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Ian Kaplow (Hrsg.): Mensch, Bild, Menschenbild

Cover Ian Kaplow (Hrsg.): Mensch, Bild, Menschenbild. Anthropologie und Ethik in Ost-West-Perspektive. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2008. 157 Seiten. ISBN 978-3-938808-55-9. 19,90 EUR, CH: 38,40 sFr.
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Entstehungshintergrund und Thema

Die Aufsätze, die von Ian Kaplow in dem Band vereinigt wurden, dokumentieren die Resultate eines Projektes, das, ausgehend vom Forschungsinstitut Hannover, in eine Fachtagung zum Thema „Mensch – Bild – Menschenbild“ einmündete. Der Band enthält neun Aufsätze west- und osteuropäischer Philosophen und Philosophinnen, in deren Focus die Frage nach der normativen Bedeutung von Menschenbildern steht.

Aufbau und Inhalt

In seinem einleitenden Aufsatz plädiert der Herausgeber des Bandes, Ian Kaplow, für einen kritischen Umgang mit Menschenbildern und für den Verzicht darauf, Aussagen zu einem zeitlos gedachten „Wesen“ des Menschen zu machen. Solche Aussagen gelte es entweder als kontraproduktiv aus dem ethischen Diskurs auszuklammern, oder darauf zu befragen, mit welchen Interessen sie vorgebracht werden, um sie dann von dort her kritisieren zu können.

Auch Christian Thies votiert für die Befreiung von Menschenbildern im Kontext der praktischen Philosophie. Er gibt zu bedenken, dass jedes Bild den Menschen, auf den es bezogen sei, reduziere. Die Reduktion aber tue dem Menschen Gewalt an. Darum gelte es, Menschenbildern dort, wo es um die Frage nach dem Menschen und dem guten Handeln geht, eine Absage zu erteilen. Dafür spreche auch, dass den aktuellen moralphilosophischen Ansätzen, unter anderem der Diskurstheorie zufolge selbst die anthropologischen Fundamente der Ethik (die Freiheit des Menschen, seine individuelle Verantwortung und das Gebot der Inklusion aller) nur als transzendentale Ideen Geltung beanspruchen könnten.

Dass der Mensch dem anderen Menschen Gewalt nicht nur antun kann, sondern Menschen in der Geschichte auch in radikaler Form gewalttätig geworden sind, begreift Burkhard Liebsch als Herausforderung, der sich das Fragen nach dem Menschen aktuell zu stellen hat. Unter Rückgriff auf Levinas legt er dar, dass dem Anspruch des anderen Menschen, nicht gewalttätig behandelt zu werden, nur der gerecht werden kann, der sich kein Bild vom anderen machen wolle. Dennoch spricht sich Liebsch gegen eine Ethik aus, die ein radikales Bilderverbot zur fundamentalen Norm macht. Denn der andere könne zwar nie begriffen werden, doch strebe jeder Mensch danach, dadurch, dass er von sich erzählt, zur Bestimmung zu bringen, wer er ist. Jedes Erzählen aber gebiete die Gastfreundschaft, jene Haltung, in der anerkannt wird, dass der andere ein Wesen mit Bedürfnissen ist. Die Rehabilitation des Bildes begründet Liebsch mit der These, ein Bild vom anderen sei in den Grenzen gerechtfertigt, als sich in ihm abbildet, wessen der andere bedarf und was es von daher dann auch bedeutet, ihm die Gastfreundschaft anzubieten.

Die folgenden Aufsätze greifen das Problem der Reduktion des Menschlichen durch die Unterordnung des Individuums unter ein Bild nochmals auf. Um den Weg zur Beantwortung der Frage nach einer Ethik, die der Individualität gerecht wird, zu erschließen, verweisen sie auf das Verhältnis der Intersubjektivität.

