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Dörte Hein: Erinnerungskulturen online

Cover Dörte Hein: Erinnerungskulturen online. Angebote, Kommunikatoren und Nutzer von Websites zu Nationalsozialismus und Holocaust. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2009. 294 Seiten. ISBN 978-3-86764-162-3. 29,00 EUR, CH: 49,90 sFr.
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Thema

Dörte Hein geht im Rahmen ihrer unter dem Titel „Erinnerungskulturen online – Angebote, Kommunikatoren und Nutzer von Websites zu Nationalsozialismus und Holocaust“ im Jahre 2009 von der UVK Verlagsgesellschaft verlegten Studie unter anderem der Frage nach, welche Rolle das Internet als Teil des kulturellen Gedächtnisses bei der Deutung der faschistischen Vergangenheit spielt. Ferner interessiert es sie, welche Intentionen die Anbieter einschlägiger Websites verfolgen und welche Motive und Präferenzen bei den Nutzern derselben im Vordergrund stehen.

Autorin und Entstehungshintergrund

Die ‚Urfassung‘ dieser Studie wurde Mitte Juli 2008 am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften der Freien Universität Berlin als Dissertation angenommen. Die Arbeit Dörte Heins, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Freie Universität Berlin tätig war, ist im Rahmen des Promotionsverfahrens von Klaus Beck betreut worden.

Aufbau und Inhalt

In der Einleitung dient die Diskussion um den Roman von Jonathan Littell der Autorin als ‚Aufhänger‘ zum einen für die Feststellung, dass die „Frage nach dem angemessenen Umgang mit der NS-Vergangenheit“ (S. 9) weiterhin die Gemüter erregt, zum anderen, dass inzwischen das World Wide Web eine „neue Dimension“ in dieser Debatte darstellt, was sie mit dem Verweis auf den Umstand, dass die Diskussion um dieses Buch auch im „»Reading Room« der Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (S. 10) stattgefunden hat, zu belegen sucht.

Ergänzt wird dies durch eine Aufzählung all derjenigen Akteure, die für eine Präsenz des Holocausts im WWW sorgen, woraus abgeleitet wird, dass „dem Internet bezüglich der Vergegenwärtigung der Vergangenheit“ (S. 16) eine wachsende Relevanz zukommt. Im Anschluss an die Gegenüberstellung kontroverser Statements zur Einschätzung der Besonderheiten dieses Mediums bezeichnet Hein als Ziel ihrer Studie die Untersuchung des WWW als Gedächtnismedium und die Beschreibung desselben anhand ausgewählter Phänomene sowohl in theoretischer als auch empirischer Hinsicht (S. 20).

Bei der anschließenden Darstellung des aktuellen ‚Stands der Forschung‘ (S. 21 ff.) kommt sie – wenig überraschend – zum Ergebnis, dass man sich bislang noch kaum mit dieser Fragestellung befasst hat.

Gemäß dieses Konzepts wird dem Leser in einem mit „Theoretische Zugänge“ betitelten Teil, der etwa ein Viertel des Gesamtwerks umfasst, zunächst der theoretische Rahmen dieser als interdisziplinär bezeichneten Studie erläutert. Auftakt bildet eine Darstellung dessen, was Nutzer des Netzes machen bzw. machen können, in kommunikationswissenschaftlicher Terminologie, was ‚Nutzern‘ dieser Studie, die nicht der ‚Community‘ der Kommunikationswissenschaftler angehören, wenig Erkenntnisgewinn jenseits des Umstands verschafft, dass auch in diesem Forschungsfeld die Möglichkeit gegeben ist, allgemein bekannte Abläufe und eher wenig komplizierte Prozesse durch den gezielten Einsatz von Fachterminologie mit ‚wissenschaftlichen Weihen‘ zu versehen.

