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Drorit Lengyel, Hans H. Reich u.a. (Hrsg.): Von der Sprachdiagnose zur Sprachförderung

Cover Drorit Lengyel, Hans H. Reich, Hans-Joachim Roth, Marion Döll (Hrsg.): Von der Sprachdiagnose zur Sprachförderung. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2009. 248 Seiten. ISBN 978-3-8309-2170-7. 24,90 EUR.

Reihe: FörMig Edition - 5.
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Entstehungshintergrund und Aufbau

Der vorliegende Sammelband ist eine Art Rechenschaftsbericht über das BLK-Programm „FÖRMIG“, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund sprachlich zu fördern.

Der Band besteht aus achtzehn Beiträgen und einer Einleitung, die in die Thematik einführt. Der Band gliedert sich in vier thematische Bereiche.

Inhalt

Im ersten Abschnitt Positionierung im Diskurs geht es um grundlegende Beiträge, die das Verhältnis der Sprachstandsmessung zur anschließenden sprachlichen Förderung zum Gegenstand haben.

  1. In seinem Beitrag erläutert Konrad Ehlich die von ihm wiederholt vorgetragenen Basisqualifikationen, die als Richtschnur für die sprachliche Förderung unter den Bedingungen der Mehrsprachigkeit gelten sollen. Bei der Entwicklung von Diagnoseinstrumenten gehen die Verantwortlichen von der Mehrsprachigkeit ihrer Zielgruppe aus, so dass sie nicht nur den Sprachstand der deutschen, sondern auch den der Herkunftssprache ihrer Probanden erfassen können.
  2. Dies ist wichtig für die Entwicklung geeigneter sprachfördernder Maßnahmen; denn wenn die Kinder und Jugendlichen in ihrer Muttersprache bereits über bestimmte sprachlich-pragmatischen Fähigkeiten verfügen, kann man sie in der Regel auch für das Erlernen der deutschen Sprache nutzbar machen, worauf Hans H. Reich in seinem Beitrag hinweist.
  3. Viv Edwards beschreibt die sprachliche Vielfalt in England, die sich in den vergangenen Jahren durch Migranten erhöht hat.

Der zweite Abschnitt Werkstattbericht zur Instrumententwicklung ist mit sieben Beiträgen der umfangreichste. Hier werden verschiedene Diagnose-Instrumente vorgestellt.

  1. Im Beitrag von Ramona Wenzel, Petra Schulz und Rosemarie Tracy wird die Arbeit mit dem Diagnose-Instrument „LiSe-DaZ“beschrieben. Die Ergebnisse ihrer umfangreichen Pilotstudie zeigen deutlich die Stärken dieses Messinstruments, was offensichtlich den Sprachstand von Kindern mit Deutsch als Zweitsprache angemessen erfassen kann.
  2. Im zweiten Beitrag stellen Marion Döll, Hans-Joachim Roth und Jens Siemon das computergestützte Auswertungsverfahren „HAVAS 5“ vor und diskutieren Verbesserungsvorschläge. Ausgereifte automatische Auswertungsverfahren von Sprachproben könnten die Bewertung von Sprachstandsmessungen im Alltag der Kindergärten und Grundschulen erheblich erleichtern.
  3. Ein weiteres Computerprogramm zur Analyse der schriftlichen Erzählfähigkeiten beschreiben Agi Schründer-Lenzen und Dominik Henn, wobei sie die drei Bereiche analysieren: Reichhaltigkeit des Wortschatzes, grammatische Korrektheit sowie Satz- und Sprachkomplexität und die Fähigkeit, Geschichten bzw. Erzählungen textsortenspezifisch zu strukturieren. Selbstkritisch wird angemerkt, dass inhaltliche Kriterien noch nicht mit dem Programm erfasst werden können.
  4. Marion Döll beschreibt ein Verfahren, das es erlauben soll, die sprachlichen Fähigkeiten von Migrantenkindern im schulpflichtigen Alter zu erfassen. Dieses Instrument, „Niveaubeschreibungen DaZ“, befindet sich noch in der Erprobung und zeigt bereits erste Erfolge, die vor allem in der Sensibilisierung der Lehrkräfte für Sprachprobleme besteht. Durch die Anwendung dieses Instruments lernen sie zugleich, sowohl das Sprachniveau nach dem vorgegebenen Muster festzustellen als auch Lernfortschritte der Schüler zu erkennen.
  5. In einem weiteren Beitrag erläutern Rupprecht Baur und Melanie Spettmann den „C-Test“ als Instrument der Sprachdiagnose und Sprachförderung, der ursprünglich für die Feststellung des Sprachstandes von erwachsenen Fremdsprachenlernenden entwickelt worden ist, der aber zurzeit modifiziert wird, so dass er auch in den Klassenstufen vier bis sieben eingesetzt werden kann. Da es sich um einen schriftlichen Test handelt, wird eine grundlegende Lese- und Schreibkompetenz der Probanden vorausgesetzt. An einzelnen Beispielen werden die Einsatzmöglichkeiten des Testverfahrens demonstriert.
  6. Erste Überlegungen zur Überprüfung der schriftlichen Sprachhandlungen liefern Drorit Lengyel, Andreas Heintze, Hans H. Reich, Hans-Joachim Roth und Heide Scheinhardt-Stettner. Am Beispiel der Sprachhandlungen Berichten und Erklären erläutern sie den Aufbau ihres mehrstufigen Kompetenzrasters, mit dessen Hilfe die schriftsprachlichen Leistungen von Schülern der Sekundarstufe I bewertet werden sollen.
  7. Anhand einer Fallstudie erläutern Inci Dirim und Marion Döll die Spezifika des zweisprachigen Diagnoseinstruments „Bumerang“, das vor allem beim Übergang von der Schule in den Beruf eingesetzt werden soll. Anhand der deutschen und türkischen Schreibaufgaben Bewerbung und Bauanleitung einer Probandin beschreiben sie die Auswertungskriterien der Schriftproben.