Christoph Kalb geht aus von Nietzsches Aufforderung an den Menschen, dem eigenen Leben eine Gestalt zu geben, die schlechthin individuell ist. Damit wird aber die Frage, welches Leben denn dem anderen vorgezogen werden kann, obsolet: Ethik reduziert sich auf eine Ästhetik der Existenz. Sie befreit das Individuum zu einer von ihm verantworteten Gestaltung der Existenz, die nicht destruiert wird durch den moralischen Imperativ, sich dem Allgemeinen unterzuordnen. Kalb erkennt in Nietzsches Destruktion der Ethik, die Herausforderung, eine Ethik zu entwerfen, die nicht die Unterordnung des Individuums unter das Allgemeine fordert, sondern die Anerkennung der Individualität ermöglicht. Dazu sei auszugehen von dem Verhältnis der Intersubjektivität, in dem die ethische Erfahrung verortet sei.

Auch Ekatarina Poljakova betrachtet das Verhältnis von Individualität und Allgemeinheit unter ethischer Perspektive. Dabei nimmt sie Bezug auf die praktische Philosophie Kants, der das Unvernünftige als den Grund des Bösen mit der Sinnlichkeit konnotiere. Da es unmöglich ist, die eigene Sinnlichkeit, einen konstitutiven Teil der menschlichen Natur, zu überwinden, kann der Mensch der Grundforderung der Moral nie endgültig gerecht werden. Damit wird aber fraglich, ob das Gute überhaupt realisiert werden kann, worin Poljakova eine fundamentale Paradoxie der Philosophie Kants erkennt. Von ihr ausgehend, macht die Autorin unter Bezugnahme auf Tolstoi deutlich, warum es nicht darauf ankommen kann, um des Vernünftigen willen die eigene Sinnlichkeit und um des Allgemeinen willen das eigene Selbstsein aufzugeben, wird doch von der Möglichkeit des Todes her ersichtlich, dass die Forderung nach Unterordnung des Individuums unter das Allgemeine problematisch ist. Denn der Tod macht sichtbar, dass jeder Mensch er selbst ist und auch sein will. Poljakova folgert daraus, dass es darauf ankommen wird, eine Ethik zu begründen, in der das intersubjektive Verhältnis als der Ort zum Thema wird, an dem sich das Gute zusprechen kann. Denn nur von dorther dürfte es möglich sein, die Hinordnung des einen zum anderen Menschen zu begründen, ohne eine Unterordnung des einen unter das Allgemeine zum Kriterium des Guten zu machen.

Zwei der Aufsätze sind dem christlichen Menschenbild gewidmet. Tomasz Homa aus Krakau thematisiert in einem ersten Schritt den Glauben daran, dass Gott dem Menschen, den er als sein Ebenbild geschaffen hat, zu einem neuen Menschsein, das in Christus selbst möglich geworden ist, berufen hat. Die Berufung, die in sich Zusage ist, gehe jeder normativen Vorgabe voraus. Demnach ist die christliche Ethik fundiert im Glauben an die Zusage Gottes. Als solche ist sie gegründet in dem Geschehen der Offenbarung, wie Homa eigens zu bedenken gibt. In einem zweiten Schritt geht er auf zwei Entwürfe theologischer Anthropologie ein, die für die westliche Theologie des 20. Jahrhunderts paradigmatisch sein dürften, auf Rahners Konzeption des Menschen und auf Balthasars Begriff der Person. Mit der Frage, unter welchen Bedingungen die genannten theologischen Entwürfe in einer Zeit, in der Menschen nach Orientierung fragen, Aktualität haben, rundet Homa seinen Gedankengang ab.

Auch Radu Preda, der in die orthodoxe Theologie einführt, geht darauf ein, dass der Mensch als Ebenbild Gottes zur Erneuerung seiner selbst nach der Gestalt Christi berufen ist, wobei er sich vor allem auf Texte der patristischen Theologie beruft, die für die orthodoxe Theologie von grundlegender Bedeutung sind. Preda stellt dar, dass die östliche Theologie nicht nur eine Aussage zum Sein des Menschen machen will, sondern eine Aufforderung ausspricht, den Weg, der zum neuen Menschsein führt, als spirituellen Weg zu begehen. Insbesondere in der Liturgie erkennt sie den Ort, an dem das neue Menschsein erfahren werden kann. Den Unterschied von westlicher und östlicher Theologie bestimmt Radu dahingehend, dass die westliche Theologie vorrangig auf soziale Fragen zu sprechen komme, die östliche Theologie dagegen in der liturgischen Praxis ihren Fokus habe.

