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Klaus Grunwald: Neugestaltung der freien Wohlfahrtspflege

Cover Klaus Grunwald: Neugestaltung der freien Wohlfahrtspflege. Management organisationalen Wandels und die Ziele der Sozialen Arbeit. Juventa Verlag (Weinheim) 2001. 255 Seiten. ISBN 978-3-7799-1214-9. 20,50 EUR.
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Das Thema

Noch vor nahezu einer Dekade konnten die deutschen Verbände der freien Wohlfahrtspflege als eine von den Sozialwissenschaften vernachlässigte und weitgehend unbeachtete Schutzzone angesehen werden. Das Forschungsdesiderat war beträchtlich und nur wenige Autoren tummelten sich auf diesem Feld. Inzwischen hat sich diese Situation grundlegend geändert. Die Ursachen und Auslöser für dieses quantitativ und qualitativ veränderte Forschungsinteresse: Seit Beginn der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts ist die freie Wohlfahrtspflege mit gänzlich veränderten Rahmenbedingungen konfrontiert, die sich sowohl auf nationalstaatlicher als auch supranationaler Ebene lokalisieren lassen. Verschiedene Veränderungen in der bundesdeutschen Sozialgesetzgebung leiteten das Ende einer bislang privilegierten Vorrangstellung (Subsidiaritätsprinzip) ein und öffneten den Sozialmarkt für bislang ausgeschlossene, privat-gewerbliche Dienstleistungsanbieter. Aus internationaler und europäischer Perspektive gesehen war die Stellung der deutschen Wohlfahrtsverbände nicht nur ungewöhnlich, sondern wurde zunehmend als hinderlich und blockierend für die Entwicklung eines freien Kapital-, Waren-, Personen- und Dienstleistungsmarktes angesehen. Beide Faktoren führten im Kontext eines gleichzeitig wachsenden nationalen Sozialmarktes und den damit einhergehenden Managementanforderungen zu einem Veränderungs- und Öffnungsdruck für die deutsche Wohlfahrtspflege. Es wundert deshalb nicht, dass insbesondere während der 90er Jahre die deutschen Wohlfahrtsverbände zunehmend zum Gegenstand sozialwissenschaftlicher Forschung wurden. Die Veröffentlichung von Klaus Grunwald reiht sich ein in diese Entwicklung.

Der Autor / der Hintergrund

Grunwald arbeitete viele Jahre als wissenschaftlicher Angestellter am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Tübingen. Sein besonderes Interesse galt der Sozialen Arbeit, hier synonym verstanden für Sozialarbeit und Sozialpädagogik, wobei zunehmend die institutionellen Voraussetzungen und organisatorischen Veränderungen innerhalb der Wohlfahrtsverbände zum Gegenstand seines Interesses wurden. Inzwischen ist der Autor als Professor für Soziale Arbeit / Sozialmanagement an die Berufsakademie Stuttgart berufen worden.

Der Inhalt

Was das Buch auszeichnet, ist das Unterfangen, den sich derzeit vollziehenden fundamentalen Wandel der freien Wohlfahrtspflege aus dem Blick unterschiedlicher Diskussionszusammenhänge und Disziplinen zu erörtern. Diese werden nun keineswegs beliebig oder gar zufällig ausgewählt, sondern hinsichtlich ihrer Relevanz für eine fachliche und theoretische Einordnung Sozialer Arbeit. Als Referenzpunkte kommen damit einerseits das "Konzept der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit" und andererseits das "Konzept Soziale Arbeit als Dienstleistung" in den Blick. Auf der Basis dieser zentralen Paradigmen diskutiert Grunwald die organisationale Entwicklung und die damit verbundenen Herausforderungen für die freie Wohlfahrtspflege.

