socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Stavros Mentzos: Lehrbuch der Psychodynamik

Cover Stavros Mentzos: Lehrbuch der Psychodynamik. Die Funktion der Dysfunktionalität psychischer Störungen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2009. 298 Seiten. ISBN 978-3-525-40123-1. 39,90 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

In Kontinuität seines großen Anliegens, psychische Störungsbilder in ihrer psychodynamischen Gesamtfunktion zu verstehen, legt Stavros Mentzos mit diesem Werk ein Lehrbuch vor, das eine umfassende Einführung in das komplexe Thema der Psychodynamik psychischer Störungen darstellt. Er lehnt die rein deskriptive Beschreibung der Diagnostik in den Klassifikationssystemen ICD-10 und DSM-IV ab und möchte mit seinem Konzept die intrapsychische Konfliktdynamik der menschlichen Psyche samt ihren verschiedenen Verarbeitungsformen nutzen, um ein adäquateres Verstehen psychischer Störungen zu ermöglichen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in drei große Teile.

Im ersten Teil der allgemeinen Psychodynamik (S. 19- 79), stellt Mentzos in sechs Kapiteln grundlegende Kategorisierungen seines Verstehens psychischer Störungen als „funktionale Gebilde“ (S. 19f) dar und zeigt die Nachteile einer rein deskriptiven Diagnostik auf. Dabei stehen intrapsychische Konflikte, die Abwehrmechanismen und Verarbeitungsmodi von Konflikten und Traumata und die Weiterentwicklung der klassischen in der Psychoanalyse entwickelten psychodynamischen Modelle (Triebmodell, Selbstwertkonzepte, Objektbeziehungs- und Bindungstheorien sowie Symbolisierungsprozesse und Traumdeutungskonzepte) im Mittelpunkt der Reflexion.

Der zweite Teil des Buches (S. 83- 239) enthält als „spezielle Psychodynamik“ umfassende Beschreibungen der verschiedenen Störungsbilder wie Hysterie, Zwangsneurosen, Phobien, Depression, Manie, allgemeine Persönlichkeitsstörungen und Psychosen. Bei der Beschreibung dieser einzelnen Störungsbilder in jeweils separaten Kapiteln wird im Detail deutlich, welchen Nutzen die dynamische Sichtweise für das Verstehen hat. Die einzelnen Kapitel sind in diesem zentralen Teil des Buches jeweils gleich aufgebaut. Mentzos beginnt jeweils mit der Darstellung der Widersprüche bei der gängigen medizinischen Klassifizierung des im Mittelpunkt stehenden Störungsbildes, klärt über die Entwicklung der geschichtlichen Deutungsversuche auf und diskutiert auf dem Hintergrund aktueller, auch neurobiologischer, Forschungsergebnisse sein eigenes Modell der psychodynamischen Sicht. Dabei spricht Mentzos bei den einzelnen Störungsbildern bewusst nicht in der Objektivität eines feststehenden Begriffs wie „Hysterie“ oder „Phobie“, sondern von dem hysterischen oder phobischen „Modus“ der Verarbeitung intrapsychischer Grundkonflikte und Traumata.