Im sich anschließenden Kapitel verfolgt die Autorin das Ziel, „die wesentlichen theoretischen Grundlagen der Konzeptualisierung des Gedächtnisses als soziales Phänomen sowie seiner verschiedenen Formationen darzulegen“ (S. 51). In ‚ihrer‘ Zusammenfassung definiert sie dann „in Anlehnung an Erll“ den „Terminus kollektives Gedächtnis als integrativer Oberbegriff für alle Formen und Vorgänge der wechselseitigen Beeinflussung sowie Bezugnahme von Vergangenem und Gegenwärtigem in soziokulturellen Kontexten“ (S. 68) und konstatiert ferner, dass für ihre Untersuchung „die mit Assmann/Assmann und anderen erarbeiteten Gedächtnisformationen als analytischer Hintergrund betrachtet werden, vor dem sich ausprägende, webbasierte Erinnerungskulturen untersucht werden sollen“, wobei „die Inhalte der Websites, gespeichert als Daten, mit Luhmann zunächst einmal in Form von Themen bereitgehalten [werden] und (…) als Anlässe zur Erinnerung dienen [können]“ (S. 69). Im den 1. Teil abschließenden Kapitel hat Hein sich schließlich zur Aufgabe gemacht, den Zusammenhang von Medien und Gedächtnis herauszuarbeiten und dies – quasi als Basis für den sich anschließenden empirischen Teil – vor dem Hintergrund der Frage, „in welcher Weise die zugrunde liegenden Medien soziale Erinnerung, verstanden als Kommunikationsprozess, beeinflussen" (S. 71)“. Sie schließt dieses Kapitel mit einem bunten Strauß von Fragen, die von ihr als „nur einige der relevanten Fragen, zu deren Beantwortung die vorliegende Untersuchung beitragen will.“ (S. 101) bezeichnet werden, so etwa nach der Auswirkung der potenziellen Gleichberechtigung von Themen im Web auf die Repräsentation des Holocaust, nach der Bedeutung einer individuellen Zusammenstellung von Geschichtsbildern in diesem Kontext bzw. nach den Konsequenzen der Mitwirkung alternativer Anbieter an der Deutung und Vermittlung der nationalsozialistischen Vergangenheit sowie danach, ob die Aura realer Erinnerungsorte auch für virtuelle Repräsentanzen eine Rolle spielt. Auch die Frage, ob sich die Nutzer entsprechender Websites in Online-Erinnerungsgemeinschaften zusammenfinden, oder ob für sie der Abruf von Informationen im Vordergrund steht, wird von der Autorin zu den relevanten Fragen gerechnet, zu deren Beantwortung ihre Studie beitragen will.

Den Auftakt des der empirischen Anwendung gewidmeten 2. Teils der Arbeit bildet die Darlegung des von der Autorin vorgenommenen Selektionsprozesses als dessen Ergebnis sie dann eine kleine Schar von Websites präsentiert, die von ihr genauer untersucht werden. Dieser Prozess ist nahezu abenteuerlich. Zunächst googelt sie den Begriff „Holocaust“/Seiten auf Deutsch. Von den 782 Ergebnissen werden dann die „relevanten Websites“ (S. 105) herausgefiltert, wobei zugestanden wird, dass die so ‚gewonnenen‘ 105 Websites „nicht als Grundgesamtheit im Sinne der quantitativen Sozialforschung zu interpretieren“ sind, was damit gerechtfertigt wird, dass man eine „Abbildung von möglichst großer Heterogenität und Varianz im Datenmaterial“ haben wollte (S. 105). Diese 105 Websites werden zunächst einerseits nach Anbietern und andererseits nach Präsentationsformen systematisiert, worauf dann „von den drei am stärksten vertretenen Merkmalsräumen je vier Fallbeispiele ausgewählt“ (S. 108) werden, wobei die Gruppe der Zeitungsartikel etc., obwohl sie zu den dominierenden Präsentationsformen gehört, mit der Begründung „vernachlässigt“ wird, weil „hierbei nicht von eigenständigen Präsentationsformen gesprochen werden kann“ (S. 108). Letztlich kommt Hein dann zu drei Samples (Information, Service und Portal), in deren Zusammenhang sie jeweils vier Beispiele untersucht. Warum es genau diese Beispiele sind, bleibt das Geheimnis der Autorin, konkret: warum unter „Service“ die Websites des Holocaust-Mahnmals sowie die der Gedenkstätten Sachsenhausen, Buchenwald und Flossenbürg für untersuchungswürdig gehalten werden, nicht aber beispielsweise die der Gedenkstätte Ravensbrück oder die der Gedenkstätte Dachau wird nicht offengelegt. Dieser gesamte Selektionsprozess scheint nur dazu da zu sein, eine Scheinwissenschaftlichkeit bzw. Scheinempirie vorzuspiegeln, genauso gut hätte die Autorin auf den Einsatz von Google und die Auswahl entsprechend „einem subsumptionslogischen Vorgehen“ (S. 108) verzichten können und gleich die von ihr für eine Untersuchung für geeignet gehaltene 12 Websites präsentieren können.

