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Gesa Lindemann: Das Soziale von seinen Grenzen her denken

Cover Gesa Lindemann: Das Soziale von seinen Grenzen her denken. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2009. 340 Seiten. ISBN 978-3-938808-54-2. 34,90 EUR.
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Die wachsende Bedeutung von Soziologie in modernen Gesellschaften

Menschliche Gesellschaften sind mit einem Verein vergleichbar, der von seinen Mitgliedern getragen wird, und der sich im Gegenzug auch für seine Mitglieder einsetzt. Die Reziprozität dieser Beziehung wird von der Überzeugung getragen, dass alleine die Mitgliedschaft, das bloße Dabeisein und Zugehörigsein, einen wesentlichen Unterschied macht. Nicht alle können Mitglied dieses Vereins sein – der Verein regelt Fragen der Inklusion und Exklusion auf Grund seiner Vereinsstatuten.

Inklusion und Exklusion setzen an Eigenschaften und Fähigkeiten von Menschen an – daher liegt es nahe sich auch die Frage zu stellen, wer überhaupt Teil der menschlichen Gesellschaft sein kann: „Welche Wesen haben eine inhärente Würde? Die Antwort auf diese Frage hängt von den Gründen der Würdezuschreibung ab Aus welchen Gründen können wir Wesen Würde zuschreiben? Beruhen diese Gründe auf Eigenschaften, die Wesen haben? Und wenn ja, auf welchen? Oder beruhen die Gründe für die Würdezuschreibung nicht auf Eigenschaften, sondern auf etwas anderem?“ (Schaber 2010, 81) Die menschliche Würde kann als universeller Mitgliedsausweis verstanden werden, der zum Zugang zu jeder menschlichen Gesellschaft berechtigt.

Es gibt genügend historische Beispiele, dass die Zuschreibung menschlicher Würde keine Selbstverständlichkeit ist – religiöse oder ethnische Merkmale werden zum Teil als Ausschlusskriterien verstanden: die gewalttätigen Auseinandersetzungen am Balkan in den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts haben gezeigt, wie viel an der Antwort auf die Frage hängt: Wer gehört dazu? „Was muß einem normalen Menschen geschehen, damit er in seinem Kollegen oder Nachbarn einen Feind sieht? Wie ist es möglich, daß Haß, Demütigung, Brutalität, ja sogar Mord zum normalen Verhalten wurden?“ Menschen als Menschen zu behandeln ist keine Selbstverständlichkeit – das ist eine historische Wahrheit. Eine Wahrheit die eng mit dem Namen menschlicher Ansiedelungen verbunden ist – Auschwitz, Treblinka, Ruanda oder Srebrenica (vgl. Suljagic 2009).

Der Frage nach möglichen Inklusionen und Exklusionen von Mitgliedern in den Kreis der menschlichen Gesellschaft widmet sich Gesa Lindemann in ihrem neuesten Buch, das sie mit der allgemein gültigen Feststellung beginnt: „Es kann als ein Spezifikum modernen Gesellschaften gelten, dass nur lebende Menschen in einem allgemein anerkannten Sinn soziale Personen sein können. Andere Gesellschaften ziehen die Grenzen des Sozialen in anderer Weise und beziehen etwa Götter oder Tiere in den Kreis legitimer Personen ein.“ (13) Der Buchtitel gibt auch das Programm vor – Das Soziale von seinen Grenzen her denken: Es geht um Grenzgänge und Ausblicke, um die theoretische Bestimmung dessen, was passiert, wenn Inklusion und Exklusion betrieben werden.

