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Claudia Iven: Sprache in der Sozialpädagogik

Cover Claudia Iven: Sprache in der Sozialpädagogik. Bildungsverlag EINS GmbH (Köln) 2009. 2. Auflage. 186 Seiten. ISBN 978-3-427-04610-3. 19,90 EUR.

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Thema

Sprache in der Sozialpädagogik – der Titel macht neugierig. Man erwartet einen sozialpädagogischen Blick auf Sprache, wie etwa eine Einschätzung der Funktionen von Sprache für Menschen, eine Bewertung soziokultureller Lernumwelten, einen systemischen Blick, eine Ressourcen- und Kompetenzorientierung, eine kritische Würdigung von Bildungskonzepten und pädagogischen Grundhaltungen und schließlich eine Parteilichkeit für Menschen mit all ihren Bedürfnissen und Belangen. Der Titel ist in seiner Allgemeinheit irreführend. Den Kern des Buches machen nicht sozialpädagogische Themen aus. Das Buch enthält im Wesentlichen eine Einführung in die Sichtweise der strukturalistischen Linguistik für Erziehungsfachkräfte im Vorschulbereich. Zumindest die Ergänzung des Titels um „ein Lehrbuch“ wäre hilfreich gewesen, um den Charakter der Veröffentlichung deutlich zu machen.

Autorin

Die Autorin, Prof. Dr. Claudia Iven ist Diplom-Sprachheilpädagogin und leitet den Studiengang Logopädie an der Europa Fachhochschule Fresenius in Idstein Taunus.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist als Lehrbuch konzipiert. Jedes Kapitel beginnt mit einer Bestimmung von Lernzielen für nicht eindeutig adressierte Schülerinnen und Schüler. Es wird Bezug genommen auf Inhalte eines Lehrplans, der aber nicht explizit genannt wird.

Als Einstieg in das Kapitelthema wird meist eine (Sprach-)Lernsituation von Kindern im Vorschulalter dargestellt, die die behandelten inhaltlichen Aspekte beleuchten soll. Anschließend werden Wissensinhalte vermittelt und Aufgaben gestellt, mit denen sich die Schülerinnen und Schüler Lerninhalte erschließen und ihr Wissen anwenden und üben können. Dazu liegt dem Buch eine CD bei, auf der sich Lösungen, weitere Arbeitsmaterialien und Übungen, ergänzende Texte und ein Glossar befinden.

Folgende acht Kapitel gliedern den Text:

  1. Sprache und Kommunikation: Eine Einführung
  2. Grundlagen der Sprachentwicklung
  3. Von der Sprache zur Schrift
  4. Beobachtung und Einschätzung der Sprachentwicklung
  5. Förderung von Sprache und Kommunikation
  6. Sprachförderung bei Mehrsprachigkeit
  7. Sprachförderung als Teil des Elternarbeitskonzepts
  8. Professionell handeln bei Sprachentwicklungsstörungen.

Im ersten Kapitel wird eine knappe Einführung in die theoretischen Grundannahmen der strukturalistischen Linguistik gegeben. Es werden physiologische Grundlagen des Sprechens erläutert und Modelle für Kommunikationsabläufe dargestellt.

Im zweiten Kapitel wird der Spracherwerb als Sprachlernprozess dargestellt. Der Mensch erkenne dabei immer besser die strukturellen Regeln der Sprache bis er sie schließlich beherrsche. Entsprechend den strukturalistischen Prinzipien wird Sprachkompetenz nun unterteilt in semantisch-lexikalische, grammatische und artikulatorische Fähigkeiten.

Das dritte Kapitel befasst sich mit Schreiben und Lesen und gibt einen Einblick in linguistische Erklärungsansätze für den Schriftspracherwerb. Der Fokus liegt hier auf der komplexen Phonem-Graphem-Korrespondenz und der phonologischen Bewusstheit. Im Anschluss an eine ausführliche Sammlung verschiedener Fördertechniken und Tipps werden diese kritisch beleuchtet und Forschungsergebnisse benannt, die die Wirkungsweise dieser Methoden in Frage stellen.

Kapitel vier informiert über gebräuchliche Verfahren zur Erfassung des Sprachstandes bei Vorschulkindern.

