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Gudrun Schaade: Demenz. Therapeutische Behandlungsansätze [...]

Cover Gudrun Schaade: Demenz. Therapeutische Behandlungsansätze für alle Stadien der Erkrankung. Springer (Berlin) 2009. 140 Seiten. ISBN 978-3-540-89540-4. 39,95 EUR, CH: 54,50 sFr.
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Thema

Die Ergotherapie ist in der Pflege und Betreuung Demenzkranker ein eher randständiger Bereich, denn die zentralen Arbeitsfelder dieser Disziplin sind überwiegend Rehabilitationsmaßnahmen wie Wiedererlernen verloren gegangener Alltagsfertigkeiten wie z. B. nach einem Schlaganfall. Bei Demenzen vom Alzheimer-Typ im mittleren Stadium hingegen entfällt die Komponente Rehabilitation. Hier stehen mehr die Aspekte eines kompensatorischen Vorgehens im Sinne einer Optimierung der Person-Umwelt-Passung im Vordergrund. Wohlbefinden und Zufriedenheit durch Gestaltung einer demenzspezifischen Lebenswelt herzustellen, das sind konkrete Zielvorgaben und auch Erwartungen. Beschäftigungen als Elemente einer stetigen Tagesstrukturierung zwecks Bindung der Aufmerksamkeit der Demenzkranken sind therapeutisch wichtige Vorgaben, denn sie verhindern oder vermindern zumindest das Auftreten von Realitätsverlusten und Realitätsverzerrungen, die meist zu überfordernden Stressphänomenen führen. Erfolgskriterien für Beschäftigungen und damit auch ergotherapeutisches Wirken im Bereich der Demenzpflege können auf diesem Hintergrund wie folgt definiert werden: Nichtauftreten bzw. Verminderung u. a. von Unruhe, Furchtsymptomen und Realitätsverlusten wie z. B. beeinflussbare Zeitverschränkungen mit Verpflichtungscharakter. Erst wenn diese Zielvorgaben die Inhalte der Ergotherapie im Bereich Demenz bestimmen werden, kann von einem ergänzenden Nebeneinander von Pflege und Betreuung im Sinne einer produktiven Zusammenarbeit ausgegangen werden. Die vorliegende Publikation möchte Grundlagen aus der Neurophysiologie und besondere Konzepte wie die so genannte „sensorische Integration“ vermitteln und zugleich vertiefen.

Autorin

Die Autorin ist ausgebildete Beschäftigungstherapeutin, die über jahrelange Erfahrung in der Betreuung von Demenzkranken in stationären Einrichtungen in Hamburg verfügt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in 13 Kapitel mit den folgenden Themenstellungen unterteilt:

  • Kapitel 1: Betreuungskonzepte für Menschen mit demenzieller Erkrankung (Seite 1 – 11)
  • Kapitel 2: Aufbau und Funktion des Gehirns (Seite 13 – 17)
  • Kapitel 3: Kognition (Seite 19 – 25)
  • Kapitel 4: Wahrnehmung (Seite 27 – 40)
  • Kapitel 5: Sensorische Integration und Demenzerkrankung (Seite 41 – 58)
  • Kapitel 6: Die Hände als wichtiges „Sinnesorgan“ Demenzkranker (Seite 59 – 65)
  • Kapitel 7: Therapie bei beginnender Demenz (Seite 67 – 77)
  • Kapitel 8: Behandlung bei fortgeschrittener Erkrankung (Seite 79 – 88)
  • Kapitel 9: Einzeltherapie (Seite 89 – 91)
  • Kapitel 10: Das Spiel als therapeutisches Mittel (Seite 93 – 101)
  • Kapitel 11: Korsakow-Syndrom (anamnestisches Syndrom) (Seite 103 – 116)
  • Kapitel 12: Religiosität im Zusammenhang mit demenzieller Erkrankung (Seite 117 – 121)
  • Kapitel 13: Arbeitsmaterialien (Seite 123 – 127)

