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Jochen Haisch: Der mündige Patient und sein Arzt

Cover Jochen Haisch: Der mündige Patient und sein Arzt. Wie der Arzt die Eigenverantwortung des Patienten fördern kann. Ein Trainingsprogramm. Asanger Verlag (Kröning) 2003. 105 Seiten. ISBN 978-3-89334-396-6. 19,00 EUR.

m. Cartoons v. Sarie A. Haisch.
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Das Thema

Als eine Lösungsmöglichkeit der Qualitäts- und Finanzierungskrise des Gesundheitssystems wird die Förderung der Eigenverantwortung von Menschen für ihre Gesundheitserhaltung sowie in der Behandlung ihrer chronischen Erkrankungen gefordert. Die Entstehung und Verlauf der meisten Volkskrankheiten wie Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) oder koronare Herzerkrankung (Herzkranzgefäßverengung) sind neben genetischen Faktoren vom Lebensstil abhängig: Übergewicht und mangelnde körperliche Aktivität tragen zur Entstehung des Diabetes mellitus, Tabakrauchen und zu fetthaltige Ernährung zur Entstehung der koronarer Herzerkrankung bei. Ärzte als auch Gesundheitspolitiker befürworten mehr Eigenverantwortung von Patienten, weil sie sich davon mehr Erfolg in der Behandlung chronischer Erkrankungen und eine Kostenreduktion erhoffen. Die Realität ist jedoch ganz anders: Nur wenige übergewichtige Diabetiker oder Raucher mit koronarer Herzerkrankung sind bereit bzw. in der Lage, ihr gesundheitsschädigendes Verhalten dauerhaft zu ändern, in dem sie sich mehr körperlich bewegen bzw. das Rauchen einstellen. Es ist seit mehreren Jahren wissenschaftlich belegt, dass eine bloße rationale Vermittlung von Gesundheitsrisiken bzw. Drohungen mit Krankheitskomplikationen nicht ausreichen, um Patienten zu einem gesundheitsförderlichen Verhalten zu bewegen. Effektive Maßnahmen zur Förderung der Eigenverantwortung und zur Modifikation gesundheitsschädlichen Verhaltens sind daher eine der vordringlichsten Aufgaben des Gesundheitssystems. Der Autor legt mit seinem Programm VERA (VERAntwortungsübernahme) ein strukturiertes Stufenprogramm zur Förderung der Eigenverantwortung von Patienten vor, welches er in Fortbildungsveranstaltungen für Ärzte entwickelt und erprobt hat. VERA lässt sich mit bereits bestehenden strukturierten Programmen der Patientenschulung (z. B. Diabetes- und Asthmaschulung, Rückenschule, Raucherentwöhnung, Stressbewältigung) frei kombinieren und ist auch unabhängig von strukturierten Programmen themenbezogen einsetzbar. Die Grundlagen von VERA sind u.a. die kognitive Verhaltenstherapie (Selbstmanagementtherapie) und die Suggestibilitätstheorie (lösungsorientierte Gesprächsführung).

Der Autor

Professor Dr. med. Jochen Haisch ist seit 1993 stellvertretender Leiter der Abteilung Allgemeinmedizin der Universität Ulm mit Forschungs- und Lehrschwerpunkten in Prävention und Gesundheitsförderung, Public Health und Sozialpsychologie

Zielgruppe

Alle Berufsgruppen des Gesundheitswesens (Ärzte, Psychologen, Pädagogen, Sozialarbeiter, Krankengymnasten/Physiotherapeuten, Pflegepersonal), welche in den Bereichen Patientenschulung und Gesundheitsförderung tätig sind, erhalten in dem Buch wertvolle Anregungen und praxisbezogene Handlungsanleitungen. Da die Finanzierung von VERA keine Leistung der gesetzlichen und privaten Krankenkassen ist, wäre es auch wünschenswert, wenn das Buch von Krankenkassenvertretern und Gesundheitspolitikern gelesen würde.