Mit Kapitel fünf „Förderung von Sprache und Kommunikation“ wird das Ziel verfolgt: „Im Mittelpunkt steht der Erwerb von pädagogischen Sprachförderkompetenzen, um im Alltag von Kindertageseinrichtungen möglichst optimale Bedingungen zur Unterstützung von Sprachentwicklungsprozessen herstellen zu können.“ (S. 93) Es werden eine Fülle von Methoden vorgestellt, von denen man annimmt, dass man mit ihnen das Sprache(n)lernen im formalen Sinne unterstützen kann. Darüber hinaus gehende Methoden zur Förderung von Sprachentwicklung bei Kindern fehlen weitgehend.

Kapitel sechs gibt einen Einblick, wie die vorgestellte Theorie den Spracherwerb unter den Bedingungen der Mehrsprachigkeit erklärt. Hier werden sozialpädagogische Prinzipien von Sprachförderung dargestellt und Praxissituationen beschrieben, in denen diese Prinzipien wirken können. Die vorgestellten Übungen und Spiele zur Förderung mehrsprachiger Kinder legen den Fokus wieder auf einzelne formale Aspekte des Deutschlernens.

In Kapitel sieben wird ein Konzept zur Elternarbeit vorgestellt. Da alle deutschen Bildungspläne für das Vorschulalter Eltern als kompetente Partner im Erziehungsprozess wahrnehmen, wäre es klarer, in diesem Kontext von Erziehungs- und Bildungspartnerschaft zu sprechen.

Kapitel acht widmet sich den Sprachentwicklungsstörungen. Erscheinungsformen und Ursachen werden benannt, die Komplexität des Themas wird deutlich. Hier werden interdisziplinäre Sichtweisen deutlich. Eine enge Verflechtung verschiedener Entwicklungsbereiche (Sprache und Denken) und Entwicklungsfaktoren (biogenetische, soziokulturelle und psychische) wird erläutert. Die Möglichkeiten und Grenzen erzieherischen Handelns werden diskutiert.

Diskussion

Im ersten Kapitel werden unter dem Titel „sprachwissenschaftliche Grundlagen“ einige wesentliche theoretische Grundannahmen der strukturalistischen Linguistik vorgestellt, ohne dies jedoch explizit zu benennen. So kann der Eindruck entstehen, die strukturalistische Linguistik wäre die Sprachwissenschaft und würde Sprache umfassend erklären. Die Ausführungen fokussieren auf die formale Seite von Sprache, funktionale oder entwicklungspsychologische Aspekte der Sprache werden nur am Rande erfasst. Die strukturalistische Linguistik verfolgt Sprachentwicklung vom Erwachsenenalter zurück in die Kindheit. Sie beschreibt, was ein kompetenter erwachsener Sprecher normalerweise an grammatikalischen Fertigkeiten besitzt und unterstellt, dass diese Fertigkeiten Schritt für Schritt in einem linearen Prozess gelernt werden. So wird auch hier nicht zwischen dem Spracherwerb einer oder mehrerer Muttersprachen im Vorschul- und Grundschulalter und dem Erlernen einer Fremdsprache in der späten Kindheit und im Jugendalter differenziert. Psycholinguistische und entwicklungspsychologische Sichtweisen, die für das Verständnis kindlicher Spracherwerbs- und Bildungsprozesse unerlässlich sind, werden weitgehend ausgeklammert. An vielen Stellen im Buch gewinnt man den Eindruck, dass Menschen nicht deshalb miteinander reden, weil sie sich etwas zu sagen haben, sondern weil das eine gute Gelegenheit ist, Einblick in grammatische Strukturen zu gewinnen. Damit gerät das Buch in ein Dilemma. Weil der theoretische Rahmen so eng gesetzt wird, können die Prozesse nicht erklärt werden, die für sozialpädagogisches Handeln ausschlaggebend sind, wie z.B. motivationale Einflussfaktoren.

An mehreren Stellen finden sich Aussagen, die sich widersprechen, wie z.B.: „Die beste Basis für einen Zweitspracherwerb ist ein solides Fundament in der Muttersprache. – Nie wieder lernen Kinder so leicht eine Fremdsprache wie im Vorschulalter. Oder: Kinder sind Regeljäger, beim Erwerb grammatikalischer Regeln orientieren sich Kinder oft an ganz bestimmten Merkmalen wie der Betonung. – Kinder besitzen ein unbewusstes …“ (?gemeint ist wohl implizites Wissen?) „…Wissen über Sprachregeln“. Man könnte auch einfach sagen, Kinder entwickeln ein Gespür dafür, wie man sich in einem bestimmen soziokulturellen Umfeld benimmt, das schließt sprachliches Benehmen mit ein.

