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Christiane Haerlin: Berufliche Beratung psychisch Kranker

Rezensiert von Prof. Dr. Reinhard Lütjen, 26.05.2010

Cover Christiane Haerlin: Berufliche Beratung psychisch Kranker ISBN 978-3-88414-481-7

Christiane Haerlin: Berufliche Beratung psychisch Kranker. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2009. 144 Seiten. ISBN 978-3-88414-481-7. 14,95 EUR.
Reihe: Basiswissen
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Thema

Eine wichtige Unterstützung für Menschen, die an psychischen Erkrankungen leiden, kann ihre berufliche Förderung und Integration sein. Psychische Erkrankungen mindern häufig Belastungsfähigkeit und Konzentration, durch längerfristige Klinikaufenthalte und Leistungsbeeinträchtigungen kann es zu Kündigungen kommen, so dass eine berufliche Neuorientierung nötig wird. Lange Zeit war man der Meinung, dass man sich erst einmal erholen und stabilisieren müsse, bevor man mit Klientinnen und Klienten das Thema Arbeit anschneiden kann. Dies ist heute überholt, berufliche Beratung muss möglichst frühzeitig ansetzen – und das ist Thema dieses Buches.

Autorin

Christiane Haerlin, geb. 1942 in Wien war als Ergotherapeutin tätig in London (bei Douglas Bennett, einem bekannten Vertreter der englischen Reformpsychiatrie), Heidelberg und Köln. Später gründete und leitete sie verschiedene berufliche Trainingszentren, zuletzt bis 2005 in Köln. Sie ist Beraterin rehabilitativer Dienste und Delegierte der deutschen Integrationsfirmen.

Aufbau

Dem Konzept der taschenbuchartigen „Basiswissen“-Reihe entsprechend ist das Buch sehr nah an Praxisfragen orientiert.

Nach der Einleitung wird der Leser mit einer Erörterung „kritischer Fragen“ auf Inhalt und Grundhaltung der Autorin eingestimmt. Dann werden konzeptionelle und historische Veränderungen in der Betrachtung beruflicher Rehabilitation der letzten Jahrzehnte thematisiert.

Das längste Kapitel des insgesamt knapp 140 Seiten umfassenden Buches nehmen Überlegungen zur Gestaltung des Beratungsgespräches ein. Darauf aufbauend werden in den letzten beiden Kapiteln zunächst der „Weg zur Beschäftigung“ aufgezeigt und dann die Orte, d.h. Institutionen vorgestellt, in denen Beratung stattfinden kann (und muss).

Inhalt

„Meinst Du wirklich, dass wir dieses Beratungsgespräch ganz ohne Unterlagen führen können?“ fragte die im Jahr 1979 noch unsichere Autorin einen Kollegen, der in seiner Antwort deutlich war: „Ja, das machen wir jetzt so. Dann sind nicht immer wir ‚die Schlauen‘ und der Klient ‚der Dumme‘“. Hiermit ist die pragmatisch-innovative Haltung beschrieben, die sich durch das ganze Buch zieht. Klientinnen und Klienten sind Experten für sich, ein Beratungsgespräch kann nur dann konstruktiv und ergiebig sein, wenn man möglichst viele Informationen gewinnt, möglichst viele Perspektiven einbezieht, auch die von Angehörigen (die man nicht bei Gesprächsbeginn vor die Tür des Beratungszimmers setzen sollte, sondern immer mit einbeziehen sollte, wenn sie den Klienten zum Beratungsgespräch begleiten), und so nach möglichst vielen Anhaltspunkten sucht, die der Beratung suchenden Person Klärung und Weiterentwicklung ihrer beruflichen Situation geben können.

Berufliche Beratung ist dann wirksam, wenn der Berater u.a. mehr zuhört als spricht, Interesse bezeugt statt „predigt“ und klar und motivierend auf das Thema Arbeit eingeht und dies mit konkreten Beispielen belebt. Wie man das macht, auch als Berufsanfänger, dafür findet man hier viele Tipps, die selbst so anregend und motivierend dargeboten werden, dass man auch als Leser die erfrischende Leichtigkeit (aber nicht Oberflächlichkeit!) der Autorin spürt. Die Anregungen können hier nicht alle genannt werden, deswegen nur einige Beispiele:

  • Das gemeinsame Aufschreiben der Ergebnisse als schriftliche Dokumentation: gleich zu Beginn des Beratungsgespräches wird dem Klienten mitgeteilt, dass man in der zweiten Hälfte die Gesprächsergebnisse gemeinsam schriftlich festhalten werde. So entsteht auf Klientenseite keine Angst, möglicherweise etwas Wichtiges zu vergessen. Gleichzeitig hat man zum Schluss ein gemeinsames Produkt in der Hand, das auch den wichtigen Bezugspersonen oder Institutionen ausgehändigt werden kann, so dass die anderen beteiligten Helfer mit einbezogen werden. Außerdem werden die Klienten in ihrer Expertenrolle ernst genommen.
  • Berater als „Anwalt der Ambivalenz“: Dies der systemischen Therapie entnommene Konzept besagt, dass bei Unentschlossenheit nicht einfach eine Entscheidung für eine Alternative gefällt wird, sondern dass man die verschiedenen Handlungsmöglichkeiten bzw. Vorschläge durchgeht und in ihren positiven und negativen Seiten beleuchtet (z.B.: „Was ist wohl das Anliegen Ihrer Mutter, wenn sie meint, die Ausbildung sei zu viel für Sie?“).
  • Möglichst frühzeitiges Ansprechen der Beschäftigungsperspektive: Auch wenn Klienten noch in einer labilen psychischen Situation sind, sollte man versuchen, die berufliche Perspektive zu thematisieren. „Leider werden Klienten immer wieder weggeschickt mit der Aufforderung, sie sollten wiederkommen, wenn es ihnen besserginge“ (S.60). Dies kann einen Teufelskreis erzeugen: mangels Arbeit bessert sich die Befindlichkeit nicht – und dadurch wird der Klient als noch nicht bereit für die berufliche Rehabilitation gesehen. Stattdessen kann durch frühzeitige Beratung Hoffnung geweckt und psychische Stabilisierung gefördert werden.

Dies sind nur Beispiele für die vielen Anregungen und Vorschläge, die in dem Buch zu finden sind. Es endet mit einer Beschreibung der Beratungsorte, also der Institutionen, die beraten, und einer kurzen Charakterisierung der rehabilitativen Dienste und Einrichtungen, die im bundesdeutschen Versorgungssystem von Bedeutung sind. Damit bietet das Buch eine wichtige Orientierung für alle diejenigen, die mit dieser recht unübersichtlichen Struktur zu tun haben.

Diskussion

Der Autorin ist es sehr gut gelungen, in diesem kompakten Werk eine große Menge praxisrelevanter Informationen unterzubringen, die für Neulinge, aber auch für Erfahrenere auf diesem Gebiet sehr bereichernd sein können. Besonders überzeugend wirkt zusätzlich die motivierende Grundhaltung, die aus diesem Buch spricht und die man auch als Leser spürt. Dass die Autorin keine unüberbrückbaren Gräben zwischen den Klienten und sich selbst zieht, wird auch an ihrer eindrücklichen Schilderung des Einsturzes des Kölner Stadtarchivs spürbar, den sie beim Schreiben diese Buches nur knapp überlebte und der sie psychisch sehr in Anspruch nahm

Kritisch anzumerken sind nur einige nicht ganz zutreffend ausgedrückte historische Fakten im Abschnitt „Entwicklung der Psychiatrie“ (S. 16). Manchmal geht beim Lesen etwas die Übersicht verloren, in welchem Kapitel man gerade ist, aber das ist der kompakten Form diese Büchleins geschuldet, die auch viele positive Seiten hat.

Fazit

Chriatiane Haerlins Buch „Berufliche Beratung psychisch Kranker“ ist unbedingt zu empfehlen. Es stellt die Wichtigkeit heraus, die – wie für jeden Menschen – die berufliche Perspektive für psychisch erkrankte Menschen hat. Das Buch bietet auch dem in der Thematik fortgeschritteneren Leser neue Perspektiven und Anstöße zur weiteren Reflexion und geht damit über eine reine „Anfängerlektüre“ hinaus.

Rezension von
Prof. Dr. Reinhard Lütjen
Fachhochschule Kiel, FB Soziale Arbeit und Gesundheit
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Zitiervorschlag
Reinhard Lütjen. Rezension vom 26.05.2010 zu: Christiane Haerlin: Berufliche Beratung psychisch Kranker. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2009. ISBN 978-3-88414-481-7. Reihe: Basiswissen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8100.php, Datum des Zugriffs 27.09.2022.


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