Aufbau und Inhalte

Haisch vermittelt das Thema in 3 Hauptkapiteln. In " Fehlende Eigenverantwortung des Patienten als gesundheitspolitisches Problem" wird das Konzept der Eigenverantwortung, ihrer Behinderung und deren Förderung durch eine erlernbare Gesprächsführung des Arztes dargelegt. Der Autor betont, dass die mangelnde Eigenverantwortung von Menschen für ihre Gesundheit durch entschuldigende Erklärungen von Betroffenen (z. B. Vererbung) und einer Krankenpflichtversicherung, welche die Kosten für jegliches gesundheitsschädliches Verhalten übernimmt, erklärt werden kann. Die Bedeutung der Heilsversprechungen der High Tech Medizin wie der Gentherapie wird nicht diskutiert. In "systematische Vermittlung von Eigenverantwortung durch das Fortbildungsprogramm VERA" werden 7 Schritte beschrieben, mit denen gesundheitsschädliches Verhalten verändert werden kann: Aufklärung, Gruppenbildung , Sammeln der Patientenerfahrung, systematische Überprüfung hinderlicher Erfahrungen, Methoden der Suggestion neuer Erfahrung, Umsetzungsplanung, Stabilisierung durch soziale Unterstützung. Wesentlich bei dem Konzept ist die Einnahme einer Moderatorfunktion (statt einer belehrenden Funktion) durch den Arzt und die Fokussierung der Teilnehmererfahrungen auf eigene Kompetenzen, Ausnahmen von eigenem Problemverhalten, Berücksichtigung der Erfahrungen anderer Betroffener und selbstständig abgeleiteter Schlussfolgerungen. Am Beispiel der Diabetikerschulung wird gezeigt, wie sich eine strukturierte wissensvermittlungsbetonte Schulung durch VERA ergänzen lässt. In "Shared Decision Making: Einordnung und Bedeutung von VERA" werden die Ziele von partnerschaftlicher Beteilung an medizinischen Entscheidungen und deren praktische Umsetzung in die hausärztliche Praxis (z. B. Sondersprechstunde, Videofeedback, Netzwerk eigenverantwortungsfördernder Ärzte) dargestellt. Das Buch schließt mit Selbsthilfematerialien für Betroffene bzw. Kopiervorlagen für VERA, einem Literatur- sowie einem Adressenverzeichnis von Anbietern von Schulungsprogrammen.

Fazit

Das Buch ist für die genannten Zielgruppen aufgrund seines Praxisbezugs uneingeschränkt zu empfehlen. Zur Förderung der Bereitschaft von Ärzten VERA anzubieten wären konkrete Vorschläge zur Abrechenbarkeit im Rahmen des einheitlichen Bewertungsmaßstabes EBM oder der Gebührordnung für Ärzte GOÄ bzw. individueller Gesundheitsleistungen IGEL und das Aufführen von VERA-Schulungsterminen bzw. das Programm nutzende Ärzte bzw. Praxisnetze sinnvoll gewesen. Auch wenn der Autor im Literaturverzeichnis der narzistischen Versuchung widersteht, seine gesamten Publikationen zu diesem Thema anzuführen, wären einige Daten und Literaturhinweise, welche die positiven Effekte von VERA belegen, überzeugungsfördernd.


Rezension von
Dr. med. Winfried Häuser
Facharzt für Innere und Psychotherapeutische Medizin – Spezielle Schmerztherapie
Krankenhausarzt in den Bereichen Innere Medizin, Psychosomatik und Schmerztherapie
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Zitiervorschlag
Winfried Häuser. Rezension vom 25.03.2003 zu: Jochen Haisch: Der mündige Patient und sein Arzt. Wie der Arzt die Eigenverantwortung des Patienten fördern kann. Ein Trainingsprogramm. Asanger Verlag (Kröning) 2003. ISBN 978-3-89334-396-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/809.php, Datum des Zugriffs 24.10.2020.


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