ob als Täter oder Opfer, zu moralisieren; vielmehr kommt es darauf an, „Rassismus als Selbstentmächtigung“ (Ute Osterkamp) zu verstehen: „An die Stelle von Identitätspolitik und interkulturelle Dialoge, die die kulturelle Differenz fortschreiben, treten die Dekonstruktion und Destablisierung hegemonaler Diskurse, sowohl als nicht intendierte Effekte als auch als politische, theoretische und kulturelle Interventionen“.
- Im zweiten Teil geht es um „hegemoniale (Orient- und Islam-)Diskurse“ in den westlichen Gesellschaften, was die Wissenschaftlerin mit „westlichen Orientalismus“ kennzeichnet. Dabei zeigt sie auf, dass das überlieferte Orientbild sich überwiegend auf literarische und kulturelle Dokumente bezieht; vom Märchen aus 1001 Nacht, über Karl May-Literatur, den phantastischen Reiseberichten über Harem-Leben und Gewaltherrschaft, bis hin zu den aktuellen Medienberichten von Peter Scholl-Latour und Hans-Peter Raddatz. Die Ergebnisse in der gesellschaftlichen Wahrnehmung und Dichotomien zeigen sich dabei deutlich: Idealisierung versus Konfrontation; Hegemonialisierung versus Marginalisierung; Kulturalisierung versus Entpolitisierung; Westen versus Islam.
- Im dritten Teil werden „Alltagsdiskurse“, als Ergebnisse einer wissenschaftlichen Untersuchung vorgestellt. In Interviews mit 24 deutschen, christlich-säkular sozialisierten, weißen jungen Erwachsenen, die in Westdeutschland und Westberlin aufgewachsen sind, werden Fragen nach ersten, prägenden Erinnerungen zum „Islam“ gestellt und kategorisiert in die Analysebereiche „Wir und die Anderen“, „Orient versus Islam“, „Aneignung kultureller Bilder“, „Umdeuten von Erfahrungen“, „Herstellen von Dominanz“, „interkulturelle Beziehungen“, „Kultur und Geschlecht“. Die Autorin kommt dabei – sicherlich zum Missfallen der „Interkulturell Gläubigen“ – zu einer eher pessimistischen Aussage: Die in den Interviews sich deutlich zeigenden Tendenzen einer „Aktivierung des politischen Antiislamismus“ werden gespeist von dem „Feindbild Islam (das) auf eine lange und ausgeprägte kulturelle Tradition zurückgreifen“ kann. Dabei ist interessant, dass die Befragten über eigene Erfahrungen mit Muslimen verfügen, die den geäußerten Stereotypen nicht entsprechen. Trotzdem tragen diese Erfahrungen nicht zur Reflexion und Veränderung des eigenen Standpunkts bei, „sondern werden derart umgearbeitet, dass die eigenen Erfahrungen zugunsten der Stereotype individualisiert werden, um diese letztlich zu bestätigen“.
Iman Attia ist deshalb skeptisch, ob die wohlmeinenden, nicht selten naiven Versuche, einen interkulturellen und interreligiösen Dialog zu führen, den Islamdiskurs in Deutschland förderlich sind. Vielmehr kann zur „Überwindung orientalisierender und antimuslimischer Stereotype … die Bereitschaft (beitragen), sich irritieren zu lassen, eigene Gewissheiten und Lebensweisen zu reflektieren und andere gelten zu lassen“. Um das zu erreichen, bedürfe es beim Islamdiskurs in Deutschland der Einsicht, dass der vorherrschende „essentialistische Kulturbegriff“, bei dem sich „der Islam“ und „der Westen“ als in sich geschlossene Kulturen darstellen, überwunden werden muss. Es sei die Relationalität und Interdependenz von Diskursen, die einen „bedeutungsorientierten poststrukturalistischen Kulturbegriff“ voraussetze. Das nämlich würde zu der Entdeckung führen, dass die Diskussion um Islam und die Islamkritik in vielerlei Hinsicht von eigenen gesellschaftlichen Themen und Problemen ablenke.
Hilfreich für die interkulturelle und interreligiöse Auseinandersetzung mit dem Islam in Deutschland (und Europa) sind die von der Autorin im Anhang gesammelten Zitate, die die „Breite hegemonialer Orient- und IslamBilder“ veranschaulichen sollen, wie sie sich in der westlichen Geschichte vom 16. Jahrhundert bis heute zeigen.
Fazit
Die Arbeit von Iman Attia ist ohne Zweifel ein bemerkenswerter Baustein dafür, zu einem gerechten und globalen, interkulturellen Dialog in Augenhöhe zu kommen. Nicht nur Studierende der Kulturwissenschaften, sondern auch alle politisch denkenden, gesellschaftlichen Akteure werden von der Arbeit profitieren.
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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