Der dritte Abschnitt Instrumente im Einsatz beginnt mit einer Art Erfahrungsbericht mit zwei Testverfahren („CITO“ und „HAVAS 5“), die Ute Scheffler und Sabine Sterkenburgh in Grundschulen des Ruhrgebiets einsetzten, um aufgrund der Diagnoseergebnisse gezielt Fördermaßnahmen einzusetzen. Auch Bilge Yörenc und Monika Grell verwendeten das Diagnoseinstrument „HAVAS 5“, um ein türkisches Kind sprachlich gezielt zu fördern.

Um den Übergang von der Kita zur Grundschule zu erleichtern, wurde in Berlin die „Lerndokumentation Sprache“ entwickelt, worüber Gudrun Carls berichtet. Mit Hilfe dieses Instruments soll der Lernfortschritt vor allem in den beiden ersten Grundschulen für jedes Kind erfasst werden.

Der vierte Abschnitt Positionierung in der Förderpraxis besteht aus den drei folgenden Beiträgen.

  1. Andreas Weber erläutert die Aktivitäten der Landesstiftung Baden Württemberg im Allgemeinen und die Förderung der Entwicklung der Diagnoseinstrumente „Sag` mal was“ und „LiSe-DaZ“ im Besonderen.
  2. Andrea Sens, Karin Jampert, Petra Best und Anna Zehnbauer gehen in ihrem Entwurf einer effektiven Sprachförderung von einer theoriegestützten Wahrnehmung aus, um zu einer inhalts- und handlungsorientierten Sprachförderung in der Kita zu gelangen.
  3. Thomas Quel gibt Anregungen, wie die Sprachbildung im Sachunterricht der Grundschule gestaltet werden kann.

Im Anhang sind detaillierte Auswertungshinweise zu den Instrumenten „Fast Catch Bumerang“ (Deutsch) und Schreibaufgabe „Fast Catch Bumerang“ (Deutsch) aufgeführt.

Fazit

Dieser Sammelband ist als Dokumentation des FÖRMIG-Modellprogramms zu verstehen, in dem es um die FÖRderung von MIGranten–Kindern geht. Dieser Erfahrungsbericht der beteiligten Personen macht die Möglichkeiten, aber auch die Komplexität derartiger Förderprogramme deutlich. Bereits die Entwicklung angemessener Diagnoseinstrumente zur Erfassung des Sprachstands der Muttersprache der Kinder und des Deutschen erfordert entsprechende linguistische und testtheoretische Kenntnisse. Die Entwicklung derartiger Diagnoseverfahren kann daher nur interdisziplinär adäquat erfolgen. Auch wenn es sich größtenteils um begrenzte Pilotstudien in diesem Band handelt, so können sie doch Hinweise für eine flächendeckende Problemlösung geben, die offenkundig erforderlich ist, um bildungspolitische Katastrophen zu verhindern. Es ist zu hoffen, dass dieser Problemaufriss die Diskussion der Sprachförderung von Migrantenkindern einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich macht.


Rezensent
Prof. Dr. Gert Rickheit
Universität Bielefeld Lehrstuhl für Linguistik, Schwerpunkt Psycholinguistik


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Zitiervorschlag
Gert Rickheit. Rezension vom 03.03.2010 zu: Drorit Lengyel, Hans H. Reich, Hans-Joachim Roth, Marion Döll (Hrsg.): Von der Sprachdiagnose zur Sprachförderung. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2009. ISBN 978-3-8309-2170-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8070.php, Datum des Zugriffs 24.08.2019.


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