Das Soziale von seinen Grenzen her denken: Es geht um Grenzgänge und Ausblicke, um die theoretische Bestimmung dessen, was passiert, wenn Inklusion und Exklusion betrieben werden. Diese Welt-Erfahrungen haben sehr viel mit Sprache und Reflexion zu tun - und man kann mit dem deutschen Philosophen Hans-Ulrich Gumbrecht sagen: "...wir sehnen uns nach Sprachen, welche die spezifischen Räume, die wir unser eigen nennen, erschließen und von ihnen geformt sind; und wir wollen unserer Existenz durch selbstreflexives "Üben" Richtung und Ziel geben." (Gumbrecht 2010, 57) Inklusiuon und Exklusion geben unserer Umwelt Struktur, sie formen damit unsere Erfahrung und konstruieren unseren Möglichkeitsraum - damit konstruieren wir aber auch den Möglichkeitsraum anderer Menschen; wir ziehen Grenzen des Sozialen.

Autorin

Die Soziologin Gesa Lindemann ist seit 2006 Professorin für Soziologie am gleichnamigen Institut der Universität Oldenburg. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Frage, was es bedeutet, Teil der menschlichen Gesellschaft zu sein – im medizinischen Bereich hat sie diese Frage entlang der Grenze von Leben und Tod verfolgt: 2002 erschien ihr Buch: „Die Grenzen des Sozialen. Zur sozio-technischen Konstruktion von Leben und Tod in der Intensivmedizin” und im Jahr darauf, 2003, „Beunruhigende Sicherheiten. Zur Genese des Hirntodkonzepts”. Mit dem Buch „Das Soziale von seinen Grenzen her denken“ greift sie diese beiden Arbeiten nochmals auf und vertieft damit die theoretische Auseinandersetzung mit diesem Phänomen.

An den Grenzen der sozialen Welt

Gesa Lindemann strukturiert ihr Buch und damit ihr Forschungsvorhaben durch vier Fragestellungen. Insgesamt soll damit ein neuer Typus soziologischer Forschung möglich gemacht werden. Diese neue Forschungsstrategie vertieft folgende Fragestellungen und Themenfelder: Erstens geht es um das Verhältnis von Soziologie und Anthropologie – Gesa Lindemann widmet sich der Frage, welche impliziten anthropologischen Annahmen hinter der Selbstverständlichkeit stecken, dass „nur lebende Menschen soziale Personen sein können.“ (14). Zweitens wird das Verhältnis von Sozialtheorie und empirischer Forschung näher analysiert – Sozialtheorie versteht sie als „die theoretischen und methodologischen beobachtungsleitenden Annahmen“ (15). Es soll gezeigt werden, dass Sozialtheorien universell gelten, aber durch empirische Daten nicht falsifiziert werden können. Drittens wird ein Modell entwickelt, das die Immunität der Sozialtheorien gegenüber empirischen Daten aufhebt. Zu diesem Zweck wird von Gesa Lindemann eine neue Dichotomie in die Theorie eingeführt – Irritation/Präzision. Damit soll die Möglichkeit geschaffen werden, die Sozialtheorien stärker an die empirische Forschung anzunähern, um die Weiterentwicklung dieser Theorien an die empirische Realität anzubinden. Viertens wird der Frage nachgegangen, welche Auswirkungen diese Verknüpfung der Sozialtheorie mit der empirischen Forschung für das Selbstverständnis der Sozialtheorie selbst hat – der Erkenntnisanspruch der Sozialtheorien soll näher beleuchtet werden.

Der Inhalt des Buches ist dreigeteilt – In der Einleitung (13-35), die den ersten Teil ausmacht, stellt Gesa Lindemann zwei Ergänzungen vor, die ihrer Meinung nach die Reflexion der Sozialtheorie bereichern werden. Die erste Ergänzung wird an der Frage festgemacht: „Ist es ausgeschlossen, dass Sozialtheorien durch empirische Daten in Frage gestellt werden?“ (14) Die zweite Ergänzung stellt sich der Frage, welche Konsequenzen sich aus der Bejahung dieser ersten Frage ergeben. Die Einleitung führt zwei Themenfelder ein, die für die Beantwortung dieser beiden Ergänzungsfragen von großer Bedeutung sein werden – zum einen die reflexive Anthropologie – das ist die Beschäftigung mit der Frage, welchen Voraussetzungen Wesen erfüllen müssen, um in den Blick der Sozialtheorie genommen zu werden. Das zweite Themenfeld führt zum Verhältnis von Anthropologie und Soziologie und „notwendigerweise auf das allgemeine Problem des Verhältnisses von Sozialtheorie und empirischer Forschung:“ (19).

Der zweite Teil des Buches ist mit „Soziologie und historisch-reflexiver Anthropologie“ (37-129) überschrieben und widmet sich in drei Teilen dem Versuch, Anthropologie und Sozialtheorie als theoretische Ansätze füreinander neu fruchtbar zu machen. Diese Differenzierung orientiert sich an vier Problemen (45) – Zum einen muss geklärt werden, was unter Sozialität zu verstehen ist und zum anderen muss geklärt werden, ob diese Bestimmung von sozialen Beziehungen vom Wissen der beteiligten Akteure abhängig ist. Daraus folgt das Problem, wie dieses Wissen konkretisiert werden kann: „Wie unterscheiden soziale Akteure in konkreten Begegnungen zwischen sozialen Beziehungen und nichtsozialen Beziehungen?“ (45) Daraus ergibt sich die Situation, dass die Sozialtheorie zwei Ebenen berücksichtigen muss – zum einen die Ebene der Akteure, auf der soziale Beziehungen definiert werden, und zum anderen die Ebene der Sozialtheorie, die sich ebenfalls um diese Definition bemüht – Gesa Lindemann geht davon aus, dass beide Ebenen nicht deckungsgleich sind. Diese Diskussion führt Gesa Lindemann zur Auseinandersetzung mit Autoren wie Helmuth Plessner, Arnold Gehlen und Max Scheler.

Im dritten Teil des Buches „Theorievergleich und Theorieentwicklung“ (131-256) stellt Gesa Lindemann eine kritisch-systematische Perspektive der Sozialtheorie vor. Sie orientiert sich dabei in Anlehnung an Klassiker der Soziologie wie Max Weber, George Herbert Mead, Jürgen Habermas und Niklas Luhmann an Grundbegriffen der Sozialtheorie: Handlung, Interaktion und Kommunikation. Sie fasst diese Begriffe als Möglichkeit, die Grenzen des Sozialen näher zu bestimmen – ihr Ausgangspunkt ist dabei die (bereits vorgetragene) Feststellung: „In der Soziologie hat sich eine feste Arbeitsteilung zwischen theoretischer und empirischer Forschung eingespielt. Für die Theoriebildung hat dies zu der Konsequenz geführt, dass sie kaum noch an Empirie orientiert ist; stattdessen werden Theorien auf der Grundlage der Rezeption und Interpretation anderer Theorien formuliert.“ (133) Gesa Lindemann unterzieht den impliziten theoretischen Konsens innerhalb der Soziologie einer Kritik und zeigt anhand der Einbeziehung von Technik und technologischen Artefakten, inwiefern die Diskussion der Trias Leib – Körper – Technik fruchtbar für die Auseinandersetzung mit den Grenzen des Sozialen sein kann. Aus dieser Diskussion ergeben sich neue Ansatzpunkte für eine Reformulierung der Sozialtheorie – dabei bedient sich die Autorin dem Begriff „Erwartung“ bzw. dem Begriff des „standing“. Vor allem der Begriff des „standing“ führt Gesa Lindemann auf ein neues Terrain für die Sozialtheorie – das amerikanische Rechtssystem.

In diesen drei Teilen soll der Leser argumentativ zu der Konklusion geführt werden, dass die Sozialtheorien sehr wohl empirisch in Frage gestellt werden können, dass diese Theorien also durch empirische Forschung und deren Ergebnisse weiterentwickelt werden können. Gesa Lindemann hat in ihrem Buch vier Bedingungen genannt, unter deren Erfüllung es möglich ist, Sozialtheorien zu falsifizieren (253): Zum einen müssen die sozialtheoretischen Annahmen überschaubar und formal prägnant formuliert sein – ein Gebot der Wissenschaftlichkeit. Zweitens: Die Beobachtung orientiert sich strikt an der Sozialtheorie – wird diese Orientierung erweitert, dann können auch andere erkenntnisleitende Annahmen in die Beobachtungsdaten eingehen. Drittens muss konsequent zwischen Theorien begrenzter Reichweite und der Sozialtheorie unterschieden werden. Viertens müssen Daten mit Bezug auf die Sozialtheorie formal aufbereitet werden, um tatsächlich eine Irritation für die Sozialtheorie bedeuten zu können.