Im dritten Teil des Buches (S. 243- 278) vertieft Mentzos seine neue Sichtweise der Dinge in mehreren Begründungszusammenhängen. Die vergleichende Psychodynamik (S. 245 -250) relativiert die kategoriale Diagnostik über die gängige Kritik hinaus in einer grundlegenden Relativierung der nosologischen Betrachtung. Das „Bipolaritätenmodell“ (S. 251-268) ermöglicht in seiner Weiterführung eine „Relativierung der Rolle des Traumas und die erneute Hervorhebung der Bedeutung des Konflikts“ (S. 261), da die meisten psychischen Störungen als Abwehr und Kompensation von intrapsychischen Gegensätzlichkeiten (Dilemmata) zu verstehen sind. Dabei stellt die „vorgegebene, universelle, ´normale´ evolutionstheoretisch erklärbare Bipolarität“ (S. 251), die unter ungünstigen Bedingungen zur Entstehung von unüberwindbaren Gegensätzlichkeiten, das grundlegende Postulat in der Argumentation Mentzos dar, das er an verschiedenen Stellen im Buches gegenüber anderen Erklärungsmodellen verteidigt. Mentzos stellt heraus, dass seines Erachtens in den letzten Jahren bedingt durch die Einführung der diagnostischen Kategorie der posttraumatischen Belastungsstörung im DSM-IV und ICD-10, die Bedeutung des Traumas grundlegend überschätzt wird und die zentrale Bipolarität der Konfliktdynamik in der menschlichen Psyche in Theorie und Praxis vernachlässigt wird. Im Kapitel über die „Funktion der Dysfunktionalitäten“ (S. 269-272) wird betont, dass es bei der Betrachtung der Funktion psychischer Störungen im Konzept der Psychodynamik nicht um die klassische Interpretation des sekundären Krankheitsgewinns geht. Vielmehr lässt sich die Funktion als etwas beschreiben, das zum primären Krankheitsgewinn gehört. So ist das Symptom des „Ritzens“ nicht nur Folge eines psychischen Prozesses und nützliches Indiz für die Diagnose einer Borderlinestörung, bei dem die entspannende Wirkung der Selbstverletzung süchtig machen kann, sondern auch Mittel der Angst- und Spannungslinderung intrapsychischer Konfliktkonstellationen der ambivalenten Beziehung zum inneren Objekt „bei gleichzeitiger Selbstbestrafung (Schmerz) für diesen Angriff auf das Objekt“ (S. 269). Eine solche Funktion der Dysfunktionalität wird als durchgängiges Prinzip psychischer Störungsbilder verstanden.
Dabei ist sich Mentzos der Relativität seiner Konstruktionen durchaus bewusst, wenn er in einem weiteren Kapitel die verschiedenen genutzten Konzepte als relative Metaphern beschreibt. So wird der dritte Teil des Buches abgerundet, indem grundlegende Erklärungsmuster nochmals zusammenfassend und vertiefend erläutert werden. Im Mittelpunkt dieses Kapitel stehen das „Drei-Säulen-Modell“ zu bildhaften Darstellung der Selbstwertregulation und ihrer Störungen, das „Über-Ich-Konto“ zum Verständnis der intrapsychischen Dynamik des Umgangs mit Schuldphänomenen und die „Circuli vitiosi“ als Beschreibung der zirkulären Kausalität der Psychodynamik.

In einem Nachwort fasst der Autor in elf Punkten das Wesentliche zusammen. Für nicht ganz sachkundige Leserinnen und Leser, die sich vielleicht gerade an die komplexe Materie in Studium und Ausbildung erstmals heranwagen, lohnt es sich bei der Lektüre des Buches mit diesen Seiten zu beginnen.

Diskussion

Wenn Mentzos in seinem Nachwort schreibt, dass er in seinem Buch wenig auf die therapeutischen Möglichkeiten eingegangen ist, so wird im Ganzen deutlich, dass sich aus der Betrachtung der psychischen Störungsbilder in ihrer Funktion der Dysfunktionalität ein roter Faden im Lehrbuch durchzieht, der eine therapeutische Haltung generiert, die weit über den Ansatz von Mentzos hinausreicht und auch kompatibel mit systemischen Ansätzen ist. „Der Patient wird nicht als defektuöses, gehandicaptes, nur gestörtes Individuum, sondern als ein in unlösbaren Widersprüchen und Antinomien verfangener Mensch betrachtet. Diese Haltung ermöglicht dem Therapeuten unter Einbeziehung der aus der vergleichenden Psychodynamik gewonnenen Einsicht der Analogien und Ähnlichkeiten des sogenannten Pathologischen mit dem sogenannten Normalen eine „sowohl intensiv einfühlsame, aber gleichzeitig auch respektvolle, achtsame Mitmenschlichkeit, welche eine der besten Voraussetzungen für eine erfolgversprechende Behandlung ist“ (S. 282). Nicht nur an dieser Stelle wird deutlich, dass Mentzos von einem zutiefst humanistisch geprägten Menschenbild ausgeht, bei dem nicht „das aus neurotischen Gründen erzwungene Gute die Quelle der erfüllten Lebens“ darstellt, sondern „die Spontanität der aus der gelungenen dialektischen Überwindung des Grundkonflikts hervorgehende Prosozialität“, die als Liebe bezeichnet werden kann (S. 278).