Im Anschluss daran werden dann Strukturen und Inhalte der Online-Angebote qualitativ analysiert, die Online-Kommunikatoren zu Experten erklärt, denen die Autorin mit leitfadengestützten Interviews zu Leibe rückt, und die Nutzer der Websites um das Ausfüllen von Online-Fragebögen gebeten.

Im Rahmen der Analyse werden die 12 Websites ausführlich beschrieben, ihre Startseiten abgebildet – dies sogar im Farbdruck, wobei allerdings nicht darauf geachtet wird, dass die Texte auf den Startseiten überhaupt noch lesbar sind (vgl. etwa die Startseite der „Forschungs- und Arbeitsstelle »Erziehung nach/über Auschwitz«“ [FAS] auf S. 148) – und aus Diskussionsforen zitiert (S. 143 ff.). In ihrem sich auf diese Analyse und die Experteninterviews stützenden Fazit kommt die Autorin zu dem wenig überraschenden Ergebnis, dass es „nicht nur eine virtuelle Erinnerungskultur, sondern diverse neumediale Deutungsangebote“ (S. 217) gibt und dass „Narrative, die durch den gesellschaftlichen und massenmedialen Diskurs hervorgebracht werden, maßgeblich auch die Diskurse im WWW“ (S. 218) bestimmen. (Nebenbei bemerkt: wie dem WWW überhaupt ein „Mehrwert“ [S. 219] zugeschrieben werden kann, erschließt sich aus dem Text nicht, es steht aber zu vermuten, dass diese wissenschaftliche Mitarbeiterin der Freie Universität Berlin während ihres Studiums verabsäumt hat, am Otto-Suhr-Institut der FUB einen der dort angebotenen Kapitalkurse zu absolvieren.)

Bei ihrer Nutzerbefragung statuiert sie als vorrangiges Ziel, „die hinter den Angeboten stehende Nutzerschaft zu explorieren und sie soziodemografisch sowie in ihren Motiven, Einstellungen und Nutzungsmustern zu beschreiben“ (S. 221). Hierbei kommt Hein einmal mehr zu Ergebnissen, die nur wenig überraschen. So entspricht die Altersstruktur der Nutzer der untersuchten Samples weitgehend die der Internetpopulation insgesamt (S. 223), sofern es zu ‚Abweichungen‘ kommt – so sind etwa unter den Nutzern Männer überrepräsentiert (S. 223) – werden von der Autorin weder Erklärungen noch Thesen geliefert.

Den Abschluss der Arbeit bildet ein Kapitel, welches mit „Erinnerungskulturen online Fazit und Ausblick“ (S. 253 ff. überschrieben ist. Hier präsentiert Hein neun Thesen, die die wesentlichen Ergebnisse der Studie zusammenfassen sollen. Diese mehrheitlich ziemlich banal geratenen Thesen – so etwa These 4 „Websites zu Nationalsozialismus und Holocaust dienen vorrangig dem Informationsabruf und nicht dem kommunikativen Austausch“ (S. 256) - enthalten in der Regel auch nicht wirklich überraschende Erkenntnisse: wer etwa hätte nicht gedacht, dass für die Gruppe der 14- bis 19-jährigen das WWW (und nicht etwa historische Fachbücher) die wichtigste Informationsquelle zum Thema Holocaust ist (vgl. These 3, S. 255).

Fazit

Die Autorin liefert mit ihrer These 9 (S. 260) selbst das Fazit, wenn sie feststellt, dass „Erinnerungskulturen (...) nicht allein durch Analyse von Gedächtnismedien, sondern erst durch die Betrachtung der zugrunde liegenden Kommunikationsprozesse umfassend beschreibbar (sind).“ Zu bedauern ist lediglich, dass sie sich von dieser These nicht bereits zu einem frühen Zeitpunkt ihres Promotionsvorhabens hat leiten lassen und sich nicht dazu entschließen konnte, der „Nutzerschaft“ dieses Werk vorzuenthalten.


Rezension von
Prof. Dr. Dr. Jochen Fuchs


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Zitiervorschlag
Jochen Fuchs. Rezension vom 12.11.2009 zu: Dörte Hein: Erinnerungskulturen online. Angebote, Kommunikatoren und Nutzer von Websites zu Nationalsozialismus und Holocaust. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2009. ISBN 978-3-86764-162-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8091.php, Datum des Zugriffs 04.04.2020.


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