Grenzgänge?

„Sozialtheorien enthalten Annahmen über die Beschaffenheit des Gegenstandes sowie methodologische Konzepte, also Annahmen darüber, wie der Gegenstand zu beobachten ist und wie empirische Daten zu interpretieren sind.“ (21) Gesa Lindemann greift die Selbstreferenz der Sozialtheorie auf und versucht Möglichkeiten zu zeigen, wie diese Schleife durchschnitten werden kann. Diesen Versuch vollführt Gesa Lindemann sehr ausführlich (das Literaturverzeichnis umfasst 15 Seiten) – die Argumentation ist klar und übersichtlich und das Argumentationsziel wird dem Leser immer wieder vor Augen gehalten. Der Versuch, sich dem Phänomen der sozialen Beziehungen von seinen Grenzen her zu nähern, kann als sehr erfolgreich beschrieben werden.

Fazit

Die Selbstreferenz der Sozialtheorie verhindert ihre Falsifizierbarkeit durch die Entwicklungen in den menschlichen Gesellschaften – Gesa Lindemann macht eindringlich darauf aufmerksam, dass die Grenzen des Sozialen von den Akteuren und den Beobachtern unterschiedlich gezogen werden – die Sozialtheorie muss sich dieser Differenz stellen, um einerseits das Phänomen der soziale Beziehungen adäquat abbilden zu können, und um andererseits diesen empirischen Veränderungen auch theoretisch folgen zu können. Das Buch ist nicht nur für Sozialwissenschaftler von Interesse, sondern für all jene, die sich mit Phänomenen der sozialen Inklusion und Exklusion auseinandersetzen. Die Ergebnisse des Buches können fruchtbar gemacht werden für Überlegungen zur Frage der Betreuung alter Menschen in der Gesellschaft, der Frage, wie religiöse Differenzen unter den Menschen zu Hass, Gewalt und Mord führen können, usw. Theoretische Auseinandersetzungen innerhalb der Sozialtheorie können das Verständnis von soziale Phänomene und deren Entwicklungen vertiefen – im Falle des neuen Buches von Gesa Lindemann ist es Tatsache. Was Hannah Arendt über das Moralische geschrieben hat, das gilt nach dem Lesen des Buches von Gesa Lindemann auch für das Soziale – „Als erstes … ist zu folgern, dass niemand, der seine fünf Sinne beisammen hat, weiterhin behaupten kann: Das Moralische versteht sich von selbst.“ (Arendt 2006, 26)

Literatur:

  • Arendt, H. (2006 [2003]). Über das Böse - Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik. München (GER) & Zürich (SUI), Piper Verlag
  • Drakulic, S. (2004 [2003]). Keiner war dabei - Kriegsverbrechen auf dem Balkan vor Gericht. Wien (AUT), Paul Zsolnay Verlag
  • Gumbrecht, H. U. (2010). Unsere breite Gegenwart. Berlin (GER), Suhrkamp Verlag
  • Schaber, P. (2010). Instrumentalisierung und Würde. Paderborn (GER), mentis Verlag
  • Suljagic, E. (2009 [2005]). Srebrenica - Notizen aus der Hölle. Wien (AUT), Paul Zsolnay Verlag

Rezensent
Mag. Harald G. Kratochvila
Homepage www.kompetenz-coaching.at
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Zitiervorschlag
Harald G. Kratochvila. Rezension vom 29.12.2010 zu: Gesa Lindemann: Das Soziale von seinen Grenzen her denken. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2009. ISBN 978-3-938808-54-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8043.php, Datum des Zugriffs 18.12.2018.


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