Wie ein roter Faden zieht sich die Reduktion von Entwicklung auf Lernen durch das Buch. Es werden aufeinander aufbauende Fertigkeiten benannt, die angeblich in einer klaren zeitlichen Abfolge erlernt werden. Sprachentwicklung beruht aber auf vielen verschiedenen Einflussfaktoren, die gleichzeitig und in wechselseitiger Verschränkung wirken. Erst im achten Kapitel erfolgt der Hinweis, dass Sprache und Denken eng miteinander verknüpft sind. Wie soll ein Kind denn Plural- oder Vergangenheitsregeln aus dem Sprachfluss extrahieren, wenn es noch kein Verständnis für Mehrzahl oder Zeit hat. Um Kinder auf diese geistigen Errungenschaften aufmerksam zu machen, nutzen wir sprachliche und gegenständliche Handlungen. Kinder sind hoch motiviert, diese Phänomene zu durchschauen, weil es ihre Handlungskompetenz erweitert. Noch eins und noch eins und noch eins, so viele möchtest du haben?

Wie problematisch ein Konzept von Vorläuferfähigkeiten sein kann, zeigt sich im Kapitel 3 „Von der Sprache zur Schrift“. „In der Vorschulzeit eignen sich Kinder das grundlegende sprachliche Wissen und Können an, um erfolgreich in den Schriftspracherwerb starten zu können.“ (S. 53) Zu diesem Wissen zählt die Autorin die phonologische Bewusstheit, auch wenn sie diese Aussage am Ende selbst abschwächt. Bereits vor der Schule und vor dem eigentlichen Lesenlernen sollten Kinder in der Lage sein, Wörter in Silben zu trennen. Dazu dienen Spiele wie z.B. Silbenhüpfen. Warum trennen wir Pa-pa aber nicht Pu-ppe? Ohne das Schriftbild ist das nicht verstehbar. Die Rhythmisierung des Sprechens dient der Verständigung. Bereits Kindworte, wie Wauwau oder Pipi nutzen diese Methode.

Lange bevor sich Kinder mit der Technik von Schreiben und Lesen befassen, bekommen sie bereits einen Einblick in Literatur. Da gibt es jemanden, der sich etwas ausdenken kann, eine Geschichte erfinden kann, die gar nicht wahr ist, nicht in echt passiert. Ich kann das auch. Erzählen ist der Schlüssel zum Lesen. Motivationale Prozesse werden auch hier ausgeklammert. Warum schreiben oder lesen wir, was gewinnen Menschen durch Schreiben oder Lesen (z.B. wir können etwas aufheben und es immer wieder-her-holen, Schreiben und Lesen erweitern die Gedächtniskapazität, sichtbar beim Einkaufszettel, einem Kalender, wir können anonyme Mitteilungen schreiben, wir sind unabhängig von einem Vorleser usw.). Schreiben und Lesen muss sich für Kinder lohnen.

Fazit

Das Buch „Sprache in der Sozialpädagogik“ vermittelt viel Wissen, es ist klar gegliedert, interessant aufbereitet und veranschaulicht mit vielen praktischen Beispielen. Dennoch hält es nicht, was es mit dem Titel verspricht. Problematisch ist nicht so sehr, was in dem Buch steht, sondern das, was fehlt: eine explizite Nennung der wissenschaftlichen Schule, ein Bezug zu den pädagogischen Bildungskonzepten im Vorschulalter, eine Darstellung der entwicklungspsychologischen Grundlagen von Spracherwerb und eine Beachtung sozialpädagogischer Prinzipien für die Gestaltung von Lernprozessen im sozio-kulturellen Umfeld. Es fehlen in Stichpunkten: Spiel, Beziehung, Gruppe, Gleichaltrige, innere Sprache, Emotionen, Bedürfnisse, Kokonstruktion, systemische Sichtweisen, autogene Entwicklungsfaktoren etc. Die vielen verschiedenen methodisch-didaktischen Tipps werden kaum in pädagogische Konzepte eingebunden. So können sie als Rezepte missverstanden werden, die mehr zum Nachmachen als zum Nach- und Überdenken anregen.


Rezension von
Dr. Anna Winner
Psycholinguistin, München
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Zitiervorschlag
Anna Winner. Rezension vom 14.01.2010 zu: Claudia Iven: Sprache in der Sozialpädagogik. Bildungsverlag EINS GmbH (Köln) 2009. 2. Auflage. ISBN 978-3-427-04610-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8051.php, Datum des Zugriffs 21.09.2020.


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