Die Gliederung der insgesamt 9 Hauptkapitel im Überblick:

  1. Rahmenbedingungen und Herausforderungen für den organisationalen Wandel in der freien Wohlfahrtspflege
  2. Wohlfahrtsverbände aus ökonomischer Sicht
  3. Wohlfahrtsverbände aus der Sicht der Managementlehre
  4. Management des organisationalen Wandels in der freien Wohlfahrtspflege im Zeichen von Neuer Steuerung und Ökonomisierung
  5. Zwischenfazit
  6. Konzepte der Sozialen Arbeit als theoretische Orientierung für den Wandel sozialer Institutionen
  7. Die sozialwissenschaftliche Organisationsentwicklung als Referenzkonzept für das Management organisationalen Wandels
  8. Von der Organisationsentwicklung zur lernenden Organisation
  9. Ansatzpunkte für ein mulitperspektivischen Management des organisationalen Wandels in der freien Wohlfahrtspflege

Die Argumentation in den einzelnen Kapiteln fasst die hierzu verstreut vorliegenden Befunde zusammen und spitzt diese zu auf sich neu stellende Anforderungen für den Organisationsentwicklungsprozess der freien Wohlfahrtspflege in der Bundesrepublik. Insbesondere die Frage nach dem Management des organisationalen Wandels erweist sich hierbei als zentrales Anliegen von Grunwald, wobei dem Konzept der Organisationsentwicklung im Spannungsverhältnis zwischen Sozialwissenschaften und Betriebswirtschaftlehre eine besondere Aufmerksamkeit beigemessen wird. Die auf dieser Basis gewonnenen Einschätzungen führen nicht überraschend zum Konzept der Lernenden Organisation, welches nun in Grunwalds weiterer Diskussion zu einem multiperspektivischen Management weiter entwickelt wird, mit dem der organisationale Wandel der freien Wohlfahrtspflege aussichtsreicher gelingen soll. Allerdings verbleiben die hierzu vorgelegten Überlegungen auf der Ebene erster und nützlicher Orientierungspunkte, die einer weiteren Konkretisierung und Ausgestaltung bedürften.

Zielgruppen

Das Buch ist eine überarbeitete Fassung der von Grunwald verfassten Dissertationsschrift, die 2000 von der Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften der Eberhardt-Karls-Universität Tübingen angenommen wurde. In erster Linie ist damit der sozialwissenschaftliche Mikrokosmos der akademischen Welt angesprochen. Gleichwohl bietet der Text auch dem interessierten Fachpublikum aus der Verbändepraxis durchaus die Möglichkeit, sich umfassender mit den Zukunftsaussichten und Organisationsentwicklungsperspektiven der freien Wohlfahrtspflege zu befassen.

Fazit

Auch wenn der veröffentlichte Text flüssig zu lesen und in seinem Argumentationsgang durchaus für einen breiteren Leserkreis geschrieben ist, dürfte das Buch auf das Interesse der engeren "science community" begrenzt bleiben. Für diese wiederum dürfte vor allem das im letzten Kapitel präferierte Konzept eines "entwicklungsorientierten Managements" als Angebot und Herausforderung zur Weiterentwicklung interessant sein. Dass Grunwalds Veröffentlichung in den festen Bestand von sozialwissenschafltichen Fachbibliotheken einzureihen ist, sollte deshalb selbstverständlich sein.


Rezension von
Prof. Dr. Karl-Heinz Boeßenecker
bis 2009 Leiter des FSP Wohlfahrtsverbände / Sozialwirtschaft der Hochschule Düsseldorf; Prof. am Zentrum für Planung und Organisation sozialer Dienster, Universität Siegen; Prof. für Sozialmanagement an der Hochschule des DRK Göttingen (nicht mehr bestehend!); hauptamtlicher Dekan a.D./Vizepräsident und Professor für Verwaltungs- und Organisationswissenschaften an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW), Fakultät Wirtschaft und Soziales, seit 2011 im Ruhestand. Lehrbeauftragter an der Leuphana Universität Lüneburg. Nebenberuflicher Direktor am Institut für Zukunftsfragen der Gesundheits- und Sozialwirtschaft – IZGS - der Evangelischen Hochschule Darmstadt, www.izgs.de. Inhaber und Leiter des Instituts für sozialwissenschaftliche Politik- und Organisationsberatung – ISP – Köln
Homepage www.izgs.de
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Zitiervorschlag
Karl-Heinz Boeßenecker. Rezension vom 25.01.2002 zu: Klaus Grunwald: Neugestaltung der freien Wohlfahrtspflege. Management organisationalen Wandels und die Ziele der Sozialen Arbeit. Juventa Verlag (Weinheim) 2001. ISBN 978-3-7799-1214-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/81.php, Datum des Zugriffs 07.07.2020.


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