Die ersten 40 Seiten des Buches bestehen aus einem knappen Überblick über die gegenwärtig geläufigen Pflege- und Betreuungskonzepte und einführende allgemeine Erläuterungen über Hirnphysiologie und Wahrnehmungspsychologie unter Berücksichtigung der demenziellen Erkrankung. Hieran anschließend beschreibt die Autorin den Ansatz der so genannten „sensorischen Integrationstherapie“, die von der US-amerikanischen Ergotherapeutin A. Jean Ayres im Rahmen ihrer Arbeit mit Kindern entwickelt wurde. Im Zentrum dieses Konzeptes steht das Üben von Bewegungsabläufen zwecks Überwindung von Störungen und Defiziten im Agieren und Reagieren im Kontext von Umweltreizen (Person-Umwelt-Passung), wobei der Fokus auf die Dimensionen der vestibulären, propriozeptiven und taktilen Reizkonstellationen gelegt wird. Es folgen Ausführungen über Interventionsformen bei beginnender Demenz (Stimulation der Aufmerksamkeit und Merkfähigkeit, Biografiearbeit, Tätigkeiten des täglichen Lebens, kreatives Handeln und Spiele). Das Therapieziel in diesem Stadium besteht aus der Festigung des „seelischen und körperlichen Zustandes“ des Demenzkranken, „damit er mit zunehmender Erkrankung noch davon profitieren kann.“ (Seite 77). Für das fortgeschrittene Stadium werden dann Vorgehensweisen für die Erhaltung und Förderung der Körperwahrnehmung empfohlen. Dabei wird auf die Autostimulation, die zunehmende Immobilität, das Modell der „Pflegeoasen“, Essstörungen und die so genannte „Bodenpflege“ eingegangen. Anschließend werden verschiedene ergotherapeutische Zugangswege wie Einzeltherapie, Spiele teils mit Verwendung von Puppen und Stofftieren beschrieben. In den letzten Kapiteln werden Vorgehensweisen bei dem Korsakow-Syndrom vorgestellt, der Aspekt der Religiosität bei Demenzkranken im Rahmen der Beschäftigungstherapie kurz erörtert und ein Überblick über die erforderlichen Arbeitsmaterialien gegeben.

Diskussion

Das Buch trägt zwar den Titel „Demenz – Therapeutische Behandlungsansätze für alle Stadien der Erkrankung“, doch dieser Anspruch wird leider nicht eingelöst, wie im Folgenden erläutert wird:

  • Es fehlt in diesen Ausführungen ein explizites Konzept des hirnpathologischen Abbaus wie z. B. das empirisch belegte Modell der Retrogenese (Reisberg-Skalen, Braak-Stadien), das gegenwärtig in der Forschung den Hauptbezugsrahmen für den fortschreitenden Degenerationsprozess und den Veränderungen in der Wahrnehmung und den Verhaltens- und Reaktionsweisen bei Demenzkranken vom Alzheimer-Typ bildet. Interventionen und Zuwendungsformen sollten diesem Modell nach immer komplementär zu den Einbußen gestaltet werden. Das Wissen um die stadienspezifischen Defizite bildet somit immer zugleich auch das Wissen um die noch vorhandenen Fähigkeiten. Somit können die Gefahren einer Über- oder auch Unterforderung bei den Interventionen vermieden werden.
  • Das von der Autorin vorgeschlagene Modell der sensorischen Integration für die Behandlung von Demenzkranken ist nicht kompatibel mit der Logik des Abbauprozesses vom Alzheimer-Typ. Dementsprechend werden die therapeutischen Interventionen nicht an den Krankheitsverlauf adaptiert, der ein striktes Komplementärverhalten und Komplementärmilieu mit entsprechenden Reizgefügen erforderlich macht. Die u. a. von der Autorin vorgeschlagenen Interventionen, teils in Anlehnung an die so genannte „Basale Stimulation“ wie massive taktile Reizungen – „Haut bürsten“ zwecks Milderung der „taktilen Defensitität“ oder der Einsatz von Vibrationsgeräten (Seite 56) – werden vom Rezensenten für Demenzkranke als sehr kritisch, geradezu kontraproduktiv eingeschätzt. Hier besteht die Gefahr einer nicht mehr bewältigbaren Reizüberflutung.

Fazit

Es muss das betrübliche Fazit gezogen werden, dass das Fehlen des anerkannten Wissens über die Grundlagen der Demenz vom Alzheimer-Typ automatisch zu Fehlentwicklungen bei der theoretischen Erfassung des Umganges mit den Betroffenen führen muss. Wenn kein stabiler Bezugsrahmen vorhanden ist, dann kann kein Modell eines angemessenen therapeutischen Handelns geschaffen werden. Diese Publikation ist somit auch ein Indiz für den Sachverhalt, dass gegenwärtig noch viele verschiedene Interventionsformen der Pflege und Betreuung Demenzkranker auf keinem empirisch gesicherten Fundament beruhen.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 24.11.2009 zu: Gudrun Schaade: Demenz. Therapeutische Behandlungsansätze für alle Stadien der Erkrankung. Springer (Berlin) 2009. ISBN 978-3-540-89540-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8062.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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