Nicht ganz verständlich ist es für den Leser, warum Mentzos nicht intensiver und systematischer andere Ansätze aus der Forschung aufgreift, um sein Konzept zu stützen. So wird zum Beispiel an zwei Stellen der Ansatz der emotionalen Affektlogik von Luc Ciompi erwähnt, aber nicht systematisch aufgegriffen, obgleich dadurch eine vertiefende und ergänzende Begründung für sein Konzept möglich würde. Ein höheres Maß an interdisziplinärem Denken übersteigt aber vielleicht auch das Anliegen eines Lehrbuches, das eine spezifische Sicht in dem Mittelpunkt der Auseinandersetzung rückt.

So ist das Buch ist für alle lesenswert, die zum einen aus dem systemischen Blickwinkel ihr Wissen im Hinblick auf die psychoanalytischen Deutungsmuster der Psychodynamik psychischer Störungen erweitern wollen und dann feststellen, wie stark systemische Gedanken Eingang in eine moderne psychoanalytische Sichtweise gefunden haben. Zum anderen stellt das vorliegende Lehrbuch eine Bereicherung der psychoanalytischen Psychotherapie dar, in dem eine breite Öffnung auf verschiedenste psychodynamische Erklärungsmuster stattfindet.

Das Buch ist in einer Sprache geschrieben, die in weiten Teilen allgemein verständlich ist. Daher ist das Buch nicht nur für Psychotherapeuten und Psychiater, sondern für alle Berufsgruppen geeignet, die professionell mit Menschen arbeiten, die unter psychischen Störungsbildern leiden. Besonders lohnenswert ist dieses Lehrbuch für alle, die sich in Studien- oder Ausbildungsgängen auf diese professionelle Arbeit vorbereiten, da es sich auch als Nachschlagewerk hervorragend eignet, weil die einzelnen Kapitel im zweiten Teil des Buches jeweils in sich selbst verständlich sind und ein gutes Personen und Sachregister Einzelfragen schnell beantwortet.

Mit dem vorlegten Werk zeigt der Psychiater und Psychoanalytiker Stavros Mentzos (Jg. 1930), der als Universitätsprofessor von 1971 bis 1995 die Abteilung für Psychotherapie/Psychosomatik des Klinikums der J. W. Goethe-Universität in Frankfurt/M. geleitet hat und seitdem mit vielen Forschungsbeiträgen, Fortbildungen, Seminaren und Vorlesungen weiterhin die öffentliche Diskussion prägt, wie wichtig es ist, die engen Klassifikationsschemata zu verlassen und sich der Dynamik der Funktionalität der Dsyfunktionalität psychischer Störungen zu stellen. Dabei ist sich Mentzos bewusst, dass auch seine Modelle als „metaphorische Konzeptualisierungen“ (S. 273) die Wirklichkeit nicht erfassen und der Relativität des Beobachters ausgesetzt sind. Dennoch stellen sie eine Hilfe dar, die Bedingungen „für die Entstehung eines echten, authentischen, lebendigen, schöpferischen, interpersonalen und sozialen Lebens“ (S. 277f) in den Blick zu nehmen.

Fazit

Das Buch motiviert dazu, einen verstärkten Dialog zwischen den unterschiedlichen psychotherapeutischen Schulen zu intensivieren, um die unterschiedlichen Blickwinkel auf die Psychodynamik psychischer Störungsbilder zu nutzen und die Handlungsspielräume professioneller Hilfen in der Praxis von Beratung und Therapie zu vergrößern.


Rezensent
Dr. Georg Singe
Dipl.-Sozialarbeiter, Dipl.-Theologe Systemischer Familientherapeut, Supervisor und Lehrtherapeut (DGSF)
Dozent an der Fakultät I für Bildungs- und Gesellschaftswissenschaften, Fachbereich Soziale Arbeit der Universität Vechta
Homepage www.uni-vechta.de/soziale-arbeit/mitglieder/georg-s ...
E-Mail Mailformular


Alle 24 Rezensionen von Georg Singe anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Georg Singe. Rezension vom 28.09.2009 zu: Stavros Mentzos: Lehrbuch der Psychodynamik. Die Funktion der Dysfunktionalität psychischer Störungen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2009. ISBN 978-3-525-40123-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8067.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung