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Diana Auth (Hrsg.): Selektive Emanzipation

Cover Diana Auth (Hrsg.): Selektive Emanzipation. Analysen zur Gleichstellungs- und Familienpolitik. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2010. 256 Seiten. ISBN 978-3-86649-254-7. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: Politik und Geschlecht - Band 21.
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Thema

Der von drei Politikwissenschaftlerinnen herausgegebene Band umfasst ein Dutzend Beiträge überwiegend gewerkschaftsnaher und/oder als feministische Politik- und SozialwissenschaftlerInnen ausgewiesener jüngerer AutorInnen.

Im Fokus stehen die Gleichstellungs- und Familienpolitik der Großen Koalition (2005-2009) sowie ausgewählte europäische Vergleichsstudien. Zentrale These ist, dass die Gleichstellungspolitik zu einem „Nebenprodukt“ der Familienpolitik mit selektiver Wirkung geworden sei.

Aufbau und Inhalt

Der Band umfasst drei Teile:

  1. Politische Gleichstellung und Gleichstellungspolitik
  2. Familienpolitik als Gleichstellungspolitik?
  3. Familienpolitik und Geschlechtergleichheit in Europa.

In ihrer Einleitung heben die drei Herausgeberinnen positiv hervor, dass Familienpolitik von einem randständigen Bereich zu einem zentralen Politikfeld geworden sei, in dem die Gleichstellungspolitik aber eher „zu einem Beiprodukt verkomme“ (7). An die Stelle einer Gleichstellungspolitik, die alle gesellschaftlichen Bereiche umfasst, seien die Ziele der Anhebung der Geburtenrate und der Erhöhung der Frauenerwerbsquote getreten, zu deren Erreichen eine verbesserte Vereinbarkeit von Beruf und Familie unabdingbar sind. Eine solche politische Zielsetzung führe aber nicht für alle Frauen gleichermaßen zu mehr Chancengleichheit und Wahlfreiheit, sondern zu einer selektiven Emanzipation, die mit mehr Gleichstellung für die ohnehin besser gestellten Frauen einhergehe.

Dieser These folgen die einzelnen Beiträge, die sich mit der Gleichstellungs- und Antidiskriminierungspolitik der großen Koalition (Julia Lepperhoff), deren Arbeitsmarktpolitik (Claudia Bogedan), der Einführung des Elterngeldes (Hanne Martinek), der Reform des Unterhaltsrechts (Lisa Haller) und dem Ausbau der frühkindlichen Betreuung (Anneli Rüling) befassen. Erweitert wird die Perspektive durch einen Vergleich der Personalpolitik der Siemens AG mit der bundesrepublikanischen Gleichstellungspolitik (Vera Lohel), in dem auch die Frage thematisiert wird, ob und wie weit Unternehmenspolitik durch bundespolitische Konstellationen und Strategien beeinflusst werden. – Europäische Vergleiche kommen in den Beiträgen von Katharina Spieß zur Bewertung familienpolitischer Maßnahmen in der EU, von Anneli Rüling zur frühkindlichen Betreuung in England und Deutschland, von Sigrid Leitner zur Kinderbetreuungs- und Altenpflegepolitik in Belgien, Deutschland, Frankreich und Österreich sowie in dem Beitrag von Dorottya Szikra zur Familienpolitik in Ungarn und Polen zum Tragen. Den „roten Faden“ in diesen vielfältigen und differenzierten vergleichenden Analysen bildet die Typologie von Wohlfahrtsstaaten unter der Perspektive von Ernährermodellen und Familialismus.

Der Beitrag von Doris Urbanek: Intersectionality in Recent German Equalitiy Politics stellt die – auf die Bundesrepublik Deutschland bezogenen - Einzelanalysen in einen größeren Kontext und öffnet das Spannungsfeld zwischen anspruchsvollen theoretischen Konzeptualisierungen und konkreter Analyse der Interdependenzen einzelner Politikfelder. Sie identifiziert vier gleichstellungsrelevante Policy-Debatten, nämlich das Allgemeine Gleichstellungsgesetz (AGG), den Antrag von Bündnis 90/Die Grünen zur Abschaffung des „Ehegattensplittings“, das Gesetz zur Umsetzung aufenthalts- und asylrechtlicher Richtlinien der EU sowie die öffentliche Debatte zur Zwangsheirat. Auf diese Weise werden Kategorien wie Geschlecht, Ethnizität, Klasse, sexuelle Orientierung, Herkunft u.a.m. miteinander in Beziehung gesetzt, die üblicherweise gesondert betrachtet und politisch gesondert gestaltet werden. Auch der Beitrag von Jörg Nowak zur „Familienpolitik als Kampfplatz um Hegemonie“, in dem er unter Bezug auf Antonio Gransci den Versuch einer kritischen Würdigung des „linken Feminismus“ unternimmt, dient der Einbettung der einzelnen Analysen von Politikfeldern in einen auch theoretisch auszuleuchtenden Gesamtzusammenhang.

Fazit

Die Stärke des vorliegenden Sammelbandes liegt in den differenzierten und präzisen Einzelanalysen. Ob Lehrende oder Studierende, ob politisch interessierte und engagierte Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, ob beruflich mit den Folgen von Familien-, Arbeitsmarkt- und Gleichstellungspolitik konfrontierte Fachkräfte (beispielsweise des Sozialwesens): Sie alle können von der Lektüre profitieren, indem einzelne politische Maßnahmen in ihren Auswirkungen für die Gleichstellung der Geschlechter sowie die Emanzipation von Frauen (aus geschlechtsspezifischen Benachteiligungen) und Männern (aus tradierten Rollen) nachvollziehbar analysiert werden. Die Beschränkung auf die Politik der Großen Koalition von 2005 bis 2009 erscheint dabei nicht als gravierender Nachteil, da die Perspektiven und Kategorien der Analyse auch auf die politischen Strategien und Konzepte der jetzt regierenden Koalition angewendet werden können. Nicht ganz so überzeugend erscheinen die theoretischen Grundlegungen und Einordnungen der Einzelanalysen – seien es die entsprechenden Abschnitte innerhalb einzelner Beiträge, seien es die entsprechenden Beiträge insgesamt. Die Explikationen und Problematisierungen der zugrunde liegenden Kategorien von Geschlecht und Emanzipation beziehen sich im wesentlichen auf „klassisch“ linke, gewerkschafts- und/oder klassenorientierte AutorInnen und Positionen; es fehlen subjekt- und handlungsorientierte Perspektiven, es fehlen die aktuellen Debatten der dynamischen Armuts- und Exklusionsforschung und jeglicher Rekurs auf Lebenslagen-Konzepte. Dies erscheint nicht zuletzt deshalb als bedauerlich, als aus der Erweiterung der analytischen und reflexiven Perspektiven um diese Dimensionen auch eine Erweiterung von kritischen Handlungsstrategien folgen kann, die in Anbetracht des „Zustands der Republik“ dringend angezeigt wäre.


Rezension von
Prof. em. Dr. Hildegard Mogge-Grotjahn
Bis März 2017 Professorin für Soziologie am Fachbereich 1: Soziale Arbeit, Bildung und Diakonie an der Evangelischen Fachhochschule RWL in Bochum
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Zitiervorschlag
Hildegard Mogge-Grotjahn. Rezension vom 17.08.2010 zu: Diana Auth (Hrsg.): Selektive Emanzipation. Analysen zur Gleichstellungs- und Familienpolitik. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2010. ISBN 978-3-86649-254-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8090.php, Datum des Zugriffs 29.10.2020.


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