In einem Band, der Bilder vom Menschen thematisieren will, darf eine Besprechung der Möglichkeiten, den Menschen technisch zu gestalten, fehlen. Sie bietet Gerald Hartung durch einen Blick auf Menschenbilder des biotechnologischen Zeitalters, wobei er ausgeht von einem grundlegenden Paradigmenwechsel, in dem die Unterscheidung des Menschen von der Maschine zum Fundament zur Beantwortung der Frage, was der Mensch sei, geworden ist. Nach einer ersten Phase, in der das Interesse der maschinellen Intelligenz gegolten habe, sei die Frage nach den Gesetze, die für die menschliche Intelligenz konstitutiv sind, (Neurowissenschaften), gestellt worden. Dadurch ergab sich die Möglichkeit, in der dritten Phase die Möglichkeiten der Anwendung des Erforschten in den Blick zu nehmen. Das aktuelle Projekt des „Human Enhancement“ versteht Gerald Hartung als eine Gestalt des menschlichen Strebens, sich vom Geschöpf zum Schöpfer seiner selbst zu verwandeln. Die ethischen Fragen, die sich daraus ergeben, nur andeutend, fordert Hartung dazu auf, den Blick in die Geschichte der Menschenbilder zu wenden, um sich dadurch der Pluralität der Antworten auf die Frage nach dem Menschen bewusst zu werden. Er setzt darauf, dass das Wissen um die Pluralität eine kritische Haltung begründen könnte in Bezug auf reduktionistische Bilder vom Menschen.

Diskussion und Fazit

Das Projekt und der von Ian Kaplow herausgegebene Band, der die Fachtagung zum Thema „Mensch – Bild – Menschenbild“ dokumentiert, wirft auf das Ganze gesehen die Frage auf, ob sich westliche von östlichen Menschenbildern und mit ihnen die Wege der philosophischen Anthropologie in Ost und West unterscheiden. Dem Leser des Bandes werden aber nicht die Unterschiede, sondern die Gemeinsamkeiten und damit auch die Ansätze zum Ost-West-Dialog in der Philosophie deutlich werden. Einigkeit besteht unter westlichen und östlichen Philosophen und Philosophinnen darüber, dass der Mensch wandelbar ist und Wesensaussagen daher eher problematisch sind. Selbst die Aussage, der Mensch sei Geschöpf Gottes darf nur dann als Wesensaussage verstanden werden, wenn das Wesen des Menschen von seiner Berufung, er selbst zu werden, her gedacht wird. Sowohl im Osten als auch im Westen begründet sich die Kritik an Aussagen, die das Wesen des Menschen zur Bestimmung bringen wollen, aus dem Wissen, dass Wesenaussagen, die in zeitlosen Bildern vom Menschen Gestalt bekommen, den Menschen reduzieren, wodurch sie ihm Gewalt antun. Eine Ethik der Gewaltlosigkeit wird daher dem Rekurs auf zeitlose Menschenbilder eine Absage erteilen oder das Gebot, jedes Bild vom anderen noch einmal in Frage zu stellen, in den Focus ihres Gedankens stellen. Dabei wird sie den Blick auf die Begegnung mit dem anderen und das in ihr sich zeitigende intersubjektive Verhältnis richten müssen. Ihr „anthropologisches“ Fundament wird nicht mehr das „Wesen des Menschen“ sein, sondern das, was dort geschieht, wo ein Mensch dem anderen begegnet und sich von ihm oder auch dem Göttlichen angesprochen erfährt. Das deutet sich in unterschiedlichen Aufsätzen als der Ausgangspunkt für einen Dialog an, in dem sich östliches und westliches Denken begegnen werden. Daran, dass ein solcher Dialog möglich und an der Zeit ist, kann der Leser dieses Bandes nicht zweifeln.


Rezension von
Prof. Dr. Stephanie Bohlen
Studiengangsleitung Bachelor Soziale Arbeit Katholische Fachhochschule Freiburg
Homepage www.kfh-freiburg.de


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Zitiervorschlag
Stephanie Bohlen. Rezension vom 03.12.2009 zu: Ian Kaplow (Hrsg.): Mensch, Bild, Menschenbild. Anthropologie und Ethik in Ost-West-Perspektive. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2008. ISBN 978-3-938808-55-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8042.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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