socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Barbara Asbrand: Wissen und Handeln in der Weltgesellschaft

Cover Barbara Asbrand: Wissen und Handeln in der Weltgesellschaft. Eine qualitativ-rekonstruktive Studie zum Globalen Lernen in der Schule und in der außerschulischen Jugendarbeit. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2009. 264 Seiten. ISBN 978-3-8309-2120-2. 29,90 EUR.

Reihe: Erziehungswissenschaft und Weltgesellschaft - 1.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


„Die moderne Gesellschaft ist nur als Weltgesellschaft denkbar“

Die Erziehungswissenschaftlerin an der Georg-August-Universität Göttingen, Barbara Asbrand, legt mit der Studie ihre Habilitationsschrift vor. Sie verweist darauf, dass in der erziehungswissenschaftlichen Forschung im Feld „Globales Lernen“ bisher eine nur schwach ausgeprägte Theoriebildung vorliege, wie auch eine Didaktik Globalen Lernens nur in Ansätzen und nur als normative Festlegungen diskutiert würden: „Zu entwickeln wäre eine Didaktik Globalen Lernens, die ethisches und politisches Lernen ermöglicht, ohne bestimmte ethisch-moralische oder politische Positionen zu vermitteln“. Mit dieser Kritik freilich lehnt sich die Autorin weit aus dem Fenster; und es wird zu fragen sein, wie eine „Theorie der spezifischen Lernprozesse Globalen Lernens“ aussehen solle, werden moralische und sogar politische Einstellungen hintangestellt; vor allem letzteres – könnte man dabei doch dagegen halten, dass der Mensch nur als zôon politikon, als politisches Lebewesen (Aristoteles) denkbar sei.

Thema und Inhalt

In der Kinder- und Jugendforschung steht die Frage nach den Einstellungen und Orientierungen junger Menschen zu bestimmten Lebensutopien und –wirklichkeiten im Vordergrund. Wie etwa die Ergebnisse der Shell-Jugendstudien zeigen, werden Auffassungen über die (ganze) Welt von den jungen Menschen eher als nebensächlich angesehen und Phänomene der Globalisierung kaum beachtet. Das mag freilich, so konstatiert Barbara Asbrand, weniger an den Einstellungen der Jugendlichen liegen, als an der Konzeption der bisherigen Studien zur Jugendforschung. Mit ihrer empirischen Rekonstruktion will sie herausfinden, was und wie Jugendliche über die Welt denken und wie sie sich in einer komplexen globalisierten Weltgesellschaft orientieren. Die quantitativ-empirischen Daten hat sie in Gruppendiskussionen ermittelt und dokumentarisch interpretiert. Die Auswahl der Gruppen ist ohne Zweifel fragwürdig und wohl eher „gelegenheits-, denn typologieorientiert“; denn in der Beschreibung und Analyse wird zwar deutlich, dass es sich um freiwillige Gruppen handelte; jedoch die Auswahlkriterien und die Interessentenfindung erscheinen doch eher zufällig. Dadurch werden die Diskussionen und Äußerungen der Schülerinnen und Schüler von Gymnasien, Wirtschaftsgymnasien, Realschulen und Berufsschulen (warum etwa keiner Gesamtschule?), wie auch die wenigen der zudem bereits als „engagiert“ einzuschätzenden außerschulischen Jugendlichen, in ihren Bedeutungsaussagen und ihren Typisierungsstrukturen möglicherweise überhöht bzw. falsch gewichtet.

Für den Rezensenten ist es auch problematisch, die didaktische Frage zum Globalen Lernen auf die Bewertungskriterien „gymnasiale verus nicht-gymnasiale Bildungsmilieus“ zu reduzieren; wobei die Bedeutung von in schulischen Lernprozessen vermittelten Informationen und prägenden Einstellungen sicherlich über- und die Entwicklungs- und Einflusserfahrungen von außerschulischem, praktischem Lernen unterschätzt werden.

Immerhin: Für die Forschungsfrage, wie Globales Lernen sich vollzieht und aus welchen Quellen und Informationen die Jugendlichen ihre Meinungen beziehen, ergibt sich aus dem Forschungsprojekt ein wichtiges Ergebnis.“ Als zentrales Ergebnis dieser Studie kann ein Zusammenhang zwischen der (didaktischen) Gestalt von Lerngelegenheiten einerseits und dem semantischen Gehalt und der Struktur des erworbenen Wissens andererseits gelten“. Barbara Asbrand erinnert dadurch mit ihrer Studie nicht nur an die Bedeutung des „heimlichen Lehrplans“ und die medialen Einflüsse und Manipulationsgefahren auf die Einstellungen und Haltungen von Jugendlichen – in diesem Fall leider nur auf die Altersstufen 16 bis 20 Jahren bezogen – sondern macht deutlich, dass eine Didaktik und Praxis Globalen Lernens „solche Handlungskontexte als Lerngelegenheiten zu nutzen, die partnerschaftlich strukturiert sind“. Der Slogan „Die Eine Welt beginnt bei uns“, der ja nicht zuletzt mit der Paraphrase umschrieben wird – „Global denken und lokal handeln“ – könnte also zu einem Leitbild für Globales Lernen und der Verwirklichung einer interkulturellen Kompetenz als allgemeinbildende Lebensbewältigung in unserer „Einen Welt“ werden.

Fazit

Die qualitativ-rekonstruktive Studie von Barbara Asband zum Globalen Lernen in der Schule und in der außerschulischen Jugend- und Bildungsarbeit ist, trotz aller Mängel und allen Fragebedarfs, ein wichtiger Baustein dafür, Globales Lernen als fächerübergreifenden, projektorientierten Bildungsauftrag in unserer Gesellschaft zu etablieren.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1410 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 02.09.2009 zu: Barbara Asbrand: Wissen und Handeln in der Weltgesellschaft. Eine qualitativ-rekonstruktive Studie zum Globalen Lernen in der Schule und in der außerschulischen Jugendarbeit. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2009. ISBN 978-3-8309-2120-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8069.php, Datum des Zugriffs 31.03.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung